"Kultur ist ein öffentlicher Dienstleistungsbetrieb"
Ein Gespräch mit Guy Wagner, Theaterdirektor in Esch (Schluss)
Soeben wurde Guy Wagner von der Asbl "Luxembourg, ville européenne de la culture l995" ernannt. Assistiert wird er von Ariette Klein und Simone Baldauff-Beck.
Das "forum" -Gespräch mit Guy Wagner gewinnt somit an Aktualität: In unseren Spalten hat nämlich der künftige "Generalmanager" für 1995 erstmals seine Vorstellungen vom Konzept der "Kulturstadt Luxemburg" entwickelt. Nun wird es w ...
Soeben wurde Guy Wagner von der Asbl "Luxembourg, ville européenne de la culture l995" ernannt. Assistiert wird er von Ariette Klein und Simone Baldauff-Beck.
Das "forum" -Gespräch mit Guy Wagner gewinnt somit an Aktualität: In unseren Spalten hat nämlich der künftige "Generalmanager" für 1995 erstmals seine Vorstellungen vom Konzept der "Kulturstadt Luxemburg" entwickelt. Nun wird es wohl überaus spannend sein, ob es Guy Wagner gelingen wird, seine Ideen innerhalb der stark konservativ besetzten Asbl durchzusetzen. Seine Pläne für 1995 widersprechen in wesentlichen Fragen der bisherigen Kulturpolitik auf kommunalem staatlichem Niveau. Es wird sich demnach zeigen, ob die Politiker bereit sind, den Stellenwert der Kultur grundsätzlich neu zu bestimmen, oder ob 1995 aus ihrer Sicht eher ein "hohles Fest aller Eitelkeiten" werden soll. Guy Wagner hat übrigens in " forum " angekündigt, daß er notfalls den harten Kollisionskurs nicht scheuen wird. Wir wünschen ihm bei seiner schwierigen Aufgabe vor allem jene Portion "zivilen Ungehorsams", den die einheimische Kultur bitter nötig hat.
Die abschließenden "30 unerwarteten Fragen" zeigen Guy Wagner aus einem eher privaten Blickwinkel. Auch hier wird deutlich: der soeben ernannte "Super-KuIturmacher" nimmt weder ein Blatt vor den Mund, noch fürchtet er die (heilsame) Konfrontation. Zu hoffen bleibt, daß er die haarsträubende Kleinkariertheit der Escher Lokalpolitiker bei seiner neuen Mission nicht in ähnlicher Gestalt wiederfinden muß.
Künstlerische Basisdemokratie
bestehenden kulturellen Strukturen maßlos überforme/
wurden, daß es sich also um eine gigantische
te"LuxemburgxndMadr id. In Mad}idzeügtvich jetzt
ein interessantes Phänomen. Organisatorisch funktioniert
/ax/nü6u.Nu/Ü,lio4hu/uhnrxfh/n,/xeOr'
Vergleichen wir noch einmal die "Ku/tur/mxptstäd- Strukturen in Spanien wahrscheinlich weitaus resistenter
und solider als die sehr prekären Strukturen
in Luxemburg. Riskieren wir nicht auch, daß vieles
Uboxv/rnyudx,xng handelt. Nun sind die kulturellen
xochenf,rx,ùunge/ngcse/z/.Jeuuzcü//s/ch,daYd W"" ~.eU^nU^n w .ir es
schaffen,
über das
Kulturjahr
1995 dieses
punktuelle
Gewurstel in
eine Richtung
zu lenken,
haben
wir phantastisch
gearbeitet. hier zusammenbricht, statt revitalisiert zu werden,
wenn die Organisation zu groß angelegt ist?
Guy Wagner: Dazu zwei Bemerkungen: Die gesamten
kulturellen Strukturen in Spanien werden zur Zeit
in Frage gestellt. Nicht nur wegen des europäischen
Kulturjahres, sondern weil sie eine Erbschaft des
Franquismus sind, den die Spanier noch nicht verarbeitet
haben.
Die Spanier haben nicht gelernt, frei zu denken. Sie
fangen eben erst damit an. Diese Bemühungen
müssen notwendigerweise in einer ersten Phase
scheitern. Wir Luxemburger haben nach 1945 nie in
einer Diktatur gelebt. In dieser Hinsicht haben wir ein
wahnsinniges Glück gehabt. "Mir hu inéi Chance,
wéi mer Recht hun."
Ich habe eine Vision von 1995, zu der Du natürlich
auch Bedenken äußern kannst. Allerdings habe ich
aus der siebenjährigen Erfahrung im Escher Theater
enorm viel gelernt. Vor allem habe ich viel genauer
einzuschätzen gelernt, was "künstlerische Sensibilität"
ist. Und wie sehr der einzelne kreative Mensch
darauf aus ist, respektiert zu werden. Daher lehne ich
auch ein Konzept ab, das "von oben herab" durchgeführt
würde. Natürlich kann man einzelne Veranstaltungen
"von oben herab" oder "von außen herein"
beisteuern. Aber nicht diese Veranstaltungen werden
später Nachwirkungen zeigen.
Schuld(en).-Komplexe
Erwähnen wir noch eine andere Dimension der Kulturhauptstadt
Madrid: Jetzt schon ist klar, daß die
gewaltigen Kosten die gesamte spanische Kulturpolitik
über Jahre belasten. Könnte das Gleiche nicht
auch in Luxemburg passieren ? Ohnehin vermißt man
bei uns den politischen Willen, das Kulturbudget aufzustocken.
Guy Wagner: Was heißt hier: Ein Kulturbudget ist
belastet?
Es ist belastet, weil Schulden zu zahlen sind.
Guy Wagner: Dann müssen die Schulden eben
gezahlt werden. Es werden auch Schulden im Straßenbau
beglichen. Ich lehne es einfach ab, im kulturellen
Bereich den Begriff "Defizit" überhaupt zu benutzen.
Kultur ist ein öffentlicher Dienstleistungsbetrieb.
Wenn jeder, der die Alzettestraße betritt, eine
Gebühr zahlen müßte, dann erst könnte man von
Defizit reden.
Müßten die Besucher des Escher Theaters keinen
Eintritt mehr zahlen, wäre plötzlich auch nicht mehr
die Rede von "Defizit". Würde der öffentliche TranseenElffliteeelffliangga
W4A1A- ize7.77e4-
Wir haben noch weniger Strukturen als die Spanier.
Allerdings verfügen wir über eine ausgeprägte persönliche
Dynamik. Allzuviele Kreative müssen
leider noch immer in ihrer Ecke allein wursteln.
Wenn wir es nun schaffen könnten, über das Kulturjahr
1995 dieses punktuelle Gewurstel in eine Richtung
zu lenken, könnten wir behaupten: Wir haben
phantastisch gearbeitet.
Zur Frage der Hypotheken: Wenn 1995 ein Aufbruch
zu mehr Freiheit und mehr Dynamik in der Kultur
sein soll, müßten wir dann nicht auch die Gelegenheit
nutzen, uns von der Hypothek des Klerikalismus zu
befreien?
Guy Wagner: Doch.
Du sagst: Die Spanier haben nie frei denken gelernt,
weil der Franquismus sie daran hinderte. Haben wir
frei denken gelernt?
Guy Wagner: Wir haben nicht frei denken gelernt,
aber wir haben uns befreit. - Ich möchte auch hinzufügen,
daß die Umwälzungen in Spanien seit 15
Jahren enorm sind. Zwar sind die Strukturen nicht
stabil. Bei uns übrigens auch nicht. Doch trotzdem
entsteht jetzt eine Dynamik in Madrid, die eben
genau dem anderen Denken und den anderen Möglichkeiten
einen neuen Spielraum schafft.
Die Herausforderung eines "Europäischen Kulturjahres"
ist weniger an die kreativen Menschen gestellt
als an die Regierung. Die Regierung, bzw. die
politischen Parteien müssen in diesem Fall über ganz
andere Schatten springen als die Künstler.
,
À 1-A
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"eAreltreleinlill»ne,:elif,,,Tmigezesizemeev,-,2zwekenistreieziugieupgmuegsicAAin
port zum Nulltarif angeboten, würde nicht länger von Guy W. Stoos
"Defizit" geredet, sondern einzig und allein von der in: GréngeSpoun
Service-Leistung„ die der Öffentlichkeit zusteht, weil
sie darin Steuergelder investiert.
Wenn man erst einmal so denkt, ist "Schuld", die
durch Kultur entsteht, keine Schuld mehr, sondern
eine Investition.
Trotzdem: Wird es nicht eine Utopie bleiben, daß in
Luxemburg das Kulturbudget einmal verdoppelt
werden könnte, wie es etwa die Sozialisten in Frankreich
durchsetzten, als sie an die Macht kamen?
411n111111.
juli 1992 9
Guy Wagner: Nein. Ich denke, es ist eine Voraussetzung
für 1995. Das Kulturbudget muß 1996 zwischen
1,5% und 2% des Gesamtbudgets ausmachen.
Prauchen wir ein Pei-Museum?
Ich möchte einen etwas paradoxen Vergleich wagen.
Betrachen wir Kultur eimal als großen "Cactus". Es
gibt eine Abteilung für Lebensmittel, ein Abteilung
für Kleider, eine Abteilung für Kultur. Hauptsache
dabei ist, daß Kultur den Menschen überhaupt zugänglich
gemacht wird.
In Luxemburg soll jetzt ein Museum für zeitgenössische
Kunst gebaut werden. Brauchen wir überhaupt
ein solches Museum ? Haben wir es nicht längst, und
zwar in Gestalt der kunstfreundlichen Banken am
Bankenplatz Luxemburg?
Guy Wagner: Ja, aber die sind nicht öffentlich zugängl
ich.
Das beste Beispiel liefert eines der umstrittensten
Gebäude überhaupt, nämlich das Pariser "Centre
Pompidou". Dieses Kulturzentrum nimmt heute Millionen
von Besuchern auf. Der Erfolg hat alle überrascht.
Hängt es nicht damit zusammen, daß in Paris ein kulturelles
Umfeld besteht?
zeeezenez,
Welche
Bereitschaft
gibt es bei
der Regierung,
tatsächlich
in
Kunst zu
investieren?
Christian Merens, in: "Fanger
ewech vun den Dräi Eechelen"
Ich will damit sagen: Kunst wird hier quasi aus dem
Verkehr gezogen.
Guy Wagner: Es gibt in Luxemburg keinen Menschen,
der überhaupt noch das Prinzip diskutiert, ob
wir ein Museum für zeitgenössische Kunst brauchen
oder nicht. Nein? Kennst du welche? Den Rewenig
vielleicht? (Gelächter)
Man kann auch über das Prinzip eines Museums diskutieren.
Guy Wagner: Ich diskutiere nicht über das Prinzip.
Ein solches Museum scheint mir absolut notwendig
zu sein. Genausowenig sollte das Prinzip des Literaturarchivs
in Mersch in Frage gestellt werden. Auch
daß andere Theaterstrukturen hierzulande entstehen
müssen, ist keine Frage.
Ich sage auch formell: Das Prinzip der "Kulturfabrik"
im Escher Schlachthof darf nicht in Frage gestellt
werden.
Kurz zum Merscher L iteraturzentrum. In einem Kornmeruar
über die Debatten zur Schaffung eines Literaturzentrums
in München schrieb die "Süddeutsche
Zeitung": Warum sollte Literatur irgendein Zentrum
brauchen? Das einzige Zentrum der Literatur ist der
Leser.
Guy Wagner: Das ist ein sehr guter Kommentar.
Andrerseits muß es einen Rahmen geben, der einfach
Literatur öffentlich zugänglich macht. Es muß ein lebendiger
Raum sein, in dem Künstler sich treffen
können und wo eine Begegnung mit dem Publikum
stattfindet'
Guy Wagner: Schon, aber ein solches Umfeld kann
man auch schaffen.
In Luxemburg?
Guy Wagner: Ja. Daran zweifele ich nicht. Kurz
zum aktuellen Stand. Heute malen die Maler wieder
"groß". Warum malen sie groß? Weil groß gefragt ist.
Und zwar von den Banken. Im Mittelalter verlangten
die Kirchen die großen Formate. Danach die Fürsten
in den Renaissance-Palästen undsoweiter, dann
wieder die Kirchen, dann im neunzehnten Jahrhundert
die großen bürgerlichen Wohnungen, und jetzt
die Bankinstitute. Andernfalls würden unsere Maler
nämlich auch noch so malen, daß ihre Werke in eine
normale Wohnung hineinpassen.
Daß soviel Luxemburger Kunst gekauft wird, daß
endlich auch ein Teil der Künstler frei schaffen kann
- ein völlig neuer Begriff seit maximal 15 Jahren -,
ist schon ein Fortschritt. Andrerseits plädiere ich
auch für eine Universität in Luxemburg. Natürlich
müssen wir raus aus unserem kleinen Land. Das ist
eine conditio sine qua non. Aber es muß auch anderes
Blut herein. Sonst betrachten wir zu sehr unseren
eigenen Nabel. Und das ist ungesund. Damit züchten
wir uns einen völlig krummen Rücken, weil wir uns
ständig nach unten bücken. Das ist schlecht.
Seriöse Kunst oder
Megalomanie?
Eine letzte Frage zur Polemik um das Pei-Museum:
Vergleicht man das geplante Museum mit einem eben
10 forum nr 137
eröffneten, nämlich Hans Holleins Frankfurter
Museum für moderne Kunst, stellt man dreierlei fest.
Zunächst einmal hat das Frankfurter Museum einen
- für Großstadtverhältnisse - sehr vernünftigen Preis.
Es kostete rund eine Milliarde Luxemburger
Franken. Dann wurde eine Architektur gewählt, die
im Grunde genommen frühere Frankfurter Architektur
rehabilitiert, als Kontrapunkt sozusagen zu den
Riesenglasbauten der Banken. Und die dritte Feststellung:
Eben wurden in diesem Museum acht neue
Räume eingeweiht. Die Kritiker schreiben dazu: Es
fehlt zusehends an moderner Kunst, es etabliert sich
immer stärker eine "Kunst der Beliebigkeit ". Besteht
das gleiche Risiko nicht auch für Luxemburg?
Guy Wagner: Doch. Dieses Risiko besteht. Ganz
sicher ist die Investition in die Räumlichkeiten ein
Teilaspekt der modernen Kunst. Ganz sicher wird mit
der Investition in die Räumlichkeiten zum Teil auch
Mißbrauch betrieben. Und vor allem Mißbrauch auf
Kosten anderer Künstler. Wer soviel Raum für sich
beansprucht, nimmt den gleichen Raum anderen
weg.
Dies gesagt, muß man aber auch die andere Dimension
der zeitgenössischen Kunst berücksichtigen.
Beim geplanten Pei-Museum macht mir folgendes
Sorgen: Welches Gleichgewicht wird bestehen zwischen
importierten Kollektionen, die eine Zeitlang
ausgestellt werden, und jener Kunst, die dem Haus
gehört? Welche Bereitschaft gibt es bei der Regierung,
und jener Kunst, die dem Haus gehört? Welche
Bereitschaft gibt es bei der Regierung, eine echte Investitionspolitik
zu betreiben, d.h. tatsächlich in
Kunst zu investieren? Hier müssen sehr schnell bedeutende
Mittel zur Verfügung gestellt werden.
Ein gutes Projekt ist das geplante "work in progress",
also das Entstehen der Kunstwerke im Verlauf der
Bauphase und darüber hinaus. Von dieser Idee bin
ich begeistert. Andrerseits darf eines nicht vergessen
werden: Wenn soviel Geld in dieses Museum investiert
wird, muß auch ein Gleichgewicht geschaffen
werden zu anderen Kultursparten. Zur Frage des Kostenpunkts:
Wenn der Staat sagt "wir haben das
nötige Geld", dann soll er es auch investieren können.
Unter den Voraussetzungen, die ich eben erwähnte.
30 unerwartete Fragen an Guy Wagner
Was haben die Frauen den Männern voraus?
Die Sensibilität.
Welche Frauen imponieren Dir in Luxemburg am
meisten?
tiker hatte ich im "Wort" sehr viel zu tun - und ging.
Neun Monate später begann ich als Mitarbeiter im
"tageblatt".
Früher waren die Pfaffen der Hauptfeind des Polemikers
Guy Wagner. Ist das heute nicht mehr so?
Nelly Moia. Eine, die gestorben ist: Thers Bodé. Eine
andere, die gestorben ist: Lydie Schinit. Und auch
Marie-Paule Molitor-Peffer. (Nachtrag: In dieser
Form ist meine Antwort gültig, wenn ich von denn
Selbstverständnis ausgehe, daß meine eigene Frau,
Ariel, mir ganz allgemein ani meisten imponiert und
im Besonderen am meisten bedeutet, durch ihre liebevolle
Einfühlsamkeit, ihr vielseitiges Wissen und
ihre grenzenlose Solidarität, die mir immer wieder
Halt gegeben haben und das von mir Erreichte erst
möglich machten.)
Was empfindest Du, wenn eine Frau wegen Konlaibinats
vom Direktor der katholischen Sankt-Paulus-
Druckerei entlassen wird?
Für mich besteht der Antiklerikalismus solange, als
der Klerikalismus noch besteht. Und in Luxemburg
besteht der Klerikalismus noch. Meine antiklerikale
Haltung hat sich in dieser Hinsicht nicht verändert.
Es dreht sich allerdings nicht um den Pfaffen als
solchen, sondern um den Unehrlichen, ganz gleich,
in welchem Lager er sich befindet.
Ist Herr Santer kein Pfaffe?
Nein.
Die konservative Rechte baut ihr Medienmonopol
mit allen Mitteln aus. Steuern wir auf eine kulturelle
Pfaffokratie zu?
Ich muß dafür
sorgen, hier
in diesem
Leben
meinen Mann
zu stehen.
Zuerst mal eine riesige Wut. Dann sage ich mir: Sie
haben doch noch nichts hinzugelernt. Das schöne
Mäntelchen, das sie nach außen zeigen - vor allem
Heiderscheid -, ist wirklich nur ein schönes Mäntelchen.
Dahinter steckt genau die Perfidie, die er
bereits hatte, als er Direktor der Zeitung wurde.
Du warst einmal Mitarbeiter des "Luxemburger
Wort ". Warum hast Du diese Zeitung verlassen?
Zwei Sachen sind damals passiert. Einerseits meine
eigene Evolution, die mich immer stärker nicht nur
von der Kirche, sondern vom Glauben trennte. Am
Ende konnte ich mich aus diesem Grund nicht mehr
mit dieser Zeitung identifizieren. Andrerseits ist
meine Ehe zerbrochen. Im Auftrag des Herrn Heiderscheid
teilte mir der damalige Escher Redakteur
Ruiné mit, falls ich nicht freiwillig gehen sollte,
würde man mich aus dem "Wort" rauswerfen. Ich
habe meine Nachfolge noch geregelt - denn als Kri-
Das würde ich nicht sagen. Ohnehin hat die Rechte
schon seit einem Jahrhundert ein Medienmonopol.
Wären die Luxemburger so sehr auf dieses Medienmonopol
eingeschworen, hätten wir seit jener Zeit
eine rechte Einparteienregierung, die schalten und
walten könnte. Aber dies ist nicht der Fall. Ich hoffe,
daß sich noch ausreichend gesunder Menschenverstand
Bahn bricht, um die Gegenwehr zu sichern. Es
gibt ja auch Bestrebungen, die Gegenwehr zu organisieren.
Ob die Mittel auch zur Verfügung stehen,
ist eine andere Frage. Die Linke muß dafür sorgen,
ein gesundes, starkes, gutes, von sehr vielen Mitarbeitern
geschriebenes und von sehr vielen Luxemburgern
gelesenes Organ dagegenzusetzen. Ich bin
auch dafür, daß der soziokulturelle Rundfunksender
realisiert wird. Er könnte ein geistiges Gegengewicht
darstellen.
Wie stehst Du zur Monarchie?
juli 1992 11
Ich bin
Agnostiker,
denn mein
Hirn genügt
mir nicht, um
herauszufinden,
ob es
einen Gott
gibt oder
nicht. Ich
kann sehr gut
damit leben.
Ich lebe
sogar viel
menschlicher
damit. Denn
ich projiziere
nichts auf ein
Jenseits.
Sie tut mir nicht weh.
Warum hast Du vor 20 Jahren geholfen, Aufführungen
des "Létzebuerger Theater" zu stören?
Aus dein gleichen Grund, der mich heute veranlaßt,
noch immer gegen das "Lützebuerger Theater" als
solches zu sein. Es stellt eine Pervertierung der Idee
des luxemburgischen Theaters dar. In den letzten 20
Jahren ist nichts passiert. Damals stand noch ein intelligenter
Mensch, der Eugène Heinen hieß, an der
Spitze des "Letzebuerger Theater". Wenn Heinen
auch rücksichtslos eine Monopolstellung ausnutzte,
so stand damals wenigstens noch eine Idee hinter
dem Unternehmen. Heute hat das "Létzebuerger
Theater" noch sehr gute Akteure, aber keinen Geist
mehr.
Eines Deiner Bücher hieß "Ziviler Ungehorsam".
Praktizierts Du diese Disziplin noch immer?
Ich würde sagen: Ja.
Vor kurzem hat Dich Alfred Oppenheimer ausgezeichnet.
Wofür wurde Dir dieser Preis zuerkannt?
Herr Alfred Oppenheimer hat diesen Preis gestiftet
zum Gedenken an seinen Sohn, der mit vierzehn
Jahren in Auschwitz vergast wurde. Dieser Preis ehrt
Menschen, die sich gegen Intoleranz, Xenophobie,
Rassismus und Antisemitismus einsetzen. Der Antisemitismus
ist nur ein Teil des größeren Bereichs "Intoleranz".
Aber eben die jüdischen Mitbürger haben
bisher die größte Katastrophe erlebt, in der Shoa. Bis
dahin war es noch nicht vorgekommen, daß mit
pseudo-wissenschaftlichen Argumenten, mit einer
wissenschaftlichen Methodik und quasi industriell
Menschen aufgrund ihrer Rasse und ihrer Religion
vollständig aus der Welt entfernt werden sollten.
Wie denkst Du über den Terror der Zionisten in Israel
gegen die Palestinenser?
Dieser Terror ist mir genauso ein Greuel, wie es der
Terror der Nazis im Zweiten Weltkrieg gegen die
Juden war.
Die katholische Rechte behauptet, Abtreibung sei
Mord. Teilst Du diese Auffassung?
denn die öffentliche Schule ist eine Laienschule. In
dieser Schule sollen auch ethische Werte übertragen
werden, dann allerdings in einem großen Ethik-
Kursus, oder in Fächern wie Französisch oder
anderen, wo sich ausgezeichnet über Ethik reden
läßt.
Du bist Mitglied der Freimaurerloge. Welche Bedingungen
muß man erfüllen, um dort aufgenommen zu
werden?
Etre un homme probe et libre.
Würde die Loge jemals einen Bewerber aufnehmen,
der sich z.B. erlaubt, Zensur auszuüben?
Dann dürfte sie es nicht wissen. Die Loge zieht Informationen
über den vorgeschlagenen Kandidaten
ein. Dieser Kandidat wird zudem von drei Mitgliedern
befragt, bevor über seine Aufnahme abgestimmt
wird. In Betracht gezogen wird weniger, was er antwortet,
als vielmehr, wie ehrlich er antwortet.
Muß unter diesen Umständen der Chefredakteur von
RTL 92,5 aus der Loge wieder austreten?
Ich weiß nichts vom Chefredakteur von RTL 92,5.
Hast du jemals versucht, aus der Kirche auszutreten?
Ja. Ich hin ausgetreten. Ich bin nicht mehr in der
Kirche, doch ich bin Agnostiker. Ich betrachte mich
nicht als Atheisten, denn der Atheist setzt den "theos"
voraus. Ich hin Agnostiker, denn mein Hirn genügt
mir nicht, um herauszufinden, ob es einen Gott gibt
oder nicht. Ich kann sehr gut damit leben. Ich lebe
sogar viel menschlicher damit. Denn ich projiziere
nichts auf ein Jenseits. Ich muß dafür sorgen, hier in
diesem Leben meinen Mann zu stehen.
Was ist für Dich "Liebe"?
Liebe ist teilen. Liebe heißt, sich des Werts jener
Menschen bewußt sein, die man liebt, und diesen
Wert anerkennen, aufnehmen und weitertragen
helfen. Partnerschaft besteht darin: "Aimer ce n'est
pas se regarder l'un l'autre, mais c'est regarder ensemble
dans la même direction", wie schon Saint-
Exupéry sagte. Diesen Satz finde ich noch immer
sehr richtig.
Nein. Abtreibung ist ein Scheitern der Aufklärung.
Die gleichen Kreise vergleichen die Befürworter der
humanen Sterbehilfe mit den Nazis. Bist du ein Nazi?
Ja. In diesem Fall hin ich einer. Denn ich bin Vizepräsident
der "Association pour le droit de mourir
dans la dignité".
Ist Homosexualität pervers, wie vor ein paar Tagen
in einem "Wort"-Leitartikel geschrieben stand?
Eher würde ich den Zölibat, der vom Papst auferlegt
wurde, als pervers ansehen.
Gehört der katholische Religionsunterricht in die öffentliche
Schule?
Nein. Der katholische Religionsunterricht, genau wie
anderer Religionsunterricht, wurde ja einer Glaubensgemeinschaft
zuerkannt. Sie muß ihn ausüben
können, aber er gehört nicht in die öffentliche Schule,
Was hälst Du für die notwendigste Eigenschaft des
Westeuropäers im Jahre 1992?
Toleranz.
Du teilst die Weltanschauung der katholisch-konservativen
Kreise nicht im geringsten. Wie willst Du als
Kulturmanager mit diesen Kreisen auskommen?
Aus dein Respekt vor ihrer Meinung heraus, und aus
der Toleranz heraus. Ich verlange dann allerdings
auch genau die gleiche Toleranz für mich.
Das "Luxemburger Wort" hat einmal eine regelrechte
Hetzjagd auf Dich inszeniert wegen Deines Theaterstücks
"Keen Dag wéi deen aneren". Bist Du ein
Pornograph?
Nein. Nein, nein, nein. Es war der "Anschluß an die
neue deutsche Fäkalliteratur". Ich bin ein Schmuddelkind.
12 orum nr 1
Wie sollte man gegen die Rechtsradikalen und Neofaschisten
hierzulande vorgehen?
Radikal. Denn sie verstehen nur diese Sprache. Wenn
Aggressionen stattfinden, wenn Schmierereien
verübt werden: Anzeige. Wirklich einen Rechtsanwalt
bestellen und sich dagegen einsetzen. Hier ist
Toleranz nicht annehmbar. Denn reicht man diesen
Menschen den kleinen Finger, haben sie einem schon
den Arm abgerissen.
Was sagt Dir der Satz "Hal en un a schlo e vreckt!"?
Kannst Du ihn kurz kommentieren?
Das 'war eine sehr homerische Zeit. So schrie Fernand
Hoffmann einem Polizisten nach, der Mars Klein
verfolgte, als wir Hoffmanns Stück "D'Kiirch am
Dueirr gestört hatten. Das war eine heil-same Überlegung
Hoffmanns gewesen. Die Intoleranz, die sich
im Satz "Hal en un a schlo a vreckt" manifestiert,
besteht noch immer. Für Fernand Hoffmann bin ich
seit meinem Amstantritt hier im Escher Theater ein
"interlocuteur non valable", wie er sich selber ausdrückte.
Ich komme sehr gut ohne ihn aus. Eines ist
sicher: Der sogenannte Glanz, den Fernand Hoffmann
eine Zeitlang ausgestrahlt haben mag, ist längst
abgekratzt. Immerhin ist er der notorischste Plagiator,
den Luxemburg bisher kannte.
Die Religion ist immer anti-aufklärerisch. Sind in
einem katholischen Land wie Luxemburg überhaupt
die Voraussetzungen zur aufklärerischen Kulturarbeit
erfüllt?
Vielleicht sind die Voraussetzungen nicht alle erfüllt,
aber es gibt Menschen genug, die sich um Aufklärung
kümmern können. Es muß sich noch eine sehr
große Dynamik entwickeln, und ich bin überzeugt,
daß sie sich entwickeln wird. Das kulturelle Leben
hierzulande hat eine interessante Entwicklung mitgemacht:
Es gibt heute eine geistige Weite wie nie
zuvor. In den siebziger Jahren, als wir unseren Hauptkulturkampf
führten, sind wir auf verschiedene
Aspekte der Intoleranz gestoßen. Aber in den nachfolgenden
20 Jahren ist sehr viel passiert. Sehr viel
auch dadurch, daß es einen Robert Krieps gab, der
eine ganz andere Dimension ins Denken brachte und
eben neue Türen aufgestoßen hat. Was vor 20 Jahren
war, kann sich meiner Meinung nach heute nicht in
diesem Ausmaß wiederholen.
Was ist Deine größte Leidenschaft?
Daß ich ein leidenschaftlicher Mensch bin.
Was haßt du am meisten?
Ich hasse die Unehrlichkeit. Ich hasse die Menschen,
die dir ins Gesicht lachen und dir gleich darauf ein
Messer in den Rücken pflanzen.
Ist die Menschheit noch zu retten?
Die Menschheit als solche ist zu retten. Aber ob der
Mensch die Welt noch retten kann, das ist eine andere
Frage.
Eine offene S 137 8 6 forum Kultur ist ein öffentlicher Dienstleistungsbetrieb Ein Gespräch mit Guy Wagner, Theaterdirektor in Esch (Schluss) Kultur Kunst Demokratie Luxemburg Interview
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