forum-Redaktion, Robert Goebbels
Man braucht auch Zuhörer
Interview mit Staatssekretär Robert Goebbels (LSAP)
forum: Alle drei traditionellen Parteien haben
Stimmen verloren. Worauf ist das zurückzuführen?
R. Goebbels: Erstens müssen rein arithmetisch die
größeren Parteien bei dieser Vielzahl von Kandidatenlisten
Prozente verlieren. Zweitens leben wir in
einer Gesellschaft, in der es den Leuten gut geht, so
daß Einzelprobleme für viele Bürger eine größere
Bedeutung erhalten als die Ge ...
forum: Alle drei traditionellen Parteien haben
Stimmen verloren. Worauf ist das zurückzuführen?
R. Goebbels: Erstens müssen rein arithmetisch die
größeren Parteien bei dieser Vielzahl von Kandidatenlisten
Prozente verlieren. Zweitens leben wir in
einer Gesellschaft, in der es den Leuten gut geht, so
daß Einzelprobleme für viele Bürger eine größere
Bedeutung erhalten als die Gesamtproblematik. Das
ist eindeutig in der 5/6-Frage. Gefordert wird nur, daß
die Renten erhöht werden, ohne daß die Modalitäten
der Rentenfinanzierung durchdiskutiert werden. Das
wird auch bei den grünen Listen deutlich. Auch die
Umweltprobleme sind nicht mit billigen Slogans zu
lösen. Auch hier müssen wirtschaftliche Zusammenhänge
beachtet werden. Man kann zwar gegen eine
Bitumenfabrik demonstrieren, aber womit sollen
dann Radpisten gebaut werden? Auch hier haben die
traditionellen Parteien nüanciertere Antworten
bereit, die allerdings nicht immer leicht zu vermitteln
sind, so daß viele Bürger sich oft von simplistischen
Ideen irreleiten lassen.
forum: Haben die traditionellen Parteien sich nicht
auch ein Thema aufdrängen lassen und es nicht fertig
gebracht diesen Themenmonolithismus zu
brechen?
R. Goebbels: Das stimmt. Aber wie wollen Sie ein
Thema brechen, das immer wieder vom Wähler gestellt
wird, z. B. in unsern Wahlversammlungen?
Sicher stellt man dabei auch große Informationsmängel
fest etwa über die Voraussetzungen, die auf
bessere Renten Anspruch geben, z. B. über den Zusammenhang
von Kotisationen, d. h. Löhnen, und
späteren Renten. Die traditionellen Parteien hatten
ohne Zweifel Schwierigkeiten, gegen simplistische
Slogans anzukämpfen.
forum: Besteht nicht die Gefahr, daß zusätzliche Ein-
Thema-Parteien entstehen?
R. Goebbels: Davon bin ich überzeugt. In andern
Staaten gab es schon Anti-Steuern-Parteien oder Automobilisten-
Parteien. Es gibt in der Hauptstadt Geschäftsleute,
die von einer Parkplatz-Partei träumen.
Damit müssen wir leben. Unser Wahlsystem erlaubt
auch ziemlich schnell den Gewinn eines Sitzes.
forum: Die Deutschen haben damit ja ihre Erfahrung
vor 60-70 Jahren gemacht. Doch für die Zukunft:
müssen die traditionellen Parteien, die eine globale
Vorstellung von Politik haben, nicht darüber nachdenken,
wie sie dem Bürger wieder eine politische
Kultur vermitteln wollen, die ihm erlaubt, nicht auf
billige Slogans hereinzufallen? Genügt es zu sagen:
damit müssen wir leben?
R. Goebbels: Es genügt nicht eine gute Informationspolitik
zu betreiben. Man muß auch noch Zuhörer
finden. Es steht fest, daß viele Bürger nicht an politischen
Themen interessiert sind. Viele sagen, die
Parteien seien Speck und Schweinefleisch, d. h. die
Unterschiede zwischen den Parteiprogrammen
werden nicht zur Kenntnis genommen. Wir leben in
einer Gesellschaft ohne allzu krasse Ungleichheiten,
wo es durchwegs jedem gut geht. Das ist unser Glück,
aber für die Parteien ein Problem, weil sie nicht so
leicht Alternativen formulieren können. Solange es
klare Alternativen gab, wie für oder gegen die Liberalisierung
des Schwangerschaftsabbruchs oder der
Scheidung, für oder wider die Todesstrafe, solange
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war die Entscheidung einfach. Heute sind diese Pr o- daß es sehr schwer ist, die Problemstellung nach
bleme gelöst. Heute geht es vorrangig um Wirt- außen zu artikulieren und die Unterschiede zwischen
schaftspolitik, Sozialpolitik, Finanzpolitik, und in den Parteien zu verdeutlichen.
diesen Bereichen sind die Fragen oft so technisch, Es gibt in der
Hauptstadt
Geschäftsleute,
die von
einer
Parkplatz-
Partei
träumen. 113 15 2 Robert Goebbels Man braucht auch Zuhörer Interview mit dem Staatssekretär Robert Goebbels (LSAP) Politik Parteien Wahlen Luxemburg Interview
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