Ein Luxemburger Himalajist
Gespräch mit Eugène Berger
"forum": Wie wird man als Luxemburger Alpinist bzw. Himalajist?
Berger: Es ist schwierig, sehr schwierig. Meine Bergsteigergeschichte begann eigentlich im 6. Schuljahr mit einem Lehrer, der Albert Goergen hieß und der meine spätere sportliche wie berufliche Laufbahn stark beeinflußt hat. Er war ein Pädagoge im wahrsten Sinne des Wortes. Er hat mich begeistert sowohl fürs Bergsteigen als ...
"forum": Wie wird man als Luxemburger Alpinist bzw. Himalajist?
Berger: Es ist schwierig, sehr schwierig. Meine Bergsteigergeschichte begann eigentlich im 6. Schuljahr mit einem Lehrer, der Albert Goergen hieß und der meine spätere sportliche wie berufliche Laufbahn stark beeinflußt hat. Er war ein Pädagoge im wahrsten Sinne des Wortes. Er hat mich begeistert sowohl fürs Bergsteigen als auch für den Beruf des Lehrers. Seine Ferien verbrachte er immer in den Bergen und am Ende des Trimesters, wenn wir brav gewesen waren, hat er uns Dias von seinen Bergtouren gezeigt und im Alter von 12 Jahren ist man sehr empfänglich für Abenteuer. Das heißt nicht, daß jedes Kind automatisch sich dafür interessiert, aber bei mir jedenfalls fiel es auf den richtigen Nährboden. Die erste Etappe für mich war dann Berdorf im Mullertal. Mit dem Lehrer machten wir Wanderungen im Land. Damals gab es kleine Gruppe von 20-35jährigen, die mich 12jährigen als Jüngsten in ihren Reihen akzeptierten und auf ihre Wandertouren mitnahmen. Neben den sportlichen Aktivitäten prägten diese Leute mich auch was meine sonstigen, besonders meine politischen Einstellungen betraf. Mit 15 Jahren bestieg ich mit meinem Lehrer den Mont Blanc, meinen ersten Berg überhaupt. Eine Woche davor hatten wir einen 4000er im Wallis bestiegen. Danach wurde ich flügge und ging für mich in die Berge mit belgischen Freunden. Bei Chamonix gab es ein Lager für junge Bergsteiger, an dem ich mit 16/17 zum ersten Mal teilnahm, und da traf ich Kollegen für gemeinsame Touren. Mit 12 hatte ich mir vorgenommen, auch auf sehr hohe und sehr schwierige Berge zu steigen und da ich meistens umsetze, was ich mir vornehme, war mein Weg vorgezeichnet. Voraussetzung fiirs Bergsteigen ist eine gewisse Obstination, der feste Wille ein Ziel, das man sich gesetzt hat, auch zu erreichen, und mit Geduld an sich zu arbeiten, bis man Erfolg hat. Wenn das Ziel erreicht wird, stellt sich natürlich ein Gefühl der Zu- Carlo Schmitz - november 1994 35 Carlo Schmitz 111111111111571111111111111111111Mn Im Nepal fühlte ich mich sofort stark angesprochen von der Landschaft, der Kultur. MINIMMINn111111.11111111n1 Dossier fried enheit ein. Diese Zielstrebigkeit und Beharrlichkeit vermisse ich heute sowohl bei Jugendlichen als auch bei den Erwachsenen allgemein. Viele versuchen hier und da etwas anzufangen und wenn nicht sofort etwas daraus wird, lassen sie wieder die Finger davon und fangen was Neues an. "forum": Wann ist denn konkret der Gedanke entstanden, im Nepal den Mount Everest zu besteigen? Berger: Als vage Wunschvorstellung hatte ich diese Idee schon mit 12: "Wenn ich groß bin, werde ich mal den Mount Everest besteigen." Das war eine altersgemäße Tagträumerei, so wie heutzutage 12jährige Jungen träumen, Fußballspieler wie Lothar Matthäus zu werden. Ich habe mir halt die Besteigung des Mount Everest erträumt, weil es den Summum der Bergsteigerei darstellt, zumindest was die Höhe betrifft. Konkret wurde der Gedanke, nachdem ich den Nan- Parbat, meinen ersten 8000er, und danach einen zweiten 8000er bezwungen hatte. Da habe ich gemerkt, daß ich mich zweimal bei einem 8000er bewährt hatte, also die körperlichen Fähigkeiten besaß für ein solches Unternehmen. Ich glaube, es war 1986/87 als ich mir vornahm, als nächstes den Mount Everest in Angriff zu nehmen und wo ich mich auf die Suche nach einem Team und nach Sponsoren machte. "forum": Als Ihr als Gruppe den Nanga Parbat bestiegen habt, ging es da nur um die Besteigung als solche oder stellte auch die Wahl der Route eine Herausforderung dar? Berger: Im gleichen Jahr, wo ich endlich meine Ausbildung am ISERP beginnen sollte, also meine beruflichen Wünsche dran waren, traf ich belgische Kollegen, die mir vorschlugen mit ihnen zusammen den Nanga Parbat zu besteigen. Für mich war es ein Dilemma, weil ich gerade meine Ausbildung beginnen sollte. Glücklicherweise ermutigte meine Frau mich zur Teilnahme an der Nanga Parbat-Besteigung, denn sie kannte mich schon gut und wußte, daß diese Expedition für mich ebenso wichtig war wie meine Ausbildung. Für die Besteigung des Nanga Parbat gibt es keine einfache Route. Den Weg, den Hermann Buhl 1953 in einem phantastischen Alleingang gemacht hat, ist ein sehr langer Weg, der seitdem auch nicht mehr gemacht worden ist. Alle anderen Wege sind schwer. Es gibt keinen einfachen. Die Route, die wir schließlich ausgesucht hauen, ist eine der perfektesten in der Hinsicht, daß sie schwierige Eis- und Felspartien beinbaltete und daß sie Mischungen dieser Schwierigkeiten mit Länge kombinierte. Es war wirklich eine Route mit vielen Varianten, wo man sich auf den verschiedenartigsten Untergründen bewähren mußte. Von der technischen Schwierigkeit her war der Nanga Parbat einer meiner schwierigsten Berge. "forum": Bergsteigen ist nicht nur eine rein technisch- sportliche Angelegenheit. Es spielt sich ab in einem geographischen Raum, der zugleich auch ein kultureller Raum ist. Konkret bezogen auf den Nepal bringt es ökologische Probleme mit sich, auf der kulturellen Ebene kommt es zum Kulturschock... Berger: Mein erster Kulturschock fand im Pakistan statt bei der Nanga Parbat-Besteigung. Es war überhaupt meine erste Reise außerhalb von Europa, in eine muslimische Gesellschaft und in den Tälern, fernab von größeren Städten, war es hart für mich zu beobachten, mit welch extremer Geringschätzung Frauen dort behandelt werden. Das hat mich ziemlich entsetzt und ich habe es schlecht verdaut. Ich kann zu Pakistan sonst wenig sagen, weil ich abgesehen von diesen abgelegenen Tälern und den Bergen nichts gesehen habe. Kulturell fühlte ich mich nicht angesprochen. Ganz anders im Nepal. Hier fühlte ich mich sofort stark angesprochen von der Landschaft, der Kultur. Im Pakistan hatte ich wirklich den Eindruck, daß unsere Kulturen nicht nur verschieden, sondern gegensätzlich sind. Ich fühlte mich sehr unwohl unter den Menschen, mir mißfiel ihre Art des Umgangs sowohl untereinander wie auch gegenüber Außenstehenden. Im Gegensatz dazu fühlte ich mich im Nepal in einer positiven Kultur, mit friedlichen zwischenmenschlichen Umgangsformen. Im Buddhismus sehe ich viele positive Aspekte. Die Stadt Kathmandu ist durch die Zuwanderung zahlreicher Tibeter stärker buddhi- 36 forum nr 155 Für den Bergsteiger des Mount Everest steht fest, daß ohne Sherpas nichts läuft. 1 Dossier stisch als hinduistisch geprägt. Andererseits hat eine starke Mischung der Bevölkerung aus unterschiedlichen Kulturen und Religionen sich positiv vollzogen. Allein dieses Faktum ist schon ein positive Lektion für den Außenstehenden. Wir hier bilden uns manchmal was drauf ein, weil ein paar Italiener sich bei uns eingelebt ha be . Während da, auf sehr kleinem Raum, 33 Ethnien aus viel verschiedenartigeren Kulturen friedlich zusammenleben. Ich finde die Mischung aus Tradition und modernen Elementen, die durch die Touristen hereingebracht wurden, ziemlich gelungen. Die Einheimischen ziehen einen gewissen ökonomischen Nutzen aus den Tourismus, a ber sie geben ihre Seele nicht auf. "forum": Die Beziehung zu den Menschen läuft doch wahrscheinlich hauptsächlich über die Sherpas, die die Expedition begleiten. Wie sehen die Beziehungen zu den Sherpas aus? Berger: Für den Bergsteiger des Mount Everest steht fest, daß ohne Sherpas nichts läuft. Ich glaube, das gilt ausnahmslos für alle, auch für Messmer, zumindest am Südhang des Mount Everest. Gleich zu Beginn gilt es Eiskaskaden zu überwinden, 600-800 Meter muß man über einen sehr komplizierten Gletscher gehen. Dieser Abschnitt wird meistens von den Sherpas unter großen Risiken ausgerüstet. Wenn man das selber machen müßte, würde man sehr viel Zeit verlieren und Energie verbrauchen. Sie sind diese Höhe von 5000-6000 Metern gewöhnt und können unter diesen Bedingungen ha rt arbeiten. Danach helfen sie bei der Installation der Zwischenlager. Ich nehme mein Beispiel: ich hatte ein Zwischenlager bei 6.500 m. Ich habe den Weg zweimal zurückgelegt, um meinen Schlafsack und mein Zelt dahin zu bringen. Der mich begleitende Sherpa transportierte die Lebensmittel. Ohne Sherpa hätte ich diesen Weg vier- bis fünfmal zurücklegen müssen. Jeder Bergsteiger nutzt so die Dienste der Sherpas. Auf der anderen Seite hat sich die materielle Lage der Sherpas durch die Bergsteiger verbessert. Sie sind ohne Zweifel die reichste Bevölkerungsgruppe im Nepal. Ausserdem sind sie gewandt in der weite ren Nutzbarmachung ihrer Mi ttel: sie tun sich zusammen, organisieren Trekkinggesellschaften, die den Bergsteigern ihre Dienste anbieten, sie versorgen die Trekkingtouristen des ganzen Tals mit Restaurants und Unterkünften. Es ist ein Verhältnis zum gegenseitigen Vorteil: sie helfen dem Bergsteiger sein Ziel zu erreichen und bekommen dafür eine Lohn. Ich hatte nicht den Eindruck, daß sie dadurch "verdorben" würden. Sie behalten ihre Eigenart und übernehmen von den Touristen nur die Aspekte, die ihnen zusagen. Was ihnen nicht zusagt, berührt sie auch nicht. Der Bergsteiger seinerseits kann viel von ihnen lernen. Ihr friedfertiger Charakter, ihr großer Respekt vor der Natur, die fir die etwas quasi Göttliches ist. Ich glaube, die Prägung ist wechselseitig und positiv für beide Seiten. "forum": Wie reagiert, die lokale Bevölkerung auf die Bergsteiger? Berger: Es gibt in der Tat Leute, die nur den Kopf schütteln. Aber diese Mentalität hat sich mittlerweile geändert, besonders bei den Sherpas. Sie leben von den Bergsteigern und deshalb haben sie einen gewissen Respekt vor ihren Brötchengebern. Außerdem gibt es mittlerweile eine gewisse Anzahl Sherpas, die wirkliche Bergsteiger sind. Die Sherpas haben auch großen Respekt vor den hohen Gipfeln, die einen Endpunkt der Natur für sie darstellen und deshalb haben sie auch großen Respekt vor den Personen, die diesen Punkt erreicht ha ben. "forum": A ls ich vor Jahren im Nepal war, da habe ich die Erfahrung gemacht, daß man fair ein Trekking nicht mal einer Karte bedurfte, es genügte, den Abfällen nachzugehen, die die letzte Expedition hinterlassen hat. Berger: Heute orientiert man sich nicht am Abfall, sondern an de Lodgen. Die Sherpas haben ihr Geld gut investiert und man findet in der Tat auf verschiedenen Wegen alle fünfhundert Meter eine Lodgia. Bis auf 4000 Meter, die Höhe, bis zu der die meisten Trekker sich vorwagen, findet man diese Lodgen. Die Nepalesen versuchen die Umweltprobleme in den Griff zu bekommen. Die Trekking-Gruppen brauchen ein Erlaubnis und müssen beweisen, daß sie ihren Abfall verbrennen, sowie dies möglich ist oder zurückbringen, wenn keine andere Möglichkeit gegeben ist. Mittlerweile gibt es regelrechte Deponien, die auch von den Gruppen benutzt werden müssen. Und größere Expeditionen werden von einem Staatsvertreter begleitet, der über die Einhaltung dieses Reglements wacht. Expeditionen müssen eine Kaution von 150.000 Franken hinterlegen, die sie nur zurückerstattet bekommen, wenn sie sich ordnungsgemäß verhalten ha ben. Andere Probleme sind vom Umweltstandpunkt aus viel gravierender, zum Beispiel die Abholzung, die ungeklärten Abwässer, die Heizungen, die im Winter Smog in Kathmandu verursachen. Die Bergsteiger werden als Sündenbock dargestellt und da bei werden die Probleme durch andere geschaffen. Carlo Schmitz november 1994 37 Dossier Carlo Schmitz "forum": Es sind sicher nicht die Bergsteiger, die die Hauptumweltzerstärer sind. Aber dadurch, daß sie dieses Land populär machen, ziehen sie mehr und andere Touristen, Massentouristen an, die sich unter Umständen anders benehmen. Berger: Problematsich sind nicht so sehr die Bergsteiger, sondern eher die Trekker, die mittlerweile massenhaft auftreten. Trekking ist seit einigen Jahren einfach in. Es stimmt schon, daß im Nepal das Terrain für die Trekker durch die Bergsteiger vorbereitet worden ist, auf der anderen Seite hat sich das Trekking als allgemeines Phänomen unabhängig von der Bergsteigerei entwickelt. Bezogen auf den Nepal ist es so, daß schon vor dem Trekkerphänomen eine gewisse Grenze erreicht war, was beispielsweise die Abholzung betrifft. Durch die Touristen werden bestehende Probleme zum Teil verschärft, andererseits kommen durch sie finanzielle Mittel ins Land, die bei der Problemlösung eingesetzt werden können und, vor allem, es wird ein Bewußtsein geschaffen für die Probleme auf internationaler Ebene. Siehe das Aufforstungsprojekt der FNEL-Scouten. Auf jeden Fall besteht höchste Dringlichkeitsstufe, um die Erosion der Böden zu stoppen, weil sonst das ganze Wasserversorgungssystem zu Schaden kommt, mit Auswirkungen auf Kathmandu und den Terai bis nach Indien hinein, wodurch die ökologische und ökonomische Grundlage des Landes völlig zerstört würde. "forum": Wie siehst du die Entwicklung des Himalajismus, speziell im Nepal, für die nächsten zehn Jahre? Kann man einen Trend in eine bestimmte Richtung feststellen? Berger: Der Mount Everest ist und bleibt der höchste Berg der Welt und wird immer Bergsteiger anziehen. Dadurch daß die Zulassungen teurer wurden, hat der Andrang zahlenmäßig etwas abgenommen. Daneben gibt es eine allgemeine Entwicklung im Bergsteigen hin zu weniger hohen, aber komplizierten Bergen, die ohne viele Sherpas, ohne viel Logistik und in kiirzeren Zeiträumen bewältigt werden können. Der Alpinismus allgemein nimmt ab durch die Konkurrenz des Sportkletterns. Ich habe dama llss mit Sportklettern angefangen, aber immer mit dem Ziel des Bergsteigens vor Augen. Jetzt komme auch ich zurück zum Sportklettern, das ein reiner Konditionssport ist. Es ist ein Gesellschaftsphänomen, daß immer mehr Leute Sport machen wollen, ohne zu hohe Einsätze, ohne zu hohe Risiken, aber mit viel Muskeleinsatz. Die Zahl der Bergsteiger nimmt ab und die der Sportkletterer nimmt zu. Dies kann auch Auswirkungen auf den Himalaja haben. Wenn ich die Statistiken der letzten zwei Jahre nehme, kann man beobachten, daß die Zahl der Bergsteiger im Himalaj außer für Berge mit bestimmten Reizen, wie dem Mount Everest, abgenommen hat. Auf der anderen Seite ist beim Trekking eine starke Zunahme zu verzeichnen. Eine Entwicklung, die für den Nepal nicht sehr positiv ist. Das Gespräch führte für "forum" Claude Wey. 155 35 4 Wey, Claude Ein Luxemburger Himalajist. Gespräch mit Eugène Berger. Nepal Dossierinterview
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