Die verlorene Unschuld
Ein grünes Trauerspiel
Die grüne Partei steckte von Anfang an voller Widersprüche, die, nachdem
sich die Euphorie des Wahlsieges gelegt hatte, zum Ausbruch kamen. Nicht
die Machenschaften einer "Vierer-Bande ", wie in der Presse zu lesen steht,
sind Schuld an der augenblicklichen Existenzkrise, sondern viel subtilere
Mechanismen, denen folgender Artikel nachspürt.
Ouvertüre (Molto allegro)
Von Anfa ...
Die grüne Partei steckte von Anfang an voller Widersprüche, die, nachdem
sich die Euphorie des Wahlsieges gelegt hatte, zum Ausbruch kamen. Nicht
die Machenschaften einer "Vierer-Bande ", wie in der Presse zu lesen steht,
sind Schuld an der augenblicklichen Existenzkrise, sondern viel subtilere
Mechanismen, denen folgender Artikel nachspürt.
Ouvertüre (Molto allegro)
Von Anfang an waren die Grünen ein Sammelbecken für sehr unterschiedliche Leute. Muck Huss erklärt dies in einem Interview mit "forum" folgendermassen: "In der grünen Partei treffen Leute
aufeinander, die unterschiedliche Erfahrungen haben, die verschiedene
Arbeitsstile haben, die divergierende Auffassungen von Basisdemokratie haben, deren politisches Bewusstsein sehr weit auseinanderklafft. Es treffen Leute aufeinander, die meist ein zentrales Anliegen haben, das sie auch zum Zentralpunkt der Partei machen wollen; weil jeder ein anderes Anliegen hat, entstehen Reibereien um die Prioritäten."
Da es eigentlich nie richtig Zeit für politische Diskussionen gab, kristallisierten die einzelnen Tendenzen sich an praktischen Themen. Die Diskussion um die Wahlbeteiligung brachte zwei sehr verschiedene
Auffassungen von Politik zutage:
- den Befürwortern der Wahlbeteiligung ging es um Einflussnahme durch die Teilnahme am Wahlgeschehen
- den Gegnern ging es zunächst darum, einen neuen Lebensstil, auch im Umgang der Mitglieder untereinander innerhalb der Partei, zu entwickeln. Und dazu glaubten sie, wurde die Wahlbeteiligung nichts beitragen.
Bei den Befurwortern fanden sich die, die
schon politische Erfahrungen in anderen
Parteien gesammelt hatten, sei es bei
Maoisten oder Trotzkisten oder auch bei
der LSAP. Bei •• den Gegnern waren
hauptsachlich partei-politisch Unerfahrene,
die bislang nicht oder in
Basisbewegungen aktiv waren, die sich
einem Thema verschrieben hatten. Kein
Wunder, dass man hier nicht nur
Theorielosigkeit, sondern auch Theoriefeindlichkeit
finden konnte, was ihnen
sogleich den Vorwurf, " Pfadfinder " zu
sein, einbrachte. Dies kann man auch an
der Bewertung der Okologie-Problematik
festmachen. Huss meint: " Die Verbindung
von 6kologie und Okonomie muss gelingen,
damit steht und f g llt die grune Bewegung
und die grune Partei... Auch in punkto
Okologie gibt es verschiedene Erfahrungshorizonte,
die einen sind geleitet von
einem unmittelbaren Umweltbewusstsein,
z.B. Leute, die vom " Biokrees " kommen,
denen es um a•• lternatives Leben, um
alternative Ernahrung geht, die den
globalen Aspekt des wirtschaftlichen
Systems _und der politischen Machtfrage
vernachlassigen. Das andere Extrem bilden
die Leute, die sagen: Okay, dass man
Musli isst, aber damit andert man wenig
am bestehenden Industriesystem. Diese
Widerspriiche und Ungereimtheiten sind
jedoch nicht in sechs Monaten aus der
Welt zu schaffen. Ich rechne d••amit, dass
wir etwa zwei Jahre fur diesen
Klarungsprozess brauchen."
Zum weiteren Verst gndnis 1st es naig,
die vielen verschiedenen Meinungen in
zwei grosse Stromungen zusammenzufassen:
die "Traditionalisten" mit ihrem
klassischen Politik- und Parteiverstandnis
sowie ihrer Erfahrung in
politischer Arbeit und die "Alternativen
" , denen es hauptsachlich um
alternative Lebensformen auch innerhalb
der grunen Bewegung geht. Nachdem die
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Wahlteilnahme gegen die Stimme der
"Alternativen " beschlossen war, stellte
sich die Frage nach der Ausgestaltung des
Wahlprogramms. Welchen Stellenwert
sollten die klassischen linken Themen:
soziale Frage, Wirtschaftskrise... einnehmen?
Sollte man von theoretischen
Voraussetzungen oder von konkreten
Erfahrungen _ausgehen? Sollte _man gar
so vage_wie mpglich bleiben, um moglichst
viele Wahler anzuziehen? Diesmal setzten
sich die "Alternativen " durch, was auch
darauf . hinweist, dass die hier
eingefdhrte strenge Zweiteilung eine
unzulassige, journalistische Vereinfachung
darstellt. Die Faszination und
die Hoffnung, die von den Grdnen in
dieser Vorwahlphase ausging, beruhte
paradoxerweise
gerade fur Leute mit sehr
verschiedenen Lebenserfahrungen 'und
gesellschaftlichen Hintergrpnden wurden.
Menschen, die sich bislang kaum
begegneten, wurden vereint in einem
gemeinsamen Projekt.
••
Angesichts des drangenden Wahltermins
konnte eine Reihe Fragen nicht geklgrt
werden: Wie sollte die Rotation
funktionieren? Welche Funktion sollten
die Abgeordneten Ubernehmen? Wie sollte
die Parteistruktur aussehen? Wie wurde
sich die Moglichkeit des Panaschierens
auf die Besetzung etwaiger Abgeordnetenposten
auswirken? Trotz schwacher
Liste kam es zum Wahlerfolg, weil auch
hierzulande, und dies nicht zuletzt durch
die deutschen Medien, eine Sensibilitgt
fur die grpne Problematik herrscht und
weil die neue Partei sicher auch eine
glaubwurdigere Protestpartei als die KP
darstellt.
Doch die im Wahlkampf und bei der
Einrichtung der Parteistrukturen_anfallende
Arbeit liess keine Zeit fur eine
politische Diskussion, fur _die Vereinheitlichung
der Meinung, fur Bildungsseminare
zum Angleichen des Wissensstands
und vor allem fur die Ausweitung der
Mitgliederbasis. Es gab keine Strukturen,
um die wirkliche oder auch nur
vermeintliche Macht, welche der Partei
durch den Wahlsieg erwuchs, aufzufangen,
und so war der Machtkampf vorprogrammiert.
Doch es soil hier nicht nur die
Rede von Krisen sein, denn trotz aller
Auseinandersetzungen wurde mehr Arbeit
geleistet, als nach aussen allgemein
sichtbar.
Duett far zwei TenOre
und Akkordeon
Ins Parlament ziehen fur die Griinen Jup
Weber und Muck Huss, zwischen denen sich
schnell eine gewisse Arbeitsteilung
ergibt. Muck ist zustg ndig fuir das
Wirtschaftliche und das Allgemeinpolitische,
_er bringt es fertig, die
Hauptwiderspruche der kapitalistischen
Gesellschaft aufzuzeigen, auch wenn es um
rein technische Detailfragen geht. Der
europaische Informationsaustausch ist ihm
Anlass, fiber sein fehlendes Vertrauen in
*2Ik eThen trecumcn nurdawri,
die ancler n tun
den Staatsapparat, die Folter in der
Turkei und die Berufsverbote in der BRD
zu reden, beim Thema Gronland wird gleich
die Weltwirtschaftsordnung mitdiskutiert.
Jup hingegen spricht vornehmlich zu bkologischen
Themen, wo er sich auch in Detailfragen
inhaltlich qualifiziert zeigt.
So ist z.B. seine Rede zu der Fischerei
in den Grenzgewassern ein richtiger
Nachhilfeunterricht fur die Parlamentarier
in Okologie. Diese Komplementaritat
erlaubt es beiden, in der Budgetdebatte,
trotz der undemokratischen Zeitverteilunq,
fast alle Themen abzudecken.
Als Beispiel sei an dieser_Stelle nur die
radikale Haltung der Grunen zum Index
angefuhrt. Sie fordern eine einheitliche
Indextranche von 1.500 Franken fur jeden
und ein Index-Stopp von 3 Jahren fur
Grossverdiener. Auf diese mutigen Vorschlage,
genauso wie auf andere Anregungen,
gehen die etablierten Politiker
nicht ein, so dass diese Parlamentsarbeit,
auch angesichts der mangelnden
Presseresonanz, auf die Dauer frustrierend
ist. Die Regierungspresse erwahnt
die Grunen fast nicht in ihrer Kammerberichterstattung,
nur im UKW und im Repu
wird ihnen der gebuhrende Platz eingeraumt.
Ab der Januarnummer will die "Perspektiv
" sich verstarkt als grimes Organ
profilieren, doch in der ersten Nummer
kamen nur die "Traditionalisten " zu Wort.
Zum Einbringen von Motionen sind fiinf
Unterschriften erforderlich, die es bei
anderen Parteien zu sammeln gilt. Auch
wenn die Grunen in der Regel die zwei
Unterschriften der KP erhalten, sind sie
CI]: die fiinfte auf den linken Fliigel der
LSAP angewiesen, der es jedoch nicht
wagt, sich dem Fraktionszwang zu
entziehen. Diese mangelnde Zivilcourage
4
ist besonders dann bedauerlich, wenn es
keine inhaitlichen sondern nur
partei-politische Bedenken gibt. So z.B.
wenn in einer Motion zu den Wahlen einer
Landwirtschaftskammer die Grunen die
Position der LSAP... vor der Wahl
aufgreifen oder bei der Raketenstationierung
eine fruhere LSAP-Motion im
Wortlaut einbringen. Hier zeigt sich
auch, dass eine Hauptfunktion der Grunen
im Parlament das Entlarven der "politique
politicienne" sein muss.
Die Riickkopplung an die Basis soil durch
die Zusammenarbeit mit thematischen
Arbeitsgruppen geschehen. Doch es zeigt
sich bald, dass das Parlament ein anderes
Arbeitstempo hat als die Freizeit-
Militanten, so dass eine Konsultation
meist auf informellen Kanalen lauft.
Dennoch arbeiten die Abgeordneten an der
Basis. Muck sieht man nicht nur in der
Wirtschafts- und Justizgruppe. Jup, der
gute Kontakte zum Mouvement Ecologique
hat, arbeitet fast ausschliesslich mit
der Umwelt-Gruppe zusammmen, was ihm den
Vorwurf einbringt, nicht genug Zeit in
die Parteiarbeit zu investieren. Wahrend
Jup so zum Exponent einer " Okologistischen"
Fraktion wird, versteht es
Muck, sich in dem ausbrechenden Streit
jenseits der Fronten zu halten.
Der Chor der Arbeitsgruppen
Auch die Basis arbeitet. Es gibt ••
Lokalgruppen in Esch, in Dudelingen, im
Kayltal, im Korntal, im Norden, in
Petingen. "Dort", so berichtet Huss,
" wurde eine sehr gute Aktion zur
Miillproblematik durchgefiihrt, bei der ein
Flugblatt an alle Haushalte verteilt
wurde. Die - Grunen wurden sogar vom
Burgermeister empfangen, mit dem sie das
Abfall-Problem erorterten, aber da auch
hier politisch unerfahrene Leute aktiv
sind, haben sie nicht an eine Pressemitteilung
gedacht, so dass ihre Aktion
nicht einmal im Repu stand. Es gibt die
Stadt-Luxemburger Sektion, die sich zur
Tennishalle im Baumbusch und zur Ost-
Umgehung geaussert hat." Es gibt
thematische Gruppen mit 5-6 oder, wie die
Umweltgruppe, mit 20 Leuten. Die Wirtschaftsgruppe
hat flankierend zur Kammerdebatte
ein Flugblatt zum Index
ausgearbeitet, das sogar vor Schmelz-
Toren verteilt wurde. "Es gibt also die
Partei " , stellt Muck Huss fest, "sie ist
im Aufbau begriffen und mitgliedermassig
noch schwach. 140-150 Mitglieder zahlen
Beitrage, aber deren Zahl nimmt langsam
zu, und interessanterweise melden sich
auch 41tere Menschen... Im augenblicklichen
Stadium ist die Grune Partei keine
Massenpartei, ich ware fast versucht zu
sagen, dass es eine Avantgarde-Partei
ist. Der Erfolg bei den Europawahlen quer
durch das Land zei5t, dass eine Sensibilitat
fur die grpne Problematik besteht,
dass ein "ras-le-bol" gegeni.iber
den Parteien da ist, und die Schwierigkeit
besteht d•a• rin, die Leute trotz
dieses Parteienpberdrusses zu einer
Mitarbeit bei den Grunen zu bewegen.
Angesichts der innerparteilichen Reibereien
ist das nicht einfach, und ich
glaube, dass wir zwei, drei Jahre
brauchen, bis wir dies geschafft haben."
Die meisten Mitglieder der Grunen sind
auch noch in anderen Gruppen, sei es in
der Gewerkschaft, im Mouvement Ecologique,
in Dritte-Welt-Gruppen, in der
Frauenbewegung usw. aktiv. Dies birgt die
Gefahr, dass die Arbeit an der Basis als
wichtiger era,chtet wird und die Parteiaktivitat
in den Hintergrund tritt. Was
auch bei einigen, besonders seit mit den
Streitereien auch der Frust aufkam,
geschehen ist.
Kabale und Liebe
Neben Parlamentariern und Basis gibt es
auch den Parteiapparat. Im Vordergrund
stand dort die Suche nach einem Lokal und
die Organisation der Partei. Diese
Aufgabe ubernahm ein Koordinationsrat,
der trotz seines Namens nicht nur koordinierende,
rein technische Aufgaben hat,
sondern auch die Partei nach aussen
vertritt, den Haushaltsplan aufstellt und
das Parteiorgan "Info" herausgibt. In
Sorge um die Basisdemokratie, hat man
diesem KOROT eine foderative Struktur
gegeben: seine Mitglieder werden von
regionalen und thematischen Arbeitsgruppen
bestimmt. Angesichts der vielen
kleinen Gruppen entsteht so ein circa
20kopfiges Gremium, in dem praktisch
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jeder, der es wrinscht, vertreten ist. Es
reicht, eine neue Arbeitsgruppe aus
mindestens drei Mitgliedern zu grpnden
und sich delegieren zu lassen. Wahrend
man den Einfluss der Abgeordneten durch
eine jHhrliche Rotation beschrnken wollte,
hat man sich hier ein mit zweifelhafter
demokratischer Legitimation
ausgestattetes Gremium geschaffen, dessen
Besetzungsmodus zu Intrigen einladt. Jup
hat auf ironische Weise hierauf aufmerksam
gemacht, indem er eine Arbeitsgruppe
zum Suchen von grUnen Kornern im
roten Wein ins Leben rief. Dieser KOROT
war es auch, der die spater stark
umstrittene Entscheidun2 traf, mitten im
Zentrum eine Bproetage fur 30.000 Franken
anzumieten.
Das basisdemokratische Misstrauen
•• gegenpber den eigenen Abgeordneten findet
seinen Ausdruck in den Parteistatuten.
Dort wird in dem Absatz "Parteiangestellte
" bestimmt, _class die Parlamentarier
ihre ganzen Diaten an die Partei
abliefern mussen, um sie von dieser
teilweise als Gehalt ausgezahlt .. zu
bekommen. HOhe dieser "Entschadigung
" belauft sich im Augenblick auf
50.000 Franken_netto plus Kindergeld und
AufwandsentschOigungen.) Jup Weber versteht
sich jedoch als Angestellter der
Allgemeinheit, der kein Geld an die
Partei abtritt, sondern lediglich durch
die . Partei erbrachte Dienstleistungen
vergutet. Als das in seinen Augen zu
teuere Lokal angemietet wurde, weigerte
er sich diese Fehlentscheidung mitzufinanzieren
und stellte seine Zahlungen
ein. Als er in einem Journal-Interview
auch noch sagte, man konne das
"Rotationsprinzip vielleicht doch als
Blodsinn " betrachten, und er kOnne in
einem marktwirtschaftlichen System leben,
wenn eine ernsthafte Umweltpolitik
gewhrleistet sei, meldete die innerparteiliche
Opposition, die bislang
unterschwellig gegen seine Eigenwilligkeit
bestand, sich lautstark zu Worte.
Robert Medernach, der Theoretiker dieser
Stromung, rief dazu auf, Jups " Erpressungen,
Ubergriffen und Spielchen"
Einhalt zu gebieten, wenn die Partei
nicht zum "Supporterclub fur Gurus"
verkommen sollte.
Doch in dieser Auseinandersetzung ging es
nicht nur um inhaltliche Dinge. In einer
so kleinen Partei mit wenigen Mitgliedern
spielen personliche Beziehungen eine sehr
grosse Rivalitaten, Eifersuchteleien
und Postchenjagd sind auf der
Tagesordnung, und wenn auch noch diverse
Beziehungskisten (dieser neudeutsche Ausdruck
heisst auf altluxemburgisch "Fraleitsgeschichten
" , weil unsere Sprache es
sich nicht vorstellen kann, dass es auch
Mannergeschichten gibt) mit ins Spiel
kommen, ist die Situation definitiv
verfahren... So wundert es nicht, dass die
Spontaneitat des einen als Disziplinlosigkeit
und das Organisationstalent des
anderen als Machthunger interpretiert
wurden.
handale und if'
In dieser Atmosphre ist ein Arbeiten nur
sehr schwer moglich, und so soil eine
Vollversammlung die Probleme losen. Mitte
November findet diese auch eine neue
Rotationsregelung: nicht mehr funfmal,
sondern nur noch zweimal pro Le5islaturperiode
soil rotiert werden. Uber
die Abgaben der Parlamentarier wird _man
sich jedoch nicht einig. Der Bericht uber
diese Versammlung, auf der viel schmutzige
Kgsche gewaschen wurde und die
streckenweise in Psychoterror ausartete,
wurde zum neuen Stein des Anstosses. Der
KOROT verfasste eine Presseerkl;irung, in
der die Divergenzen unter einer geschwollenen
Sprache vertuscht wurden. Kostprobe:
" Es konnte eine breite Ubereinstimmung
festgestellt werden, was das Festhalten
an Vorwahlaussagen anbelangt." Fur
Teilnehmer war dieser Bericht so welt von
der erlebten Wirklichkeit entfernt, dass
er als Manipulation und Betrug am Wa7hler
erscheinen musste. Intern zirkulierte ein
sehr ehrliches und emotionales Protokoll,
in dem die Debatte in ihrer ganzen
Niveaulosigkeit offen beschrieben wurde.
Dies rief die Realpolitiker auf den Plan,
die eine Ver6ffentlichung im "In" verhindern
wollten, um dem Image JeL :artei
nicht zu schaden, was wiederum die unter
Druck gesetzte Autorin dazu brachte,
Zensur zu schreien. In den Augen des
routinierten Politikers, dem an einem
positiven Image seiner Partei gelegen
sein muss, ist diese Ehrlichkeit nur
parteischadigende Naivitat, ein neues
Argument gegen die realittsferne
Pfadfinder-Fraktion.
Solche Auseinandersetzugen sind
gefundenes Fressen fur all jene, deh, n
die Grunen ein Dorn im Auge sind,
sie nicht nur parteiintern, sondern auch
in den Clausener Pinten ausgetragen
werden, finden sie ihren Weg in die
Presse. Allen voran die KP-Zeitung, die
Ende Dezember auf die Vorgange um die
Vollversammlung unter der Schlagzeile:
" Ex-K-Gruppler drohen mit Spaltung" zu
sprechen kommt. Weniger polemisch im Ton,
aber mit denselben Informationen zieht
das " Letzeburger Land" nach, und das
" journal" sieht die "echten Umwelt-
6
ferventen ins Abseits gedrgngt" von
" einigen verkrachten Linksextremisten".
Obschon diese Veroffentlichungen kaum
Angaben, die man nicht im "Info" nachlesen
konnte, enthalten, werden sie zum
Anlass fur die Suche nach undichten
Stellen in der Partei und der Anschuldigung
gegen Jup, mit der kommunistischen
"Drecksschleuder" zusammenzuarbeiten.
••
Neben wahrheitsgemassen Informationen
enthalten die Artikel der " Zeitung " aber
auch die Behauptung, eine "Viererbande"
von fruheren Maoisten und Trotzkisten,
htte "sich dank ihrer politischen Erfahrung
und der damit verbundenen Redegewandtheit
fast samtlicher Hebel im Koordinationsrat
bemachtigt " . Doch die komplizierten
Machtkampfe mit wechselnden
Koalitionen und personlichen Anrempelungen
kann man nicht auf die Intrigen
einer Vierer-Bande, von deren Mitgliedern
ausserdem nur zwei eine "linksextreme"
Vergangenheit haben reduzieren. In der
Tat haben die Vier viel bei der organisatorischen
Arbeit (Lokal,"Info")
geleistet, und es verbindet sie ein
traditionelles Politikverstgndnis. Doch
wenn es sie als Gruppe gibt, dann nur,
weil sie sich gemeinsam gegen die Angriffe
der Presse wehren mussten.
Den absoluten Nullpunkt erreicht diese
Auseinandersetzung, als es am 9. Januar
im Melusina zu Handgreiflichkeiten
zwischen Jup Weber und Robert Medernach
kommt. Zu allem Oberfluss nehmen anwesende
KPler Jup in Schutz, so dass das
"journal" titeln kann: "KP-Militant
rettet Grunen".
To be or not to be?
Eine klarende Vollversammlung wurde gegen
den zogernden KOROT durchgesetzt, und die
vorgeschlagene_Tagesordnung wurde von den
Anw- esenden geandert: wollte der KOROT
zunachst den "Fall Jup" behandeln und
so die Krise auf den einen Delegierten
abwalzen, so wollte die Mehrheit,
zunachst pber die Krise in der Partei
und dann uber das Verhaltnis zu den
Delegierten reden. Gleich drei Antrage
verlangten die Wahl des KOROTs durch die
Vollversammlung und der radikalste, der
nur Frauen zu dieser Wahl zuliess, setzte
sich durch. In der Begriindung heissst es:
"In dieser Situation der Krise ist es
sinnlos, darpber zu diskutieren, wer die
Guten und wer die Bosen sind. Schluss mit
den Hahnenkampfen und leeren Streitereien,
bei denen es den Beteiligten oft
nur noch darum geht, recht zu behalten
und keinen Fehler einzugestehen. Wir
brauchen einen Neubeginn, eine Mannschaft,
die das Vertrauen des obersten
Organs, der Vollversammlun5, hat... Ein
Frauen-KOROT ist eine mpglichkeit, aus
der Sackgasse herauszukommen, weil er
einen Neubeginn darstellt, der niemanden
desavouiert, der die Unterstellungen der
Presse dementiert und dennoch einen
Strich unter die Streitereien der letzten
Zeit zieht."
Dass die Frauen an den Streitereien
nicht beteiligt waren, ist kein Zufall,
sondern hat etwas mit geschlechtsspezifischer
Sozialisation zu tun. Frauen
sind keine besseren Menschen, aber sie
haben eine andere Beziehung zur Macht,
deshalb konnen sie den Neubeginn
schaffen. Diese Meinung hat sich gegen
heftigen Widerstand auch von Frauen (es
ging sogleich die Rede von "Klucken"-
Kampfen) und wegen wahltaktischer Fehler
der Gegner durchsetzen konnen. Huss
sprach sich gegen den Frauenrat aus und
hat damit seine Stellung iiber den Fronten
aufgegeben.
Der zweite Tagesordnungspunkt konnte
jedoch nicht geklgrt werden. Jup war
nicht bereit, die Unterschrift unter ein
von der Escher Lokalgruppe eingebrachtes
Papier zu setzen und sich so zu R••otation,
imperativem Mandat und zur Diaten-
Abgabe zu bekennen. Es folgte ein peinliches
Feilschen um einige Tausender mit
zweifelhaften Unkosten- und Spesenrechnungen,
das ohne Einigung endete, aber
mit der Aufforderung an Jup, sein Mandat
niederzulegen. Dieser macht es seinen
Freunden und all denen, die auf die
Einheit der Partei bedacht sind, nicht
leicht. Alle Kompromissvorschl5ge quittiert
er mit Sturheit. Vor allem ubersieht
er auch, dass er als gruner
Abgeordneter eine Symbolfigur in der
Offentlichkeit ist, von der man erwarten
darf, dass sie ein exemplarisches
Verhalten an den Tag legt.
Doch der " Fall Jup " ist auf drei Ebenen
angelegt: - In der Person Webers, der
sich in eine Position zum Abgeordneten-
Statut verstiegen hat, die von
hOchstens einer Handvoll aktiver Mitglieder
geteilt wird. - In einer kleinen
Gruppe (nicht mit der Vierer-Bande der
Presse identisch), die diesen Konflikt
schiirt, um innerparteiliche Richtungskgmpfe
sich zu entscheiden. - In der
Presse, welche einen Vorwand braucht, um
ihre vorgefasste Meinung von "roter"
beziehungsweise, wo dies kein Schimpfwort
darstellt, von maoistischer Unterwanderung
zu illustrieren. Doch dieses ganze
Hickhack muss nicht unbedingt zur
Diskreditierung der Grpnen fiihren, zeigt
es doch eine Ehrlichkeit und Transparenz,
die man bei anderen Parteien vermisst.
Ein weiterer Neubeginn stellt die von der
Vollversammlung abgesegnete Anmietung
eines neuen billigeren Lokals (mit
Garten) auf Limpertsberg dar. Es bleibt
zu wunschen, dass der Frauen-Rat, die in
ihn gesetzten Hoffnungen erfullen kann.
Die Illusionen, dass die grune Partei
anders als alle anderen sei, dass hier
eine menschlichere, solidarische Art,
Politik zu machen, muglich ist
verschwunden. Viele der Mitbegrunder sind
enttauscht, aber sic sind auch um eine
politische Erfahrung reicher.
Der Aufruf, mit dem Muck Huss ein
" forum " -Interview Anfang Dezember abschloss,
ist auch haute noch aktuell:
"jeder einzelne in unserer Organisation
muss sich bewusst sein, dass nut durch
Geduld und Bereitschaft zum Konflikt,
aber auch Bereitschaft zum Einlenken und
zum Anerkennen von anderen Meinungen
verhindert werden kann, dass die Partei
auseinanderfallt. Besonders die, die
personlich polarisierend wirken, miissen
bereit sein, aufeinanderzuzugehen."
Fernand Fehlen 78 3 6 Fernand Fehlen Die verlorene Unschuld Ein grünes Trauerspiel Grüne Parteien Wahlen Luxemburg Beitrag
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