"Zwischen zwei Feuern"
Situation der Menschenrechte in Peru
Franz Marcus vermittelte uns einen langen Beitrag von Max Elmiger aus Lima, der in der peruanischen
Menschenrechtsbewegung engagiert ist. Da seine Situationsbeschreibung sich weitgehend mit
der Buchbesprechung (siehe: Un sentier sanglant) deckt, haben wir den ersten Teil stark gekürzt, um
so den Akzent stärker auf die Anstrengungen zur Verteidigung der Menschenrechte zu legen.
In den let ...
Franz Marcus vermittelte uns einen langen Beitrag von Max Elmiger aus Lima, der in der peruanischen
Menschenrechtsbewegung engagiert ist. Da seine Situationsbeschreibung sich weitgehend mit
der Buchbesprechung (siehe: Un sentier sanglant) deckt, haben wir den ersten Teil stark gekürzt, um
so den Akzent stärker auf die Anstrengungen zur Verteidigung der Menschenrechte zu legen.
In den letzten sieben Jahren hat Amnesty International
das Verschwinden von mehr als 3.000 Gefangenen
in der Verfügungsgewalt der Regierung dokumentiert
(1). Eine mindestens gleich hohe Zahl von
Menschen hat das Leben verloren in massiven Exekutionen
und selektiven Morden durch die bewaffneten
Regierungskräfte. Die Folter - eingeschlossen die
Vergewaltigung -, die Verschleppung und die von der
Regierung ermächtigten Morde kamen zusammen
mit der ausgedehnten Gewalt der bewaffneten
Gruppen der Opposition, welche ein Klima des
Terrors in weiten Landesteilen säen möchten. (...)
"Zwischen zwei Feuern" betitelt Amnes ty International
seinen aufseherregenden Bericht ü ber die Menschenrechts-
Situation in Peru. Das trifft vor allem auf
die verzweifelte Lage vieler einfacher peruanischer
Bauern zu. In den Departementen, wo das Ausnahmerecht
gilt und welche unter Militärverwaltung
stehen, herrscht ein schmutziger Krieg, seit Jahren
schon.
Die Menschen leiden unter dem brutalen Terror der
Subversion und der oft noch brutaleren Repression
der Ordnungskräfte. Die Menschenrechte werden
kaum beachtet:
Das Ziel von "Sendero luminoso" (im folgenden =
SL) ist es, "befreite Zonen" zu errichten, wo sie uneingeschränkt
herrschen können. Alles wird zerstört,
was Gemeindestrukturen oder Volksorganisationen
sind, deren "revisionistischen" Vertreter werden umgebracht.
Von der Bevölkerung wird Kollaboration
verlangt; in den Schulen werden häufig Jugendliche
zwangsrekrutiert.
- Offizielles Ziel des Militärs ist es, die Subversion
zu bekämpfen. In den Ausnahmerechtsgebieten ist
zum vornherein jeder verdächtig. Das Militär dringt
willkürlich in die abgelegenen Dörfer ein, plündert,
vergewaltigt, verhaftet, verschleppt und erschießt außergerichtlich
exemplarisch "Subversive". Es ist kein
Gerichtsfall bekannt, wo ein verantwortlicher Militär
deswegen verurteilt worden wäre. Alle Greueltaten
geschehen unter dem Vorwand., die Heimat vor Kommunismus
und Subversion zu schützen. Diese
schlußendlich ausbeuterische Praxis ist natürlich
wiederum der Nährboden für Gruppen wie SL oder
MRTA.
Die "Menschenrechte in Peru"' ist ein undurchsichtiges
Kapitel. Einige Aspekte können wir "beschreiben",
all dem nachzufühlen ist unmöglich. Ebenfalls
schwierig ist eine Situationsanalyse. Die meisten
Menschenrechts-Verletzungen passieren in den Notstandsgebieten,
wo die Menschenrechte praktisch
außer Kraft gesetzt sind. Auch die Informationsbeschaffung
ist dementsprechend nicht sehr einfach
und wird offensichtlich behindert. Mißbräuche des
Militärs finden kaum den Weg in die Medien.
1. Einige Zahlen zur latenten strukturellen und
politischen-Gewalt (4)
Die lange geschichtliche Erfahrung mit der Gewalt
und Unterdrückung und der aktuelle Rahmen der latenten
strukturellen Gewalt gilt es zu beachten, wenn
wir von den Menschenrechten reden.
Gesundheit: allgemeine Sterblichkeitsrate: 11 pro
1.000 Einwohnerinnen
Sterblichkeitsrate bei Geburten: 30 pro 1.000 Ein-
40 forum nr 119
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Kindersterblichkeit unter 1 Jahr 105 pro 1.000, liegt
einiges höher in der Sierra, mit allgemein steigender
Tendenz
11 von 100 Müttern, welche bei der Entbindung statistisch
erfaßt werden, sind tuberkulös.
- Ernährung: Jedes zweite Kind unter sechs Jahren
weist einen gewissen Grad an Fehl- und Unterernährung
auf.
Häufigste Todesursache der Kinder zwischen 1-5
Jahren im Kinderspital in Lima ist Unterernährung..
- Bildung: Analphabeten: 17%, davon 70% Frauen
Nur etwa 50% hat Primärschulunterricht abgeschlossen,
15% Sekundarschule und 3% höhere Ausbildung.
- Wohnsituation: Intima leben ca. 8 Mio. Einwohner
mit der Infrastruktur, welche schätzungsweise für
2 Mio. ausreichen würde. In der Großstadt wachsen
Probleme wie Promiskuität und Delinquenz, Alkoholismus
und Drogenabhängigkeit, Machismus und
Verwahrlosung.
- Wirtschaft:: Im Jahre 1989 litt Peru unter einer
starken Rezession und unter einer Inflationsrate von
2,.775%.
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- Einige Zahlen zur politischen Gewalt (5)
Total der terroristischen Attentate in Peru im Jahre
89:
2.177; davon ca. drei Viertel von SL begangen und
67% in städtischen Gebieten.
Total der Todesopfer im Jahre 89:
3.198 Personen, davon 1.450 Zivile (u.a. 144 Autoritäten,
darunter 52 Bürgermeister)
1251 vermutliche Terroristen/Subversive
348 Ordnungskräfte
149 Drogenhändler
Verschwundene, genügend dokumentierte Fälle im
Jahre 89:
441; davon wurden 93 Personen befreit. Peru hält in
diesem Kapitel den Weltrekord mit 2.099 Verschwundenen
in den letzten sechs Jahren. Meist
handelt es sich um außergerichtliche Verhaftete,
welche sich in geheimen Gefängnissen des Militärs
befinden und für immer verschollen bleiben (6).
2. Die politische Gewalt und Menschenrechts-
Verletzungen im Jahre 1989.
Das Jahr 1989 war das gewalttätigste seit 1984. Am
meisten zivile Opfer hatte Peru im Monat Dezember
zu beklagen: 184, meist von SL umgebracht, oft einfache
Bauern, aber auch vielfach erst im November
gewählte Dorf- und Gemeindeautoritäten (7). In
Pallqa, Provinz Huancasancos wurden elf Bauern aus
dem einzigen Grund umgebracht, weil sie an den Gemeindewahlen
teilgenommen hatten.
Es gab 136 Attentate: 84 in der Sierra, 22 in Lima;
99 von SL,' 10 von MRTA, ein von der rechtsgerichteten,
Todesschwadron-ähnlichen Gruppierung
" C omando Rodrigo Franco" und drei von Drogenhändlem
begangen (8).
Auf dem Gebiet der Subversionsbekämpfung gab die
Regierung dem Drängen der Rechten nach, um aufzurüsten
und die Ordnungskräfte besser für die Antisubversion
auszurasten. Auf der gleichen Ebene liegt
die Übergabe von Waffen an die Zivilverteidigungskomitees
des Apurimac-Tales: Zivilisten sollen in
die bewaffneten Konfrontationen miteinbezogen
werden. Diese [Maßnahme ist sehr umstritten und
zeigt die Hilflosigkeit der Regierung, der herrschenden
politischen Gewalt eine ganzheitliche Antwort
gegenüberzustellen. Zudem handelt es sich im Falle
des Apurimac-Tales eher um eine Art Todesschwadron,
die aufgebaut werden wird. Von der Regierung
werden im Moment Erfolgsmeldungen benötigt. (...)
4. Peru nicht nur zwischen zwei Feuern...
A.I. hat viel Kritik von seiten der APRA-Regierung
und vor allem von seiten des Militärs auf sich
gezogen, weil es in seinem Bericht die Regierung und
die Ordnungskräfte mehr kritisiert als die Subversion.
Einen Ausnahmezustand durchzusetzen, verlange
außergewöhnliche Maßnahmen, argumentiert
das Militär. Die Menschenrechte gelten jedoch auch
in solchen zugegeben schwierigen Situationen.
Die Menschenrechts-Lage in Peru ist schwer einzuschätzen.
Objektive Informationen sind nicht einfach
zu erhalten. Aber im Erscheinungsbild sind einige
Punkte klar: '_
SL und das Militär haben einen gemeinsamen
Gegner die demokratisch organisierten, weit verbreiteten
Basis- und Volksorganisationen (von den
Gewerkschaften über die Volksküchen zu den Frauapril
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oder weniger blind i Auftrag zu "rVerteidigung"
des Landes.
engruppen und den kirchlichen Organisationen). Für
den links-faschistischen SL sind es vom Imperialismus
gesteuerte, anti-revolutionäre Revionisten; für
die Militärs sind es - wenn nicht gerade Kommunisten
- mindestens Verdächtige und ein Risiko für die
nationale Sicherheit. Zwischen eben diesem
Hammer und Ambos stehen gleichfalls die Parteien
des linken Spektrums.
- SL tötet mehr oder weniger gezielt im Namen ihrer
sektiererisch-fanatischen Strategie; das Militär mehr
- In den Kriegsrechtsgebieten haust das Militär wie
eine Kolonialmacht und saugt die Bauern aus. SL erscheint
oft als kleineres Übel (11). In diesen Zonen
stehen die Bauern wirklich zwischen zwei Feuern.
Vor allem junge Männer und Jugendliche, welche zu
den meist gefährdesten gehören, emigrieren deswe
gen in die Städte, hauptsächlich nach Lima.
- Diese "spektakulär-brutale" Seite der Menschenrechtsverletzungen
darf aber nicht darüber hinwegtäuschen,
daß Menschenrechte allgemein ein Luxus
geworden sind in dem katastrophalen wirtschaftlichen
Rahmen. Vor allem die Kinder und Frauen sind
in ihren Rechten und in ihrer Würde besonders verletzlich
und gefährdet. Das alltägliche Elend fordert
unter diesen Gruppen täglich weit mehr (stille) Opfer
als durch den Terrorisrnus oder die Repression. Die
Schwächsten der Gesellschaft müssen mehr und
mehr durch dieses Feuer hindurch. Auch nur eine
Linderung, geschweige denn eine Veränderung, ist
kaum abzusehen.
Auf diesem düsteren Hintergrund möchten wir einige
positive Ansätze in der Verteidigung der Menschenrechte
darstellen.
Einige Hoffnungsschimmer in der Verteidigung der
Menschenrechte
Mit der
praktischen
Arbeit ist
jeweils auch
ein wichtiger
Bewußtseinsprozeß
verbunden.
1. Volks- und Basisorganisationen
Es würde zu weit führen, alle Organisationen des
Volkes aufzuzählen, welche sich von der Basis her
organisieren und definieren und in zum Teil sehr konkreter
Arbeit ihren Beitrag leisten zum Aufbau einer
reifen und demokratischen Gesellschaft. Mehr und
mehr entwickeln sich darin die Frauen als Protagonistinnen
im Überlebenskampf und in der Verteidigung
des Lebens und der Menschenwürde. "Vaso de
leche" (gemeinsame Milchküche), "Comedores"
(Volksküchen) und verschiedenste Kooperativen
werden von Frauen und Familienmüttern getragen.
Mit der praktischen Arbeit ist jeweils auch ein wichtiger
Bewußtseinsprozeß verbunden. In diesen
Volksorganisationen werden grundsätzliche Menschenrechte
verteidigt und die persönliche Menschenwürde
gestärkt.
.2. Einige Organisationen in der spezifischen Menschenrechtsarbeit
- FEDEFAM (Federacidn Latinoamericana de Asociaciones
de Familiares de Detenidos-Desaparecidos),
Dachverband von Angehörigen von Verhafteten/
Verschwundenen, vertritt Organisationen in vierzehn
Ländern Lateinamerikas. Er beschäftigte sich
im letzten Kongress am 2. Dezember 1989 vor allem
mit der Straflosigkeit. FEDEFAM setzte folgende
Schwerpunkte:
* darauf beharren, daß die Vereinten Nationen
die Konvention gegen das gewaltsame Verschwindenlassen
von Personen annehmen;
* darauf hinarbeiten, daß in jedem Land dieses
Delikt gesetzlich verfolgt wird;
* planen und dafür werben, daß 1990 als Jahr
gegen die Straflosigkeit deklariert würde;
* "Netz für das Leben" (Red por la Vida) als
Präventionsmaßnahme gegen jegliche Repression
und zur Verteidigung der Opfer, indem alle
möglichst beweglichen Kommunikationskanäle
angeregt würden, um das Leben zu verteidigen.
- IDL (Instituto de Defensa Legal),. unabhängiges
Rechtshilfeinstitut, das auch regelmäßig über die Situation
der Menschenrechte informiert und Kurse in
ganz Peru veranstaltet. Ein Schwerpunkt stellt die Erziehung
in den Menschenrechten dar. IDL versucht
auch, die breite Tradition der freiheitlich-demokratischen
Basisorganisationen zu stärken und Bewußtseinsbildung
in Menschenrechten zu betreiben.
- Es gibt auch staatliche Menschenrechtsbeobachter.
Laut Verfassung sollten die Staatsanwälte unter Aufsicht
des Oeffentlichkeitsministeriums über die Menschenrechte
wachen. Ihre Tätigkeit wird aber oft behindert.
In den Notstandszonen sind Fälle von Drohungen
und Mordfälle bekannt, begangen von
paramilitärischen Gruppen.
111nMIIIIn1
3. Kirche und Menschenrechte
Wenn es eine Institution gibt, die bei den Peruanern
noch einigermassen Vertrauen genießt, dann ist dies
die Kirche. Im mehrheitlich katholischen Peru hat die
Kirche ein gewisses moralisches Gewicht, das nicht
zu unterschätzen ist. Die offizielle Kirche versucht
11.111.13111113
42 forum nr 119
dossier
zu vermitteln und Kriterien aufzustellen, zum Beispiel
für den demokratischen Prozess der Wahlen. Im
Dokument der Peruanischen Bischofskonferenz vom
April 1989 "Perû, escoge la vida" (Peru, wähle das
Leben) äußerten sich die Bischöfe zwar zur herrschenden
Krise und zu den meisten Menschrenrechts-
Verletzungen. Aber es handelt sich mehrheitlich
um moralisches Appellieren an alle und weniger
um ein Denunzieren der konkret Verantwortlichen.
Neben der ökonomischen Moral, dem Respekt vor
dem Leben und der Wahrheit, der Solidarität und den
Verpflichtungen als Bürger, wird auf gleicher Ebene
die Familien- und Sexualmoral behandelt, in einer oft
allzu individuell-ethischen Sicht. Die Diagnose fällt
dann auch etwas dürftig aus: "Schon in einer früheren
Erklärung im vergangenen Jahr haben wir betont, daß
die Wurzel der aktuellen sozio-ökonomischen und
politischen Krise eine moralische ist. Wir haben
ebenfalls betont, daß sich diese Krise nicht auf einige
Personen oder Institutionen beschränkt, sondern das
ganze soziale Gefüge betrifft. Solange es keine allgemeine
moralische Umkehr gibt, gibt es keinen
Ausweg aus der Krise. Gleichfalls haben wir
gewarnt, daß sich hinter der moralischen Krise eine
religiöse versteckt." (12) - Der Sprachgebrauch einer
"strukturellen Sünde" oder "strukturellen Gewalt"
liegt diesem Dokument fern und kann demzufolge
viele latente Probleme gar nicht klar denunzieren.
Umgekehrt leisten die beiden Kommissionen CEAS
und CEAPAZ gute, konkrete Menschenrechts-
Arbeit. CEAS (Comisiôn Episcopal de Acci6n
Social) betreut die Gründung und Ausbildung von
Menschenrecht-Gruppierungen, die in Pfarreien in
ganz Peru am Wachsen sind, und weist u.a. auch
einen Rechtsberatungsdienst auf. Vor allem bei
durch die Repression gefährdeten kirchlichen Mitarbeitern
und Laien hat CEAS einige Druckmöglichkeiten.
CEAPAZ (Centro de Estudios y Acciôn para
la Paz) unterhält ebenfalls einen Beratungsdienst und
gibt Materialien zur Promotion der Menschenrecht-
Arbeit heraus. Sie ist sehr unabhängig, wenn ihr Präsident
auch Bischof Luciano Metzinger ist. Ihr Ziel
ist es, den Frieden zu fördern als Frucht der Gerechtigkeit
und eine "Kultur des Lebens" zu bekräftigen,
welche auf den Menschenrechten beruht.
Die kirchliche Basis ist sehr vielfältig und vielschichtig
organisiert in den verschiedenen Bewegungen. Es
ist aber sowohl in der Basis wie in der Hierarchie eine
gewisse fundamentalistische Tendenz und ein deutlicher
Rechtsdruck spürbar.
Trotzdem: Die Kirche hat eine große Chance in Peru.
In etlichen Gebieten ist sie die einzige Institution,
welche einigermaßen "funktioniert" oder als Institution
überhaupt noch präsent ist, wenn auch oft in
engen Grenzen. Vielleicht ist es gerade ihre aktuelle
Aufgabe, nämlich eine Präsenz zu markieren im
Umfeld aller herrschenden Todeskräfte. Die Handlungsfreiheit
wird oft zu einem gewissen "Sakramentalismus"
zurückgestutzt. Dies ist kein Ideal, könnte
aber doch ein Ausgangspunkt sein, um gegen eine
menschenverachtende Praxis den Gott des Lebens zu
proklamieren und den religiös sehr ansprechbaren
Peruanern derart eine Basis zum Handeln und zur Organisation
zu geben, gleichsam über die Hintertür der
Sakristei herauszukommen...
4. "Peru - Vida y Paz" = "Peru - Leben und
Frieden"
"Wenn wir unsere Anstrengungen vereinen...
wenn wir unsern Willen zusammenzählen...
wenn wir jetzt handeln...
Es gibt Gründe zur Hoffnung!"
Am 6. Mai 1989 gab eine Gruppe von Personen und
Vertretern von verschiedenen kirchlichen und öffentlich
engagierten Institutionen einen Aufruf heraus für
eine Kampagne für das Leben und den Frieden.
"PERU - VIDA Y PAZ", "PERU LEBEN UND
FRIEDEN" ist seither ständig gewachsen und zu
einem Hoffnungsschimmer geworden. Der Aufruf ist
weitaus prophetischer als die Botschaft der Bischöfe,
zugleich aber von der moralischen Begründungsweise
her weniger eng und kann deshalb zu einer Plattform
einer breiten Friedensbewegung werden.
In einem ersten Schritt wurde der Aufruf verbreitet
und alle Peruaner aufgefordert, mit ihrer Unterschrift
sich selber zu verpflichten, nach ihren Möglichkeiten
den Friedensprozess zu fördern:
"Wir wollen ein möglichst großes Spektrum des sozialen
und politischen Bereichs motivieren, damit
eine grundsätzliche Übereinstimmung für den
Frieden in Peru erreicht wird, die die Rolle des Militärs
und der Polizei miteinbezieht. Wir wollen auch,
daß in dieser Übereinstimmung eine nationale Überzeugung
ausgedrückt wird, daß der so verstandene
Frieden uns herausfordert, in unserem Land eine gerechte,
solidarische und demokratische Gesellschaft
aufzubauen, die unsere ethnische und kulturelle Vielfalt
berücksichtigt." (13)
Protagonist in diesem Friedensprozess soll das Volk
mit seinen demokratischen und autonomen Organisationen
sein. Erfahrungen haben es in Peru deutlich Fe-y-Allegria-Schule
april 1990 43
PERÜ :VIDAY PAZ
egsmanomo
Protagonist im
Friedensprozeß
ist das
Volk mit
seinen
demokratischen
und
autonomen
Organisationen.
dossier
gemacht: Dort, wo das Volk organisiert ist, in demokratischen
und selbstbewußten Strukturen, do rt hat
es die Gewalt in Form von Subversion, Repression
oder allgemeiner Delinquenz schwerer, sich auszubreiten.
Erste Schritte in Richtung Friedensbewegung sind
getan. In einigen Landesteilen hat die Kampagne
viele Menschen bewegt. Am 3. November 1989, im
Friedensmarsch gegen den von Sendern ausgerufenen
"Paro Armado", hat "PERU - VIDA Y PAZ" eine
der größten Gruppen motivieren können (14). Dieser
Friedensmarsch hat wohl für die Demokratie in Peru
nicht nur symbolische Bedeutung: Zum erstenmal in
der Geschichte konnten sich alle demokratisch organisierten
Parteien und Gruppierungen zu einer friedlichen
Manifestation für den Frieden, die Freiheit und
vor allem für die Demokratie vereinigen. "No
mataräs, ni con hambre, ni con balas" - "Du sollst
nicht töten, weder mit Hunger noch mit Kugeln",
hieß das Motto. In der verzweifelten Situa tion Perus
war dieser Friedensmarsch ein bewegendes Ereignis.
Es gibt Gründe zur Hoffnung!...
5. Konkretes Projekt in Menschenrechts-Erziehung
"Es mucho menos lo que sabemos que la gran esperanza
que sentimos..." "Was wir wissen ist viel
weniger als die große Hoffnung, die wir spüren...",
sagte einmal der peruanische Dichter José M. Arguedas.
Und das stimmt wohl besonders für Peru in der
jetzigen Situation. Die Peruaner wissen nicht viel,
wenn sie an die Zukunft denken. Was bleibt bei all
den düsteren Zukunftsprognosen als die - trotz allem
- große Hoffnung, welche viele Peruanerinnen ihr
Überleben organisieren läßt in zahllosen kleinen Initiativen.
Die größte Hoffnung Perus, vielleicht auch
sein größter Reichtum, das sind die Kinder und die
Jugendlichen, wie in andern Ländern ebenfalls auf
diesem "jungen" Kontinent. Zwei Drittel der Menschen
sind unter 25 Jahren.
Aber kaum eine Gruppe ist gleichzeitig so verletzlich
und gefährdet wie diese Jugend.' Oft bleibt den
Kindern keine Zeit fürs Kindsein. Schon von klein
auf müssen sie große Verantwortung übernehmen
und mithelfen: kleinere Geschwister erziehen, den
Haushalt führen und helfen Geld zu verdienen. Dementsprechend
gibt es auch viele Kinder, die die
Schule notgedrungen frühzeitig verlassen müssen.
Zudem ist das Erziehungs- und Schulsystem in einem
sehr schlechten Zustand:
- 30-50 Schülerinnen in einem engen Loch mit wenig
Licht und ohne Fensterscheiben;
- Lehrerinnen, welche nur einen Minimallohn bekommen
und dementsprechend kaum groß motiviert
sind, sich besonders für die Schule einzusetzen;
- ein Schulsystem, das sich oft auf Disziplinierung
beschränkt (die Prügelstrafe ist häufig die Regel) und
wohl vielen Schülern die Lust am Lernen verleidet;
- große Ungerechtigkeiten: wer sich eine der teuren
Privatschulen leisten kann, hat auch mehr Chancen
in seinem späteren Leben.
Auch unter der herrschenden Gewaltsituation leiden
zuerst die Kinder, vor allem in den Elendsvierteln
rund um die Großstädte. Ein Großteil von ihnen kam
als Flüchtlinge hierher, auf der Flucht vor Armut,
Ausbeutung oder aus Furcht vor dem herrschenden
Terror. Vor allem diesen Kindern werden die fundamentalsten
Menschenrechte vorenthalten.
Einen kleinen Hoffnungsschimmer möchte das
Projekt einer peruanischen Lehrer- und Erziehergruppe
in einem Elendsviertel in San Ju an de Miraflores,
Pamplona Alta, im Süden Lima's, bringen. Es
zielt darauf ab, den Kindern zu helfen, ihre Kreativität
und Menschenwürde zu entdecken und gleichzeitig
die Lehrer der staatlichen Schule ermuntern, humanere
Lehrmethoden anzuwenden.
In einem ganzheitlichen Unterricht sollen sich die
Kinder und die Lehrer mit den Menschrechten auseinandersetzen.
Gleichzeitig wird versucht, das
Umfeld der Kinder und der Schule (Quartier,
Familie) zu erforschen und eine bessere Bewußtseinsbildung
und (Selbsthilfe) Organisa tion zu erreichen.
Dieses Projekt könnte als Modell für andere
Schulzentren dienen, wenn auch die Finanzierung -
wie so häufig - der große Haken sein dürfte. Die
Staatskasse ist leer.
Zusammenfassung
Viele Menschenrechts-Verletzungen sind mit der
herrschenden Armut zu erklären. Bis zu einem gewissen
Grad sogar das Auftauchen von gewaltsamen
Lösungsversuchen durch gewaltsame und totalitäre
Ideologien wie SL und deren Antwort des Staates
durch die Repression. Höchst einsichtig erscheint
auch der Teufelskreis: Subversion Repression. A ber
das Elend allein erklärt nocht nicht alles. Menschenrechte
haben auch mit Menschenwürde zu tun, und
die steckt in Peru schon seit mindestens 500 Jahren
in einer Krise. Solange die Menschen in Peru nicht
zu einer gesunden Selbstfindung gelangen und ihr
Selbstbewußtsein nicht (noch mehr) stärken können
in ihren demokratischen und selbstverantworteten
44
dossier
Volksorganisationen, werden die Menschenwürde,
die grundlegenden moralischen Werte und die Demokratie
immer gefährdet bleiben.
Das Außergewöhnliche in Peru ist nicht der aktuelle
Grad der Gewalt, sondern warum es eigentlich nicht
noch mehr Gewalt gibt. Das Ausmaß der latenten
Gewalt wie Armut und Ausbeutung ist dermaßen gewachsen,
daß es wirklich erstaunt, daß die aggressive
Gewalt als Antwort darauf nicht größer ist. Es erstaunt,
was die Peruaner alles ertragen. Und es ist
auch bewundernswert, wie groß der Uberlebenswille
und die Phantasie ist, immer wieder neue Überlebensstrategien
zu erfinden.
Peru braucht auch unsere Solidarität, denn die Menschenwürde
und -rechte dort haben wohl auch mit
denjenigen von hier zu tun. Wie dieses Verhältnis
neu zu gestalten ist, das sei unserer Fantasie überlassen.
Gute Ansitze gibt es, wie wir gesehen haben.
Peru steht nicht nur zwischen zwei Feuern; aber es
hat auch schon mehr als eine Feuerprobe bestanden....
Max Elmiger, Lima, Peru
Anmerkungen:
1) vgl. den Bericht von Amnesty International: Peru, zwischen
zwei Feuem, im folgenden zitiert nach der spanischen Ausgabe
(Peru - Entre dos fuegos, Madrid und Lima 1989); diente uns vor
allem als Quelle.
4) aus "Cultura de Paz", Publikation des Erziehungsministeriums,
Lima, März 89, S. 40f
5) nach IDL (Institute* de Defensa Legal), Monatsinformation Nr.
9, Dezember 1989, Lima, S. 6 und nach der Statistik der Senatskommission.
6) Nach der konservativen Zeitung "El Comercio" ist in 86% der
Fälle von Zeugen bestätigt worden, daß bei den Verschleppungen
Militärs beteiligt gewesen sind (El Comercio vom 8.2.90).
7) DESCO, Resumen semanal Nr. 555, S.7. (Erscheint in Lima als
wöchentliche Zusammenfassung von allen wichtigen Zeitungsmeldungen
über Peru.)
8) IDL, aaO, S.6.
11) Peru, La violencia politica vista desde las experiencias del
pueblo. Serie: Estrategia Integral de Paz, Hrsg. von "Democracia
y Socialismo - Instituto de Polftica Popular", Lima 1989, S. 6.
12)Perd, escoge la vida! Botschaft der Peruanischen Bischofskonferenz,
April 1989„ 1/3
13) PERU, VIDA Y PAZ, Aufruf zu einer Kampagne für das
Leben und den Frieden. Für weitere Informationen: Comisibn Intemacional
de "Perd, Vida y Paz", Apartado 11-0230, Lima 11,
Perd.
14) "Paro Armado" heißt soviel wie "bewaffneter Arbeitsstillstand",
eine Strategie, welche SL schon seit längerem praktiziert,
z.B. in Ayacuàho. Wer arbeiten geht, riskiert, verfolgt oderumgebracht
zu werden. I)ie zwei bewaffneten Streiks in Lima hatten auf
Anhieb beängstigenden Erfolg und legten den öffentlichen
Verkehrund damit Handel und Industrie weitgehend lahm, so auch
am 3. November. Der Friedensmarsch stellte eine klare Herausforderung
dar. 119 40 6 Max Elminger Zwischen zwei Feuern Situation der Menschenrechte in Peru Menschenrechte Folter Politik Peru Dossierbeitrag
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