Nico Konz, Gilbert Fettes, Fernand Bintner, B.G.
Einsamkeit hinter Mauern und Panzerglas
Strafgefangene schreiben
Die Tiefe der Einsamkeit, wie man sie spürt und fühlt, kann man nicht so ohne weiteres niederschreiben: Gefühle lassen sich noch nicht durch Pa-pier übermitteln.
Was einsam sein heisst, fühle ich nun bereits seit dreizehn Monaten. Tag für Tag erlebe ich sie aufs neue und Tag für Tag fühle ich die tiefe Bedeu-tung dieses Wortes.
Einsamkeit. Schon bei meiner Einlieferung hier ins G ...
Die Tiefe der Einsamkeit, wie man sie spürt und fühlt, kann man nicht so ohne weiteres niederschreiben: Gefühle lassen sich noch nicht durch Pa-pier übermitteln.
Was einsam sein heisst, fühle ich nun bereits seit dreizehn Monaten. Tag für Tag erlebe ich sie aufs neue und Tag für Tag fühle ich die tiefe Bedeu-tung dieses Wortes.
Einsamkeit. Schon bei meiner Einlieferung hier ins Gefängnis spürte ich den gewissen Hauch von Bedrückung und Niedergeschlagenheit. Diese unge-wohnte Stille auf den breiten Fluren mit ihren grellen Neonlichtern, trieben mir das Gefühl des ALLEINSEINS wie einen Fausthieb in den Magen. Dann,
allein in einer Zelle, wieder das grelle Licht an der Decke, wieder nackte und kahle Wände vermischt mit etwas Holz, und ein weisser Klo an einer
weissen Mauer: das ist dos ZUHAUSE fOr die
nachsten Tage, Monate und Jahre.
Ein GefOhl von Hass kommt auf, dos Weiss ekelt
dich an: die erste Einsamkeit und der erste Hass
haben Wurzeln geschlagen. Jedenfalls bei mir.
Jeder der hier lebt, lebt mehr in der Vergangenheit
als in der wirklichen Gegenwart. Auch gibt es
solche,die leben in der Zukunft; sie traumen,u m
ihrem Dasein zu entfliehen,und je mehr sie sich
ihren Traumen hingeben„desto mehr verlieren sie den
Sinn fOr dos Reale. Das einzige, was sie ab und zu
aufrOttelyst Post. Ein Brief oder sonst eine
Neuigkeit von Aussen bewirktj dass Vergangenes
gegenwartig wird. Ob gute oder schlechte Nachrichten,
spielt keine Rolle - sie erinnern an diese
Mauern.
Meine kleine Nichte schrieb mir mal: "Auch wenn
ich dich nicht kenne, ich hab dich lieb." SIE,
sie ist erst neun, und jedesmal wenn ich diesen
Satz wieder lese,spielen meine GefOhle verrOckt.
Ich fOhle mich noch einsamer und dann wieder
nicht usw., und der Hass wird starker, genauso der
Dranmit irgend jemandem sprechen zu kbnnen, sprechen
uber egal was, sprechenjum abzule nken: aber
die, mit denen du sprechen kbnntest, kotzen dich
an. Also redet man auf Papier, man schreibt die
Einsamkeit auf und schmeisst sie dann in den Mulleimer
oder man qualt andere Menschen damit.
Neulich ist mir bewusst geworden) wie einsam ich
eigentlich bin, oder wurde.
Ich bekam einen Brief von einem Madchenj das einen
Federkrieg mit mir austragen wollte. All meine
Antwort bestand aus Worten Uber Kummer und Sorgen:
Ihr schrieb ich,was ich nicht anders los wurde.
GlJubig aber nicht kirchlich eingestellt.
In Momenten allerdings, wo die Einsamkeit mich innerlich
zu erdrOcken droht, da ertappe ich mich
oft selbst, doss ich dabei bin,mit einem zu reden.
Ich stelle ihm die Frage, warum ich? Weshalb Lust
du mir dos an? Warum host du gerade mich ausge-
Wahlt? Jo, ich rede des Ofteren innerlich mit jemandem.
Aber mit wem? Etwa mit Gott? Ich weiss es
nicht, denn alle meine Fragen bleiben unbeantwortet.
Aber trotzdem, immer wiede5wenn mich das
GefOhl der Einsamkeit Oberkommt, rede ich wieder
mit "ihm". Ich merke daran, doss die Einsamkeit
aus mir einen anderen Menschen macht, mich anders
handeln lasst, als ich dos eigentlich von mir erwarte.
Ich besitze eine Bibel und ouch die nehm ich in
den Momenten der Einsamkeit zur Hand. Ich lese
dann darin, aber warum tu ich dos eigentlich?
Steckt etwa doch der Glaube an Gott in mir, der
aber erst in der Einsamkeit zum Vorschein kommt??
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DOSSIER
Ober die Einsamkeit, kOnnt' ich, der sie oft miterlebt,
wohl noch einige Seiten beschreiben. Dies
aber mOchte ich nicht.
Nur noch Folgendes. Man kann Bucher und Bucher
Ober die Einsamkeit schreiben, aber trotzdem wird
es nie einem gelingen, dass er einem anderen Menschen
richtig erklaren kann, was Einsamkeit ist.
GefOhle, die lassen sich nun mal nicht erklaren
oder beschreiben. Man muss sie erleben, man muss
sie fOhlen, um verstehen zu kOnnen, was Einsamkeit
fur einen Menschen, der denkt und fOhlt, bedeutet.
Einsamkeit, ich seh dich als ein KrebsgeschwOr an.
Ich bekampfe dich, selbst wenn das im Moment noch
erfolglos zu sein scheint. Eines Tages aber, werde
ich diese Mauern und damit auch dich verlassen.
Es mag dir moglicherweise paradox erscheinen,
aber ich schwOre dir, du warst gut. Du hast mich
vieles gelehrt, denn durch dich werde ich nie mehr
hierher zurOckkommen. Du, du wirst mich nicht mehr
zu erdrOcken versuchen. Du nicht.
B.G. ein Strafgefangener *
Ein einsamer Mensch wird meistens von seinen Mitmenschen
missverstanden, ist jedoch mit einer
grossen Fantasie versehen,und wenn er anders denkt
sowie auch eine andere Lebensweise gewahlt hat,
wird er von unserer Gesellschaft abgesondert:
wird als nicht NORMAL eingestuft.
Viele Leute fOrchten sich hiervor, genauso wie sie
sich davor fOrchten,einsam zu sein und deshalb leben
sie so,wie sie es von der Gesellschaft eingepragt
bekommen; ohne aber weiter Ober diese ihre
Lebensweise nachzudenken.
Manche werden auch dazu verdammt,einsam zu sein,
sei es durch ihr Orperliches Aussehen, sei es
durch Krankheit oder ganz einfach nurmentalitatsbedingt.
Aber auch die Einsamsten leben in ihrer eigenen
Welt, in ihren eigenen vier Wanden, wie sie wollen,
und versuchen ihren Stolz zu bewahren.
Viele aber wahlen die Einsamkeit direkt, weil sie
sich in unserer auf Leistung getrimmten Gesellschaft
angstigen und nicht verstanden fallen. Die
Einsamen haben jedoch ein starkes GefOhlsleben
und sind deshalb vielleicht sogar auch glUcklicher
als manche Menschen, bei denen GefOhle durch den
Alltag abgestumpft sind und praktisch blind durchs
Leben wandern.
Doch dieses GlOcklichsein fordert einen sehr hohen
Preis, denn mit der Zeit stumpft Einsamkeit Menschen
ab, man wird wirklichkeitsfremd und verfallt
in Depressionen; sogar Selbstmordgedanken kommen
auf.
Als Ausweg wOrde ich vorschlagen, dass die Menschen
sich mehr Gedanken Ober die UrsprOnge der
Einsamkeit machen sollten. Dass die Menschheit
wieder mitfOhlender wird gegenOber jenen,welche
sich isolieren.
Kein Mensch isoliert sich ohne Grund, etwas bewegt
ihn immer zu solch einem Schritt; und dieses Etwas
heisst es herauszufinden und zu verstehen versuchen.
Fernand Bintner
*
Eigentlich hat dieses Thema mich nie so richtig
angesprochen. Ich lebte, und zwar ohne mich mit
solchen Fragen abzumOhen... Dass ich heute nun
trotzdem einige Zeilen darOber schreibe, ergibt
sich aus dem alleinigen Grund, dass ich mich um so
einsamer fOhle, je mehr ich Ober das Alleinsein
nachdenke.
Warum?
Ich glaube nicht,dass, um dies zu beantworten,
viel Psychologie erforderlich ist:
"Ich fale mich um so einsamer, je mehr ich dariiber
gribele."
Ist es also die negative Gedankenwelle, der ich
dieses Alleinsein verdanke!
Nach welchen Kriterien ware sonstfwohl zu urteilen?
Vor Zeiten noch gab ich allen nur erdenklichen
Ursachen die Schuld. Heute aber - nach bereits
mehr als sechs Jahren Haft, nach langen Perioden
totaler Isolierung, sehe ich das Thema Einsamkeit
von einer ganz anderen Seite.
Der Mangel an menschlichen Kontakten, an Beziehungen
von Du zu Du, hat sich auf mein tiefstes
Innere positiv ausgeObt. Positiv in dem Sinne,
dass ich genOtigt war, mich mit mir selbst zu beschaftigen,
mich so zu sehen,wie ich wirklich bin
und nicht so wie ich mich sehen mbchte.
Allerdings, und dies scheint mir wichtig, hat
diese Zeit der Abgeschiedenheit und des Inmichgehens
auch negative Aspekte. Je mehr ich mich mit
mit selber beschaftige - umso schwerer fallt es
mir, die breite Masse der BevOlkerung so zu akzeptieren,
wie sie sich in WidersprOchen verfangt,
WidersprOche,die sie einerseits als Moral und
Gesetz auslegt,um andererseits gegen jede Prinzipien
derer zu handeln.
In meinem Alleinsein habe ich gelernt,mir Richtlinien
und Normen zu stellen, und ich habe gelernt,
an diesen festzuhalten. Auch habe ich mir angeeignet)
das zu halten was ich mir selbst und anderen
versprochen habe.
Kann die Masse dies? Nein ! Nicht einmal das
Ensemble derer, die sie anfOhrt.
Gilbert Fettes
Publik-Forum 31/5/85
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Luxem:iurg
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einsam auBerhalb der landschaft
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verlorene
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verlogene
sehnsucht
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sprache
sprache
kindheit
vertrautheit
nach fremde
nach flucht
sehnsucht nach zweisam
dreisam...
pia burggraff
Ich schreibe Ober die Einsamkeit mit einem inneren
bitteren GefOhl; ich habe sie zu GenOge des
Ofteren erlebt, als Jugendlicher in einem Heim,
als Drogenabhangiger in einer fremden Millionenstadt,
aber abermals muss ich mit der Einsamkeit
kampfen als Strafgefangener im Gefangnis!
WAS IST EINSAMKEIT (?!)
Der Mensch steht der LOsung dieser einen und immer
gleichen Frage gegenOber, der Frage,wie die Einsamkeit,
die Getrenntheit Oberwunden, wie man das
eigene individuelle Leben transzendieren und eins
werden Kann. Die Frage 1st immer die gleiche,
denn sie entspringt dem gleichen Boden; der menschlichen
Situation, den Bedingungen der menschlichen
Existenz. Der Mensch ist mit Vernunft begabt, es
ist das Leben das sich seiner selbst bewusst ist.
Er ist sich seiner selbst, seiner Mitmenschen,
seiner Vergangenheit und der MOglichkeit seiner
Zukunft bewusst. Dieses Bewusstsein seines gesonderten
Daseins, das Bewusstsein seiner eigenen
kurzen Lebensspanne und der Tatsache, dass er
ohne semen Willen geboren ist und gegen semen
Willen sterben wird, dos Bewusstsein seiner EINSAMKEIT
und Getrenntheit, seiner Hilflosigkeit
gegenOber den Kraften der Natur und der Gesellschaft,
das alles lasst seine besondere und abgetrennte
Existenz zu einem unertraglichen Gefangnis
werden!
FOr den Menschelst es also eine Notwendigkeit,den
Kerker seiner Einsamkeit zu verlassen. Das vbllige
Versagen bei der Errreichung dieses Zieles bedeutet
Wahnsinn, weil dos panische Entsetzen vor der
vollstandigen Isolierung nur durch ein derart
radikales ZurOckziehen von der Umwelt Oberwunden
werden kann, doss das GefOhl der Getrenntheit verschwindet,
well die Umwelt von der man getrennt
ist,verschwunden ist. Ausserhalb dieser StrafanstaIt
wOrde man wohl sagen; der ist dem Wahnsinn
verfallen, wOrde jemand mich sehen oder gar hOren,
wie ich mit SHIVA rede, Shiva ist mein Vogel. Eine
kleine 4 Monate alte "Peruche". Taglich rede ich
zirka 4 Stunden mit ihr. Sie versteht mich, ich
verstehe sie (wer versteht uns ???), somit lose
ich also die Einsamkeit durch die Liebe zu einem
Tier, ein primitives ZurLick zur Natur.
Dies kann auf die lange Dauer jedoch nicht standhalten,
denn es entsteht die Notwendigkeit,die
eigene Abgesondertheit auf andere Weise zu Oberwinden.
In meiner naheren Umgebung tut man dies durch
fernsehen, Karten spielen, knobeln, Musik hbren
usw. Durch diese oder jene Tatigkeit entsteht ein
Kontakt zu seinem Nachsten,durch den man zeitwei
lig die Einsamkeit Oberwinden kann. Ich selbst
habe bewusst keinen Fernseher in meiner Zelle, da
dieser Apparat sicherlich meine Einsamkeit nor
noch vergrOssern wOrde. Ausser einigen Informationen
und Zeitvertreib bringt er mir nichts als abgetrennt
sein von meinen Mitmenschen, und hierdurch
Isolierung.
Ein Mensch findet viele MOglichkeiten der Einsamkeit
zu entfliehen. Zur Erreichung dieses Zieles
habe ich in einer Gross-Stadt (damals noch unbewusst)
mit Hilfe von Drogen dieses Problem gelbst.
Durch die Einnahme von Heroin, in einem vorObergehenden
Stadium der Extase resp. Euphorie verschwindet
die Umwelt, und damit auch die Getrenntheit
von ihr. Langsam wachst dann jedoch die Spannung
der Angst wieder, so dass sie durch die Wiederholung
der Einnahme von Drogen wieder vermindert
wird. Heute kann ich objektiv auf meine Vergangenheit
als Drogenabhangiger zurOck_blicken. Eine
Lebenserfahrung,die mir niemand streitig machen
kann, welche ich jedoch nicht missen mOchte, aber
in keinem Falle weiterempfehle. Was ich daraus
lernte, ist der Weg, diese Abhangigkeit zu vermeiden.
- DIE EINSAMKEIT IST DIE QUELLE DER ANGST -
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