Über Hannah Arendt
Eine hierzulande wenig beachtete Denkerin
F.G. Friedman
HANNAH ARENDT
Eine deutsche Jüdin im Zeitalter des Totalitarismus
Serie PIPER 'Porträt' 52o1
München 1985
Hannah Arendt, die deutsch-amerikanische Politologin und Philosophin, um die es in diesem Buch geht, ist hierzulande, so weit ich weiss, so gut wie unbekannt, obschon ihre wichtigsten Werke sowohl in deutscher wie in französischer Sprache vorlie ...
F.G. Friedman
HANNAH ARENDT
Eine deutsche Jüdin im Zeitalter des Totalitarismus
Serie PIPER 'Porträt' 52o1
München 1985
Hannah Arendt, die deutsch-amerikanische Politologin und Philosophin, um die es in diesem Buch geht, ist hierzulande, so weit ich weiss, so gut wie unbekannt, obschon ihre wichtigsten Werke sowohl in deutscher wie in französischer Sprache vorliegen, die meisten übrigens in billigen und handlichen Taschenbuchausgaben. Allein deshalb schon ist ein Porträt dieser interessanten und provozierenden Denkerpersönlichkeit höchst willkommen.
Der Autor des Buches ist selbst Jude, auch er hat
lange Jahre seines Lebens in den USA verbracht,
wenngleich, wie er betont, ansonsten die Umstan-.
de seines Lebens in keiner Weise mit denen von
Arendt vergleichbar sind. Der Untertitel gibt
ziemlich genau den Blickwinkel an, von dem her er
Leben, Person und Werk von Arendt beleuchten will.
Und jeder Kritik vorweg sei bestatigt, da es einE
wichtige Perspektive ist. Friedmann stellt dementsprechend
Arendt als adin vor, die mit ihrem Judentum
sich auseinandersetzte, ehe sie es auf ihre
Weise annahm, die sich Gedanken machte Ober die
Stellung der Juden in der Gesellschaft, Ober ihre
Rolle als Parias oder als Parven0s, die lange ein
streitbares und schliesslich ablehnendes Verhaltnis
zum Zionismus unterhielt.
Der Autor zeigt, wie die Reflexion Ober diese
Problematik Arendt zu ihren Untersuchungen Ober
"Elemente und UrsprOnge totaler Herrschaft" fOhrte,
in denen sie versuchte, die Genealogie und
das Wesen des nazistischen sowie stalinistischen
Totalitarismus zu ergrOnden. In diesen Zusammenhang
gehOrt natOrlich auch ihre Auseinandersetzung
mit dem Eichmann-Prozess und ihre These von
der "Banalitat des BOsen", die ihr soviele Kontroversen
und Anfeindungen eintrugen, natOrlich
vor allem von seiten anderer Juden.
Friedmann streift kurz dos lebenslange Verhaltnis
Arendts zu ihrem Philosophielehrer Karl Jaspers,
ihre konfliktreichen Beziehungen zu Martin Heidegger
und ihre kritische Einschatzung von Bert
Brecht. Schlialich geht er noch schnell ein auf
ihre Stellungnahmen zur politischen Entwicklung
in den USA seit dem 2. Weltkrieg bis zu ihrem Tod
im Jahre 1975.
Bemerkenswert ist an diesem Portrat zuerst die
sehr kritische Haltung des Autors gegenUber
Arendt. Das ist nicht unbedingt ein Fehler; Portrats
mOssen nicht zu Beweihraucherungen geraten.
Sie dOrfen aber auch nicht einseitig sein. Das
aber trifft leider in diesem Fall zu. Der vom Autor
gewahlte Standpunkt, es sei noch einmal gesagt,
ist berechtigt, aber er darf nicht der einzige
sein. Im vorliegenden Buch jedoch fehlt aus
diesem Grund die Darstellung fast der gesamten
philosophischen Seite in Arendts Werk und Wirken.
So werden die zwei philosophischen Hauptwerke:
"Vita activa" und "Vom Leben des Geistes" kaum er=
wahnt und jedenfalls nicht inhaltlich vorgestellt.
Einem ihrer politikwissenschaftlichen Hauptwerke
"Ober die Revolution" ergeht es genauso. Und so
kommt es, da man sich am Schla der LektOre unwillkOrlich
fragt, weshalb man sich Oberhaupt
noch abgeben soil mit dieser einseitigen, sturen
und in Detailfragen v011ig unzuverlassigen adin.
Da die Beschaftigung mit ihr sich aber lohnt,
und da die nicht unbedeutende Renaissance von
Arendt in Frankreich zur Zeit nicht von ungefahr
kommt, um das zu verstehen, muss man sich andern
Darstellungen zuwenden; so im deutschen Sprachbereich
z.B., dem in der v011ig unzulanglichen Bibliographie
Friedmanns fehlenden Sammelband von
Adalbert Reif: Hannah Arendt. Materialien zu ihrem
Werk,Europa Verlag,Wien 1979. Oder man lese
die ausgezeichnete, wenn ouch kritiklose Darstellung
von Arendts politischer Theorie in Andr6
Enegr6n,La pensee politique de Hannah Arendt,P.U.
F.,Paris 1984. Den besten Einstieg aber findet
man in der monumentalen Biographic von Elisabeth
Young- Bruehl,Hannah Arendt. For Love of the
World,Yale University Press,New Haven/London
1982. Hier findet man neben einer ausgewogenen
Darstellung der PersOnlichkeit Arendts auch eine
erste EinfLihrung in ihre Gedankenwelt.
Sollte der Piper Verlag, der sich soviele Verdienste
erworben hat um die VerOffentlichung
von Arendts Werk in deutscher Sprache, sich nicht
an die Ubersetzung dieses grossartigen Buches
wagen?
Hannah ARENDT - KdA.t JASPERS
BRIEFWECHSEL 1926-1969
Pipm. Ventag Manchen 1985
Dieser Briefwechsel zwischen zwei grossen Gei
stern lasst sich unter verschiedenen Aspekten
lesen. Wir gewinnen Einblick in ihre geistige
Werkstatt, aber auch in ihr menschliches-allzu
menschliches Privatleben. Wir haben es mit einem
Zeitdokument zu tun, in dem die grossen histori
schen Ereignisse zwischen 1926 und 1969 vor unsern
Augen vorbeiziehen, und wir werden Zeuge der Reak
tion der zwei Denker auf diese Tatsachen. Aber wir
lernen auch ihre Freunde und Bekannten kennen, ihre
Auseinandersetzung mit dem Denken ihrer Zeitgenossen,
und erleben so ein Stuck Kulturgeschichte
mit.
Der Briefwechsel beginnt im Jahre 1926 als Arendt
bei Jaspers in Heidelberg Philosophic studiert
und mit einer Arbeit Uber den HI. Augustinus promoviert.
Eigentlich interessant werden die Briefe
aber erst nach 1945; von den insgesamt 433 Briefen
stammen Obrigens-nur 29 aus der Zeit vor dem
Krieg. Arendt und Jaspers kommen sich hier menschlich
immer naher. Zwar bleibt his zum Scn10 ein
gewisses SchOler-Lehrerverhaltnis, aber nach ei
nigen Besuchen Arendts bei Jaspers in Basel einigen
die beiden sich schliOlich auf dos freundschaftliche
Du.
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Arendt erzahlt Jaspers in ihren Briefen von der
Entstehung ihrer Werke, angefangen beim Totalitarismusbuch.
Von allem geht in dieser Hinsicht die
Rede vom Buch Uber Eichmann und der Hetzkampagne
die darauf gegen Arendt erfolgte. Manche dieser
Werke wurden vorher mit Jaspers besprochen, auf
jeden Fall aber gibt er nach der LektUre eine kritische
Stellungnahme. Was Jaspers selbst anbelangt,
werden wir Zeuge der Entstehung vor allem
seiner politischen BOcher, zum Thema der Atombombe
z.B. und zur politischen Entwicklung der Bundesrepublik.
Leider gibt uns Arendt, ausser der
jeweils pauschalen Zustimmung, kaum ihre Meinung
preis Ober Jaspers' Gedanken. Da Arendt sich um
Ubersetzung und VerOffentlichung der BOcher Jaspers'
in den USA kUmmert, erfahren wir ouch alle
Details Dber diese editorischen Probleme.
Die materiellen Fragen Uberwiegen aber keineswegs.
Beide Briefpartner sprechen viel Ober ihre persOnlichen
Probleme: Arendt Ober ihre (zweite) Ehe
mit Heinrich BlUcher, ihre gesundheitlichen Probleme,
ihre Reisen (u.a. schreibt sie anlasslich
eines kurzen Aufenthalts in unserm Land im Jahre
1958:"Und Luxemburg liegt in einem anderen Sinne
ebenfalls ausserhalb der Zeit. Hier sagen sich
die FOchse gute Nacht, sofern sie nicht von der
Kohle- und Stahl-Communaute daran gehindert werden."
S. 387). Jaspers erzahlt von mit grosser
Gleichmut ertragenen Altersgebrechen und dem grossen
GlUck im Zusammenleben mit seiner Frau.
Zugleich ziehen wichtige welthistorische Ereignisse
und Entwicklungen an uns vorUber: der Wiederaufbau
Deutschlands, die MacCarthy-Ara, der Ungarnaufstand,
die Cubakrise, die Ermordung Kennedys,
die Studentenunruhen hOben und drOben, um
nur einige zu nennen, dargestellt mit dem jeweili
gen Kommentar der zwei Briefschreiber.
Gewiss, dieser Briefwechsel ersetzt in keiner Wei
se eine EinfUhrung in dos Denken der beiden Philosophen.
Aber wer schon eine kleine Ahnung hat vom
Inhalt ihrer BOcher, wird bier eine interessante
Erganzung zu Hand bekommen. Der gewichtige Band
ist Obrigens mustergOltig editiert, alle Namen,
Ereignisse und Anspielungen sind eingehend erlautert.
Nicht zuletzt ist die LektOre des Buches wertvoll
durch die Lebensweisheit, welche es ausstrahlt:
einerseits zeigt es uns die Etappen einer gelungenen
padagogischen Relation, d.h. win sehen wie
ein Erzieher und Vaterersatz nach und nach sich
zurOckzieht, den ZOgling freigibt und die Rolle
des (nur noch) gleichberechtigten Partners Jbernimmt;
andererseits erleben wir wie zwei ansonsten
grundverschiedene Temperamente sich in einer
"gemeinsamen Denkungsart" begegnen, deren Grundelemente
"die Freude an der schOnen Welt und dos
Grauen vor dem BOsen, der Versuch, im Denken his
an dos Ausserste zu gelangen, und die Gelassenheit"
(S. 69o) sind.
Schliesslich ist es trbstlich zu sehen, da3 es
mOglich ist, ouch im hohen Alter (Jaspers stirbt
im Alter von 86 Jahren, Arendt ist 69 Jahre alt,
als sie 1975 stirbt) noch offen, lernbereit und
kreativ zu sein.
Hubert Hausemer 88 45 2 Hubert Hausemer Über Hannah Arendt Eine hierzulande wenig beachtete Denkerin Judentum Familie Luxemburg Buchbesprechung
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