Vom relativen Reichtum in einem Königreich
Brief aus Kathmandu
Laut Weltbank-Statistik reiht sich das Königreich Nepal in die Liste der ärmsten Nationen der Welt ein; im Moment belegt es den traurigen sechstletzten Platz dieser Liste, die von reichen Ölstaaten am Golf oder von geldstrotzenden Banknationen im Westen angeführt wird. Für das Jahr 1994 wird in Nepal mit einem - im Vergleich zu anderen Jahren sehr hohen - Bruttosozialprodukt von 6400 ... Laut Weltbank-Statistik reiht sich das Königreich Nepal in die Liste der ärmsten Nationen der Welt ein; im Moment belegt es den traurigen sechstletzten Platz dieser Liste, die von reichen Ölstaaten am Golf oder von geldstrotzenden Banknationen im Westen angeführt wird. Für das Jahr 1994 wird in Nepal mit einem - im Vergleich zu anderen Jahren sehr hohen - Bruttosozialprodukt von 6400 Luxemburger Franken pro Einwohner gerechnet... eine für nepalesische Verhältnisse ausgesprochen hohe Zahl, über die westliche Manager jedoch nur müde lächeln würden. Und doch bewegt sich Nepals Wirtschaft - zumindest scheinen statistische Zahlen dies unwiderruflich zu belegen - mit Riesenschritten vorwärts in Richtung Wachstum. Das Wirtschaftsjahr 1994 wird mit einer landesweiten Steigerungsrate von 7,8% im Vergleich zum Vorjahr abgeschlossen werden; eine Zahl, die an die Zeit des deutschen Wirtschaftswunders in den fünfziger Jahren erinnert. Wer jedoch anhand dieser Zahlen erwartet hätte, die gesamte Bevölkerung des Himalaja-Staates dürfe an diesem Wirtschaftsboom teilnehmen, der irrt sich gewaltig: am Großteil der Bevölkerung - in erster Linie alteingesessene Dorfbewohner in abgelegenen Berggegenden - geht der "neue Reichtum" sowieso spurlos vorbei. Nur einige Auserwählte, die im wirtschaftlich ideal gelegenen Tal von Kathmandu angesiedelt sind, dürfen - wenn sie sich geschäftstüchtig anzulegen wissen - von der unerwarteten neuen Geldmasse profitieren. Daß es sich hierbei lediglich um eine begrenzte Anzahl von Nepalesen handelt, belegt eine weitere Statistik: lediglich ein Prozent der Bevölkerung verdient pro Monat mehr a ls 14.000 Luxemburger Franken - doch mit diesem monatlichen Einkommen darf man sich in Nepal diskussionslos einen Großverdiener nennen, welchem Tür und Tor im Königreich offenstehen ... solange man die engen Grenzen des Landes nicht verlassen will und danach strebt, den .ßen Luxus in anderen Staaten - am Golf, in Europa, Amerika oder Australien - kennenzulernen. Der wirtschaftliche Aufschwung nach 1990 - seit nach den ersten freien Wahlen eine Regierung gebildet werden konnte, deren erstes Ziel es war, Nepal aus dem unrühmlichen Bund der ärmsten Nationen .....(Fortsetzung S. 50) In der letzten Nummer hatten wir einen Spendenaufruf zugunsten einer französischen ONG, la Chrysalide, veröffentlicht Leider war bei der Kontonummer, die wir aus ihrem Faltblatt abgeschrieben haben, eine Ziffer falsch. Also hier noch einmal die genauen Angaben: Banque Nationale de Paris, compte 0094 58 05 clé rib 86, code banque 30004, Montpellier. Empfehlenswert sind Überweisungen vom Postscheckkonto, weil hier der Wechselkurs am günstigsten ist und weil die überweisungen erfahrungsgemäß gelingen. Hier nochmal die Adresse der Organisation: La Chrysalide, 28 rue des écoles laïques, F-3400 Montpellier 16 forum nr 156 (Fortsetzung von S. 16) 7rie rthraandu (...) der Welt herauszuführen - hat insbesondere das Gesicht der Hauptstadt stark verändert. Ein enormer Bevölkerungszuwachs in den letzten Jahren sowie der lan ;fr.. me finanzielle Aufstieg vieler bis dahin Mittelloser haben zu einem nie zuvor gekannten Bauboom in den gehobenen Wohnvierteln der Hauptstadt geführt. Der steigende Geldbesitz verändert auch das Straßenbild der Stadt zusehends. Wo vor einigen Jahren noch Rube und Gemütlichkeit herrschten, hat eine motorisierte Armada von Privatautos, Taxis und Motorrädern die Vorherrschaft übernommen - ganz zu schweigen von Lastwagenkolonnen, die eine Bevölkerung, welche sich immer mehr am Konsum orientiert, mit ständig neuen Warenmengen beliefert. Das au f westliche Touristen so verlockend wirkende Bild einer architektonisch mittelalterlich anmutenden Stadt ist längst der Realität - sprich den ständig steigenden Wachstumszahlen - gewichen: Wer einmal am Luxus geschnuppert hat, der will ihn nicht mehr missen; koste es, was es wolle... Allerdings weisen nepalesische Wirtschaftsexperten bereits jetzt au f die engen Grenzen der eigenen Kaufkraft hin. Ihrer Meinung nach ist der einheimische Markt zu klein, um die ständig steigende Wachstumsbilanz der nepalesischen Industrie zu verkraften. Daß in dieser Wirtschaftsanalyse die verarmten Dorfbewohner bewußt ignoriert werden, liegt nicht zuletzt daran, daß man diesem Bevölkerungsteil nicht zutraut, er könne je am neuen Reichtum teilnebmen - sei es, weil diese Menschen zu weit entfernt von der geldsprudelnden Quelle Kathmandu leben, sei es, daß sie, selbst in ferner Zukunft, nie zu genügend finanziellen Mitteln gelangen können, um sich am neuen Kaufrausch zu beteiligen. Bestraft wird halt, wer kein Geld hat und nicht in Kathmandu wohnt... Die mögliche Lösung, um einen weiteren Anstieg der nepalesischen Wirtschaft zu ermöglichen, liegt also nicht in der - relativ begrenzten - Kau . ft der einheimischen Bevölkerung, sondern im gezielten Export der im Lande hergestellten Güter. Eine exportorientierte Industrie - so glauben Experten - kann die nepalesische Wirtschaft weiter am Leben halten und ihr in den nächsten Jahren sogar noch höhere Produktionszahlen einbringen. Seit etlichen Jahren besteben bereits wirtschaftliche Abkommen mit dem südlichen Nachbarn Indien und nepalesische Güter haben in den letzten Jahren dort stets zahlungsfähige Abnehmer gefunden. Doch erscheint die wirtschaftliche Abhängigkeit zu efinem einzigen Abnehmerland - von Europa als Käu er nepalesischer Teppiche sei hier abgesehen - den Nepalesen zu ß: der mächtige Bruder im Süden kann nach Belieben die Exporte aus Nepal drosseln oder eindämmen, die Preise diktieren und so die gesamte Wirtschaft des Königreiches lahmlegen. Als Alternative zu dieser Abhängigkeit von Indien wird seit einiger Zeit an ein Wirtschaftsabkommen mit China gedacht; ein Land, das mit über einer Milliarde e Einwohnern als potentieller Abnehmer von nepalesischen Gütern gern geehen wäre. Als quasi unüberwindliches Probem zwischen beiden Ländern spielen jedoch nicht politische oder ideologische Differenzen eine Rolle, sondern in erster Linie die gewaltige Himalajakette, die eine Straßenverbindung durch das von China besetzte Tibet erschwert, wenn nicht sogar unmöglich macht. Im Moment machen den nepalesischen Wirtschaftsexperten also in erster Linie infrastrukturelle Probleme zu schaffen; moralische Bedenken angesichts einer seit über vierzig Jahren andauernden massiven chinesischen Präsenz in Tibet stehen - wie so oft - fern im Hintergrund, wenn es um Geld geht... Mario Fioretti 156 16 1 Fioretti, Mario Vom relativen Reichtum in einem Königreich. Brief aus Kathmandu. Nepal Beitrag
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