Kinderarbeit in Nepal
Unverzichtbarer Wirtschaftsfaktor oder unmenschliche Realität?
Im Europa des industriellen Zeitalters war sie gang und gebe, dann wurde sie – nicht zuletzt dank der Initiative eines Lord Shaftesbury in England – im Laufe der Jahrzehnte progressiv abgebaut, um heute – mit wenigen Ausnahmen – lediglich als böse Erinnerung an frühere Zeiten in Geschichtsbüchern zu existieren... Und doch kann – aus ökonomischer Perspektive wohlgemerkt – ni ... Im Europa des industriellen Zeitalters war sie gang und gebe, dann wurde sie – nicht zuletzt dank der Initiative eines Lord Shaftesbury in England – im Laufe der Jahrzehnte progressiv abgebaut, um heute – mit wenigen Ausnahmen – lediglich als böse Erinnerung an frühere Zeiten in Geschichtsbüchern zu existieren... Und doch kann – aus ökonomischer Perspektive wohlgemerkt – nicht geleugnet werden, daß auch die Kinderarbeit ihren Beitrag zum allmählichen Aufbau des Wohlstandes in weiten Teilen Europas geleistet hat. Während sie in Europa nunmehr einer – aus Kindersicht – wenig ruhmreichen Vergangenheit angehört, ist sie am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts in Nepal hingegen mehr denn je an der Tagesordnung. Sie ist überall zu finden, begegnet dem Betrachter - vorausgesetzt, dieser will sie sehen - unablässig auf Schritt und Tritt und gehört zum nepalesischen Alltag wie das allgegenwärtige Konterfei des Königspaars in zahllosen Amtsstuben, Schulen und Geschäften. Erstaunlicherweise besteht jedoch in Nepal seit nahezu vierzig Jahren ein Gesetz, das Kinder und Jugendliche schützt und jede Art von Kinderarbeit strengstens untersagt: als Kind gilt man, solange man das vierzehnte Lebensjahr nicht vollendet hat. Wie in jedem anderen Land ist aber auch - oder besonders - in Nepal Papier geduldig, und Gesetze erscheinen in erster Linie wie Texte, deren Mißachtung Hand in Hand geht mit einer Gesellschaft, die längst über derarbeit Bescheid weilt, sie stillschweigend duldet, und letzten Endes, da bekanntlich auch • derarbeit zur Steigerung des einheimischen Bruttosozialproduktes beitragen kann, direkt von ihr profitiert. Einer ersten Form der Kinderarbeit begegnet man traditionsgemäß auf dem Lande. Das Königreich Nepal ist ein klassisches . rland (rund 90% der Bevölkerung sind in der Landwirtschaft tätig) und kennt - vielleicht vergleichbar mit weiten Teilen Europas vor der industriellen Revolution - das Prinzip der Familienarbeit. Da die einzelnen ]3auernfamilien in der Regel sehr arm sind, können sie sich keine Knechte leisten, die die anfallende Arbeit verrichten würden, und so ist es eine Selbstverständlichkeit, daß die eigenen Kinder (im Durchschnitt bat jede nepalesische Familie fünf Kinder) von klein auf mithelfen müssen, dy -nit der Hof überleben kann. Die Arbeiten, die die (...) Fortsetzung S. 50 12 forum nr 157 In den beiden letzten Nummern hatten wir einen Spendenaufruf zugunsten einer französischen, in Nepal tätigen ONG (La Chrysalide) veröffentlicht. Leider hat es sich als sehr schwierig erwiesen, nach Frankreich Geld zu überweisen. Nach Rücksprache mit der ONG sowie deren Hausbank hat sich folgende Vorgehensweise ergeben: Postüberweisung auf das CCP 023 W; bénéficiaire: BNP/Montpellier, code Banque 20041; communica- J'ion: don au bénéfice de ira Chrysalide, compte 000945805 clé rib 86, BNP 0640, code Banque 30004. Da die ONG von ihrer Bank nicht über den Ursprung von Überweisungen unterrichtet wird, sind die Spender gebeten parallel zu ihrer Zahlungsanweisung eine Benachrichtigung a n La Chrysalide, 28 rue des écoles laïques, F-34000 Montpellier zu schicken, damit diese ihnen Infomaterial zukommen lassen kann. (suite de la page 12) (...) Kinder tagtäglich verrichten müssen, erstrecken sich von Wasserholen über Brennholz sammeln bis hin zum Bewachen der Ziegen- oder Schafsherde. Diese Art der Kinderarbeit in der eigenen Familie ist vielleicht die weniger unmenschliche, da sie dem eigentlichen Überleben der Familie dient, und die Kinder nicht von der Familie get rennt werden. Paradoxerweise hat die Tatsache, daß Nepal in erster Unie ein Agrarland ist, in den letzten zwanzig Jahren zu einer weiteren - bis dahin weithin unbekannten - Art von Kinderarbeit geführt. Wegen zunehmender Erosion und Bodenverschlechterung geben die meisten Familienbetriebe nicht mehr ausreichend Erträge ab, um der eigenen Familie ein rleben zu rantieren. Um nicht zu verhungern sehen sich immer mehr Bauern dazu gezwungen, Darlehen aufzunehmen, um Grundnahrungsmittel wie Reis oder Mais einzukaufen; Produkte, die sie selbst nicht mehr in ausreichend en Mengen erwirtschaften können... Daß diese Darlehen - von skrupellosen Geschäftemachern zu Wucherzinsen von nicht selten 60% vermittelt - nur in den seltensten Fällen zurückgezahlt werden können, ist selbstverständlich: Die Familie erwirtschaftet nicht genug, um sich selbst zu ernähren und soli zusätzlich noch Zinsen zurückzahlen. Da dies unmöglich ist, wird nicht selten ein weiteres Darlehen aufgenommen, um wenigsten die Zinsen vom Vorjahr zurückzuzahlen... ein Teufelskreis, aus dem die Familie nicht mehr ausbrechen kann, es sei denn - und hier erreicht die Unmoral ihren I-löhepunkt - die eigenen der werden in die "Obhut" des Geldvermittlers übergeben. Der Familie wird versichert, daß die Kinder nahe Kathmandu in irgendeiner Fabrik Arbeit finden werden, und daß sie durch ihre eit die Möglichkeit haben, die Schuldzinsen der Eltern zurückzuzahlen. In den letzten zwei Jahrzehnten ist diese Methode der Kinderbeschaffung die Regel geworden: Die verschuldete Bauernfamilie sieht sich gezwungen, dem Geschäftemacher das eigene "' d zu übergeben ... nicht selten mit dem naiven Glauben, daß das d einmal bessere Lebensbedingungen als die Eltern haben wird. Daß die Kinder, sobald sie das Elternhaus verlassen haben, rücksichtslos ausgebeutet werden und dem Sklaventum viel näher sind als irgendeiner Form des Wohlstands, ist eine Realität, die den Eltern - zumeist ungebildete wohner, die weitab der Industriegebiete wohnen - gänzlich unbekannt ist„ Im Jahre 1989 ging die Vereinigung CWIN (C1iiid Workers in Nepal) - eine Organisation, die das I_°ial der Kinder anprangert - davon aus, daß rund zwei Millionen der in Nepal in einem sklavenähnlichen Dasein leben müssen; weit weg von ihren Familien kennen sie in der Regel einen Arbeitstag von 12 bis 14 Stunden, dazu ein Pinko en, das ein menschenwürdiges rle .n kaum e öglicht. Die . der arbeiten in den unterschiedlichsten Bereichen: sie sind Teppichweber, Teepflücker, Schuhputzer, Kellner, Töpfer, sie packen Ziegelsteine oder zerkleinern Steine, die für den Bau neuer Straßen gebraucht werden ... CWIN geht davon ans :, daß • Jahre 1989 in den damals 7.600 Hotels und Restaurants in Kathmandu rund 24. K der arbeiteten, während zur gleichen Zeit ungefähr 150. • er als Teppichweber beschäftigt wa]r . Die der werden ohne Rücksichten für Arbeiten nii lbraucht, die in den zwei letzten Jahrzehnten in einu::r l.:Ÿa;l das sich immer weiter industrialisieren und gleit°lx:c°il.:: p, rm i Tourismus verdienen will, in den Vonlerg p,: rückt sind. Nepal ist da bei, sein jahrhtmderteralie sicht eines traditionellen rlandes abzulegen und - nicht zuletzt auf Kosten seiner Kinder - den Sprung zum "modernen" Industriestaat zu wagen. Der vom Westen geprägte und häufig gebrauchte Spruch "Die • der sind die Zukunft eines Landes" lautet mithin in Nepal: "Oh ne Kinder hat die nepalesische Wirtschaft keine Zukunft." Mario Fioretti, 4.12.1994 157 12 1 Fioretti, Mario Kinderarbeit in Nepal. Unverzichtbarer Wirtschaftsfaktor oder unmenschliche Realität? Nepal Beitrag
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