Das Christentum zwischen den Weltreligionen
Flugzeug und Nachrichtensatellit heben die Distanzen zwischen den Völkern und Kulturen auf. Eine universale Völkerwanderung hat eingesetzt: sie beschert uns den Muslim als Nachbarn und verpflanzt unsere Neffen nach Fernost.
In diesem Kontext können auch die verschiedenen Religionen sich nicht ignorieren. Es genügt nicht mehr, den Islam von Karl May und den Hinduismus aus einem exotische ...
Flugzeug und Nachrichtensatellit heben die Distanzen zwischen den Völkern und Kulturen auf. Eine universale Völkerwanderung hat eingesetzt: sie beschert uns den Muslim als Nachbarn und verpflanzt unsere Neffen nach Fernost.
In diesem Kontext können auch die verschiedenen Religionen sich nicht ignorieren. Es genügt nicht mehr, den Islam von Karl May und den Hinduismus aus einem exotischen Liebesfilm zu kennen; auf diese Weise werden meist nur Klischees verbreitet und Vorurteile verstärkt.
Zwar gibt es in letzter Zeit - neben den meist unzugänglichen wissenschaftlichen Werken - eine Menge Vulgarisationsliteratur von unterschiedlicher Qualität zu den nichtchristlichen Religionen; diese kann kaum der Gefahr entgehen zu vereinfachen und so zu verzerren.
Hier schliesst das letzte Buch von Hans Küng eine Lücke: Christentum und Weltreligionen:
Hans KÜNG, Josef von ESS, Heinrich von STIETENCRON, Heinz BECHERT, Christentum und Weltreligionen. Hinführung zum Dialog mit Islam,
Hinduismus und Buddhismus, Piper-Verlag,
Manchen 1984, 631 SS.
Das Duch ist so angelegt, dass es nach der Darstellung
einer Religion durch einen Fachgelehrten
H. KUng eine Stellungnahme aus christlicher Sicht
bietet. Behandelt werden der Islam (Josef van
Ess), der Hinduismus (Heinrich von Stietencron)
und der Buddhismus (Heinz Bechert). Die Darstellungen
richten sich nach dem Grundsatz, dass
"keine Aussage Uber Religion gUltig ist, solange
sie nicht von Anhangern dieser Religion selber
anerkannt werden kann" ( W.C.Smith).
KUngs "christliche Antwort" stUtzt sich auf die
BeschlUsse des 2.Vatikanischen Konzils Uber die
Kirche und Uber ihr Verhaltnis zu den nichtchristlichen
Religionen; dort werden auch diese
als Heilswege anerkannt. Nicht Konfrontation also,
sondern Dialog, und freimUtiges Aufzeigen sowohl
der Konvergenzen wie auch der Divergenzen.
"Ich versuche ... in meinen Antworten ein Doppeltes
anzustreben:
1. christliche Selbstkritik im Spiegel der anderen
Religionen;
2. christliche Kritik an den anderen Religionen
im Licht der eigenen Botschaft, wobei freilich
nicht Beliebiges miteinander, sondern nur
Gleiches mit Gleichem verglichen werden soll "
(21).
Es werden nicht die konkreten Erscheinungsformen
der anderen Religionen mit der Idealgestalt des
Christentums verglichen, sondern jeweils Idealgestalt
mit Idealgestalt und konkrete FrOmmigkeitsformen
mit christlichen FrOmmigkeitsformen.
KUng versucht den Mittelweg zwischen zwei Extremen:
- dem bornierten Absolutismus, der die eigene
Wahrheit absolut setzt,
- dem oberflachlichen Relativismus, der alle Werte
und Masstabe "vergleichgUltigt".
Davon ist auszugehen: "Die Grenze zwischen wahr
und falsch verlauft heute ouch nach christlichem
Verstandnis nicht mehr einfach ZWISCHEN Christentum
und den anderen Religionen, sondern, zum
Teil mindestens, INNERHALB der jeweiligen Religionen...
Wir brauchen einen Dialog in gegenseitigem
Geben und Nehmen, in den die tiefsten Intentionen
der Religionen eingebracht werden mUssen..
im Bewusstsein, dass wir alle die Wahrheit nicht
"fertig" besitzen, sondern auf dem Wege sind zur
"je grOsseren" Wahrheit.
Es ist zu erwarten, dass uns dies verandern wird:
• nicht nur unser Selbst- und Weltverstandnis,
sondern auch unser Gottesverstandnis. Davor sollten
wir keine Angst haben; gerade dies macht uns
nicht armer, sondern reicher." (22)
Diese Einstellung wird natUrlich nicht jeder teilen.
KUng weiss, dass er sich der Kritik von allen
Seiten aussetzt. "Kritik werden insbesondere
die christlichen Antworten finden... FUr die einen
werden sic immer noch zu "christlich", fUr die
anderen noch zu wenig "christlich" sein, fUr die
einen zu offen, zu nachgiebig, zu pluralistisch,
fUr die anderen zu eng, zu abgrenzend, zu selbstbewusst."
(617)
Obwohl das Duch eine allgemein verstandliche EinfUhrung
in die drei grossen Weltreligionen und
in die Problematik ihrer Begegnung mit dem Christentum
sein will, wendet es sich doch an den anspruchsvollen
Leser, der sich nicht scheut, einige
Denkstrapazen auf sich zu nehmen. DafUr wird
er aber reichlich belohnt werden.
Das Buch, gut lesbar wie alle KUng-BUcher, steht
auf dem gegenwartigen Stand der Forschung. Es
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verliert sich nicht in Details, sondern stbsst
zum Wesenskern der Religionen vor. Es zeigt nicht
nur die historische Entwicklung der Religionen
mit all ihren Verastelungen, sondern geleitet den
Leser bis zu den aktuellen Problemen und Veranderungen,
mit denen sich heute jede Religionsgemeinschaft
auseinandersetzen muss.
Das Buch hat auch seine Grenzen, deren die Autoren
sich bewusst sind:
- Es fehlen in diesem Dialogversuch das Judentum,
die ursprUnglichen Religionen Chinas und
Japans und diejenigen Afrikas.
- Islam, Hinduismus und Buddhismus werden nicht
von Adepten dieser Religionen dargestellt,sondern
von europaischen Gelehrten; dieser Nachteil
wird aufgewogen durch die Tatsache, dass
so das Material fUr das Verstandnis des westlichen
Lesers schon aufbereitet ist.
- Das Buch bietet nur den l.Schritt eines Dialogs.
Auf KUngs christliche Stellungnahmen werden
nun die Anhanger der anderen Religionen mit
Gegenfragen und Einwanden antworten.
Dieses Buch vermittelt eine Ahnung von der Wucht
der Probleme und Infragestellungen, die auf uns
Christen zukommen durch die nicht mehr zu umgehende
Begegnung mit den anderen Religionen;
niemand kann sich nunmehr in sein Schneckenhauschen
zurUckziehen. Es vermittelt aber auch eine
Ahnung von den Aufgaben im Dienst der Verstandigung
und des WeltfriEdens, sowie der Bewaltigung
der heutigen Menschheitsprobleme, die nur mehr
gemeinsam zu -Ibsen sind.
Einerseits relativiert dieser weltweite Horizont
die innerkirchlichen Querelen; er lasst sie erscheinen
als Sturm im Wasserglas. Andererseits
kann einem bange werden ob der fast Uberall in
den westlichen Kirchen sich breitmachenden Restau
rationstendenzen, die doch Unsicherheits- und
Angstreaktionen sind, Haltungen, die einen offener
und konstruktiven Dialog sehr erschweren wenn
nicht unmOglich machen. Dem westlichen Christentum
steht in nicht allzu ferner Zukunft eine harte
Bewahrungsprobe bevor. F.K. 78 37 2 F.K. Das Christentum zwischen den Weltreligionen Glaube Theologie International Buchbesprechung
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