Ferdinand Kerstiens, Michel Pauly
Als Pfarrer bei der "Kirche von unten"
Interview mit Pfarrer Dr. Ferdinand Kerstiens, Marl
forum: Pfarrer Kerstiens. der "Initiative Kirche von unten" (IKvu) wurde u.a. vom Präsidenten des "Zentralkomitees Deutscher Katholiken" vorgewor-fen, dass ihre Mitglieder sich nicht in die normale, alltägliche kirchliche Arbeit einbringen, dass sie ein christliches Gruppenleben neben der Kirche führen. Ich glaube, sie sind einer der lebendigen Beweise, dass das nicht stimmt: Sie sind Pfarrer i ...
forum: Pfarrer Kerstiens. der "Initiative Kirche von unten" (IKvu) wurde u.a. vom Präsidenten des "Zentralkomitees Deutscher Katholiken" vorgewor-fen, dass ihre Mitglieder sich nicht in die normale, alltägliche kirchliche Arbeit einbringen, dass sie ein christliches Gruppenleben neben der Kirche führen. Ich glaube, sie sind einer der lebendigen Beweise, dass das nicht stimmt: Sie sind Pfarrer in Marl (Ruhrgebiet). Was bedeutet es für Sie, Ortspfarrer einer normalen Terrotorialpfarrei zu sein und gleichzeitig zum Koordinationskreis der IKvu zu gehören?
F. Kerstiens: Ich sehe zwischen beiden Aufgaben überhaupt keinen Wider-spruch. Die Arbeit an einer offenen Pfarrgemeinde und die Arbeit mit
offenen Gruppen hängt ganz eng zusammen. Es sind ja viele Gruppen in der IKvu, die gerne in Gemeinden arbeiten wollten, die aber hinausge-drängt worden sind, well sie sich in der Friedensfrage, gegen Kernenergie, oder fur Kriegsdienstverweigerungoder
fur brtliche BUrgerinitiativen zum Schutz der Umwelt
engagiert haben und man das nicht in der Gemeinde
haben wollte. Kontakt mit diesen zu halten
und ihnen einen Kontakt mit der Kirche zu ermbglichen,
halte ich fur wichtig fur beide Seiten. Die
Kirche darf diese Gruppen nicht verlieren und diese
Gruppen sollten den Ort, an dem ihr evangeliumsgemasse
Engagement immer neue Ermutigung erfahren
sollte, nicht verlieren. Sonst kann es fur beide
Seiten schlimm ausgehen.
forum: Sic 6agten ebea: "man hat das nicht gewottt
in dub GCNIC-iHdC " , und deshatb uocaden
auppen acts den Gemeinden hinausgedAdngt. Wet ist
"man"? Die Ontispaiute4, pdeA die Mehkheit, die
schtiemtich auch Sasi/s Gibt es dann ni.chtKon,
gate an den_ basis, elle& aEs Kougate zwischen
IJas (c und Hienaicchie?
F.K.:Die Konflikte sind nicht das Problem. Es ist
nur die Frage, ob diese Konflikte auch christlich
ausgetragen werden, und nicht durch Macht.
Und da haben Sie sicher recht, dass nicht nur Pfarrer,
sondern auch gewisse Kreise, vielleicht tragende
Kreise das nicht haben wollte. Man hat mal
eine Pfarre folgendermassen beschreiben: Das ist
ein Pfarrer und Leute rundherum; wenn man auf die
Gemeinde trifft, trifft man nur auf RUcken. Wenn
das die Erfahrung ist, bleibt man natUrlich lieber
draussen. Auch dann hat Macht entschieden. Trotzdem
bleibt es vom Evangelium,vom Konzil, von der
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Syno_de her Auftrag der Christen, sich um den Frieden
zu bemUhen, ihn auch schon Wirklichkeit werden
zu lassen, ihn erfahrbar zu machen. Und deshalb
geht es nicht, um des lieben Friedens Willen
die Friedensfrage aus der Gemeinde herauszuhalten.
Das ist die Provokation des Evangeliums, der sich
alle, der Pfarrer, die tragenden Kreise, und diese
Gruppen stellen mUssen. Wenn sie darUber miteinander
ins Gesprach kommen, dann kann auch der Konflikt
inhaltlicher Art zwischen ihnen christlich
in der Gemeinde ausgetragen werden.
forum: Kann ich Sic, Nannen Ketztien,s, kook' et
(Itagen, wie Sie das in den, Gemeinde handhaben?
Wetche Rolle haben Sie aLs Natnet? (QLc
haben Ste days Neben- und Miteinandet zwei veuchiedenet
Mitiem bewetIntettigt?
F.K.: Das kann ich sehr genau festmachen an der
Entwicklung der Dritte-Welt-Arbeit in unserer
Pfarrei. Als ich vor gut lo Jahren in die Gemeinde
kam, war dort wie in vielen Pfarreien ein
Lepra-Kreis, der vor allem Decken hakelte und warme
Bekleidung fur die Leprakranken besorgte. Da ich
sehr starke Kontakte zu Brasilien habe und dort
1979 einenBesuch gemacht habe in der Hoffnung, von
der brasilianischen Kirche zu lernen, grUndete sich
in unserer Gemeinde ein Brasilien-Kreis, der eine
Partnerschaft mit Basisgemeinden in Brasilien versuchte.
Dieser Brasilien-Kreis war andern engagierten
Mitgliedern in der Pfarrei, auch im Pfarrat,
ein bisschen zu unUbersichtlich, in politischer
Hinsicht: Basisgemeinden, Theologie der Befreiung,.
und sie sagten, sie mbchten lieber Uber "Missio"
eine Priesterausbildung in Afrika unterstUtzen. Und
lange Zeit sah es so aus, als masse man, da man
sich beides nicht zumuten kdnne, eine Entscheidung
treffen zwischen beiden Projekten. Ich hielt das
fur vbllig falsch. Wenn sich fur die verschiedenen
Anliegen Tragergruppen finden, dann soil man ihnen
auch die Gelegenheit geben, das ihre in die Gemeinde
einzubringen. Daraufhin wurde dann auch ein
Tansania-Kreis gegrUndet und so sprachen wir jetzt
in unserer Gemeinde von unsern drei Dritte-Welt-
Projekten, was auch den Lepra-Kreis aufgewertet hat.
Und die drei Kreise vertragen sich sehr gut, auch
wenn sie je anders geartet sind, und sie versuchen,
die Anliegen, die zwischen Erster und Dritter Welt
existieren, durch Information der Gemeinde aufzufangen.
forum: Dtei Kneie zum Thema DAitte (Veit, das bedeutet
dock, dco Sic ein Mitatbeitetpotentiat
haben, dais 6ehn gno6 6cheint.
F.K.: Jeder Kreis zahlt etwa 8-12 Aktive. Wir dUrfen
auch nicht vergessen, dass es daneben einen
sehr starken Sozial-Kreis gibt am Ort. Wir Ubersehen
die Not hier nicht. Wir haben einen Behinderten-
Kreis, wo die Behinderten selbst den Kreis leiten,
mit Uber 2o Behinderten, die sich jede Woche zum
therapeutischen Schwimmen treffen. Wir haben zwei
eigene Wagen fur den Sozialkreis, fur die Behinderten,
fur die Arbeit mit den Asylanten und den Ansiedlern,
die wir mit bequemeren MbbelstUcken versorgen
als das Sozialamt. Wir haben auch dafUr einen Mitarbeiterkreis.
Aber das lauft ineinander Uber und
ich habe nie den Eindruck gehabt, dass, wenn eine
wichtige christliche Sache Platz greift, das auf
Kosten von andern geht, sondern dann werden auch
andere Krafte zusatzlich geweckt.
forum: Dcus bedeutet, da/s6 Sic eine 6eht tebendige
Gemeinde haben, claim nook vie& Men,schen KOHtakt
daze haben. Min 5 cheivnt, darn bei an y jene Leute,
"die nook zw't Kinche gehen", kaum nook aktiv
wenden.
taz
F.K.:Dazu zwei Bemerkungen:
1. In diesen Kreisen arbeiten auch Leute mit,
die wir sonntags nicht im Gottesdienst sehen. Fur
mich gehbren beide Dinge zusammen: soziale Arbeit
und Gottesdienst und Evangelium, andere sagen Evangelium
und soziale Arbeit, aber mit Gottesdienst
kann ich nichts anfangen,wieder andere sind im
Gottesdienst,aber arbeiten nicht in irgendeiner
Weise mit. Mir steht es nicht zu, Uber die Christlichkeit
der Mitarbeiter zu urteilen. Alle sind
willkommen, wenn sie das tun, was sie vom Evangelium
begriffen haben.
2. NatUrlich liegt unsere Pfarrei im Ruhrgebiet,
in einer sakularisierten Welt, in einer Neubausiedlung.
Die Mitglieder unserer Gemeinde arbeiten
fast nur bei zwei Grossbetrieben, in der
chemischen Industrie und in einer Zeche. Die Prozentzahl
liegt wie in vielen Grosstadten zwischen
lo und 25%, die sonntags in die Kirche gehen. Aber
ich denke nicht, dass das der einzige Indikator
einer christlichen Gemeinde ist.
forum: Wie machen Sie den Soang von den Themen,
wie hie Lck Gwen be im Kathotikentag von
unten 6tetEen, zu Ihtet konkteten. Gemeindeanbet?
Fnagen den theotogiischen Dikuimion etwa um die
Theaogie det BeTLeiung, wtken die bti3 in die
Gemeindeanbeit hinein °den bteiben die auk einen
intettektuaten Ebene, die kaum dahineinteicht?
F.K.: Ganz im Gegenteil! Mit dem Frauenarbeitskreis,
in dem wir uns monatlich zum Glaubensgesprach
treffen, habe ich Uber Fragen einer Bibelauslegung
im Sinne einer feministischen Theologie
diskutiert. Das Wort kennen sie kaum, aber die
Perspektive hat sie sehr fasziniert und wird von
den Frauen als befreiend empfunden. Die Gemeinde
weiss nun mein Engagement in der IKvu, sie weiss
nun mein Engagement um die Theologie der Befrei-
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ung und innerhalb der Friedensbewegung. Ich will
nicht mein Amt als Pfarrer missbrauchen,um den Fehler
nachzumachen, den manche meiner Kollegen machen,
dass ich meine Position absolut setze und
andere nicht hochkommen lasse. Ich mOchte alle
unterstUtzen, das zu tun, was sie vom Evangelium
verstanden haben. Und das gilt—TE gleichen Masse
fur die uberregionale Arbeit. Durch die vielen
Besuche in Lateinamerika habe ich eine andere
Hierarchie kennengelernt, die auf das Volk hOrt
und weiss, dass sie auch dort lernen kann, Bischbfe,
die sagen:, die Armen haben mich zu Jesus bekehrt.
Und ich denke eine solche Bekehrung muss
immer wieder stattfinden in der Kirche, auch fur
die, die ein Amt haben in der Kirche. Bei diesem
Prozess kOnnen mir viele erfahrene Notsituationen,
Selbsthilfegruppen, Menschen hier, die in Not sind
helfen, auch mir Theologen, das Evangelium besser
zu verstehen, und dies auch zu konkretisieren in
der gemeinsamen Arbeit.
forum: Wie weAden Sie von den Kottegen akzeptiett
bei diezek Akbeit?
F.K.: Ich bin direkt gewahltes Mitglied des Priesterrates
der DiOzese Munster. Es scheint also,
dass viele Priester in dem, was ich tue, sich
mal ihre Absichten wiedererkennen.
forum: SLe. haben Gtack in4o6ekn hteineken
Luxembcftg ate SachpLagen penzonatiziekt
wenden und ein 46enez Geotach dahm. 6eht
6chinJiefulg wad.
F.K.: Da kommt es aber sehr darauf an, dass auch
jene, die dhnliches denken, sich in Gruppen
zusammenschliessen, dass der einzelne nicht allein
gelassen wird, wenn es um Auseinandersetzungen
geht. Das habe ich auch aus der Praxis der Basisgemeinden
gelernt;dass man sich zusammenschliessen
muss, um Solidaritat zu Uben. Die Solidaritat muss
es auch unter engagierten Christen geben.
forum: Vieeen Dank, P6aluten. KeAtien6!
( Das Gespr"ach in Aachen fUhrte Michel Pauly.) 91 37 3 Michel Pauly Als Pfarrer bei der "Kirche von unten" Interview mit Pfarrer Dr. Ferdinand Kerstiens, Marl Pastorale Frieden Dritte Welt Deutschland Interview
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