Pei-Museum, Fort Thüngen und die guten Kartoffeln
Ein paar Randbemerkungen
Ein paar Randbemerkungen
Ich habe lange gezögert, diesen Beitrag zu schreiben, weil ich mich damit zum Blockdenken bekenne. Jetzt gehöre ich endgültig ins Lager der Pei-Befürworter, der Regierungstreuen, der Bausubstanzzerstörer, der Elitären, der Größenwahnsinnigen und der Gekauften. Denn es ist leider nicht mehr möglich, eine differenzierte oder unbefangene Meinung über ein zeit ...
Ein paar Randbemerkungen
Ich habe lange gezögert, diesen Beitrag zu schreiben, weil ich mich damit zum Blockdenken bekenne. Jetzt gehöre ich endgültig ins Lager der Pei-Befürworter, der Regierungstreuen, der Bausubstanzzerstörer, der Elitären, der Größenwahnsinnigen und der Gekauften. Denn es ist leider nicht mehr möglich, eine differenzierte oder unbefangene Meinung über ein zeitgenössisches Museum in Luxemburg zu haben. Vor Monaten konnte ich mir vorstellen, daß man mit guten Gründen ein extravagantes Museum ablehnte oder mit anderen guten Gründen ein ausgefallenes Kulturprojekt befürwortete. Damals war das möglich. Damals aber schon verstand ich nicht, daß man für die eine oder andere Lösung auf die Barrikaden gehen sollte. Und ich bin immer noch der Meinung, man solle Kreuzzüge vermeiden.
Was mich trotzdem veranlaßt, diese Zeilen zu veröffentlichen, sind zwei Dinge:
Erstens weiß ich, daß trotz der Subjektivität meiner Ansichten, auch andere ähnlich denken. Der zweite Anlaß ist komplexer: Es ärgert mich, daß eine Zeitschrift wie "forum" eine sehr einseitige Haltung gegenüber der Gesamtproblematik vertritt durch die gesammelten Federn von M.P., G.R. u.a... Damit will ich weder dem einen noch dem andern verwehren, seine Meinung - auch in satirischer Form - auszudrücken. Was meine Schreibfaulheit überwunden hat, ist die Suggestion, daß alle, die eine andere Position gegenüber dem Museum einnehmen, naive Trottel, kriminelle Kulturzerstörer, verantwortungslose Politiker sind - im besten Fall elitäre Banausen.
Als langjähriger "forum"-Sympathisant darf ich mir die Bemerkung wohl erlauben, daß die Tendenz zur Besserwisserei und zum Alleinanspruch auf Wahrheit auch in meinem Bekanntenkreis als gelegentliche "forum"-Haltung unangenehm auffällt. Deshalb schlage ich ein paar "alternative" Überlegungen vor, damit "forum" ein Forum bleibt. Der Anzug des nützlichen Idioten paßt mir ohnehin wie angegossen.
Selbstverständlich bin ich mir bewußt, daß ich absolut keine Qualifikation vorweisen kann, pertinent über Architektur, Lage oder Inhalt eines zeitgenössischen Museums zu argumentieren. Die folgenden Überlegungen stammen von einem Dilettanten, in dessen Leben Kunst und Kultur einen hohen Stellenwert einnehmen, der größere Ausflüge nicht scheut, um Ausstellungen in ausländischen Museen zu besuchen und überzeugt ist, daß wir in dieser Hinsicht in Luxemburg nicht verwöhnt sind.
Da eine geordnete Diskussion kaum noch möglich ist, möchte ich mich einfach am allgemeinen Entenschwimmen beteiligen. Was mir aber auffällt in der Argumentation gegen ein Museum für zeitgenössische Kunst auf Fort Thüngen, ist das Hüpfen von einem Thema zum andern. Wird der Architekt genehmigt, so ist der Standpunkt schlecht. Hat man sich mit der Lokalisierung abgefunden, ist der Preis zu hoch. Ist der Preis gedrosselt, führt man den Denkmalschutz an. Sind die drei Eicheln integriert, weiß man
nicht, was man in den Kasten setzen soll. Hat man einen inhaltlichen Plan, so ist die Temperatur im Innern zu hoch. Selbstverständlich kann man diese
Elemente alle addieren, dann erhält man ein herrliches Defizit. Ich will mich nicht vor dieser Realität drücken. Wenn ich aber lesen muß, daß die Argumentation gegen Pei das Projekt als Disney-Land verunglimpft oder seine höfliche Haltung dem Herrscherhaus gegenüber als unzumutbar darstellt, kommen mir die Zweifel. Man darf der Ansicht sein,
Pei zerstöre das Fort Thüngen. Darf man nicht auch
glauben, daß er es günstig integriert oder gar valorisiert?
(1) Persönlich halte ich es für ein grandioses
Projekt.
Damit wären wir beim Stichwort "Größenwahn"! Ich
bin kein Finanzexperte, aber ich verstehe, daß Bauund
Betriebskosten riesig sind. Und spontan kann ich
nur jenen zustimmen„ die lieber Klinikbetten, Altenheime,
gerechte Renten und sonstige soziale Verbesserungen
verwirklicht sähen. Und wenn man mir verspricht,
daß wirklich mit diesem Geld Armut abgeschafft
und Leiden erleichtert wird, bin ich schon fast
gegen das Projekt. Aber nur spontan. Wir wissen
ganz genau, daß man das benötigte Geld nie umbuchen
kann. Ein 13elgier könnte mir ausrechnen,
wieviel pommes frites man dafür kaufen könnte.
Aber dieselben guten Kartoffel könnte man auch mit
dem Geld von komplexen Sportzentren mit versenkbarem
Schiedsrichter oder von großzügigen Kulturzentren
in Oberdonnersbach kaufen.
Genug! Auch das wird uns nicht darüber hinwegtäuschen,
daß das Pei-Projekt unvernünftig ist.
Hier bin ich bei einem sehr persönlichen Punkt angekommen,
der wahrscheinlich wenig argumentatives
Gewicht hat: in meinem Leben waren die "schönsten
Dinge" nicht vernünftig!
Ich stelle die Frage ganz ernst: Sollte Luxemburg sich
nicht auch einmal eine "folie" erlauben? War der Bau
der Peterskuppel oder eines griechischen Theaters
vernünftig? Ist es "vernünftig", eine Zweierbeziehung
einzugehen? Kinder in die Welt zu setzen? Ich
bin 1942 geboren. War es damals "vernünftig"?
Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, eine
Vermutung einzubauen, denn ganz werde ich den
Eindruck nicht los, verschiedene Haltungen, wie sie
in "forum" angeboten wurden, kämen aus derselben
ideologischen Ecke wie ich selbst. Sind wir nicht
geprägt von einem christlichen Puritanismus, ja, Masochismus,
der uns hindert, wirklich großzügige, ja,
verrückte Projekte gutzuheißen oder zu verwirklichen?
Steckt in uns nicht irgendwo noch dieser doch
kleinliche Hang, uns und den andern keine Freude zu
gönnen? Und weil wir so vernünftig und puristisch
sind, spielen wir so gerne auf der Moraltrompete.
Es ist leider
nicht mehr
möglich, eine
differen- zierte
oder
unbefangene
Meinung über
ein zeitgenössisches
Museum in
Luxemburg
haben.
Carlo Schmitz
MN. MIIIMIIM11111
juli 1992 7
BIM Pn14
Dies gilt nicht nur für das Gebiet der Kultur und
Kunst. Dieselbe Mentalität macht aus mir nicht nur
einen elitären Kunstegoisten sondern auch einen permuoco/
co Drittewelt- und Umweltsünder. Meine
Vermutung trifft allerdings nicht zu für die parteipolitische
Motivationsstruktur: dort sieht es fast umgekehrt
aus: Man könnte farbenblind werden!
Lassen wir die Spekulationen! Ein Aspekt aber sollte
noch beleuchtet werden: das Publikum. Ich habe in
vielen ausländischen Kunstausstellungen unheimlich
lange Warteschlangen mitgemacht oder mich
unter heroischen Bedingungen durch Menschenmassen
bis zu Bildern und Objekten durchgekämpft.
Auch wenn das unangenehm war, so steht doch fest:
Ausstellungen ziehen Menschen an, wenn man etwas
bietet. Auch für die Kultur bewegen sich Massen, und
ich weigere mich anzunehmen, dies geschehe aus
reinem Snobisrnus. Denn wenn ich in einer Schlange
stehe, bin ich nicht weniger ein blöder Tourist als
mein Nachbar. Wenn ich an die großen Ausstellungon
in Paris, Brüssel, Amsterdam, Köln, Düsseldorf...
denke, sehe ich nicht ein, wieso Luxemburg
nicht auch erhebliche Besucherzahlen anziehen
könnte. (2)
Die Frage ist: Wagen wir etwas, das "Format" hat?
Ich meine damit nicht den bombastischen Größenwahn,
sondern das, was der Franzose "envergure"
nennt. Das bekommen wir nicht in Reinkultur, nicht
ohne Nebeneffekte, nicht ohne Nachteile. Müssen
diese abe uoxsob|u ebend sein?
Wir können das Projekt verwerfen. Dann haben wir
eben Residenzen, Banken, Supermärkte, Spielkasinos,
Golfplätze, drei Eicheln und einen hohlen Zahn.
Und gute Kartoffeln. Paul Maas
(1) Ehe man das Glaskastenmodell verwirft,sollte man sich
vielleicht erkundigen, was Pci bis dahin verwirklicht hat.
Auch ein flüchtiger Hinweis auf die Pyramide im Louvre
kann nicht genügen. Man sehe sich seine wichtigsten
Werke von außen und innen an: die Kennedy Lihrary, das
rwoycmonaymponnicron/ec,uxxnvvt Building of Nationo|
Gallery in Washingten, das Fragrant ain Hotel in
noUing, das Dallas Municipal Administration Center oder
das antike Elemente verwendende National Center for At'
mospheric Research in den Colorado Rocky Mountains.
Hier könnte man die Harmonisierung von strengen geometrischen
Formen, von Offenheit und Geschlossenheit, von
Integration und Verfremdung und das Spiel mit Glas und
Licht nachvollziehen, ehe man von "Disney-Land" spricht.
Wenn Sie diese Stätten nicht x||o besichtigen können, so
schlagen Sie nach in der Monographie von Carter
Wiseman, I.M. roi, A profile in American Architecture,
Edition Stemmle (Schaffhausen/Zürich 1990)!
(q Eine interessante Umfrage zum Verhältnis des "ouoh'
xoxnium,nscmon" zur Kunst enthält die Nummer 100 der
Zeitschrift "Beaux Arts" (April /»oz) unter dem Titel "1,es
Français et l'art". Hier wird auch die gängige Annahme
differenziert, Kunst und Museum seien einer verschwindenden
Oberschicht vorbehalten. 137 6 3 Paul Maas Pei-Museum, Fort Thüngen und die guten Kartoffeln Ein paar Randbemerkungen Museum Kultur Medien Luxemburg Beitrag
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