Vollzeitarbeit – Halbtagsarbeit
Erwerbstätige Frauen stehen auch heute noch häufig im Kreuzfeuer der Kritik. Frauen, die beides
gerne wären – Mutter und berufstätig, werden oft von einem schlechten Gewissen begleitet. Leider gibt es allzuviele erhobene Zeigefinger; und dies oft genug noch von Erziehungsspezialisten und Kinderärzten. "Die Erwerbstätigkeit der Mutter wirkt
sich im allgemeinen hemmend, störend und gefäh ...
Erwerbstätige Frauen stehen auch heute noch häufig im Kreuzfeuer der Kritik. Frauen, die beides
gerne wären – Mutter und berufstätig, werden oft von einem schlechten Gewissen begleitet. Leider gibt es allzuviele erhobene Zeigefinger; und dies oft genug noch von Erziehungsspezialisten und Kinderärzten. "Die Erwerbstätigkeit der Mutter wirkt
sich im allgemeinen hemmend, störend und gefährdend auf die Entwicklung ihrer Kinder aus." ... "Es
kommt häufig zu Fehlhaltungen dieser Kinder, die sich insbesondere im sozialen Kontakt und in
charakterlichen Auffälligkeiten äußern. Auch ihre Schulleistungen sind erheblich schlechter als bei Kindern aus intakter Familie." (1)
Solche Thesen und ähnliche Behauptungen, in denen
Erwerbstätigkeit der Frau und intaktes Familienleben sich gegenseitig ausschließen, wie auch geschickt manipulierte Werbung und öffentliche Meinung nötigen mehr als eine Frau ihren Beruf aufzugeben
und sich ganz den Tätigkeiten der "Hausfrau und Mutter" zu widmen, ohne Rücksicht auf die eigene Persönlichkeit und Neigungen.
So stieg die Zahl der erwerbstatigen Frauen in
Luxemburg zwischen 197o und 1983 nur geringfOgig
an:
197o 26,1 % der aktiven BevOlkerung
1983 33,2 % der aktiven BevOlkerung
und bleibt zusammen mit der Zahl der aktiven
Irlanderinnen die niedrigste der lo EG-Staaten.
Mittelwert der lo EG-Staaten: 38,5% (2)
Arbeitszeit, Ldhne fOr Frauen. Ausbildung der
Frauen, sowie ein Tellder ausgeObten Berufe sind wenig frauenfreundlich bzw. familienfreundlich
und ermuntern Frauen nicht zu Erwerbstatigkeit.
Ist diese Erwerbstatigkeit der Frau aber notwendig,
du das Geld gebraucht wird fOr grOssere
Anschaffungen, wie z.B. ein Eigenheim, oder durch
Alleinerziehende, wird dies von den meisten unserer
MitbOrger geduldet, oft aber mit kritischem
Blick auf HaushaltsfOhrung und erzieherische
Tatigkeit dieser Frau. Berufstatige Frauen und
Mutter, die ihren Beruf ausOben, ohne dringendes
GeldbedOrfnis, aus Interesse an ihrem Beruf,
stossen oft auf Verstandnislosigkeit, ja Missbil
ligung eines Grossteils ihrer MitbOrger, besonders
in Luxemburg. Familienmitglieder solcher
Frauen werden sogar manchmal als "Opfer der
Frauenemanzipation" bemitleidet.
Schliessen Gleichberechtigung und Erwerbstatigkeit
unbedingt ein intaktes Familienleben aus? MOssen
berufstatige Eltern, insbesondere Mutter, unbedingt
das schlechte Gewissen als Dauerbegleiter
haben? Wie kOnnen Frauen trotzdem Beruf und Familienleben
erfolgreich kombinieren?
In Luxemburg fallt die Zahl der berufstatigen
Frauen drastisch zwischen dem 2o. und den 3o.
Lebensjahr. Das fallt also mit dem Zeitpunkt der
FamiliengrOndung und der Geburt des ersten Kindes
zusammen.
Volle Erwerbstatigkeit der Frau (augenblicklich
4o-Stundenwoche) erfordert von seiten ihres Partners
und der anderen Familienmitglieder Solidaritat
und bedeutet Arbeitsteilung sowohl im Haushalt
als bei der Kindererziehung. Ein grosser
Teil der Manner, besonders der Luxemburger
Manner, zeigen sich aber hierzu retizent. Lasst
diese Haltung nicht zum Teil auf eine falsch
orientierte Erziehung rOckschliessen?
So bedeutet BerufsausObung fOr die Frauen meistens
dreifache Belastung: durch Beruf. Haushalt
und Kindererziehung; also nicht 4o-Stundenwoche,
sondern 8o-Stundenwoche und mehr. Freizeitgestaltung,
Weiterbildung, Aktivitaten und Interesse
im ausserberuflichen und ausserfamiliaren
Kreis bleibt dann wenig Zeit Obrig.
Eine andere MOglichkeit, ja ein Ausweg aus dieser
Situation, ware Halbtagsarbeit oder Teilzeitarbeit.
Sie erlaubt den erlernten Beruf auszuLiben
ohne Praxisverlust und trotzdem Hausarbeit und
Kindererziehung erfolgreich zu kombinieren. Ausserdem
bleibt dabei noch etwas Zeit Obrig fOr
Freizeit, kulturelle und soziale Aktivitaten.
Die meisten Frauen sind meines Erachtens weder
l00%tige Mutter, noch l00%tige Erwerbstatige noch
l00%tige Hausfrauen: sondern sind im Gegenteil
durchaus fahig mit oder ohne gleichgesinnten
Partner, diese drei Funktionen zu erfUllen. Ausserdem
kOnnte Teilzeitarbeit auch bedeuten, doss
zwei Partner sich je [Or eine Halbtagsarbeit entscheiden
und somit ihr Engagement sowohl im Bereiche
des Berufs, wie des Haushalts und der Kindererziehung
teilen. Diese Form der Gleichberechtigung
schliesst jede einseitige Belastung eines
Partners aus und erlaubt beiden optimale Entwicklungsbedingungen,
sowohl im Beruf, wie in Weiterbildung,
Familienleben und Freizeitgestaltung.
Nicht zu vernachlassigen dabei ist der Aspekt
der Bereitstellung neuer Arbeitsplatze, was letzten
Endes jede politische Entscheidung bei der
Schaffung von mehr Halbtagsarbeitsposten Onstig
beeinflussen dUrfte.
Von alien erwerbstatigen Frauen in Luxemburg
hatten 1979 82,9 % einen full-time Job
nur 14,7 % eine Halbtagsarbeit
2,4 % waren gelegentlich erwerbstatig.
Also greifen nur wenige Berufstatige, und schon
fast Oberhaupt keine Manner auf diese MOglichkeit
der Halbtagsarbeit zurOck.
Weshalb? Wie steht es mit der Regelung und den
gesetzlichen Massnahmen fUr Halbtags- oder Teilzeitarbeit
in Luxemburg? Ware ein allgemeines
Umdenken in Richtung Teilzeitarbeit nicht von
Vorteil fJr die gesamte Gesellschaft?
Oft hat der Begriff Teilzeitarbeit fOr Nicht-Betroffene
einen leicht negativen Beigeschmack.
Arbeitskollegen verwechseln gerne "Halbzeitarbeit"
mit "halber Arbeit" und vergessen dabei)
dass Halbzeitarbeit nicht halbe Arbeitsqualitat,
sondern halbes Arbeitsquantum bedeutet. Sie verleihen
so der Halbzeitbeschaftigung leicht negative
Aspekte. Man verwechsele also nicht halbes
Quantum mit halber Qualitat! Vielmehr bin ich
der Meinung, dass weniger gestresste, positiv
zu ihrem Beruf eingestellte Halberwerbstatige,
qualitativ bessere Arbeit leisten kOnnen als
Jberforderte gestresste Vollzeitbeschaftigte,
die ihren vielfachen Belastungen nicht gewachsen
sind. Also fOr halbe Arbeitszeit, halbes Arbeitsquantum,
halber Lohn, aber keineswegs geringere
Arbeitsqualitat!
Im Privatbereich wird Halbtagsarbeit in verschiedenen
Betrieben schon seit langerer Zeit erfolgreich
praktiziert. Leider ist Teilzeitarbeit
und insbesondere Frauenarbeit aber sehr oft mit
wenig interessanten Arbeitsposten, schlechten
Arbeitsbedingungen und geringen LOhnen verbunden.
Im Offentlichen Dienst in Luxemburg ist Halbzeitarbeit,
unter Beibehaltung des Beamtenstatutes
sehr begrenzt und an Bedingungen geknOpft. So
kOnnen Funktionnare einen Halbzeitjob nur solange
in Anspruch nehmen, wie sie Kinder unter 4 Jahren
zu betreuen haben. DarOber hinaus ist Halbzeitarbeit
mbglich (bis die Kinder 15 Jahre alt
sind) aber mit VerlusL des Funktionnarsstatuts
d.h. Verlust einer ganzen Reihe von Rechten, ohne
dass die Pflichten des Betreffenden andern.
Solche Regelung trifft in der Praxis fast ausschliesslich
die Frauen, die im Offentlichen Dienst tatig sind. Sie wird ouch von den Betroffenen
als'besonders degradierend empfunden, del
ja ihre Arbeit nach Verlust des Beamtenstatuts
genau dieselbe bleibt als bisher, nur doss ihre
Loge dadurch arbeitsrechtlich gesehen prekarer
geworden ist. Doss also solche Gesetze als familien-
und besonders frauenfeindlich empfunden
werden, broucht nicht besonders erwahnt zu werden.
Die politischen Verantwortlichen in Luxemburg
sollten, wenn sie weiterhin nach aussen hin als
sozial fortschrittlich, familien- und frauenfreundlich
gelten wollen, unbedingt bessere
Bedingungen fOr Halbtagsarbeit im Offentlichen
Dienst schaffen, die Teilzeitbeschaftigung fOrdern,
ja dos Recht auf Halbtagsarbeit verallgemeinern.
Aus familienpolitischer Sicht ist eine
Verbesserung der Arueitsbedingungen, eine ArbeitszeitverkOrzung,
mehr Flexibilitat, im Interesse
oiler Arbeitnehmer unbedingt erforderlich. Ausserdem
wOrden durch Verallgemeinerung des Rechtes
auf Teilzeitarbeit, einerseits neue Arbeitsplatze
geschaffen, andrerseits ouch der Privatsektor
zu neuen Initiativen in diese Richtung
herausgefordert. Zu hoffen bleibt, doss die Neuerungen
in Bezug auf die Teilzeitarbeit im offentlichen
Dienst, die die politisch Verantwortlichen
seit jOngster Zeit erarbeiten, in oilernachster
Zukunft ouch in Praxis umgesetzt werden
und somit die "sozialfortschrittliche,
familien- und frauenfreundliche Politik" der Regierungsparteien
unter Beweis stellen"
Christine Baustert
(1) Prof. Th. HellbrUgge, Institut fUr soziale
PHiatrie und Jugendmedizin Universita:t
Winchen
(2) Statistiques: Statec
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