Wer hat Angst vor dem LSV?
Eine Erlebnisgeschichte und weitere, mehr oder weniger unpassende Bemerkungen zum Thema J.P. und ich sind vage miteinander bekannt. J.P. lebt im fernen B. und nennt sich ebenfalls Schriftsteller - daher selbstverschnitzlich unsere Bekanntschaft. Von Zeit zu Zeit wählt J.P. meine Telefonnummer, nur leider besitzt er neben auch nicht unumstrittenen schriftstellerischen Qualitäten das mitunt ... Eine Erlebnisgeschichte und weitere, mehr oder weniger unpassende Bemerkungen zum Thema J.P. und ich sind vage miteinander bekannt. J.P. lebt im fernen B. und nennt sich ebenfalls Schriftsteller - daher selbstverschnitzlich unsere Bekanntschaft. Von Zeit zu Zeit wählt J.P. meine Telefonnummer, nur leider besitzt er neben auch nicht unumstrittenen schriftstellerischen Qualitäten das mitunter peinliche Talent, immer dann anzurufen, wenn ich gerade unter der Dusche stehe, beim Abendbrot sitze oder bei laufender Fußballübertragung im Fernsehsessel vor mich hindämmere. Bekommt mein Bekannter aus der fernen Großstadt mich trotzdem an den Apparat, so sind die gröbsten Sorgen damit längst nicht aus der Welt geschafft, im Gegenteil. Denn J.P. ist nicht nur ein vager, sondem auch ein sonderbarer Bekannter; nie fragt er nach meiner Gesundheit, nie will er wissen, ob ich im Moment nicht zufällig an einem neuen anthumen Werk werkele, wie derzeit die Meisterschaftschancen der Jeunesse Esch stehen oder ob ich mit meinem Atari 1040 ST nach wie vor liiert bin. Nein, J.P. fragt - und jetzt wird die Affare so langsam dramatisch - immer nur, was es Neues gabe im »Verband«, ob der »Verband« seine Probleme immer noch nicht gelost hate, was das ganze Gedingsbums urn diesen »Verbando uberhaupt solle. Wenn J.P. anruft, schicke ich, so oft es nur eben geht, die mit mir einen Telefonapparat teilende Frau an denselben, lasse mich entschuldigen und meinem vagen Bekannten ausrichten: »Tut mir leid, ist eben weggegangen. WeiB nicht, wann er zurackkommt.« * Ob J.P. nach mehr als zwanzigjahrigem Exil im fernen B. immer noch mit luxemburgischem PaB rumlauft, weiB ich nicht. Im Grunde ist's auch wurscht. Denn uber den »Verbando reden, ist mit Auslandern ebenso schlecht wie mit Inlandern. Womit sich dann natiirlich (naturlich?) die Frage aufdrangt, warum ich die Erlebnisgeschichte mit meinem vagen Bekannten aus B. hier uberhaupt erzahle. Auch das weiB ich nicht... Oder doch. Ja, das war namlich so: Als ich neulich mit zwei "forum"-Redakteuren fiber das geplante Dossier "Literatur zu Latzebuerg" plauderte, fragten sie mich, nach mehrminiitigen Abtastmantivern zwar, aber durchaus halich und direkt, ob ich nicht vielleicht..., schlieBlich sei ich doch..., und sie kOnnten sich immerhin recht gut vorstellen, daB ich eventuell imstande sei... Und so kam ich zum Auftrag, einen Beitrag uber den »Verbando zu verfassen... »Weil du einfach nicht nein sagen kannst«, sagte daraufhin prompt die mit mir aus einem Kahlschrank lebende Frau. Worauf ich nur >>VergiB nicht, daB das vom "forum" gezahlte Honorar den Mindesttarifen des Verbandes entspricht« erwidern konnte, und bis auf weiteres war unser ehelicher Friede wiederhergestellt. SchOn, nicht wahr? Der »Verbando also, kurz LSV oder von Outsidern "Letzebuerger ,Schrdftstellerverband" genannt. Allerdings verspare ich nicht das geringste Bedurfnis, wieder mat, wie so oft, bra y zu machen, wie ich soli; sondern ich hab Lust, fur einmal einfach drauflos zu kritzeln, mich zu ereifern - ich weiB, mich in die Bredouille zu stiirzen - mir doch egal! Heute also nix mit: LSV, dann und dann gegrandet, soundsoviel Mitglieder, Aufgaben: blablabla... Ich frage simplement: »Wer hat Angst vor dem LSV?«, weil dieser Satz mir als Titel irgendwie kemig vorkommt und ich mir gut vorstellen kann, was fur hiibsche Antworten einem dazu einfallen kOnnten, sofern einem zu diesem Thema uberhaupt etwas einfallt, was wir doch stark hoffen wollen. * Beispieisweise konnte man auf die Idee kommen, in alter Unschuld daran zu erinnern, daB demnachst im Labbe-Verlag eine Anthologie mit deutschsprachiger Gegenwartsliteratur aus Luxemburg, herausgegeben von einem gewissen Jacques Santer, erscheinen soil (das WOrtchen "soil" bitte betonen!). Hmm, wie war das: Lubbe? Der mit Bastei vornedran? Santer? "Der" Santer? Toll, da freuen sich Leserschaft & Dichterriege, vor allem auf des Premierministers Geistschreibers Vorwort des Herausgebers darf man gespannt sein. Etwa wieder mit Foto? (Verdammt, ich kannt' mich heute noch in den Arsch beil3en! Aber w ie pflegt die mit mir unter einer Decke steckende Frau in solchen Situationen gewohnlich zu bemerken: s.o.) Oder man konnte das Geriicht in die Welt setzen, laut dem derzeit ein Geracht zirkuliere, laut dem auf Nummer 19 in der hauptstadtischen GoethestraBe ernstlich erwogen werde, den bis dato jahrlich organisierten Nationalen Literaturwettbewerb demnachst zackdibumm abzuschaffen. Aber nein, so unhalich wollen wir doch nicht sein, schlieBlich bemiiht man sich dort nach Leibeskraften urn die luxemburgische Literatur (siehe Santer-Labbe-Connection) und tut, was man kann, etwa fur den LSV, der seit mehr als zwei Jahren darauf wartet (hechelhechel!), sein Biiro im "Haus beim lEngel" auf Fischmarkt endlich endlich beziehen zu kOnnen, zu diirfen, diirfen zu kOnnen, kOnnen zu diirfen zu kOnnen. Auch zu den luxeinburgischen Verlegern konnte J.P. fragt immer nur, was es Neues gabe im �?Verband«, ob der oVerband« seine Probleme immer noch nicht gelost hatte, was das ganze Gedingsbums um diesen »Verband« uberhaupt solle. november 1990 35 Carlo Schmitz dossier einem der eine oder andere Gedanke zu Kopfe steigen. Sind sie es etwa, die sich vor dem Werlbando fiirchten? Nicht doch, meine Herren, keine Bange! Lassen Sie sich ruhig Zeit, schlieBlich liegt der LSVMustervertragsentwurf erst seit vergangenem Februar, also noch nicht einmal ein ganzes Jahrchen, auf ihrem schmucken Arbeitstisch. Nein, urn Gottes willen, wir wollen nicht drangeln, vielleicht hat die Post mit der Zustellung dieses Schriftstiicks nur etwas langer gebraucht als ublich, oder ihre freundliche Empfangsbestatigung ist. unterwegs verlorengegangen. In dem Fall muB dann wohl ma! im Postministerium Radau geschlagen werden... Apropos Radau: wie unlangst zu Wren, hat RTL das Honorar fur Mitarbeiter des Kulturmagazins afrequenzen von sechstausend auf sage 9.000 und schreibe neuntausend Franken erhOht. No, nicht pro Mitarbeiter, sondern pro Sendung, und die dauert irnmerhin 45 Minuten, macht - sofern mein alter japanischer Taschenrechner (librigens akein Neujahrsgeschenk irgend- einer Redaktion!) nicht wieder verriicktspielt - 200 Fr. pro Sendeminute. Ohne Werbung, versteht sich. Ferner fragen kOnnte man, ob dieser Tage, da in Bitburg anlaBlich der dort stattfindenden aLetzebuerger Wochen auch Texte luxemburgischer Autoren zum besten gegeben wurden, irgendjemand daran dachte, daB auf Diebstahl geistigen Eigentums... Ach, was rege ich mich auf! Ober Geld spricht man doch nicht in einem Land, wo die Zigaretten wachsen und Benzin wie Honig flieSt. Ohnehin gehe ich mir mit diesem ewigen peniblen Gemecker iiber Autorenrechte und ahnliche Kindereien langsterdings selbst gehorig auf den Keks. Zurtick also zum Ernst des Lebens. Hier ist er, in Form einer Abbitte, die ich nunmehr feierlich und in aller Offentlichkeit leisten mOchte: Liebe Kolleg/inn/en im LSV: Verzeiht mir, daB ich euch in der Vergangenheit so oft und unverbesserlicherweise euer Schweigen, cure Teilnahmslosigkeit, euer Zaudern & ZAgern in Sac hen >Nerband q an die Denkerstirn geworfen habe. Ich gestehe, durch die Jugend meines Alters ist solches Vorgehen schon seit Jahren nicht mehr zu entschuldigen, und sicherlich habt ihr in der Tat Besseres zu tun, als cure Zeit mit taubstummen Chefredakteuren, unnahbaren Verlegern, von Literatur unbe(f)leckten Politikern und ihren anderweitig beschaftigten Mitarbeitern zu verplempern. Wer wird schlieBlich von euch dafiir bezahlt, an eurer Stelle den Schadel hinzuhalten, alte Freunde zu verlieren, da und dort nicht einmal mehr gegrUBt und anderswo gar nicht erst bis zu den Selu- etarinnen vorgelassen zu werden? Genau: ich! Mich wundert, daB die mit mir unter einem Dach lebende Frau... Aber lassen wir das! Es wird hOchste Zeit fur die abschlieBenden GruBadressen. Ich faB mich kurz: 1. Den aGrengespoun hab ich einzig und allein deswegen abonniert, weil Kollege Rewenig in Glanzform den Herrschaften zur Linken wie zur Rechten dort so meisterlich in die Parade fahrt. ebrigens: Was treiben die andern Kolleg/inn/en eigentlich, wenn sie nicht gerade Geld verdienen oder Gedichte, Romane etc. schreiben? Sollten wir unsere notwendigen Kampfe nicht gemeinsam austragen und das Flennen den oben genannten Herrschaften uberlassen? 2. Liebe Kulturzeitschriftenherausgeber: Auf manchen Triumph muB man lange warten. Ich tu es immer noch. 3. An die luxemburgischen Zeitungs- und Buchverleger, auch wenn ihr anoch keine Angst vor dem LSV habt: Lest den Beitrag aRaubritter und Wegelagerer am geistigen Eigentum - Zur Situation von Buch und Autor in Europa von Hans Peter Bleuel in aPublizistik und Kunst, Nr. 8/1990 - vielleicht (hoffentlich!) bekommt ihr dann welche. 4. An alle Kolleg/inn/en im LSV: SchluB jetzt, genug von mir gesprochen. Kommen wir zu einem anderen Thema: Was haltet ihr von meinem neuen Roman? Er ist nur 141 groBbedruckte Seiten lang und kostet bloB 667 Franken. 5. An alle: Laut LSV-Statistik kommt in Luxemburg ein/e Autor/in auf 4.222 Einwohner. Weltrekord! Guinness, wir kommen. Und wer, bitte, ist Georges Christen? 6. Liebe G. (G. heiBt die Frau, die sich - zu Recht - weigert, fur mich Artikel wie diesen in den Computer zu tippen): Was hast Du nur verbrochen, daB es Dir nie gelang, einen... sagen Sparkassenbeamten mit Pensionsanspruch und eingebauter Klimaanlage zu heiraten statt einen Schriftstellereibesitzer wie mich? Dann miiBtest Du zumindest nicht dauernd seltsame Anrufer aus fernen GroBstadten abwimmeln... P.S.: Irgendwo in diesem - wie die Schwiegertochter meiner Mutter meint: eklatant miBratenen - Beitrag wollte ich noch den Lieblingsspruch meines ehemaligen, inzwischen in der Privatwirtschaft verschollenen Kollegen Maxchen Lehmann unbringen (er lautet: »Ach! Ach!o), aber dafur ist 'es jetzt wohl zu spat. Ohnehin geht's nun auf Mittag zu, ich muB die Pasta-SoBe aufsetzen, und bestimmt halten sich inzwischen alle Leser die Ohren zu. Georges Hausemer 123 35 2 Georges Hausemer Wer hat Angst vor dem LSV? Schriftsteller Verband Literatur Luxemburg Dossierbeitrag
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