Solidarität ist nicht teilbar
aus: Publik-Forum 2, 1982
In Polen versucht die Regierung, sich ein neues Volk zu schaffen - langfristig gesehen natürlich ein unmögliches
Unterfangen. Millionen polnischer Menschen leiden heute psychisch und physisch unter dem Terror
einer Ideologie, die sie in Selbstbestimmung umzubiegen versuchten.'forum'kann nur seine, wenn auch
ohnmächtige, Solidarität mit ihnen ausdrücken. Auch wenn uns der Begriff "Solidarit ...
In Polen versucht die Regierung, sich ein neues Volk zu schaffen - langfristig gesehen natürlich ein unmögliches
Unterfangen. Millionen polnischer Menschen leiden heute psychisch und physisch unter dem Terror
einer Ideologie, die sie in Selbstbestimmung umzubiegen versuchten.'forum'kann nur seine, wenn auch
ohnmächtige, Solidarität mit ihnen ausdrücken. Auch wenn uns der Begriff "Solidarität" gerade im Zusammenhang
mit Polen arg lädiert erscheint. Präsident Reagan, die Sozialistische Internationale, der Papst, und
unser "Nationaler Kulturrat" fühlen sich solidarisch mit dem polnischen Volk aus grundverschiedenen Beweggründen.
Sie haben recht. Die Presse, von links nach rechts, bringt ellenlange Berichte und Analysen
Uber Polen und Ubt Solidaritat. Zu Recht. Nur ist, und das erscheint gerade jetzt Uberdeutlich, Solidaritat
fur viele anscheinend teilbar: US-Aussenminister Haig wird wUtend, wenn er auf die Zustdnde in der
TUrkei angesprochen wird, die "Massaker in Amerikas Hinterhof"('Spiegel'-Titel), in. El Salvador, Guatemala
und Haiti werden in manchen Presseorganen neben den langen Polen-Artikeln schamhaft totgeschwiegen.
Aus Platzmangel?
Es waren zu dieser Problematik Lange und bittere AusfUhrungen nOtig. Wir wollen ganz einfach in den folgenden
Artikeln Uber Polen, El Salvador und die TUrkei dokumentieren, dass fur uns Solidaritat mit unterdrUckten
Menschen nicht teilbar ist. Unter welchen Vorzeichen auch immer.
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F.
D a werden eine demokratische Gewerk-
Ld schaftsbewegung und ein Verband von
Kleinbauern unterdriidct. Gewerksdiafter
und gewahlte Bauernfiihrer landen im Gefingnis,
dasselbe Schicksal erleiden kirchliche
Es herrscht Kriegsrecht.
Die Zeitungen werden zensiert, die
Telefone abgehort; private Briefe werden
geoffnet und im Interesse der Staatssicherheit
gelesen. Jede Nacht nach Anbruch der
Sperrstunde herrscht nackte Angst.
Demokratische Willensaufierung und selbst
kleinste Formen von passivem Widerstand
werden hart verfolgt. Zugleich liegt die
Wirtschaft darnieder. Die Mehrheit der Beviilkerung
hungert. Eine der wenigen Einrichtungen,
die planmallig arbeiten, sind
die Militargerichte. Deshalb sind die Gefingnisse
und die Konzentrationslager
iiberfiillt.
Die Ortlidlen Machthaber stiiitzen sich auf
eine Grogmacht im Ausland. Die gibt vor,
es gehe ihr nur urn Freiheit, Ordnung und
weitweite Gerechtigkeit. Diese Grogmacht
mischt sich kraftig ein. Sie liefert Waffen,
VerhOrspezialisten und Geld, damit sich
ihre tirtlichen Handlanger an der Machu
halten kiinnen. Ziel der Gro grnacht: Alles
soil beim Alten bleiben. Demokratische Reformen
werden, notigenfalls blutig, unterdriickt.
Fur welshes Land trifft diese Entscheidung
zu? Fur Polen? Sicherlich. Fur Afghanistan?
Auch. In beiden Fallen steht die Sowjetunion
alles beherrschend im Hintergrund
und treibt Grund- und Menschenredite verachtende
Grollmachtpolitik.
Fragen wir weiter: El Salvador? Guatemala?
Bolivien? Chile? Argentinien? Tiirkei?
Auf jedes der genannten Lander trifft
dieselbe Beschreibung zu. Nur: In all den
letztgenannten Diktaturen,
Afghanistan, werden weit mehr Menschen
umgebracht als in Polen. Den Diktatoren
in der „freien" Welt halt die westliche
Grogmacht, die USA, den Rikken frei.
Die Regierungen in Washington und Moskau
betreiben ein und dasselbe Geschaft:
sie sorgen in ihrer Hilfte, in die sie die
Erdkugel untereinander geteilt haben,
daliir, daf3 nicht entsteht, was im Interesse
der Gramacht nicht •sein darf: Selbstbestimmung
und das Recht auf den eigenen
Weg fur jedes Volk. (...)
Als im Januar US-President Reagan, dem
haitianischen Diktator Jean Claude Duvalier
(,Baby Doc') zusidierte, er werde bei
den anstehenden politischen und miliarischen
Initiativen der USA in der Karibik
ein „vollwertiger Partner" sein, da erhob
sich hierzulande kein Wort der Entrustung
und der Kritik. Wohlgemerkt: an den
Hinden dieses „vollwertigen Partners*
klebt das Blut von zehntausenden Haitianern.
Seine Killertruppen, die gefiirchteten
Tonton Macoutes, ermorden jeden, der im
Verdacht steht, ein demokratischer Oppositioneller
zu sein. Freie Gewerkschaften,
Grund- und Menschenrechte sind in Haiti
unbekannt. Statt dessen herrscht Massenelend.
Ebenfalls im Januar sind weit fiber
hundert Unterfiihrer der salvadorianischen
28
Regierungsstreitkrafte in den USA eingetroffen
zur Ausbildung im Antiguerillakampf.
Jeder von ihnen hat ungezahlte
Unschuldige auf dem Gewissen. In der
Bundesrepublik versteckte man die Meldung
aut den hinteren Seiten der Tagespresse,
Protest erhob keiner. (...)
Wie sehen die von der westlidicn Gramacht
Bedringten in Lateinamerika die
Vorgange in Polen? Die den Sandinisten
gehorende, regierungsnahe Tageszeitung
Nicaraguas„Barricada', berichtete am Tag
nach dem Putsch in Polen mit der Tendenz,
die Konterrevolution sei endlidi zerschlagen
worden. In Brasilien demonstrierte
nicht mehr als ritIc Handvoll Gewerkschafter.
Genug iinnne-bin fiir eine Reportage
im Fernsehen, das die Unterdrackung
demokratischer Gewerkschaf ten in Brasilien
tagtaglich dedst, besthanigt oder einfach
verschweigt.
Dabei sitzen die demokratischen Gewerkschafter
Brasilicn's und die demokratisdien
Oppositionellen in El Salvador und Guatemala
mit ihren polnischen Kollegen in
vieler Hinsicht in einem Boot.
Sie bilden in jeweils ihrem Land Massenorganisationen
mi iner breiten politischen
Basis im Volk. Polen, Guatemalteken wie
Salvadorianer suefit jahrhunderten
vorhandene!idle, religiose, kulturelle
und soziale Strukturen. Ihre Bewegungen
sind von unten nach oben
gewadisen und nicht nach vorher zentral
vorgegebenen Organisationsplinen strukturiert.
Ihr politischer Erfolg hangt ab
von dem Mali, in dem sie mit den einfachen
Leuten vor Oft einig sind. Das
fur die Basisgemeinden und den Vol swiderstand
in El Salvador, far die indianischen
Comrnunidades in Guatemala, fur die
Bewegung der Minenarbeiter iii Bolivicn,
fur die Metallarbeiter von Sao Paulo wie
far den freien Gewerkschaftsbund Solidaritat.
Ihre Zicle, Basisdemokratie, die
auch in den Betrieben, im Gesundheitswesen
und in den Ausbildungseinrichtungen
gelten soil, sind in v011ig unterschiedlidter
sozialer und kultureller Umgebung
weithin decltungsgleich. Sie laufen auf
eine Ge_sellsthaft hinaus, die selbstbestimmt,
geredit und demokratisdi von unten her
aufgebaut ist. Wet silt in einem solchen
Widerstand engagiert, geht ein Risiko far
Leib und Leben tin, audi das eint die
Widerstandler gegen Diktaturen in Ost
und West.
Deshalb ist es vermessen, von der Bundesrepublik
aus westlidte ode_r Ostliche Unterdriidsung
gegeneinander aufredinen zu
wollen. Freilith dart das Prinzip des Nichtgegeneinander-
Aufredmens nicht dazu fahrein
nun alle Verhaltnisse in einen Topf
zu werfen und 'seinen Untersdiied mchr
zu machen. Audi Unrecht und Sdiuld bieibt
der Menge und der Sdiwere nach zu gewichten
und zu beurteilen.
Und so ist es eine geradezu unertragliche
Heudielei, wenn westde-utsdie Konservative
die polnisdie Junta angreifen und
aber die 30 taglith von den Militarciktatoren
Guatemalas und El Salvadors bestialisdi
Hingemordeten schweigen.
Angesichts der zynischen Politik beider
Grofitnadtte, die in je ihrer eigenen Welthalite
ihre Interessen ohne Riicksicht durdisetzen,
ware jetzt die Stunde der kleineren
Madite gekommen. Ihre Aufgabe bestiinde
darin, die lebensgefahrlithe Konkurrenz
der Super-mid-at: zmi bremsem Dadurdi
warden die Well.probleme sidterlich nicht
von hence auf morgen gelOst. „Aber vielleidtt
kiinnte es gelingen", so schreibt
Anton Andreas Guha in der ,Frankfurter
Rundsdiau', „das Selbstbestimmungsredit
von VOlkern etwas besser durdizusetzen, das
Wettriisten zu begrenzen, Konflikte in der
Dritten Welt allein schon dadurch zu entscharfen,
daft sie nicht gleich als ein Teil des
Ost-West-Konflikts ideologisiert werden,
den Nord-Siid-Konflikt durch ehrliche Kooperation
zu mildern".
Wie eine solche Politik aussieht, zeigt mit
Gcsdiick und Unerschrockenheit die franzOsische
wahrend die Bonner
Regierenden abwiegelten, starkte Francois
Mitterrand den polnischen Widerstandlern
und Unterdriidsten den Racken. Wahrend
die Bundesrepublik dem Morden in El Salvador
zusieht, sprach Frankreidi der dortigen
Demokratischen Oppositionsfront die
diplomatische Anerkennung aus; ein Schritt,
der die Reagan-Doktrin von den guten
Diktaturen und den bOsen Kommunisten,
wie sie far die gesamte westliche Hemisphare
gelten soil, durdikreurt und damit
weit abet das kleine Land in Zentralamerika
hinaus Bedeutung hat.
Auf anderer Ebene taten die Burger,
Parteien, Gewerkschaften und Kirchen
eines im Weltmalistab vergleidisweise unermelilich
reidten Landes wie der Bundesrepublik
gut daran, cinen neuen Typ von
Solidaritat handeind einzuiiben. Solidarisch
sein mit Worten, Briefen und Tatkraft,
mit Paketen und Geld, — und zwar mit
alien VOlkern, die sidi gegen die Unterdradsung
durdi die Supermaehte und ihre
Ortlichen Diktatoren wehren. Erforderlich
ist diese neue Solidaritat ohne Untersdaied:
far Afghanistan, far Bolivien, far die Tiirkei,
fur Guatemala, Haiti, Chile und
Argentinien, far El Salvador und natarlich
far Polen.
Thomas Seiterich
in: Publik-Forum Nr. 2/1982
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