Ein unwiderstehliches Land
In wenigen Tagen erscheint im Luxemburger Verlag "Editions Guy Binsfeld" ein neues Buch von Guy Rewenig: "Ein unwiderstehliches Land. Gechichten und Satiren". Der ca. 2oo Seiten starke Band ist ein "Heimatbuch" beson-derer Art: wer Rewenigs satirische Auseinandersetzung mit dem Standort Luxemburg kennt, kommt hier voll auf seine Kosten. In 25 Texten unter-schiedlichster Gattung -der Fächer reicht ...
In wenigen Tagen erscheint im Luxemburger Verlag "Editions Guy Binsfeld" ein neues Buch von Guy Rewenig: "Ein unwiderstehliches Land. Gechichten und Satiren". Der ca. 2oo Seiten starke Band ist ein "Heimatbuch" beson-derer Art: wer Rewenigs satirische Auseinandersetzung mit dem Standort Luxemburg kennt, kommt hier voll auf seine Kosten. In 25 Texten unter-schiedlichster Gattung -der Fächer reicht von der Kurzgeschichte über den Theatermonolog bis zum "utopischen Essay"- zeichnet Rewenig ein oft beissendes, aber unterschwellig auch zärtliches Porträt seines/unseres Landes (wobei anzumerken wäre, dass vor allem die Geschichten im ersten Teil des Werkes durchaus "grenzüberschreitenden" Charakter haben). Das Buch enthält u.a. neun Texte, die in diversen nationalen Literaturwettbe-werben prämiert wurden, z.B. das 1985 ausgezeichnete Stück "Die Holz-würmer". Als Textprobe drucken wir einen Ausschnitt aus dem zentralen Prosastück "Ein unwiderstehliches Land. Sechs Kapitel aus dem Handbuch der Utopie" ab. "forum"-Mitarbeiter Guy W. Stoos hat Rewenigs Texte mit 2o neuen Cartoons ergänzt.
Ein schmerzliches Kapitel, geehrte Mitkampfer, wollen
wir ohne doppelzUngige Diskretion und zOgernde
Schbnfrberei endlich mit Klarsicht und Schb:rfe abhandeln:
in unserm Staat wird Rede- und Schreibverbot
herrschen. Wozu nun gleich das empOrte Geschrei
und der atemlose Protest? Jeder kann hier
sagen und in Schrift und Bild bekunden, was ihm
einfallt, selbst die kompliziertesten Gedankengange
und die gewagtesten Parolen unterstUtzen wir mit
alien Mitteln, werden selber fUr deren Verbreitung
sorgen und verhindern, dass sie abprallen am bleiernen
Schweigen der Mehrheit. Ihr versteht den Sinn
unserer Entscheidung: in unserer Heimat darf die
Liebe in allen Tonarten gefeiert werden, mit jedem
verfUgbaren Instrument. FlUstern ist erwUnscht, Lachen
und Weinen, lauter Gesang, stiller Schmerz,
die schnelle Pointe und das bedachtige Poem, die
flammende Brandrede und die pastellfarbene Klage,
Scherz und Ironie, das Crescendo heller Kinderkehlen
ist ebenso tauglich wie die dunkle Trauerfarbe
abgekampfter Stimmen, fUr die Beschreibung der Liebe
gibt es weder Vorschrift noch Empfehlung. Erlauben
Sie, geehrte Mitkampfer, einen wUrzigen
Schuss Pathos: unser Land wird die erste, wirklich
freie Liebesrepublik sein. Mit Gelachter wird dieser
Plan nur quittiert in Kreisen, die mit der gewaltigen
Bewegungskraft der Liebe nicht vertraut
sind.
Aber es wird Rede- und Schreibverbot herrschen:
fUr alle, die an den Faden Ottlicher Hampelmanner
turnen und ihre Urteile nicht aus dem eigenen Innern
schOpfen, die mit Schreckbildern und EinschUchterungsattrappen
hantieren, die mit alttestamentlichen
Plagen zu Feld ziehen gegen Unbotmassige,
die ihre scharfen Waffen nicht zuerst am eigenen
Leib erproben, die kopfschUttelnd aus den Wol
ken herabblicken auf das GewUrm und Gewimmel auf
dem flachen Erdboden, die haushohe Popanze durch
die Strassen schleppen und sich genUsslich mit der
Hand auf die Schenkel klopfen, wenn das Volk kniefallig
vor den Pappmachemonstern zittert. Uberhaupt
werden wir nicht langer zulassen, dass in unserem
Land irgendein Gott sein Unwesen treibt. FUr die
Kinder werden wir eigens Varietetheater mit Stabpuppen
und Schattenfiguren einrichten, in denen
GOtter nur in Form von aufgeblasenen Luftballons
auftreten dUrfen: wie man sie mit einem einzigen,
gezielten Nadelstich zum Platzen bringt, wird in
lustigen Spektakeln vorgefUhrt.
NatUrlich darf jeder Burger zuhause sein privates
GOttlein hatscheln und tatscheln, wann immer ihn
die Lust Uberkommt, aber wir werden nicht erlauben,
dass solche Haustiere aus dem sicheren Gehege ausbrechen,
in freier Landschaft zu wildern beginnen
und unsere Landsleute mit drauenden Gebaren verun-
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sichern. Wer sein Ottlein mit unerlaubten Futtermitteln
vollstopft, ihm Anabolika einflOsst oder
Vitamindrogen und damit einen wahrhaft elefantOsen
Wachstumsanstieg bewirkt, wer es dann loslasst und
hetzt auf andere, die sich seit Jahrhunderten Uber
die Plage freilaufender GOttlein beschweren, muss
mit hartem Widerstand rechnen: wir denken zum Beispiel
an das vollelektronische Einfrieren solch
aufgeblahter, agressiver UbergOttlein, und wir sind
durchaus imstande, alle Kirchen und Kapellen dieses
Landes in technisch perfekte Deepfreeze-Hallen
zu verwandeln.
Wer auf den Predigtstuhl klettert und auf der BrUstung
standig sein tobendes GOttlein tanzen lasst,
wer wie ein Bauchredner semen ZuhOrern suggeriert,
das zornige Gbttlein persdnlich lasse ein schrilles
GebrUll vom Stapel, dem wird die Kanzel unter den
FUssen abgesagt, zerhackt und als Brennholz an den
meistbietenden Kirchganger versteigert. Wer
schliesslich das GOttlein zum Kauf anbietet, dem
wird der Handel grUndlich sabotiert: er darf nicht
einmal mehr mit der allerharmlosesten Fistelstimme
seine Preise ausrufen. Unser Land wird der antiklerikalste
Staat auf dem ganzen Erdball sein: den
heimischen Ottleinfabrikanten wird ein Schweigegebot
von mindestens dreihundert Jahren auferlegt.
Wahrend dieser langen Busszeit dUrfen sie den Mund
auftun,sooft sie wollen. Bedingung ist nur, dass
sie aus Liebe Uber die Liebe reden; ich fUrchte,
des Schweigens wird kein Ende sein.
Nun ware es falsch,anzunehmen, geehrte Mitkampfer,
wir wollten nur den katastrophalen Redeschwall der
allerorten hampeinden und trampelnden GOttlein drastisch
eindammen. Wir haben es in der Tat nicht auf
eine besondere Kategorie von FalschmUnzern abgesehen:
uns sind alle SchOnschwatzer und VerfUhrungsartisten
zuwider, alle BetrUger und Verdreher, ob
im Pfaffenrock oder im englischen NadelstreifenkostUm,
ob mit schwarzer Bauchbinde oder mit weissem
Kragen. Wenn irgendwo in unserem Land der
Kriegsminister ansetzt zur verbalen Fanfare, werden
sofort alle Lautsprecherkabel aus den Halterungen
gerissen und alle Mikrofone kurzgeschlossen:
wir lassen fUr diese Arbeit Spezialisten ausbilden,
die so blitzschnell zupacken Unnen, dass ken uniformbesessener
Geiferer es rundkriegt, auch nur
eine halbe Silbe in die Verstarkeranlage zu speisen.
NatUrlich darf der Kriegsminister an uns jederzeit
einen geharnischten Beschwerdebrief Uber
die Beschneidung seiner Redefreiheit schreiben.
Solche SchriftstUcke werden nicht ungelesen in den
Papierkorb wandern, sondern wir lassen sie abdrukken
in den SchulbUchern, damit die Kinder lernen,
wie die Sprache der Unbelehrbarkeit aussieht. Ihr
werdet euch wundern, geehrte Mitkampfer, dass wir
nicht den Kriegsminister abschaffen, sondern nur
dessen Mundwerk frisieren. So geht es eben zu in
unserm Staat: wer hassen will, soll hassen, nur
wird er gerUstet sein mUssen, allein in der WUste
zu leben. Versteht ihr nun, wie wir so zugleich die
Wissenschaft der Padagogik von Grund auf umkrempeln
Onnen? In unserer Liebesrepublik steht es
selbstverstandlich jedem frei, dos Metier des Unzufriedenen
zu wahlen, so wie es jedem v011ig erlaubt
ist, nachzuprUfen, ob eine dicke Eisenbetonwand
tatsachlich in Scherben fliegt, wenn er nur
fest genug mit dem Kopf dagegenstOsst.
Braucht ihr wirklich noch weitere Exempel? Wer mit
einer Handvoll blbder Satze einen nicaraguanischen
Campesino beleidigt, wer aus seinem Schreibtischbunker
heraus auf sUdafrikanische Schwarze zielt,
wer den Kleineren, Unwissenderen, Kraftloseren beschimpft
und demUtigt, wer die Druckerschwarze mit
der Dampfwalze ausrollt Uber qanze Landstriche,
wer lUgt, weil er die Wahrheit kennt, wer geil mit
gescharfter Schere am Schneidetisch auf frischbesprochene
Tonbandschlaufen wartet, wer Fotos halbiert
und Filme retuschiert, wer das Maul nur halb
aufreisst, wo er masslos schreien mUsste, wer wie
ein Wasserfall plappert, wo zwei Worte genUgen,
alle diese Menschen werden einer strengen Zensur
unterworfen, sie werden ihre Zungen und Schreibstifte
zahmen lernen. Ihr werdet es erleben: in
bestimmten Tageszeitungen dieses Landes, so zum
Beispiel im "Landweiten Wort" und im "Landweiten
Tageblatt", werden schon gleich nach Verabschiedung
unseres Zensurgesetzes allerlei rechteckige, weisse
Flachen auftreten, wohltuende Schneisen inmitten
des wirren Buchstabengemischs.
MOglicherweise gibt es an gewissen Tagen Uberhaupt
nichts mehr zu lesen: schneeweisse Papierteppiche
von der ersten bis zur letzten Seite, etwa am Vorabend
von Parlamentswahlen oder wahrend eines amerikanischen
Staatsbesuchs. Mit allerhOchster Wahrscheinlichkeit
werden auch im nationalen Rundfunk,
diesem Bollwerk der tongewordenen Weisswascherkunst,
immer zahlreichere Sendeminuten nur mehr
mit sanften Bandrauschen aufgefUllt, stille Ruheplatze
mitten im Gejohle und Gequatsche. Aber wir
haben vorgesorgt: um dos auferlegte Schweigen im
Rundfunk zu lockern, haben wir vierundzwanzigstUndige
Nonstop-Programme zusammengestellt, Atahualpa
Yupanqui wird taglich spielen, auch Paco Ibeflez
und Josê Alfonso, dazu kein Wort des Kommentars,
kein Zurechtbiegen und kein Zusammenstauchen, wie
es jetzt noch in diesem gerauschvollen Hause Sitte
ist. Nach und nach werden auch die blendend weissen
Tageszeitungen wieder mit erbaulichen Schriftzeichen
bereichert. Allen der Abdruck von Leonardo
Boffs Schriften und Desmond Tutus Reden wird
das "Landweite Wort" ein ganzes Jahr lang beschaftigen,
wahrend im "Landweiten Tageblatt" Ernesto
Cardenals gesammelte Lyrik erscheint, nebst einer
siebenhunderttausendkbpfigen Dissidentengalerie
aus allen sozialdemokratischen Parteien des Kontinents.
Die Setzer und Drucker sind also keineswegs
von Arbeitslosigkeit bedroht.
Sobald die Zensur fest in den Gewohnheiten unserer
Landsleute verankert ist, sobald die staatlichen
Falschungsfahnder ihr Handwerk mit Akribie und Raffinesse
betreiben, werden wir staunend feststellep,
geehrte Mitkampfer, wie das plOtzliche Schweigen
der wenigen GrosstOner und Kopfaufseher
schnell durchltichert wird von abertausend sehr
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winzigen, sehr zerbrechlichen Stimmchen, die eingangs
ziellos umherschwirren wie ratlose Schmetterlinge,
dann aber ineinandergreifen, miteinander
verschmelzen, anschwellen, hoffnungsvoll schwingeni
ein concerto grosso aus lauter unbekannten Tonarten:
es sind die Stimmen all unserer Freunde, die
jahrzehntelang mit masslosen Phonstarken eingestampft,
mit Druckpressen und Falzmaschinen zerquetscht,
mit Sutanen erstickt wurden. Wir werden
keinerlei MUhe haben, diese Stimmen zu entschlUsseln.
Sie bestatig 88 42 3 Guy Rewenig Ein unwiderstehliches Land Nationalismus Satire Luxemburg Buchbesprechung
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