"Man macht keine Kultur mit dem Rechenschieber"
Ein Gespräch mit Guy Wagner, Theaterdirektor in Esch
Er ist nicht nur Theaterdirektor: Er ist Polemiker und Satiriker, bellettristischer Autor und Sachbuchverfasser, leidenschaftlicher Melomane - allein seine Begeisterung für Mikis Theodorakis könnte eines separaten Gesprächs sein-, Politiker und Pädagoge, Initiator und nimmermüder Produzent von Utopien.
Er ist vor allem bis heute ein Kämpfer geblieben, dem man gern die Qualität "unbeq ...
Er ist nicht nur Theaterdirektor: Er ist Polemiker und Satiriker, bellettristischer Autor und Sachbuchverfasser, leidenschaftlicher Melomane - allein seine Begeisterung für Mikis Theodorakis könnte eines separaten Gesprächs sein-, Politiker und Pädagoge, Initiator und nimmermüder Produzent von Utopien.
Er ist vor allem bis heute ein Kämpfer geblieben, dem man gern die Qualität "unbequem" attestiert. Wie könnte das Porträt dieses "qualifizierten Querulanten" (ein Etikett, das er sicher ablehnen würde) aussehen? Eigentlich kann nur eine Option dem vielfältig interessierten und engagierten Typen Guy Wagner gerecht werden: Die Selbstdarstellung. Die Rolle des Gesprächspartners beschränkt sich
darauf, kontrapunktisch oder antithetisch ein paar Akzente zu setzen. Guy Wagners Äußerungen und Ansichten sprechen für sich. In anderen Worten: Das folgende, ausführliche Gespräch soll nicht wieder Gegenstand einer nachträglichen Analyse sein.
Kurz ein Wort zur Methode des Gesprächs: Nach einem aktuellen Einstieg - der demonstrativen Kunstfreundlichkeit Luxemburger Banken - wird auf assoziative Weise Schritt für Schritt die Persönlichkeit Guy Wagners erforscht. Vieles kommt dabei nicht zur Sprache, vieles bliebe zu erörtern. Der Verlauf des Gesprächs und die verschiedenen Schwerpunkte wurden wiederum von der Aktualität bestimmt: Dem Rücktritt Guy Wagners als Theaterdirektor. (Guy Reweniig)
Kunst und Kommerz
Die Presse berichtet heute über die Einweihung einer Wercollier-Skulptur. Die "Banque Internationale" hat dieses neue Werk namens "Cambrages" vor ihrem Hauptsitz installieren lassen und feierlich eingeweiht. Der "Républicain Lorrain" nennt diese Initiative wörtlich "le mariage entre la banque et l 'art ". Ist das nicht eine gefährliche Vermählung?
Guy Wagner: Es wird nie eine Vermählung sein. "Do gët sech gekummert." Und zwar für eine beschränkte Zeit. Ganz allgemein zur Frage des Mäzenats: hier in Luxemburg ist sie noch nicht zum Problem geworden. Doch international ist dies der Fall. Das Problem entsteht, wenn die Banken - oder andere - diktieren möchten, wie die Kultur auszusehen
hat. "Dann as dat nët nëmmen e Gekummers, dann as dat en Houerepak dee séch zesummeschléit." Das kann nur scheitern.
Du hast während Deines Mandats als Escher Theaterdirektor die Praxis des Mäzenats eingeführt. Wie sind Deine Erfahrungen? Gab es auch fragwürdige Momente?
Guy Wagner: Ich habe ausgezeichnete Erfahrungen gemacht. Es gab keine einzige problematische Situation. Die Banken haben sich mehr oder weniger engagiert. Einige haben sich gar nicht beteiligt, andere haben im Lauf der sieben Jahre nur einmal mitgemacht. Es verhielt sich folgendermassen: Mein Saisonprogramm lag fest, wenn ich mich an die Bankdirektoren wandte. Ich konnte ihnen also ein präzises Angebot machen. Dieses Angebot wurde von ihnen angenommen oder nicht angenommen. Entweder sie fanden es reizvoll für sich und ihr Personal, oder sie fanden es uninteressant. Im Normalfall betrachteten die Banken ihr Sponsoring als schönes Ereignis für ihre Belegschaft. Die von ihnen geladenen Gäste waren keinesfalls Banausen, die sich einredeten, sie müßten unbedingt einmal das Theater besuchen. Es handelte sich vielmehr um wirkliche Melomanen oder um Gäste, die vor Ort Kunst entdeckten.
Schlechte Erfahrungen machte ich hingegen mit der Gemeinde Esch. Denn das Geld, das ich einsammelte, wurde in die "recette communale" gesteckt. Ich durfte es nicht benutzen, um meine kulturelle Arbeit zu verrichten. Es ging soweit, daß man mir Vorwürfe machte, wenn ich in einem Jahr weniger Sponsoring- Gelder auftrieb als im Vorjahr.
Die Tücken der Kulturplanung
Über den Begriff "Kulturpolitik" läßt sich streiten. Die Frage ist zum Beispiel, ob es notwendig ist, überhaupt eine Kulturpolitik zu veranstalten. Aber wenn beim Staat und den Kommunen eine Kulturpolitik besteht, muß man doch wohl fragen: Deutet der Umstand daß ein Theaterdirektor selber Mäzenen mobilisieren muß, nicht auf eine unseriöse Planung dieser Kulturpolitik hin?
Guy Wagner: Der Sachverhalt ist noch schlimmer. Der Präsident unserer Kulturkommission (John Snell, die Red.) sagte: "Esch huet keng Kulturpolitik." Dies ist eine offizielle Aussage aus einer Kommissionssitzung. Demnächst wird eine Resolution der Kulturkommission veröffentlicht, die diese Aussage festschreibt.
Beim rezenten "Colloque Europe 2000" im Escher Stadttheater hielt der Bürgermeister eine Begrüssungsansprache und brüstete sich, Esch gebe den höchsten Prozentsatz an Budgetmitteln für Kultur aus. Was gehört denn nun alles zur Kultur?
Guy Wagner: Also, da hatte der Bürgermeister recht. Nicht unter Kultur fällt der Erziehungsbereich. Unter Kultur fallen alle Investitionen in die Infrastruktur, in die Vereinigungen, in gezielte Projekte. Diese Ausgaben belaufen sich auf 8,1% des Gesamtbudgets. Das ist im Vergleich enorm hoch. Außerdem ist es eine Tatsache - das streite ich gar nicht ab-, daß die finanzielle Belastung der Stadt Esch an ihre Grenzen stößt. Bis vor ein paar Jahren wurde Esch vom Staat wirklich stiefmütterlich behandelt. Dem
Theater stand ein Globalsubsid von 2,83 Mio zur Verfügung, plus eine Konvention, die Kulturminister Robert Krieps auf meinen Impuls hin mit uns abgeschlossen hatte: für "créations et échanges transfrontaliers" wurden so noch einmal 500.000 Franken bewilligt. Das Defizit allerdings beläuft sich auf 36 Mio Franken. Unwahr ist die Aussage des Bürgermeisters in einer Gemeinderatssitzung, das Defizit belaufe sich auf 58 Mio Franken. Er unterläßt es nämllich, die Einnahmen mitzuverrechnen. Dieses Defizit läßt
sich nicht mehr überschreiten. Das wäre absurd. Auf der anderen Seite ist zu sagen: Wenn vom Staat gezielt mehr Geld zur Verfügung gestellt wird, so kann dieses Geld nicht benutzt werden, um die Putzfrauen zu bezahlen. Es muß eingesetzt werden, damit das Theater seine Arbeit verrichten kann. In diesem Sinne habe ich mich zur Wehr gesetzt.
Vom Staat muß eine andere Form der Unterstützung
ins Auge gefaßt werden. Daher auch mein Vorschlag,
aus dem Escher Theater ein Nationaltheater zu
machen. Dieser Vorschlag wurde zum Teil falsch
verstanden. Das Theater soll nicht etwa nationalisiert
werden. Das Modell, wie es etwa in Frankreich oder
in Belgien funktioniert, oder wie es für die Staatstheater
in Deutschland gilt, ist folgendes: Ein spezifisches
Haus soll für seine Leistung, die weit über die
Grenzen des eigenen Standorts ausstrahlt, dahingehend
gestützt werden, daß der Staat den größten Teil
der Unkosten übernimmt. Auch die Theaterbeamten
müßten - ähnlich wie die Professoren im Musikkonservatorium-
vom Staat bezahlt werden. Es soll sich
ähnlich verhalten wie im Erziehungsbereich. Das
Theater ist ein Unternehmen von nationalem Interesse.
Plädoyer für das Theater
Es gibt einige Politiker, die mittlerweile laut und
deutlich die Frage aufwerfen, ob Esch sich auf Dauer
überhaupt ein eigenes Theater leisten kann. Kannst
Du drei gute Gründe nennen, warum die Stadt Esch
unbedingt ihr Theater behalten muß?
Guy Wagner: Da wir schon ein's haben, müssen wir
es auch behalten. Aber Scherz beiseite. Ich öffne eine
kleine Klammer: Hätten die Stadtverantwortlichen
damals heim Bau des Theaters geahnt, in welche
Richtung sich dieses Haus entwickeln würde, sie
hätten es sicher nicht gebaut. Denn man muß auch
unterstreichen: Die damaligen Bauherren verfügten
über sehr viel Geld. Esch war eine sehr reiche Stadt.
Diese Pioniere haben natürlich eine ausgezeichnete
Arbeit geleistet. Aber (lie Konsequenzen waren
keinem von ihnen bewußt.
Man sollte auch bedenken, daß der heutige Koalitionspartner,
die Kommunisten, sich damals sehr vehement
gegen ein Stadttheater aussprach, genau wie
die Liberalen. Heute allerdings würde keine Fraktion
im Escher Gemeinderat sich gegen das Überleben
des Stadttheaters aussprechen. Die Forderung ist
eher: Das Programm ist zu reduzieren.
Warum muß es in Esch ein Stadttheater geben? Aus
dem einfachen Grund, weil das Theater ein "lieu
vivant" ist. Es ist ein Ort, wo nicht nur ein Austausch
zwischen einzelnen Menschen, sondern auch zwischen
den Strukturen dieser Menschen stattfindet. In
anderen Worten: Die multikulturelle Gesellschaft,
die hier in Esch real besteht, kann man über das Stadttheater
stärker ins Bewußtsein der Bürger heben.
Dies war für mich die entscheidenste Philosophie, die
meine Arbeit bestimmte: Die Türen des Stadttheaters
sollten möglichst weit geöffnet werden. Ein anderer
Grund für die Existenz des Stadttheaters wäre: Den
neuen Medien muß ein Gegenpol entgegengesetzt
werden. Zu groß ist die Gefahr, daß wir zu reinen
Konsumenten werden, die zuhause in ihrer Isolation
alles über sich ergehen lassen, alles Kritische im
Fernsehen ablehnen und nur noch das Unkritische
aufnehmen. "Traumschiff" oder "Traumhochzeit",
oder wie all diese Träume heißen, erreichen enorme
4 forum nr 135
Es kam nie
zu einer
Diskussion
Ober das
Konzept, das
ich meiner
Theaterarbeit
zugrunde
legta. Ich
habe
regelrecht
darum
gebettelt,
dieses
Konzept auch
einmal den
sozialistischer
Genossen
aus Esch
unterbreiten
zu dOrfen.
iMINIMn111111.
Einschaltquoten, wahrend RTL-plus sofort abgeschaltet
wird, wenn etwa SPIEGEL-tv auf dem Programm
steht.
Diese Gefahr sehe ich vor allem gegentiber den Jugendlichen.
Das Theater ist ein Ort, wo die Imagination
gefOrdert wird. Wenn ich Kinder auf Kindertheater
reagieren sehe, diese lebendige Anteilnahme,
sage ich mir: Das ist trotzdem ganz was anderes, als
wenn die gleichen Kinder sich am Sonntagmorgen
die "Sendung mit der Maus" im Fernsehen anschauen.
Ich komme aus der Schule, "sin emmer mat
engem Been a mat engem gudde Steck vom Haerz an
der Schoul bliwwen". Daher konzentrierte sich ein
grol3er Teil meiner Arbeit hier im Haus auf die
kleinen and die etwas grOBeren Jungen und
Madchen.
sehen: Die FuBgangerzone kann permanent besichtigt
werden. Das ist eine statische Situation. Die Situation
im Theater ist eine dynamische: Es geschieht
etwas, dann ist es wieder vorbei.
Allerdings kam es nie zu einer Diskussion Ober das
Konzept, das ich meiner Theaterarbeit zugrundelegte.
Ich habe regelrecht darum gebettelt, dieses
Konzept auch einmal den sozialistischen Genossen
aus Esch unterbreiten zu diirfen. Dazu kam es nicht,
weil der damalige Sektionsprasident, Herr Jean
Klein, nicht fahig war, seine Leute einmal in dieser
Hinsicht zu interessieren. In ihm sehe ich sogar einen
d Derahtzriehe,r, die bewirkten, daB meine Demission
reibungslos fiber die Biihne ging.
FuBgangerzone als
Gesamtku nstwerk
Als begeisterter Theatermensch sprichst du natiirlich
pro domo. Der Escher Schliffenrat hingegen scheint
eher der Ansicht zu sein, hier in Esch masse unbedingt
eine perfekte Kommerzmeile eingerichtet
werden.In Esch zirkuliert mittlerweile ein "bonmot"
und zwar "1 Wagner = 2 Masten". Das heiflt: Es gibt
eine neue, finanzielle Maf3einheit, da einer der eben
errichteten dekorativen Masten in der Fufigiingerzone
rund eine Mio kostet. Schmerzt es einen Theaterdirektor,
wenn gleich vor seinem Haus zwei dieser
Masten stehen, und wenn er weif3, daf3 die Investition
in diese zwei Masten die gleiche Summe ist, die
letzten Endes zu seiner Demission gehrte?
Guy Wagner: Einerseits tut es web, das stimmt, andererseits
gibt es - wie in Becketts Theater - das Lacherliche,
das Absurde, das damitverbunden sit. Dies
ist eine Komponente, die ich allerdings gem akzeptiere.
Ich lebe gern mit paradoxalen Situationen.
Noch weit paradoxaler war ja, daB ausgerechnet in
jener Gemeinderatssitzung, wo lang und breit Ober
die 2 Mio, die zu meiner Demission fiihrten, diskutiert
wurde, Ober ein Eingestandnis des SchOffenrats
jede Diskussion ausblieb. Dieses Eingestandnis
bezieht sich auf die Arbeiten in der neuen FuBgangerzone:
Zum gegenwartigen Zeitpunkt hat der
SchOffenrat den veranschlagten Kostenpunkt schon
um 30 Mio iiberschritten. Darither hinaus ist die Konzeption
dieser FuBgangerzone iiberhaupt nicht
durchzufiihren. Noch absurder finde ich - und dies ist
kein Beckett mehr, das ist schon Ionesco-, daB die
Gemeindeverantwortlichen nicht imstande waren,
herauszufinden, daB diese Masten im unteren Teil der
Ful3gangerzone wegen der unterirdischen Alzette gar
nicht verankert werden kOiinen.
Die Escher Gemeinde liif3t jetzt Ober ihre Hofschreiber
im "tageblat:" verbreiten, bei dieser Fufigangerzone
- hauptsiichlich den errichteten Masten -
handele es sich urn ein "Gesamtkunstwerk". Bedeutet
dies, daf3 Theaterdirektor Guy Wagner es nie fertigbrachte,
ein "Gesamtkunstwerk" von diesen Ausmaf3en
anzubieten?
Guy Wagner: Mein "Gesamtkulistwerk" wurde
nicht als "Gesaintkunstwerk" betrachtet, ich habe nur
Parzellen angeboten. - Man muB nattirlich auch
Von der FlOchtigkeit der
Theaterereignisse
Noch kurz zu den berachtigten Masten: Ist es nicht
so, daf3 Politiker sich dauerhafte Denbniiler wanschen
- Herr Schaack seine Masten, Herr Santer sein
Pei-Museum? Kann man hier nicht schon von einer
regelrechten, endlos langen Mast-Urbation sprechen?
Dagegen ist die scheinste Theaterauffiihrung,
und wenn sie noch so bejubelt wird, etwas, das schon
am Abend der Auffuhrung wieder verfliegt und
vergeht. KOnnte dies ein Grund sein, warum Politiker
in der Regel ein gebrochenes Verluiltnis zum Theater
haben?
Guy Wagner: Das ist ein Grund. Ohne Zweifel. Das
Theater ist jetzt dreil3ig Jahre alt. Meiner Uberzeugung
nach ist die Institution nicht in Frage gestellt.
Weil aber - wie Du richtig bemerkt hast - diese ganze
Sache etwas sehr FlUchtiges ist, ist morgen vergessen,
was gestern gespielt wurde. Mir ging es eben
nicht nur darum, diese Struktur insofern auszunutzen,
daB "fur jeden etwas geboten wurde". Ich wollte
auch urn das Theater herum ein Ambiente schaffen,
das es den Gasten ermoglichte, noch nachtraglich
etwas von ihrem TheatergenuB zu haben.
Das Theater habe ich nicht als Konsum betrachtet,
sondern - vom Zuschauer her - als innere Beteiligung.
Je starker er mitgehen oder das Erlebte nachher reflektieren
konnte, sei es per Diskussion oder per Austausch
mit den Kiinstlem - siehe die zahlreichen Veranstaltungen
in der "Theaterstiffchen"-, umso starker
bleibt das Erlebte in der Erinnerung. Die Erinnerung
ist also weniger fluchtig geworden.
Ein Beispiel hat mich immer sehr beeindruckt. Als
ich mein Buch Ober die Luxemburger Koinponisten
verOffentlichte, sagte mir Marcel Wengler, er habe
sein Musikstudium begonnen, nachdem er hier im
Escher Theater die "Kronung der Poppea" erlebt
hatte. Schon allein aus diesem Grund war es wichtig,
daB dieses Theater damals gebaut wurde.
Kunst im Offentlichen Raum
Schlieffen wir den kleinen Exkurs Aber die "Banque
Internationale" und ihre kiinstlerische Ader ab: Hier
stellt sich das Problem der Kunst im offentlichen
Raum. Auffallend ist, daf3 im Grunde genommen nur
die Banken sich diesen Luxus leisten keinnen,
mai 1992
5
Erziehung
entsteht dadurch,
daß
die Menschen
sich deutlich
mit dieser
Kunst auseinandersetzen
müssen, ganz
gleich, ob sie
sich nun ablehnend
oder
zustimmend
verhalten.
Hauptsache
ist: Es wird
diskutiert.
während die Städte und Kommunen nicht viel unternehmen.
Besucht man eine Stadt, merkt man sogleich,
ob dort eine Sensibilität für Kunst vorhanden
ist, oder nicht. In Esch hat man eher den Eindruck,
daß für Kunst im öffentlichen Raum keine Antenne
vorhanden ist. Hier lebt und arbeitet zum Beispiel ein
Bildhauer von internationalem Format, Jeannot
Bewing. Warum bringt die Stadt Esch es nicht fertig,
Jeannot Bewing zu beauftragen, Skulpturen für die
Stadt zu schaffen?
Guy Wagner: Zwar hat mein Vorgänger Jos
Wampach sehr viel erreicht für die Kunst in Esch. Er
hat zum Beispiel die städtische Kunstgalerie zu der
städtischen Prestige-Galerie in Luxemburg entwikkelt.
Hier wurde für die zeitgenössische Kunst eine
Promotion geleistet, die jetzt erst voll durchschlägt.
Was aber den öffentlichen Raum in Esch betrifft,
kann man nur feststellen: Da ist nichts passiert.
Wieder einmal ist es Jos Wampach zu verdanken, daß
in Zusammenarbeit mit dem Rotary-Club überhaupt
die ersten zwei Skulpturen - der "Biergmann" und der
"Minettsmann" - auf dein Norbert-Metz-Platz aufgestellt
wurden. Auffallend ist dabei, daß es sich um
figurative Skulpturen handelt. Es herrscht eine große
Angst vor der Öffentlichkeitsdynamik. Man kann
dies mit folgendem Beispiel illustrieren: Als das neuerbaute
Viertel "Al Esch" amenagiert wurde, schrieb
die Stadt einen öffentlichen Künstlerwettbewerb aus.
In der Jury saßen wirklich Spitzenleute. Sie prämierten
ein Projekt von Jean Flammang, das die "Minettsdäpp"
thematisierte. Es war eine sehr ulkige Skulptur,
etwas Lustiges, so originell, daß alle begeistert
waren. Auch Jeannot Bewing und Nico Thunn hatten
sich am Wettbewerb beteiligt und wurden als Dritte
selektioniert. Gérard Claude und seine Frau Christiane
Modert waren Zweite.
Das heißt: Auch die anderen selektionierten Projekte
waren so gut, daß unbedingt ein anderer Standort in
der Stadt hätte gefunden werden müssen, um sie aufzustellen.
Das ist nicht geschehen. Die Angst der
Stadtväter hingegen war so groß - . diese Angst, die
sich jetzt beim Aufstellen der lila Masten nicht zeigt
-, daß sie Flainmangs preisgekröntes Projekt fallenliessen.
Jetzt steht in "Al Esch" ein Brunnen, der
wirklich keine gute Lösung darstellt. Die Escher
Bürger regen sich ununterbrochen über diesen
Brunnen auf. An Jean Flammangs Skulptur hätten sie
sich mittlerweile gewöhnt. Diese Skulptur wäre ein
Symbol der Stadt Esch geworden, von einer ganz
anderen Qualität als all die Lofy-Skulpturen, die inzwischen
im ganzen Land herumstehen.
Erziehung zum
Kunstverständnis
Ist es nicht auch so, daß Politiker ein sehr großes Ohr
haben für alles, was die Bürger sagen und denken?
Als die Skulptur von Lino Gomes aufgestellt wurde,
kam es zu Kommentaren wie "Hues de de razegen
Hond gesin, dee se do erausgerappt hun ? Deen huet
jo ausgesin, wéi wann en den Thus hätt!" usw. Solche
Vorurteile werden von Gemeindeverantwortlichen
nur allzugern aufgegriffen. Statt also einen Lernprozeß
einzuleiten und den Bürgern beizubringen, wie es
sich verhält mit der modernen Kunst, werden lieber
biedere Brunnen aufgebaut.
Guy Wagner: Es ist noch schlimmer. An allen Ecken
der Stadt Esch sieht man diese alten Überreste von
Industriemaschinen. Beuys hätte aus einem solchen
Material sicher Kunstwerke gestaltet. Aber so, wie
sie jetzt herumstehen, sind es keine Kunstwerke.
Zu Deiner Frage eine Gegenfrage: Auch du hast über
die Skulptur von Lino Gonies einen Artikel geschrieben,
der sehr schlecht ankam. Gestern noch habe ich
von Marie-Josée Kerschen gehört, Du sollst nächste.
Mal nicht mehr über Kunst schreiben, von der Du
nichts verstehst.
Ich habe in diesem Zusammenhang über den OGB-L
geschrieben, der sich selber in die Vitrine stellte
mittels Kunst. Das war das eine. Das andere war:
Der OGB-L ehrt einen Arbeiter aus Bronze, und läßt
reale Arbeiter bei einer anderen Gelegenheit - als sie
nämlich im "tageblatt" entlassen wurden - auf eine
völlig empörende Weise fallen. Dies war der Hintergrund
meines Artikels.
Guy Wagner: Dann war Dein Artikel schlecht geschrieben.
Beim OGB-L ist doch jetzt ein sehr großer
Wille da, mehr für Kultur zu machen. Ich denke an
die Hearings oder die Kunstkurse, die der OGB-L
veranstaltet. Es ist zum Beispiel auch sehr gut, daß
der OGB-L seine Fittiche über die neugegründete
Kunstgewerkschaft hält. Er bietet ihr eine logistische
Hilfe, die es der Kunstgewerkschaft wesentlich erleichtert,
sich auf ihre syndikalistische Arbeit z_u konzentrieren
und sich nicht mit dein administrativen
Kram herumplagen zu müssen.
Zurück zum Thema "Kunst im öffentlichen Raum".
Obschon in Esch sicher mehr Kunst vorgeführt
wurde als anderswo, merkt man doch, den Untere
schied zwischen Kunst, die in Kunsträumen gezeigt
wird - wo sich die Leute einfinden, die sich ohnehin
für Kunst interessieren - und der Kunst, die draußen
gezeigt wird und mit der jeder konfrontiert wird. Allerdings
kann nur aus dieser Konfrontation heraus
eine Erziehung entstehen. Erziehung entsteht
dadurch, daß die Menschen sich deutlich mit dieser
Kunst auseinandersetzen müssen, ganz gleich, ob sie
sich nun ablehnend oder zustimmend verhalten.
Hauptsache ist: Es wird diskutiert. Hinter jeder Diskussion
steht ja eine Fragestellung. Es handelt sich
einfach uni eine banale Ablehnung dieser Art Kunst.
Vieles will in verschiedene Köpfe nicht hinein, das
ist logisch. Vor zwanzig Jahren hatte auch ich eine
ganz andere Kunstauffassung als heute. Weil ich
mich in diesen zwanzig Jahren permanent mit Kunst
auseinandersetzte, habe ich auch sehr viel hinzugelernt.
Durch die eigene Erziehung und das soziale
Umfeld ist jeder - ob er will oder nicht - zum Teil mit
Vorurteilen behaftet. Fehlt nun die permanente Auseinandersetzung,
kann man sich von bestimmten
Vorurteilen einfach nicht befreien. Ganz allgemein
fehlt die Bereitschaft zur Offenheit, zur Einsicht.
Mein Kulturkonzept für Esch ging noch einen Schritt
weiter. Mein Traum war: Die Stadt läßt auf dem autofreien
Brillplatz - spätestens in ein paar Jahren ist
auch hier ein unterirdischer Parkraum geschaffen -
Sockel aufstellen und bestellt dann Leihgaben hei
Bildhauern. Zum Beispiel für die Dauer eines Jahres,
11119n11121n11
6 forum nr 135
zu einem Preis von 300 000 bis 500 000 Franken pro
Skulptur. Durch das ständige Auswechseln dieser
Skulpturen könnte auch eine ständige Konfrontation
mit dieser Kunst gefördert werden. Dies in einem
Viertel, das sicher das interessanteste in Esch ist, das
lebendigste mit der größten Vielfalt von Bevölkerungsgruppen.
In diesem Viertel kann man wirklich
integrative Arbeit leisten. Es gibt hier eine Schule,
ein Kino, eine Kirche, die man auch nicht vergessen
darf, dann das Meder-Haus, dem ein "animateur culturel"
zugeteilt werden soll, dann das Theater mit
Ausstellungsräumen. Andererseits das Kommerzielle
und Kulinarische: Hier sind soviele Strukturen vereinigt,
daß sich ohne weiteres ein Modell für "Kultur
im öffentlichen Raum" entwerfen und durchführen
ließe.
Es ging mir auch darum, wesentlich stärker in die
Dynamik des Straßentheaters zu investieren und
draußen beispielsweise Happenings vorzusehen. Als
ich ein paar solcher Happenings auf dem Brillplatz
organisierte, wurden sie zwar viel diskutiert, aber
nicht abgelehnt. Die Escher Bürger waren froh, daß
etwas Neues geschah. Im Endeffekt freuen sich die
Menschen, wenn eine Animation stattfindet, ob sie
damit einverstanden sind oder nicht.
Guy Wagner: Es gibt hier ja nur drei Theater. Ein
Karussell mit drei Theaterleitern wäre eine ziemlich
problematische. Angelegenheit.
Wäre es in Deinen Augen nicht natürlich, daß ein
Theaterdirektor im Konfliktfall die Konsequnzen
zieht und demissioniert, um sich selber treu zu
bleiben?
Guy Wagner: Ich sehe dies als meine Normalität an.
Wie normal es allerdings nach außen aussieht, kann
ich nicht beurteilen. Für mich gab es keine andere
Lösung. Ich muß morgens noch in den Spiegel sehen
und mir sagen können: Du bist noch du selbst.
Der Escher Bürgermeister François Schaack hat Dir
in der letzten Gemeinderatssitzung "Schwächen als
Verwalter" vorgeworfen. Was bedeutet dieser
Vorwurf? Ist der Bürgermeister ein exemplarischer
Verwalter oder ein ebenso exemplarischer Theaterkenner?
Guy Wagner: Weder noch. Meine Antwort: Angesichts
der Möglichkeiten, über die ich verfüge, wäre
auch ein besserer Verwalter inuner noch ein schlechter
Verwalter. Das Problem ist folgendes: Im Escher
Stadttheater wurden durchwegs Mitarbeiter angestellt,
die sonstwo nicht unterzubringen waren.
Zum Stellenwert des Theaters
in Luxemburg
Dieses Konzept finde ich gut und richtig, aber: Was
ist denn nochzu verwirklichen, wenn verantwortliche
Politiker - die ja auch für die Finanzen der Stadt zuständig
sind - kein Gespür für das Künstlerische
haben und die Notwendigkeit von Kunst und Kultur
überhaupt nicht begreifen?
Guy Wagner: Da kann man nur noch hoffen, daß
andere Politiker an ihre Stelle treten.
Im Ausland ist die Demission von Theaterdirektoren
nichts Außergewöhnliches. Oft ist der Grund auch
hier ein Konflikt mit politisch Verantwortlichen. In
Deutschland wird der ständige Wechsel an der Spitze
der Theaterhäuser ironisch "Intendantenkarussell"
genannt. Du bist in Luxemburg der erste demissionäre
Theaterdirektor. Warum ist ein solcher Schritt
hierzulande so ungewöhnlich? Sind die Luxemburger
Theaterdirektoren angepaßter oder ängstlicher?
Guy Wagner: Nein, ich denke das Theater hat hier
eine andere Position. Unsere Theater sind meistens
"théâtres d'accueil". Die Intendanten, von denen Du
sprichst, sind zum großen Teil ja auch Regisseure.
Diese Ausrichtung würde noch am ehesten auf Marc
Olinger zutreffen, der ja die Auflage hat, Theaterkreationen
zu fördern.
Die Luxemburger sind natürlich auch konservativer.
Wer einmal eine gute Stelle hat, will sie sobald nicht
wieder aufgeben. Mir ging es nicht uni die Stelle, mir
ging es um das Prinzip.
Hängt diese Immobilität auch damit zusammen, daß
einer, der hierzulande demissioniert, sofort mit dem
Rücken an der Wand steht? Er luit ja nicht die Möglichkeit,
zum Beispiel höher im Norden oder tiefer im
Süden ein anderes Theater und andere Arbeitsverhältnisse
zu finden.
mai 1992
Dieser Tatbestand war für mich übrigens auch ein
Kriterium, uni festzustellen, wie wenig das Theater
in der administrativen Struktur honoriert und respektiert
wurde.
Ist die Theateradministration überlastet?
Guy Wagner: J'a. Vor allem sind in der Administration
nicht ausreichend kompetente Leute. Es müßte
mindestens noch ein "expéditionnaire" dazugehören
sowie ein weiterer Kassierer. Das hauptstädtische
Theater verfügt über einen "comptable" und zwei
1111.1111111111 7
Guy W. Stoos
in: Crrénge Spoun
Kassierer. Hier muß eine einzige Dame das gesamte
Pensum bewältigen.
Soll man einfach zusehen, wie Politiker ihre Kulturvorstellungen
nicht nur propagieren, sondern auch
noch budgetär absegnen lassen, wo es sich doch herausstellt,
daß Politiker in Spitzenpositionen selten
Menschen sind die mit Kultur etwas am Hut haben?
Guy Wagner Um etwas anderes zu erreichen, müßte
man die gesamten Strukturen ändern. Das Escher
Theater ist ein "théâtre municipal" und ist dadurch
abhängig vom Schöffenrat. Die Schwierigkeiten, die
im Theater auftauchen können, sind allerdings
ebenso abhängig von der Kompetenz des Schöffenrats,
und nicht allein von den Mitarbeitern des
Hauses.
Entpolitisierung der Kultur?
Wäre auf kommunaler Ebene eine Trennung zwischen
Politik und Kultur denkbar? Könnten die Politiker
darin gehindert werden, sich zu sehr einzumischen?
Guy Wagner: Das ist natürlich eine sehr schwierige
Frage. Von mir aus wäre eine solche Trennung vorstellbar.
In den Augen der Politiker hingegen nicht.
Sie würden sich niemals daran hindern lassen, die
Kultur zu beeinflussen. Der Schöffenrat hat in allein
die Entscheidungsgewalt. Wer Macht hat, gibt nicht
gerne Macht her.
Wäre eine Struktur denkbar nach dem Muster des
"Fonds culturel national", der nicht mehr unmittelbar
mit Politikern besetzt ist, sondern mit Vertretern,
die allgemein an Kultur wirklich interessiert sind und
daher auch Möglichkeiten und Notwendigkeiten von
Subventionen erkennen? Könnte so ein Verwaltungsgremium
für ein Nationaltheater Esch aussehen?
Guy Wagner: Dieses Modell wurde zum Teil von
der CSV vorgeschlagen. Es wäre ein interessantes
Modell. Allerdings spielt die Politik auch hier hinein.
Beispiel "Fonds culturel national": Der Präsident
Guy Linster wurde aus politischen Gründen ersetzt.
Die Exponenten der jeweiligen politischen Konstellation
lassen sich kaum ihre Machtinstrumente aus
der Hand schlagen.
Wichtiger scheint mir die Verwirklichung eines
anderen Konzepts. Eine kompetente Person sollte die
Verwaltung des Theaters übernehmen. Daneben
sollte ein "directeur a rtistique" den künstlerischen
Bereich leiten mit möglichst großer Souveränität.
Verantwortlich sollte er sein gegenüber der Kulturkommission,
die hier in Esch ausgezeichnete Arbeit
leistet. Bisher hatte diese Kommission leider nur die
Funktion, mit mir zusammen die Theaterprogramme
zu diskutieren und zu sanktionieren. Sollte es allerdings
einmal zu einer wirklichen Kulturpolitik in
Esch kommen, muß auch der Kulturkommission eine
neue Verantwortung zugeteilt werden. Der Schöffenrat
sollte dann die Entscheidungen dieser Kommission
akzeptieren. Er sollte nur in wirklichen Extremfällen
seine politische Verantwortung übernehmen.
Man hat Dir auch vorgeworfen, als Theaterdirektor
auf "erpresserische Weise" mit dem Schöffenrat umgesprungen
zu sein.
Guy Wagner: Es.gab hier im Hause einmal eine Personalaffäre,
die mich förmlich krank machte. Damals
sagte ich: Entweder er oder ich. Daraufhin antwortete
der Schöffenrat: Wir lassen uns nicht erpressen.
Auch im vorliegenden Fall habe ich in meinem Brief
an den Schöffenrat klar und deutlich zu verstehen
gegeben, daß meine Demission fällig sei, falls ich
nicht über die 2 Mio verfügen könnte. Dies nur, um
zu verhindern, daß einmal mehr von Erpressung gesprochen
würde. Wenn der Schöffenrat ein solches
Vorgehen für Erpressung hält, ist das seine Sache.
Politikkundige Escher behaupten, der Escher Bürgermeister
habe seine ganze politische Karriere auf
einer Serie von Erpressungen aufgebaut. Das ist
doch kaum zu glauben.
Guy Wagner: Doch. Das ist zu glauben. Zur Zeit als
die "LSAP-Liste B", die Linkssozialisten - ich weiß
nicht, inwiefern diese Linkssozialisten heute noch
linkssozialistisch sind - gemeinsam mit den Kommunisten
hier in Esch die Macht übernahm, habe ich
mehr als einmal persönlich erfahren, wie der Bürgermeister
(der damals erst Gemeinderat war) sagte:
Wenn es nicht so geht, 'wie ich es haben möchte,
werde ich dagegen stimmen. In diesem Fall wäre die
Koalition gekippt, denn das Verhältnis Majorität-
Opposition war 10:9. Dies praktizierte der Bürgermeister
damals permanent. Ich weiß auch, daß erwenigstens
dreimal schon mit seiner Demission gedroht
hat, seit er Bürgermeister ist.
Kultur mit dem
Rechenschieber
Ein anderer Vorwurf lautet, Du hättest inpunkto Programmgestaltung
über die Stränge geschlagen und
allzuviel des Guten angeboten. Das klingt ja fast, als
gebe es ein absolutes Höchstmaß an kultureller
Nahrung, das nicht überschritten werden darf.
Guy Wagner: Dieser Vorwurf erinnert mich an den
Satz, den Kaiser Josef II. zu Mozart sagte, als er die
Uraufführung der "Entführung aus dem Serail"
gesehen hatte: "Zuviele Noten, mein lieber Mozart!"
Darauf antwortete Moza rt: "Genau genügend, Sire."
Ich habe einen Satz geprägt und will ihn gern noch
einmal prägen: Man macht keine Kultur mit dem Rechenschieber.
Man kann einfach nicht verfügen: An
soundsoviel Tagen im Jahr soll etwas Kulturelles geschehen.
Es ist eine Farce, aber 1990 wurde mir eine.
"note de service" zugestellt, ich dürfe künftig pro Jahr
nicht mehr als 100 Veranstaltungen im großen Saal
organisieren. Daran habe ich mich gehalten. Wenn
nun behauptet wird, es hätten 149 Vorstellungen
stattgefunden, so ist das eine Irrführung. Denn man
hat mir ausdrücklich versichert, daß die Saalvermietungen
und die Veranstaltungen in der "Theaterstiffchen"
nicht in dieser Zahl 100 enthalten seien. Der
Bürgenmeistr hat mir übrigens versprochen, in einer
nächsten Gemeinderatssitzung diese falsche Zahl
von 149 Veranstaltungen zu korrigieren. Allerdings
rechnet er mir jetzt vor, die Gesamtzahl der Veran-
Womit hier
niemand gerechnet
hatte,
am allerwenigsten
ich
selber, war
der quasi
kathartische
Schock, den
mein Rücktritt
ausgelöst hat.
Ich hoffe, daß
aus der Bewegung,
die
jetzt entstanden
ist,
eine große
Debatte über
den Stellenwert
der
Kultur hierzulande
hervorgehen
wird.
8 forum nr 135
staltungen, "Theaterstiffchen" und Saalvermietungen
einbegriffen, liege bei 181.
Gibt es möglicherweise Rechenschieber in Menschengestalt?
Guy Wagner: Ja. Ein intelligenter Mensch muß kein
kultureller Mensch sein.
Die Ohnmacht der
Kulturschaffenden
Eine prinzipielle Frage: Kann sich ein kreativer
Mensch in seinem Bereich überhaupt eine Demission
leisten? Wäre es nicht das Gleiche, wenn ein Musiker
sagt: Aus Protest werde ich jetzt nicht mehr komponieren?
Oder wenn ein Schriftsteller beschließt: Ich
schreibe keine Zeile mehr, weil die ganze Kulturpolitik
untragbar ist?
Guy Wagner: Mein Rücktritt als Escher Theaterdirektor
bedeutet nicht, daß ich mich auf eine einsame
Insel zurückziehen werde. Geistig bleibe ich jedenfalls
in Kontakt mit dem Luxemburger Theaterleben,
und überall wo ich helfen kann, helfe ich.
Zeigt nicht gerade der Fall Claude Peymann am
Wiener Burgtheater, daß massive Angriffe durch Politiker
schon fast zum Alltag unabhängig kreativer
Menschen gehören? Kann ein Rücktritt nicht auch
den Braveren und Linientreueren das Feld freimachen?
Guy Wagner: Nein. Womit hier niemand gerechnet
hatte, am allerwenigsten ich selber, war der quasi kathartische
Schock, den mein Rücktritt ausgelöst hat.
Einerseits telefonierten und schrieben mir zahlreiche
Leute, um mir zu sagen: Endlich einer, der noch Zivilcourage
hat, der noch Nein sagen kann in einer
Zeit von lauter Jasagern. Andrerseits kam die Reaktion:
Jetzt muß aber endlich ernsthaft über Kultur
nachgedacht werden. Ich hoffe, daß aus der Bewegung,
die jetzt entstanden ist, eine große Debatte über
den Stellenwert der Kultur hierzulande hervorgehen
wird.
Der Schöffenrat hat seinen ' faux pas'; das heißt die
Kreditverweigerung, nicht rückgängig gemacht.
Wird Dein Nachfolger gezwungen sein, zu schlucken,
was Du kategorisch abgelehnt hast?
Guy Wagner: Der Sachverhalt ist komplexer. Mein
Nachfolger wird erst im Juni antreten. Das heißt: ich
selber muß noch schlucken, was ich mir eingebrockt
habe. Ich habe nochmals mit dem Bürgermeister über
den ominösen Kredit gesprochen. Nochmals wurde
mir mitgeteilt, dieses Geld stehe mir auf keinen Fall
zur Verfügung. Meine Konsequenz heißt: Ich werde
in diesem Fall Glas neue Saisonprogramm bis Dezember
auffüllen und dann zeigen, was es heißt, wenn
zwei Mio fehlen. Von Januar bis März '93 werde ich
versuchen, ein ordentliches Programm auf die Beine
zu bringen. Dieses Programm wird dann aber einem
Budget von 17 Mio, nicht aber von 18,9 entsprechen.
Es wird deutlich zutage treten, wieviel durch diese
Beschneidung verlorengeht. Jedenfalls geht ein Teil
dessen verloren, was den alternativen und originellen
Charakter des Escher Stadttheaters ausmachte.
Also könnte das Endresultat sein: Eine breitangelegte
Debatte über Kultur, die allerdings auf einer theoretischen
Schiene läuft, und trotzdem praktische Verschlechterungen
im Theaterbereich?
Guy Wagner: Vielleicht. In der Gemeinderatsdebatte
wurde allerdings eine höhere staatliche Unterstützung
des Escher Theaters gefordert und eine Erhöhung
der Künstlerhonorare in Aussicht gestellt.
Diese Erhöhung soll in der kommenden Zeit 5% pro
Jahr ausmachen, und 1995 sogar 20%. De facto
würde das Theaterbudget auf diese Weise also doch
um eine Mio heraufgesetzt.
Fortsetzung in der nächsten "forum" Ausgabe: u.a. über Parteien,
Pei-Museum, europäische Kulturstadt 95, Konservatismus in Luxemburg,
sowie "30 unerwartete Fragen an Guy Wagner".
Das Gespräch wurde am B. März 1992 in Esch aufgezeichnet.
Carlo Schmitz
6111•11n21nMININ10e
mai 1992 135 3 7 Guy Rewenig Man macht keine Kultur mit dem Rechenschieber Ein Gespräch mit Guy Wagner, Theaterdirektor in Esch Kultur Kunst Kommerz Luxemburg Interview
Diesen Artikel als PDF ansehen.
Größe: 1.12 MB




