Kein Vertrauen zur Mündigkeit
Disziplinierungsmaßnahmen als letzter Rettungsanker?
lnnerhalb von zehn Tagen hat der Vatikan klare Verhältnisse geschaffen: Wer nicht gehorcht, wird abgesetzt, ohne Rücksicht auf links oder rechts und auch ohne Rücksicht auf Motive und Ziele. Zuerst war der reaktionäre Konservator vorkonziliarer Kirchenordnung, Erzbischof Marcel Lefebvre,
im schweizerischen Econe an der Reihe. Zehn Tage danach traf es, nicht ganz unerwartet, den römischen Ex- ...
lnnerhalb von zehn Tagen hat der Vatikan klare Verhältnisse geschaffen: Wer nicht gehorcht, wird abgesetzt, ohne Rücksicht auf links oder rechts und auch ohne Rücksicht auf Motive und Ziele. Zuerst war der reaktionäre Konservator vorkonziliarer Kirchenordnung, Erzbischof Marcel Lefebvre,
im schweizerischen Econe an der Reihe. Zehn Tage danach traf es, nicht ganz unerwartet, den römischen Ex-Abt, Ex-Konzilsvater und heute erklärten Euro-Kommunisten Giovanni Battista Franzoni. Beiden wurde klar gemacht, dass es ohne Gehorsam und Anerkennung der hierarchischen
Struktur der katholischen Kirche keine Einheit mit dieser Kirche geben kann.
Die Öffnung der Kirche, den frischen Wind, die Entdeckung des verantwortlichen, des mündigen Laien, den selbständigen Katholiken, der in vielen Fragen zu anderen Ergebnissen als die in Rom mehr italienisch als universal gepriigte Kirchenleitung
kommt, darf es nur noch bedingt
geben. Die Mundigkeit mufs beim Priester,
beim Amtstrager aufhOren, nur die Laien
lassen sich noch mit irrigen Entscheidungen
dulden. Mit ihnen kann man heute sowieso
nidit mehr so redmen wie einst, als kirchlidte
eine monolithische katholische
Welt vorspiegelte. Wenigstens die Amtstrager
also diirfen keinen Grund mehr
„Verwirrung der Glaubigen" geben, wie es
im Dokument fur die Laisierung Franzonis
heigt. Eigene Wege, Entscheidungen nach
dem eigenen Gewissen diirfen Priester nur
dann treffen, wenn sie sich mit einer vatikanisch
erlaubten Position decken.
Franzoni hat in keiner Weise etwas geleugnet,
was das katholische Glaubensbekenntnis
zu glauben vorsdireibt. Er hat sich nur
gegen Disziplinarma gnahmen der Kirche
vergangen. Lefebvre, man mag von ihm
und seinen Gestrigen halten, was man will,
ist dagegen mit der Zeit nicht fertig geworden.
Sein von afrikanisdaen Missionserlebnissen
gepragtes vorkonziliares Weltbild
pagt nidit mehr in die Gegenwart,
auch wenn viele seine Sehnsucht nach der
einstigen Zucht und Ordnung in der Kirche
teilen, vielleicht, weil sie jene Mundigkeit
noch nicht verkraftet haben, die in einer
jiingeren Generation selbstverstandlither
ist.
Hat der Vatikan die vom Konzil unterstrichene
Mundigkeit verkraftet? Hat Italiens
Kirche mit der vom Konzil geforderten
sozialen Verantwortung Ernst gemadit?
Genau aus dieser heraus hat Franzoni gehandelt.
Sicherlich hat er eine Reihe von
Experimenten in seiner Basisgemeinde versucht.
Manche sind erfolgreich gewesen und
werden deshalb weitergefuhrt. Manche erwiesen
sich als Fehlschlige und wurden
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aufgegeben. Das Wort „Pastoral" ist namlich
heute keine Zauberformel mehr, auch
wenn der Vatikan selbst nicht miide wird,
alle seine Entscheidungen von der Laisierung
Franzonis bis zur papstlichen Ostpolitik
und zu Eingriffen in den italienischen
Wahlkampf als „pastorale" Notwendigkeiten
zu klassifizieren.
Franzoni hat nicht gegen den Glauben verstogen.
Er hat nur erfahren, dag er bei
konkreter und konsequenter Anwendung
der papstlichen Enzyklika Uber den Fortschritt
der Volker aus dem Vatikan keine
Hilfe, dafiir aber praktische Unterstiitzung
von Sozialisten und Kommunisten bekam.
Dort entdeckte er nach zahlreichen soldier
Erfahrungen seine heutige politische, Heimat.
Er ist nicht Kommunist geworden,
urn seinem Glauben abzuschwOren.
Ganz im Gegenteil, er ist Kommunist geworden,
urn in der gesellschaftiichen Praxis
seinen Glauben, den Impuls der Bergpredigt,
die Anregungen papstlicher Sozialenzykliken
in die Wirklichkeit umzusetzen.
Er ist in Konflikt mit der Hierarchic geraten,
weil in Italien die Hierarchic das
Biindnis mit Madit und Besitz noch immer
nicht aufgegeben hat, weil die Kirche sich
korrumpieren lieg, wail sie in den Elendsvierteln,
unter den Au genseitern, unter den
Obdathlosen nicht einmal mehr jenen Trost
geben kann, der ihr einst so wertvoll war,
wonach namlich die Leiden im Diesseits
eines Tages im Jenseits mit reichem Gotteslohn
ausgeglichen wiirden. Nein, am Stadtrand
von Rom ist die Einsicht gewachsen,
dag die Leiden, die Menschen verursacht
haben, hier iiberwunden werden miissen,
dag repressive Strukturen nicht erduldet
werden miissen und da g hinter vielen
menschlichen Leiden und Repressionen die
Kirche selbst ausgemadu werden kann.
Es steht sicher fest, da g der heutige Antiklerikalismus
in Italien Ober das Mali hinausgeht.
Es ist sicher libertrieben, wenn die
Kirche allein fur politische und gesellsdiaftliche
verantwortlich gemadit
wird. Sic war aber jahrhundertelang, besonders
im Kirchenstaat, eben politische Madit,
sogar eine totalitare politisthe Macht, weil
sie nicht nur ilber das irdische Wohl und
Wehe der Kirchenstaatsburger herrsdite,
sondern audi ihr Seelenheil verwaltete. Sie
hat sich nicht rechtzeitig aus diesen Verstrickungen
gelost und jetzt, in einer Zeit,
in der Italiens Kommunisten gerade wegen
soldier Entwicklungsmangel immer starker
werden, verschanzt sie sich in den alten
Stellungen. Der nachste Wahlerfolg der
KPI ist dadurch nahezu vorausprogrammiert.
Franzoni hat im Grunde in Italien nur
vorexerziert, was in anderen Landern in
verschiedenen Formen langst vollzogen ist:
die Trennung von Kirche und Staat. Nur
noch Vorgestrige sind der Meinung, dag
ein Staat ein Glaubensbekenntnis ablegen
kann. In Italien ist jedoch der Staar ausdrUcklith
ein riimisch-katholisther, so als
gabe es den glaubigen Staat. Daraus hat
der Vatikan allgemeine Recite abgeleitet,
die er geltend macht, obwohl einige seiner
Exponenten inzwischen zugeben, da g in der
Praxis vielleicht maximal zwanzig Prozent
der Italiener wirlslich als katholisch zu bezeichnen
sind. Das Mi gverhaltnis von Anspruch
und Wirklichkeit hat die Kurienspitze
jedoch nicht gestOrt, auf Vertragspunkte
und damit auf EinflugmOglichkeiten
zu pochen. Dies hat den bitteren Beigeschmack,
cia g hier die Kirche als au gerstaatliche
Instanz versucht, ihre eigenen
Moralvorstellungen einem ganzen Staat
aufzuzwingen, weil sie anders das Evangelium
nicht mehr zu Geltung bringen kann.
Franzoni hat sich fur Gewissensfreiheit bei
dem Volksentscheid Uber die Ehescheidung
1974 entschieden. Er hat es erneut getan bei
der Wahl 1976 und er hat sich dafiir eingesetzt,
dal; audi jeder frei entscheiden soil,
wenn eventuell das nachste Referendum
ansteht: iiber die Abtreibung. Ist sich die
Kirche der Gewissen ihrer Glaubigen nicht
sicher, dag sie vor deren Freiheit soviel
Angst hat. Allem Ansthein nails ist es so.
Anders ist es nicht zu verstehen, da g Franzoni
und auch Lefebvre abtreten mugten,
weil sie die Glaubigen, dieses offensichtlich
ads so dumme Fuf,volk, verwirrten. Mit
den Disziplinarma gnahmen gegen Franzoni
und Lefebvre hat man gegenuber der Mundigkeit
der Katholiken Mi gtrauen bezeugt.
Natiirlich lafit sich einwenden, da g es etwas
anderes ist, ob ein gemeiner Laie von seinem
Gewissen Gebrauch macht oder ob ein
an Amtsdisziplin gebundener Funktionar
oder Beamter aus der Reihe tanzt. Sind
aber nicht auch die kirchlithen Amtstrager
„unterwegs"? Ist der Besitz der Wahrheit
wieder so unumstritten, da.13 die Suchenden,
die Unsicheren und die Gestrauchelten in
jedem Fall die „Sunder" sind? Besteht die
von Papst Paul so bitter erwiinsthte Einheit
der Kirche wieder in der Starke von Zudit
und Ordnung? RUtteln an der Einheit immer
nur die Minderheiten, von denen man
sich befreien mug, weil die Mehrheit angeblich
sonst verwirrt wird?
„Solange mit dem Wort .Kirchee
nicht assoziativ
Freiheit und Menscblichkeit
verbunden wird,
hat die Kirche
nicht nur keine Chance mehr
in der Gesellschaft von heute. —
Sondern sie fdllt auch
unter das Gericht der Botschaft Jesu,
die sie verkiindet."
Alois Muller
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