Römisch? Nein! Katholisch? Ja, aber...!
Es ist kaum bekannt, dass es die Alternative "katholisch, aber nicht römisch" seit mehr als 120 Jahren real gibt. Kaum bekannt ist nämlich die altkatholische Kirche. Ihr geringer Bekanntheitsgrad ist eine weitere Bestätigung dessen, was ich mit dem Wortmonstrum "religionsunterrichtgeschädigt" zu bezeichnen pflege. Denn wenigstens im Sekundarreligionsunterricht müsste von der altkatholischen K ... Es ist kaum bekannt, dass es die Alternative "katholisch, aber nicht römisch" seit mehr als 120 Jahren real gibt. Kaum bekannt ist nämlich die altkatholische Kirche. Ihr geringer Bekanntheitsgrad ist eine weitere Bestätigung dessen, was ich mit dem Wortmonstrum "religionsunterrichtgeschädigt" zu bezeichnen pflege. Denn wenigstens im Sekundarreligionsunterricht müsste von der altkatholischen Kirche geredet werden. Sie ist nämlich die Gemeinschaft jener Katholiken, die im Jahre 1871 die päpstliche Unfehlbarkeits- und Rechtsprimatwende des ersten Vatikanischen Konzils nicht mitmachten. Ihretwegen spricht man im deutschen Sprachraum nicht einfach von "katholisch", sondern von "r.-k.", gleichbedeutend mit "römisch-katholisch". Der Widerspruch zu den Dogmen der päpstlichen Unfehlbarkeit und des päpstlichen Jurisdiktionsprimats kam ja in der Hauptsache aus Deutschland. Durch unsere Gewöhnung an das "r.-k." nehmen wir gar nicht mehr wahr, dass "römisch-katholisch" das Paradebeispiel für die Unvereinbarkeit zweier Ausdrücke ist. "Römisch" heiBt ja: begrenzt auf Rom. Dagegen bedeutet "katholisch": über alle Grenzen hinweg, weltweit. Rom stand zwar einmal fin die gauze Welt. Das war zur Zeit des »Imperium Romanumg. Von einer Neuauflage des rOmischen Weltimperiums ging noch einmal die Rede im "Heiligen ROmischen Reich Deutscher Nation". Langst ist dieser Traum ausgetraumt. Rom ist defmitiv nicht mehr "die Welt". Daran andert auch ein urn die Welt jettender Papst gar nichts. Seit Jahren sind seine "Pastoralreisen" rund um den Globus keine Sensationen mehr. Inuner titer fragen katholische Christen kritisch, warum der Bischof von Rom sich nicht um seine eigene Diazese kiinunert. Eirenaios (+202), Bischof von Lyon, konnte noch behaupten die Kirche von Rom sei "Vorsteherin des Liebesbundes". Das ist die Kirche von Rom schon seit Jahrhunderten nicht mehr. Durch die vielen Missetaten ihrer BischOfe ist die nimische Kirche des Rechts auf jenen Ehrentitel, der zu Beginn des dritten Jahrhunderts vielleicht angemessen war, verlustig gegangen. Warum das halbherzige "Ja, aber ", weder uneingeschranktes "Ja" noch totales "Nein" zur katholischen Kirche? Einerseits gehort "katholisch" zu "christlich". Historisch gut belegt ist der Versuch das Vertrauen in den Lebensweg des Jesus den nichtjadisch en VOlkernnahezubringen. Darin hat ein gewisser Saul aus Tarsus, ein Mann zwischen der jiidischen und der nichtjüdischen Welt, sein Lebenswerk gesehen. Saul, durch seine Mutter Jude und durch seinen Vater nimischer Staatsbinger, wuBte urn die vielen nichtjiidischen Sympathisanten, die sich Sabbat fair Sabbat in den Synagogen einfanden. Ihnen wollte er helfen. Wie eine Pauluslegende erzãhlt, die in der Apostelgeschichte iiberliefert 1st: "In Troas hatte Paulus einen Traum: Ein Mazedonier stand vor ihm, bat ihn und sagte: Komm heriiber nach Mazedonien und hilf uns." (Apg 16,9) Wir sollten heute wissen, daB Paulus genau so wenig eine neue Religion griinden wollte wie Jesus das im Sinn hatte. Dem lag daran, dem alten Bund Israels mit seinem Bundesgott wieder Geltung zu verschaffen Und zwar, genau wie die Propheten vor ihm, wollte er seinen jiidischen Zeitgenossen die Vorliebe des Bundesgottes IHWH fur die Zukurzgekommenen wieder ins Gedachtnis nifen. Nicht so sehr nach Art der Gelehrten durch tiefgriindige Analysen der Heiligen Schriften, als vielmehr durch die Praxis. Da fiir, daB diese Praxis ihn auch hin und wieder mit Nichtjuden zusammenbrachte, gibt es in den Evangelien mehr als einen Hinweis. Auch daftir, daB er anfangs sich nur "zu den verlorenen Schafen Israels gesandt spiirte", und Nichtjuden dabei manchmal rude behandelte. Spater jedoch lernte er, daB auch Nichtjuden Kinder des gleichen Vaters sind wie die Juden. Doch damit hat er auch nichts Neues in den Glauben seiner Viler eingefuhrt. Der Glaube Israels war von Anbeginn universal a ngelegt. DaB wir Christen das nicht wissen, liegt einmal mehr an unserer Unkenntnis der jiidischen Bibel. Und zum zweiten liegt es an der religionsunterrichtgeschadigten Vorstellung, die wir vom "auserwahlten" Volk haben. Das kleine Israel ist aufs "Katholischsein" a ngelegt. Andrerseits meldet es keinen Herrschaftsanspruch fiber alle Volker an. Darin konnte Israel weder mit Agypten, noch mit Assy Tien, Babylon oder Rom konkurrieren. Dennoch einen Dienst konnte es alien Nationen leisten: die Arithmetik seines Bundesgottes vermitteln, nach der "Erste Letzte sein werden und Letzte Erste"; oder die Soziologie seines Bundesgottes vermitteln, nach der die GroBen, die Starken, die Schanen, die Intelligenten, die Reichen kein Recht haben die Kleinen, die Schwachen, die Buckligen, die Dummen, die Armen auszubeuten, sondern die unbedingte Pflicht, sie als gleichberechtigte Schwestern und Briider zu behandeln; oder zu vermitteln, daB die Verehrung ihres Gottes nicht in Kathedralen zu zelebrieren ist, sondem in den Schlupflfichern der Obdachlosen, an den leeren Tischen der Hungrigen, in den Kazetten der Entrechteten, an den La gern der Kranken, so wie wir es in den Kapiteln flinf und fiinfundzwanzig bei Mattaus nachlesen und aus den Unge reimtheiten der Gesellschaft des zwanzigsten Jahrhunderts weiterentwickeln kOnnen. Vor einer katholischen, weltweiten Kirche, die sich auf ihre jildischen Wurzel n besanne, brauchte kein moderner Menscb mehr Angst zu haben. Muni 1994 55 Es scheint paradox, aber genau diese Majoritht, die auf sbmtliche papstlichen Ermahnungen und bischOflichen Hirtenworte pfeift, wird von den BischOfen hofiert. Warum wohi? Doch eine katholische Kirche, die den Weg des Nazareners ginge, gibt es nicht. Sie wurde keine politischen Anspruche stellen, wurde keine Konkordate mehr schlieBen, wurde ihre Nuntien znriickrufen, da Nuntiaturen gegen das Grundgesetzjeder Kirche verstoBen. In der such jetzt noch von alien Kirchen als normativ angesehenen Weisung hat der Mann, auf den sich alle Kirchen berufen, vor der Weltrnacht seiner Tage behauptet, sein Reich sei nicht von dieser Welt. Pilatus Mite keine Angst urn das romische Weltreich haben miissen. So muBte kein einziger , Politiker, gleich welcher Schattierung, noch Angst vor politischen Machenschaften der Kirchenherren haben. Schon allein deshalb, well es in einer wirklich christlichen und deshalb geschwisterlichen Kirche gar keine Kirchenherren mehr gibe. Nur - leider gibt es diese katholische Kirche noch immer nicht. Auch die Altkatholische hat wieder ihre Hierarchic, wenngleich altkatholische Gemeinden synodal geleitet werden. Sollen christliche Kirchen mit einer weltweiten Aufgabe fur immer Utopie bleiben? Ja, aber als bedingtes Ja zur katholischen Kirche, weil es christlichen Glauben ohne Gemeinschaft Gleichgesinnter gar nicht geben kann. Man mag das Wort Kirche nun mogen oder nicht, es ist zwar dutch die Geschichte der europaischen Kirchen stark vorbelastet, dennoch ist es ein Wort, welches schon das alte Volk Israel bezeichnete, in dessen Spuren jedes Volk Gottes geht. Das Wort "katholisch" ist gleichermaBen vorbelastet. Es weckt die Angst, jede katholische Gemeinschaft, jede Gemeinschaft, die glaubt weltweit eine Botschaft verkfinden zu miissen, wolle such die Weltherrscha ft. Es ist Behr schwer, Menschen, Politikern, Nichtchristen diese Angst zu nehmen. Gebranntes Kind scheut bekanntlich das Feuer. Warum das klare, uneingeschrankte "Nein" zur schen Kirche? Es ist schon hervorgehoben worden, daB "rtimisch" geographisch-politisch im Widerspruch steht zu "katholisch". Dartiber hinaus rnOchte die rOmische Kirche die ihr eigenen Glaubens- und Sittenvorstellungen weltweit exportieren. Unter die ihr eigenen, nicht von alien Christen geteilten Glaubensvorstellungen sind zu rechnen die Dogmen von der ohne Eibsiinde empfangenen Mutter Jesu (verkiindet 1854) sowie deren leibliche Aufnahme in den Himmel (verkiindet 1950), desgleichen das Doppeldogma von der Unfehlbarkeit und dem Jurisdiktionsprimat des rtimischen Bischofs (definiert auf dem 1. Vatikanischen Konzil 1871). Besonders das Dogma vom Jurisdiktionsprimat, welches den Bischof von Rom zum Eingreifen in das Eigenlebenjeder Einzelkirche ermichtigt, ohne daB dagegen Widerspruch erhoben werden kann, ist an sich verhangnisvoll, verstiiBt gegen die von Jesus als Grundprinzip christlichen Zusammenlebens verkundete Geschwisterlichkeit, und 1st nicht vereinbar mit dem vom zweiten Vatikanischen Konzil formulierten Grundsatz der Kollegialitit. Dartiber hinaus neigt es zur Ausweitung, wie die jungste Geschichte (in der Hauptsache die Bischofsemennungen gegen den Willen der Ortskirchen) beweist. Vatikanische Behiirden miichten die Unfehlbarkeit der Enzyklyka "Humane Vitae" definiert sehen. Wie lange wird Johannes Paul II. der Versuchung widerstehen? Das langst schroftreife Gesetz des Priesterpfl ichtztilibats ist zwar nur eine Frage der Disziplin, dennoch wird es vom jetzigen Bischof von Rom und seinen Nachbetem, gegen pastorale Notwendigkeit in den Ortskirchen, weltweit aufrechterhalten. Nein zur rtimischen Kirche auch wegen der vatikanischen Einmischpraxis und -taktik ins politische Leben der Staaten, die doch nicht mehr anders als religios neutral sein kOnnen. Eine Eimischung der Kirchenmanner ins politische Leben gab es nicht von Anfang an mid es gibt sie such heute noch nicht fiir alle christlichen Kirchen, wenngleich wir nun erleben, daB in RuBland die Staatskirchenverbindung frOhlich Urstind feiert. Wir wollen uns das Entstehen und die Entwicklung der vatikanischen Einmisch- und Durchgreifpraxis ins Eigenleben der anderen Ortskirchen schenken, und festhalten, daB genau jene Praxis heute die Bischtife zu reinen Befehlsempfiingem herabmindert. Dadurch ist das geschwisterliche Miteinander von Bischof und dem fibrigenKirchenvolk aufs auBerste gestOrt. Aber schlimmer noch, such das Kirchenvolk wird durch die rtimischenEinmischungen gespalten. Eine Minoritat des Kirchenvolkes halt den Bischof von Rom tatsachlich fiir unfehlbar und flit berechtigt, in die Belange ihrer Ortskirche einzugreifen. Eine andere Minoritfit weiB, daB das nicht immer und nicht uberall so war, und daB deshalb eine andere Art Kirche zu sein durchaus moglich ist. Die Majoritat des Kirchenvolkes allerdings ISM sowohl den eigenen Bischof wie den Bischof von Rom gute Leute sein. Es scheint paradox, aber genau diese Majoritit, die auf samtliche papstlichen Erma hnungen und bischelflichen Hirtenworte pfeift, wird von den Bischiifen hofiert. Warum wohl? Offiziell wird dann die pastorale Sorge bemiiht: man wolle das geknickte Rohr nicht brechen und den glimmenden Docht nicht aus- %schen. Doch eher selten sind Bischiife, die sich die Miihe machen, mal nachzusehen, ob das Rohr tatsichlich nur geknickt ist oder ob der Docht nicht schon lange verloschen 1st. Dafur seien die Pfarrer und die Pastoralassistenten da. Woliten die tatsachlich nachsehen, ob das geknickte Rohr noch mal anwachst, ob der Docht noch so warm 1st, daB er demnachst wieder hell leuchtet, hatten sie alle Ha nde void zu tun. Denn all diese geknickten Rohre und menden Dochte miiBten ja individuell behandelt werden. Ob diese Rohre und Dochte eine individuelle Behandlung wunschen, 1st dann noch eine andere Frage. Darum, wenn wir es recht bedenken, geht es gar nicht um die Rohre und Dochte, sondem ganz allein um die Macht, um die Macht der groBen Zahl. Genau urn das, urn was es in keiner christlichen Kirche gehen darf. Urn die schiere Macht, mit der die Kirchenherren vor den Staatsherren auftrumpfen ktinnen, damit diese ihnen ihre Privilegien fiir eine weitere Legislaturperiode verlangem. Die Kirchenherren haben, wie Eugen Drewermann einleuchtend feststellt, chic Kirchenverwaltung aufgerichtet, die sie neben der Staatsverwaltung und mit deren Hilfe am Leben erhalten wollen. Damit tun sie genau das Falsche. Ein Buick ins Neue Testament ki-innte sie davon iiberzeugen. Doch den Buick wagen sie nicht. Sic halten sich lieber an den Codex Juris Canonici (das Kirchenrechtsbuch), welches ihnen ein gutes Gewissen verschafft, da es die Teilung der Kirche in Kleriker und Laien als gottgewollt festgeschrieben hat. Das Kirchenrechtsbuch ist dann aber doch nicht EMEMZIIIMINNIS 56 forum nr 152 .91=111192110=11.... vom Himmel gefallen, sondern stammt nz eindeutig aus dem Vatikan und widerspricht ganz eindeutig den Weisungen jenes Marines, auf den die Kirchenherren sich berufen. Da alle Christen weltweit offen (katholisch) sein sollen, kommen sie nicht drum herum, die Kirche, die in Rom ist, au f ihre Grenzen au fmerksam zu machen. So sieht die heutige Art "dem Petrus ins Angesicht zu widerstehen" aus. Klar, es gibt eine namische Art des Christseins und darf sie auch geben. Doch in andere Under, Gegenden, Kontinente dad' sie nicht exportiert werden. Denn die rOmische Katholizitat 1st weder "richtiger" noch vollkomener als andere. Jupp WA GNER 12.5.94 "Rieirnisch" heiBt ja: begrenzt Rom. Dagegen bedeutet "kntholisch": user alle Grenzen hinweg, weltweit. 152 55 3 Wagner, Jupp Römisch? Nein! Katholisch? Ja, aber...! Kirche Kirche International Beitrag
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