Wer hat Vertrauen in die Kirche?
Nachtrag zu einer ILReS-Umfrage.
In der letzten "forum"-Nummer hatten wir über eine ILReS-Umfrage über das Verhältnis der Bürger zu ihrem Staat berichtet, die übrigens "forum" in Auftrag gegeben hatte, und dabei hatten wir bei der Frage nach dem Vertrauen, das die Bürger in die einzelnen gesellschaftlichen Instanzen haben, die Kirche übersehen. Und genau diese Frage hat zu einer Polemik zwischen "tageblatt" und "Wort" gefà ...
In der letzten "forum"-Nummer hatten wir über eine ILReS-Umfrage über das Verhältnis der Bürger zu ihrem Staat berichtet, die übrigens "forum" in Auftrag gegeben hatte, und dabei hatten wir bei der Frage nach dem Vertrauen, das die Bürger in die einzelnen gesellschaftlichen Instanzen haben, die Kirche übersehen. Und genau diese Frage hat zu einer Polemik zwischen "tageblatt" und "Wort" geführt. Grund genug auf die ILReS-Umfrage zurückzukommen.
Ein Lapsus
"Wieviel Vertrauen haben Sie in verschiedene Instanzen, die in der Luxemburger Gesellschaft eine Rolle spielen?" Das war die Frage, die 502 Luxemburgern von der ILReS vorgelegt wurde. In der letzten Nummer schrieben wir dazu Folgendes:
"Wenn man die Personen nicht berücksichtigt, die von sich behaupten die betreffende Institution nicht zu kennen, ergibt sich folgende Vertrauenshitparade: Die Luxemburger Presse steht an enter Stelle, 2,4
mat grOl3er ist die Zahl der Befragten die Vertrauen
in sic haben, als die Anzahl derjenigen, die kein Vertrauen
haben, gleichermaBen vertrauenerweckend ist
der Conseil d'Etat mit 2,4. Es folgen die Umweltschutzorganisationen
(2,2), der Schiiffenrat (2,0), die
Regierung (1,7), die Gewerkschaft (1,6), die Justiz
(1,5) gefolgt, ex-aequo, von der Abgeordnetenkammet
und den Biirgerinitiativen (1,4) und schlieBlich
dem Patronat (1,1). An letzter Stelle stehen die Parteien
mit 0,7, d.h. die Zahl der : efragten, die den
KIM 1994
9
Vertrauen in die katholische Kirche
(Angaben in Prozent)
ganz viel wenig
+ viel + keins
unbekannt
Total 52 45 3
Alter
15 - 17 Jahre 41 52 7
18 - 24 Jahre 37 59 4
25 - 34 Jahre 40 54 6
35 - 49 Jahre 46 52 2
50 - 64 Jahre 61 37 3
Geschlecht
Mann 49 47
Frau 54 43
Region
Zentrum 41 56 3
Siiden 48 49 3
Norden 70 26 4
Osten 74 21 5
Beruf
Independant 67 33 0
Cadre sup./ prof. lib. 56 44 0
Cadre moyen/ inf. 38 59 3
Arbeiter 41 57 2
Ha usfrau 63 31 6
Schuler/Student 33 62 5
Soziale Schicht
Arbeiterklasse 73 25 2
Politische Selbsteinschatzung
links 40 58 2
linke Mitte 56 40 4
rechte Mitte 60 38 3
rechts 66 32 2
Wahlintention fur Ka mmerwa hlen
CSV 76 21 4
DP 53 47 0
LSAP 49 48 3
Griine 31 65 4
Gewerkschaftsmitglied
ja 49 51 0
nein 53 42 5.
Parteien miBtrauen ist grtiBer als die Zahl defer, die
ihnen vertrauen."
Und dabei vergaBen wir die katholische Kirche zu
erwahnen, nach der auch gefragt wurde. In unserer
Tabelle kam die Kirche jedoch vor. Allerdings
schlecht lesbar, wie die ganze Tabelle, die auf den
letzten Drucker mittels Photokopiermaschine verkleinert
word en war. 52% batten viel bzw. ganz viel
und 45% hatten wenig bzw. gar kein Vertrauen.
Rechnen wir also schnell nach und wir erbalten den
Vertrauenskoeffizienten von 52/45 = 1,16, mit dem
die Kirche an der drittletzten Stelle vor dem Patronat
und den Parteien rangiert. Fur die Kirche kein Gmnd
zum Feiem. Nur im 'Luxemburger Wort' war man
betriebsblind und hat sich ohne viel nachzudenken
auf die Zahlen gesturzt. Vor allem hat man iibersehen,
daB die einzehren Institutionen einen verschiedenen
Bekanntheitsgrad haben. So ist der Staatsrat,
der in unserer,Vertrauens-Hitparade an erster Stelle
steht 45% der Befragten unbekannt. 46% haben Vertrauen
in ihn, 19% kein Vertrauen. Wenn man nur auf
die Pmzentzahl des Vertrauens schielt, addiert man
implizit die Personen, die angeben eine Instanz nicht
zu kennen, zu denen, die angeben ihr zu miBtrauen.
Zwei Fehlinterpretationen
Wozu Umfragen gut sind, wenn man sie nur richtig
zurecht biegt, zeigt nachfolgendes Zitat aus dem
LW-Leitartikel vom 4. Mai:
"Wie Behr sogar Politiker bestimmter Couleur am
allgemeinen Volksempfinden vorbeireden können,
zeigt aber auch ein anderer Punkt der ILReS-Umfrage,
namlich die Tatsache, daft 52% der Luxemburger
ihr Vertrauen in die katholische Kirche setzen.
... Bei der ILReS-Umfrage (haben) die Angela).-
rigen aber auch slimtlicher A ltersklassen - von den
15-jahrigen bis zu den mehr als 65-jiihrigen - weit
mehr Vertrauen in die moralische Autoriteit der katholischen
Kirche als in die Parolen und Versprechen
der politischen Parteien."
Tags darauf greift das 'tageblatt' diesen Leitartikel
auf und kontert: "Da ist wieder einmal ein grofier
Verdrehungskunstler am Werk." Und es zeigt auf,
daB in den Altersklassen unter 50, genauso wie in den
Regionen Zentrum und Siiden mehr als 50% der Kirche
miBtrauen. Und es schlieSt triumphierend mit
den Sãtzen: "45% der Einwohner eines Landes, in
dem 90% katholisch getauft sind, trauen 'ihrer' Kirche
nicht (mehr). Das ist sie, die Wahrheit, die bittere..."
In der Tat eine bittere Wahrheit, die jedoch genauso
bitter fur "die Parteien" ausffillt, die noch weiter hinter
der Kirche rangieren. Neben den Angaben fiir das
Alter, das Geschlecht und die Region haben wir fin
nebenstehenden Kasten noch weitere Zahlen aufgelistet,
die es uns erlauben, das Vertrauensverhaltnis
zur Kirche weiter zu differenzieren. Besonders karikatural
wirkt die Einordnung auf der politischen Skala:
je weiter rechts man sich positionniert, desto mehr
Vertrauen hat man in die Kirche.
Wenn man die Wahlaussagen betrachtet, sieht man,
daB der "Wort"-Leitartikler so Unrecht vielleicht
doch nicht hatte, als er von den Parteipolitikern
sprach, die am Volksempfinden vorbeireden. Von
den Personen, die angeben LSAP zu haben
49% Vertrauen und 48% kein Vertrauen in die katholische
Kirche. Und ein weiteres, noch paradoxeres
Ergebnis sei dem "tageblatt"-Joumalisten zur Meditation
empfohlen: von den Personen, die sich der Arbeiterklasse
zuordnen, vertrauen 73% der katholischen
Kirche. Dieser Prozentsatz wird nur iibertroffen
im Osten (74%), bei den CSV-Wahlem (76%)
und bei den Kleinverdienern (weniger als 60.000
Franken monatlich).
Die einzige Partei, deren Wahler der Kirche resolut
miBtrauen, ist die grune Partei. Hier liegt der Anteil
derer, die der Kirche miBtrauen rnit 65% am hOchsten,
sogar noch hOher als bei den Schfilem (62%)
und den 18- bis 24-Jahrigen (59%). ff 152 9 2 Fehlen, Fernand Wer hat Vertrauen in die Kirche? Nachtrag zu einer ILReS-Umfrage. Luxemburg Beitrag
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