Kunstkino: keine Utopie mehr
WIE WURDE ES MÖGLICH?
Als vor ein paar Jahren der "Fonds culturel" geschaffen wurde, in den private Mäzenen (lies Banken, Geschaftsleute,...) Geld schütten sollten,
mit dem der Staat kulturelle Sonderleistungen finanzieren könnte, war man skeptisch: sollte hier nicht nur wieder die "hohe" Kunst, die "elitäre"
Kultur unterstützt werden, während populäre Kulturformen weiterhin leer ...
WIE WURDE ES MÖGLICH?
Als vor ein paar Jahren der "Fonds culturel" geschaffen wurde, in den private Mäzenen (lies Banken, Geschaftsleute,...) Geld schütten sollten,
mit dem der Staat kulturelle Sonderleistungen finanzieren könnte, war man skeptisch: sollte hier nicht nur wieder die "hohe" Kunst, die "elitäre"
Kultur unterstützt werden, während populäre Kulturformen weiterhin leer ausgingen? Die paar bekannten Beispiele, wo Banken dem Staat ein Facsimile des Codex Aureus, oder ein paar seltene Münzen, oder...? schenkten, wiesen denn auch eher in diese Richtung (womit diese Geschenke keineswegs kritisiert oder herabgewürdigt sein sollen!). Heute nun steht fest, dass die Befürchtung ein Irrtum war: die BIL hat sich bereit erklärt, der Filmkunst in Luxemburg endlich die öffentliche Anerkennung als echte Kunstgattung zu verschaffen. Sie bezahlt nämlich in den "Fonds culturel", was dem "Centre de Diffusion et d'Animation Cinematographique"
(CDAC) an Eigenmitteln fehlt, um
in Luxemburg eine landesweite Kinokette aufzurichten,
in der wertvolle Filme programmiert werden
sollen, die kaum in kommerziellen Luxemburger Kinos
gezeigt worden waren. Wahrend die Investitionskosten
vom CDAC mit Hilfe des "Fonds culturel"
d.h. der BIL, selbst getragen werden, Obernimmt
das Kulturministerium eine Mietgarantie fUr
den Kinosaal (bzw. -sale). Personalkosten entfallen,
da die Komiteemitglieder des CDAC selbst
sich im VorfUhrraum und an der Kasse ablOsen wollen.
Wie lange sie das allerdings durchhalten,
bleibt abzuwarten: die jeweils zustandige Gemeindeverwaltung
hatte hier die MOglichkeit, sich
ihrerseits fbrdernd an der Wiederbelebung einer
popularen Kunstart zu beteiligen! Wie weit man
davon weg ist, zeigt die Stadt Luxemburg: sie verlangt
immer noch, vom CDAC wie von allen kommerziellen
Kinos, eine lo% hohe "Belustigungstaxe".
Gilt die auch fOr Gemaldeausstellungen in der
Villa Vauban? (Was die Escher Gemeinde anbelangt:
siehe unten!)
Doch heute sollte man sich auf das Positive konzentrieren:
der Pessimismus, den wir 198o in einem
"forum"-Dossier Ober Kino in Luxemburg hegten
(Nr. 42 / 27.9.198o: "Apocalypse tomorrow"), da
die Vorschlage der staatlichen "Commission: aide
au cinema" hbherenorts absolut ignoriert wurden,
war mittelfristig nicht berechtigt. "Fonds culturel"
und Kulturministerium eraglichen heute die
Schaffung einer nicht-kommerziellen Kette von
Kunstkinos. Aber, das Lob gebUhre den Richtigen:
wie sehr ein Pierre Werner und Lex Roth sich auch
heute im Blitzlicht sonnen wollen, das Verdienst
fUr die Initiative und fUr die Hartnackigkeit bis
zur Realisation gebart einzig und allein den Verantwortlichen
des CDAC!
Schon vor Jahren (1979) wollte der CDAC das alte
"Gine de la Cour" instandsetzen lassen, um ein
"Cinema d'Art et d'Essai" dort zu erOffnen. Der
Kulturminister war einverstanden, der Staatsarchitekt
nicht. Wer sich durchsetzen konnte, ist bekannt.
Dann schlug der CDAC die alte Ste-Sophie-
Schule vor (1981), auch dieses Projekt scheiterte
aus ahnlichen GrUnden. Im Sommer 1983 war es endlich
soweit: die Vertrage zur Erdffnung eines
neuen Kinos "Utopia" in der Avenue de la Faiencerie
(Nr. 16, neben der Disco "Starlife") auf Limpertsberg
wurden unterschrieben, die Premiere fund
am 16.12.1983 statt. Dabei ist diese Erbffnung sozusagen
eine ungewollte Premiere, denn eigentlich
waren ahnliche Projekte in Wiltz und in Esch-
Alzette schon welter gediehen -es soll ja eine
Kinokette gegrUndet werden-, aber im letzten Augenblich
scheiterten die Vorhaben, vorlaufig, an einem
Saalbesitzer in Wiltz, an der Gemeindeverwaltung
in Esch, die bekanntlich kein grUnes Licht
geben will, damit der CDAC (und die "Kulturfabrik")
mit staatlichen Geldern (!) das alte Schlachthaus
als Kinosaal herrichten dUrfen...
DAS NEUE PROGRAMM
Im "Utopia" (und spater in ahnlichen Salen im
Land) sollen solche Filme programmiert werden, die
ansonsten nicht in Luxemburger Kinos gezeigt wOrden.
Das ist aber nicht nur ein esthetisches oder
ethisches Prinzip, sondern eine kommerzielle Notwendigkeit.
"Utopia" erhalt von den belgischen Verleihfirmen
nur solche Filme, die nicht schon von
einem kommerziellen Kino vertraglich vorgebucht
sind. Das stellt aber kein grOsseres Hindernis dar,
denn wenn es auch wieder lo solche Sale in der
Hauptstadt gibt (198o: 5), so zeigt die bisherige
Erfahrung, doss damit keineswegs eine bessere Qualitat
gesichert wurde. Und die fUr Januar-Februar
in "Utopia" programmierten Filme bestatigen, dass
der CDAC keine MUhe hatte, beste Filme in Belgien
zu leihen: 4 "Palmes d'or" vom Canner Filmfestival:
"La Ballade de Narayama", "Yol", "M.A.S.H.",
"The Third Man", Hitchock-Reprisen wie "Psycho",
"North by North West", "The birds", aber auch neuere
Filme wie "Best friends" (von Norman Jewison),
"Un dimanche de flic" (von Michel Vianey) oder
"Les maltres du temps" (dessin anime de Rene La-
/
19
loux/Moebius). Zu alien Filmen wird dem Zuschauer
ein Informationsblatt in die Hand gegeben.
Einen besonderen Wert legt "Utopia" auf den Kinderfilm.
In den kommerziellen Kinos scheint man in
dieser Hinsicht ja ausschliesslich die ewigen Walt
Disney-Produktionen zu kennen. Doss es viel Besseres
gibt, wird "Utopia" wOchentlich in den Vorstellungen
samstags, sonntags und dienstags um 14.3o
Uhr beweisen.
Die genauen technischen Angaben (Zeit,...) mdgen
"forum"-Leser der Tagespresse entnehmen. "forum"
wird sich aber bemUhen regelmassig wichtige Filme,
die den hier behandelten Themen nahestehen, anzukUndigen
und auch kritisch zu kommentieren. Dasselbe
Angebot einer Filmrubrik hatten wir Ubrigens
schon 198o im Kinodossier an die zwei hauptstadtischen
Saalbesitzer gemacht: sie waren nicht daran
interessiert,uns etwa einen Monat im voraus die
Liste der voraussichtlichen Filme mitzuteilen
"ATOMIC CAFE"
Auf einen ersten Film, den der CDAC demnachst mittels
der Cine-Clubs landesweit zeigen wird, sei
jetzt schon hingewiesen: "Atomic Cafe" von K. und
P. Rafferty und J. Loader (USA 1982) ist, nach
"Wargames" von Peter Watkins, der zweitbeste Anti-
Atombomben-Film, den ich kenne. Der Film ist ausschliesslich
aus AuszUgen frUherer offizieller Filme
der US-Regierung zusammengesetzt, mit denen
diese in den 4o- und 5oer Jahren ihre AtomaufrUstungspolitik
ihreT Publikum schmackhaft machen
wollte. Die Naivitat, die darin zum Ausdruck
kommt, ist sehr geschickt zu komischen Effekten
verarbeitet, aber das Lachen bleibt einem immer
wieder im Halse stecken. "Duck and cover!" hiess
ein Slogan fUr den Fall eines Atomangriffes: Sich
sofort niederwerfen und die Aktentasche oder das
Picknicktuch Ober den Kopf halten...! "widrige
Winde" bei bestimmten Atomtests auch die Zivilbevblkerung
dem radioaktiven "fall-out" aussetzten,
wird im Film nicht verschwiegen: ein Propagandafilm
von damals meinte, Unfalle Omen im besten
Haushalt vor. Wer in diesem Film die Hampelmannerart
damaliger Staatsmanner entlarvt sieht, der
kann heute nur noch sich gruseln, wenn er die BegrUndung
fUr die Notwendigkeit einer Pershing II
aus dem Munde Ronald Reagans oder Emile Krieps'
hOrt: Alles nur Schauspieler fUr Horrorfilme...
"Atomic Cafe" ist zu sehen:
am 8.2.84 im LT des Arts et Métiers (12 Uhr),
LT du Centre (14 Lhr), in Walferdingen (20 Uhr
am 9.2.84 im Kino Utopia (14 15 , CC8o-Jeunes),
Escher Schluechthaus (2o Uhr)
am 10.2.84 in DUdelingen
am 14.2.84 in Petingen (Maison des Jeunes
am 15.2.84 in Echternach
am 16.2.84 in Bridel-Kopstal m.p. 69 19 2 Michel Pauly Kunstkino: keine Utopie mehr UTOPIA Kino Kultur Film Luxemburg Beitrag
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