Roger Bertemes, forum-Redaktion
"Ein Kunstzentrum braucht eine weise Führung"
Ein "forum"-Gespräch mit dem Maler Roger Bertemes
forum: Herr Bertemes, als Künstler freuen Sie sich ja wohl über die Schaffung eines Zentrums für zeitgenössische Kunst in Luxemburg.
Roger Bertemes: Es stimmt, daß in Luxemburg die Schaffung eines solchen Museums längst überfällig ist. Ein Museum bedingt eine ganze Reihe von Infrastrukturelementen, die meines Wissens im jetzigen Museum am Fischmarkt nicht gegeben sind. Es fehlt dort ...
forum: Herr Bertemes, als Künstler freuen Sie sich ja wohl über die Schaffung eines Zentrums für zeitgenössische Kunst in Luxemburg.
Roger Bertemes: Es stimmt, daß in Luxemburg die Schaffung eines solchen Museums längst überfällig ist. Ein Museum bedingt eine ganze Reihe von Infrastrukturelementen, die meines Wissens im jetzigen Museum am Fischmarkt nicht gegeben sind. Es fehlt dort an Räumen zur Lagerung und Archivierung, an Werkstätten zur Restaurierung und Bearbeitung, an Büros, an Ausstellungsräumen fürs Museum und an Räumen für Wechselausstellungen zu zeitgenössischen Schwerpunkten.
Ein Museum hat ja (mindestens) zwei Funktionen: eine kunsthistorische, museale und eine aktuelle. Es soll Kunstwerke vergangener Epochen aus allen Bereichen zeigen, es soll Museum sein für ein beschauliches, intimes Schauen (mit Sitzgelegenheiten, bitte!). Das Museum muß dem Besucher seine Kunstschätze in bestmöglicher Präsentation vorführen. Diese hat gezielt, spezifisch, historisch, klar gegliedert zu sein. Jedes Sammelsurium, jeder Masseneindruck ist zu vermeiden.
Ein Museum für aktuelle, Diskussionen aufwerfende Strömungen ist unser Museum leider nie gewesen. "Museum ist kein Ausstellungsraum für Lebende." Darin liegt die arge Enge am Fischmarkt. Ein gutes Museum hat aber die Aktualität zu integrieren, muss konfrontieren, den Zeitgeist sichtbar werden lassen.
Das Museum hat nicht die Funktion der Verkaufsgalerie, die zu einem hohen Prozentsatz nur marktbezogen ist, ja, sogar Kunstströmungen weltweit auslösen, provozieren will und auch kann. Den Medien fehlt es oft an der kritischen Distanz zu solchem Treiben, weil sie zum Teil den Kuchen teilen helfen.
Früher waren die marginalen Künstler jene stillen Sucher, verlacht und verpönt. Heute sind die marginalen Künstler jene, welche abseits suchen, verlacht wegen ihrer Naivität und ihrer Angst vor Menschenmassen und Trubel. Werte gelten nichts mehr, außer auf dem Kunstbörsemnarkt.
Zurück zum Museum: Museumsleiter haben Prospektion zu betreiben, nicht nur in Galerien, auch im privaten Bereich. Die Abhängigkeit der Künstler, besonders junger Künstler, von Galeriebesitzern finde ich oft skandalös. Das Kunstrisiko liegt immer heim Autor, nie beim Kritiker, nie beim Galeristen. Irren tut sich nur der Schaffende. Seine Werke müssen auch ohne Verkaufszwang, auch ohne große finanzielle Belastung zu zeigen sein.
Das ist der Sinn eines Kunstzentrums, im Gegensatz zur Galerie. Aber ein solches Kunstzentrum muß unter weiser Führung stehen. Sie darf weder politischen noch kommerziellen noch sonstigen Faktoren ausgesetzt sein. Sie muß eine klare und offene Sicht für die Sache der Kunstschaffenden haben. Das fehlt!
Wohl gibt es bei uns unzählige "Centres culturels",
doch man darf nicht fragen, wie diese Institutionen
programmiert werden. Das ist oft zum Lachen (oder
Weinen).
' forum ": Was halten Sie vom Projekt des Herrn I. M.
Pei, wie die Regierung es auf Drei Eicheln plant?
Roger Bertemes: Ich kenne nur die Abbildungen des
Modells in der Presse. Daß Pei ein (imposantes)
Bauwerk zustande bringen wird, stelle ich nicht in
Frage. Wenn man einen Architekten wie Pei engagiert,
weiß man ja auch, daß man eine Architektur der
Zeit zu erwarten hat. Wenn schon der Staat (die Regierung)
ein Haus für Kunst errichten will, soll es
auch ein Denkmal und Zeugnis unserer Zeit sein.
Andere Baukästen stehen bei uns zur Genüge rum.
Das Ästhetische ist für mich schon ein erster Faktor,
der zu berücksichtigen ist.
Ein zweiter Faktor ist dann die Funktionalität eines
solchen Museums. Es muß ein Zweckbau sein, mit
allen spezifischen Funktionsmöglichkeiten. Ich
würde das Konzept in drei Stichworten. formulieren:
rationell, funktionell, ästhetisch. Rationell: alles
Überflüssige, Falsche soll weg bleiben. Funktionell:
jede Leere vermeiden.
Es entzieht sich meiner Kenntnis, was das Projekt
alles beherbergen soll, was vielleicht auch besondere
Wünsche des Bauherrn sind, also Wünsche, die
nichts mit dem zu tun haben, was ich Museum nenne.
' forum ": Schießt das Projekt der Regierung nicht
über die Möglichkeiten und Bedürfnisse der Luxemburger
Kunstszene hinaus?
Roger Bertemes: Wenn Sie von "Möglichkeiten"
sprechen, handelt es sich ja wohl um die finanziellen.
Ein Bauherr mit Voraussicht muß wissen, was er mit
einem solchen Projekt angeht, sowohl in bezug auf
den Anschaffungspreis als auch auf die späteren Unterhaltskosten.
Ich hoffe im Interesse des Staates und
des Landes, daß die entsprechenden Studien von
kompetenten Köpfen gemacht worden sind. Von
Köpfen, die wissen, wie ein Museum und ein angegliedertes
Kunstzentrum zu funktionieren haben.
"Weise Voraussicht" ist gefragt und gefordert.
Inwiefern das Projekt den Bedürfnissen der spezifischen,
luxemburgischen Kunstszene angepaßt ist,
entzieht sich meiner Kenntnis. Die Kunstszene Luxemburg
ist gegenüber anderen Ländern relativ
klein, ich würde sagen, bislang provinziell klein.
Aber sollte Luxemburg nicht auch einmal aus der
Enge ausbrechen und über die Grenzen wirken
können? "Inn engen Kreis verengert sich der Sinn,"
hat doch schon mal ein großer Jemand (Goethe)
gesagt.
Ich plädiere für grenzüberschreitende Aktivitäten.
Was Museum und Zentrum anbetrifft, müssen wir die
rechten Leute am rechten Platz haben oder sie aus
dem Ausland herbeiholen.
Noch ein Wort zu den "rechten Leuten": Man wird
unbedingt trennen müssen zwischen Verwaltung und
künstlerischer Organisation, zwischen Verwaltungsdirektor
und künstlerischem Direktor. Sollte man
nicht das Funktionieren ausländischer Museen studieren
und entprechende Organigramme ausarbeiten?
Je prätentiöser folglich das Projekt ist, desto provinzieller
das Funktionieren ausfällt. Ich frage mich
aber, ob an das inhaltliche Konzept, an die spätere
Animation schon gedacht wurde, ob ein solches Programm
schon ausgearbeitet wurde, denn das müßte
der architektonischen Planung ja vorausgehen.
Wir müssen abwarten, um zu wissen, was gewollt ist.
Priorität genoß die Kulturpolitik in diesem Staate nie.
Das 1% im Staatshaushalt zugunsten der Kultur hat
es nie gegeben.
Ich verstehe nicht, daß das Museumsprojekt als
solches in Frage gestellt wird. Teure Sportprojekte
Z.B. werden nie zur Diskussion gestellt. Die Gemüter
müssen also durch klare Information von seiten des
Bauherrn beruhigt werden.
' forum ": Was sagen Sie zum Standort Drei Eicheln?
Roger Bertemes: Eines will ich vorausschicken: Bis
zu diesem Zeitpunkt war 'Drei Eicheln' sehr wenig
im Mund der Bevölkerung. Warum haben unsere Lokalhistoriker
zum Großteil dieses "historische
Kleinod" vernachlässigt? Es war ein "kriegerisches
Kleinod", das unserem Ländchen von Fremdherrschaften
aufgezwungen wurde. War es damals nicht
eine Naturverschandelung ersten Grades wie nur der
Militarismus sie zustande bringen kann? Aber dies
nur nebenbei.
Das Projekt Pei paßt sich dem Fort Thüngen sehr gut
an, das soll gesagt sein. Inwieweit Pei das historische
Relikt jetzt sichtbar und geschützt in seiner "Glasvitrine"
für den Historiker begehbar macht, ist eine
andere Frage.
Ich stelle nur die Frage eines jeden Besuchers: Wie
komme ich - einmal in der Stadt angekommen - zum
Standort Drei Eicheln? Dieser Ort benötigt eine wohl
kostspielige Infrastruktur für Parking und Busse oder
neue Verbindungswege vorn der Altstadt aus. Der Ort
darf in seinem Waldcharakter nicht zerstört werden.
Die Standortfrage ist also sicher zu diskutieren. Nur
möchte ich nichtverschiedene kurzsichtige, emotionale
Meinungen. teilen. Aber diese Fragen sind letzlich
auch im Zusammenhang mit den neuen Plänen
zur gesamten Amenagierung des Kirchbergs zu
sehen.
Ich frage
mich, ob an
das inhaltliche
Konzept,
an die
spätere
Animation
schon gedacht
wurde,
ob ein solches
Programm
schon
ausgearbeitet
wurde, denn
das müßte
der architektonischen
Planung ja
vorausgehen.
Das Internationale hat auf kulturellem Gebiet bei uns
gefehlt. Unsere Kunstkollektionen sind gegenüber
Nachbarstädten eher dürftig und eingleisig orientiert.
Unsere internationalen Ausstellungen sind fertige
Angebote aus dem Ausland. Eigene Luxemburger Initiativen
fehlen. Warum, z. B., nicht eine internationale
Biennale schaffen?
' forum ": Warum war bislang von Künstlerseite noch
keine Stimme zain Museumsprojekt zu hören?
Roger Bertemes: Ich kann nur von meinem Standpunkt
aus sprechen: Das ganze Projekt, seit der ersten
"Idee", ist stets im dunkeln geblieben. Es wurde geflüstert,
aber wenig oder nichts gewußt. Alles bleibt
unklar, trüb. Eine direkte Befragung, egal von
november 1991 13
welcher Seite, wurde mir bis zu Ihrem Anruf nie
zuteil.
Daß Künstler nicht befragt werden, ... ? Wer ist als
Künstler schon zuständig? für Projekte solcher
Ordnung? für Projekte überhaupt? Die Künstler arbeiten
ja in anderen Perspektiven. Also ... lassen wir
das bleiben.
So ist es wohl gekommen, daß der einzelne Künstler
sich wohl seine Meinung macht, sie aber nicht zu
äußern hat.
Roger Bertemes antwortete schriftlich auf die
"forain "-Fragen. 131 12 3 forum Ein Kunstzentrum braucht eine weise Führung Ein "forum"-Gespräch mit dem Maler Roger Bertemes Kultur Kunst Museum Luxemburg Interview
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