Der Mythos vom weiblichen Pazifismus
Ein Beitrag zur Enttabuisierung weiblicher Aggression (Teil 1)
Der vorliegende Beitrag setzt sich mit dem Ausmaß und den Formen destruktiver weiblicher Aggression auseinander und geht insbesondere der Frage nach, ob die vielfach postulierte Friedfertigkeit der Frau tatsächlich existiert und belegt ist, oder ob es sich dabei nicht vielmehr um eine stereotype Zuschreibung Infolge alltagstheoretischer Vorstellungen über Geschlechtsunterschiede handelt. Zur ... Der vorliegende Beitrag setzt sich mit dem Ausmaß und den Formen destruktiver weiblicher Aggression auseinander und geht insbesondere der Frage nach, ob die vielfach postulierte Friedfertigkeit der Frau tatsächlich existiert und belegt ist, oder ob es sich dabei nicht vielmehr um eine stereotype Zuschreibung Infolge alltagstheoretischer Vorstellungen über Geschlechtsunterschiede handelt. Zur Beantwortung dieser Frage werden im folgenden verschiedene Positionen zum Verhältnis von Aggression und Weiblichkeit aufgezeigt. Da der Text sehr lang ist, bringen wir ihn in zwei Teilen. Der erste Teil setzt sich sowohl mit der These der naturbedingten als auch mit derjenigen der soziallsationsbedingten Friedfertigkeit der Frau auseinander. Im zweiten Teil, der in der nächsten Nummer veröffentlicht wird, werden - unter der Annahme, daß beiden Geschlechtern sowohl ein gleiches Aggressionspotential als auch eine vergleichbare Neigung zu destruktiv-a ressiven Verhaltensweisen zuzuschreiben sind - Formen Oftener und versteckter Aggression, die sich bei Frauen beobachten lassen, beschrieben und analysiert. Bei der Auseinandersetzung mit der Thematik fällt neben der Unterschiedlichkeit der Erklärungsmuster ein weiteres, häufig anzutreffendes Phänomen au f: a « ressives und destruktives Verhalten von Frauen wird - vor allem in der feministischen Diskussion - oft mit einem anderen Maßstab beurteilt als männliche Aggressivität. Gewalt, die von Frauen ausgeübt wird, gilt in diesem Sinne als verständliche und legitime Reaktion auf männliche Unterdrückung und wird aus der individuellen Lebensgeschichte der jeweiligen Frau heraus als gerechtfertigt betrachtet. Eine solcher Standpunkt berücksichtigt nicht, "daß in einer männerdominierten Gesellschaft nicht nur Frauen, sondern auch Männer Opfer von Unterdrükkung und Gewalt werden: Patriarchat beinhaltet auch die Herrschaft von Männern ü ber Männer" (Heyne 1993, S.12/13). Angesichts dera rtiger Verkürzungen und mit Blick auf Thesen über die fortschreitende Angleichung der Geschlechter hin zum androgynen Menschen soll somit der Versuch unternommen werden, den "Eindruck relativer Beliebigkeit in Bezug auf das Maß an Aggression, das Frauen zugeschrieben oder zugebilligt wird" (Großmaß 1992, S.119) durch Gegenüberstellung unterschiedlicher Theorien zu korrigieren. märz 1995 41 Carlo Schmitz Unter Aggression wird im weiteren "ein gegen einen Organismus (oder Organismusersatz) gerichtetes Austeilen schädigender Reize " (Selg 1993, S.6) verstanden. Destruktive Aggressivität meint hierbei "nicht nur offen ausagierte Formen unmi ttelbarer körperlicher und psychischer A Li • ressivität, sondern auch passiv a:ressive Formen der Grenzverletzung wie auch jene Formen verdeckter Aggression, die nur schwer zu identifizieren sind, weil sie im Gewande der Liebe daherkommen" (Hey ne 1993, S.78). Die naturgegebene Friedfertigkeit der Frau VertreterInnen der These von einer naturbedingten, weiblichen Friedfertigkeit gehen davon aus, daß Frauen aufgrund spezifischer physischer Voraussetzungen friedfertiger und weniger aggressiv sind als Männer. Diese Position basiert auf der Vorstellung grundlegender Unterschiede und einer biologischen Dichotomie zwischen den Geschlechtern. Sie entspringt somit einer mehr oder weniger deterministischen Sichtweise, die biologisch bedingte Differenzen als festgefiigte Grundlage einer spezifisch weiblichen bzw. männlichen Natur annimmt und infolgedessen kaum Perspektiven der Veränderung enthält. Innerhalb dieses Argumentationsrahmens wird zwecks Erklärung der natürlichen Friedfertigkeit der Frau vor allem auf die größere Körperkraft der Männer sowie die Wirkungsweise von Hormonen Bezug genommen. Die Effekte der Körperkraft Der Begründer der Bioenergetik, Alexander Lowen, vertritt die Ansicht, daß größere Muskelkraft nicht nur massivere Ausdrucksformen von lai ession, sondern auch ein höheres Ausmaß an Aggression an sich bewirkt (vgl. Großmaß 1992, S.126). Es läßt sich zumindestens nicht von der Hand weisen, daß große Körperkraft vielfältigere und heftigere Möglichkeiten der Gewalteinwirkung erlaubt. Da jedoch nicht alle Personen sich gegenüber Schwächeren destruktiv- aggressiv verhalten, scheint "die körperliche Überlegenheit ... bei der Neigung zu gewalttätigem Verbalten zwar eine Rolle zu spielen, doch tut sie dies nicht 'aus sich heraus', sondern nur dann, wenn größere Körperkraft gegeben wie destruktive Aggression vorhanden ist und andere Verarbeitungsmöglichkeiten dem entsprechenden Menschen nicht zur Verfügung stehen" (Heyne 1993, S.83). Hormone als Quelle der Aggression Eine recht breite Diskussion fand und findet zum. Teil immer noch bezüglich des Zusammenhangs zwischen männlichen Hormonen (Androgenen) und gesteigerter männlicher Aggressivität statt. Dabei werden die Unterschiede zwischen Mann und Frau insbesondere auf das männliche Geschlechtshormon Testosteron zurückgefiihrt, dessen unmittelbare Beziehung zur Aggression in der Regel mittels Untersuchungen an Primaten und Ratten bzw. Mäusen, selten am Menschen, nachzuweisen versucht wird. Untersuchungen an kastrierten Gewalttätern und Rhesusaffen konnten die Annahme, daß der Mangel an dem in den Hoden produzierten Testosteron zu einer Verminderung aggressiven Verhaltens führe, nicht bestätigen. Die wenigen Studien zum Zusammenhang zwischen Aggressivität und Testosteronspiegel bei Männern (z.B. an besonders aggressiven Häftlingen) kamen zu widersprüchlichen Resultaten und lassen keine eindeutigen Rückschlüsse zu. Dar- 42 forum nr 158 überhinaus wird ihre Aussagekraft durch mehrere Aspekte beeinträchtigt. Zum einen lbesagt eine gemessene positive Korrelation (d.h. höhere Testosteronmengen lin Blut aggressiver Männer als im Blut von Vergleichspersonen) nichts über das tatsächliche Ursache-Wirkungsverhältnis, da ein erhöhter Testosteronspiegel genauso die Folge, und nicht etwa der Auslöser der A. ession sein kann. Zum anderen stellt sich grundsätzlich die Frage nach der Quantifizierbarkeit von xression sowie nach der jeweiligen Definition von aggressivem Verhalten in den einzelnen Studien, also ob sie beispielsweise auf die Erfassung von Gedanken oder Handlungen zielen. Des weiteren sollte bei der Bewertung mitbedacht werden, "daß es in unserem Körper ein Reihe verschiedener Hormonsysteme gibt, die alle miteinander interagieren" (Fausto-Sterling 1988, S.185) und eine einfache, lineare Kausalität somit kaum der Realität entspricht. Ein weiteres Element in dieser Diskussion bilden Untersuchungen über die hormonelle Konditionierung im Mutterleib, die von der Vorstellung ausgehen, daß das in der Pränatalzeit von männlichen Embryos erzeugte Testosteron der entscheidende Faktor für die stärkere Disposition von Jungen zu Aktivität und Aggressivität ist. Zwecks wissenschaftlicher Untermauerung dieser Behauptung erfolgten in den 70er Jahren Studien au Kindern, die vor der Geburt gn5Beren Mengen an Androgenen ausgesetzt waren. Es handelte sich hierbei zum einen um Jungen und Mädchen mit sogenanntem Androgenitalem Syndrom (AGS), welches infolge übermäßiger Ausschüttung von Androgen durch die Nebennieren zur Vermännlichung der weiblichen Genitalien führt und entsprechend der Ausgangshypothese vermehrte Aggressivität nach sich ziehen müßte. Eine andere Versuchsgruppe stellten gestagen-exponierte Mädchen, deren Genitalien durch die medikamentöse Behandlung ihrer Mutter während der Schwangerschaft maskuliMsiert wurden, sowie progesteron- exponierte Kinder, deren Matter vor der Gehttrt das weibliche Hormon Progesteron einnahmen, welches im Körper jedoch überwiegend in Testosteron umgewandelt wird. Bezüglich der Ergebnisse von insgesamt sechs Untersuchungen läßt sich zusammenfassend sagen, daß manche zu entgegengesetzten Resultaten kamen (d.h. einige stellten Unterschiede zur jeweiligen Kontrollgruppe fest, andere nicht) und daß "die Zahl unkontrollierbarer Variablen eine Deutung der übrigen unmöglich macht" (Fausto-Sterling 1988, S.200). Anzuführen ist hier beispielsweise die fehlende Berücksichtigung möglicher Auswirkungen der Kortisoneinnahme und der Geschlechtsoperationen bei AGS-Kindern sowie der psy chischen Verfassung von progesteronbehandelten Müttern, da diese Hormone u.a. bei Risikoschwangerschaften verabreicht werden. Ein zusätzlicher eklatanter Mangel dieser Studien liegt in den gewählten Methoden, da bis auf eine Ausnahme keine unmittelbaren, verdeckten Beobachtungen vorgenommen wurden, sondern die Informationen überwiegend aus Befragungen der Eltern und der betroffenen Kinder stammen. Die Möglichkeit, daß z.B. die anomalen Genitalien von AGS-Mädchen und die damit verbundene Unsicherheit hinsichtlich des Geschlechts zu einer verzerrten Beurteilung und Wahrnehmung des kindlichen Verhaltens durch die Eltern führen kann, wurde außer Acht gelassen. Vergleiche Tier - Mensch Innerhalb der These von der biologischen Bedingtheit geschlechtsspezifischer Aggression nehmen die Vergleiche zwischen Mensch und Tier einen großen Stellenwert ein. So wird häufig darauf hingewiesen, daß männliche Primaten und Affen im Vergleich zu den Weibchen erheblich aggressiver und dominanter sind. Diese pauschale Aussage läßt sich bei näherer Betrachtung jedoch nicht aufrechterhalten, denn "bei Tieren wie Pavianen und den Menschenaffen wirken die Männchen rauflustiger, aber solche Unterschiede sind bei den Gibbons, Siamangs und Titiaffen viel weniger ausgeprägt" (Fausto-Sterling 1988, S.206). Davon abgesehen ist das Verhalten einer Spezies nicht unveränderbar festgelegt, sondern von Umweltbedingu nnggeenn abhängig. Männliche Paviane etwa zeigen in flachem Land wesentlich eher Ax. ressivität und Dominanz als im Wald, was sich mit jeweils unterschiedlichen Verteidigungs- und Schutzaufgaben der Männchen in verschiedenen Umgebungen erklären läßt. Auch Ratten und Mäuse werden gelegentlich als Beleg angeführt, da an ihnen offensichtlich ein deutlicher Zusammenhang zwischen Testosteron und Kampfbereitschaft nachgewiesen wurde, wozu jedoch kritisch anzumerken ist, daß solche Ergebnisse unter Laborbedingungen mit den entsprechende Belastungen und Abnormitäten für die Tiere erzielt wurden. Bei gewissen Tierarten sind die Weibchen zudem genauso aggressiv wie die Männchen (z.B. bei Springmäusen und Hamstern) und aufgrund "dieser Variabilität zögern die meisten Ethologen, die solche Verhaltensweisen bei Säugern unterhalb der Primatenebene studieren, das Verhalten einer Spezies zu Verallgemeinerungen über das einer anderen heranzuziehen" (Fausto-Sterling 1988, S.209). Neben diesem Problem bestehen grundsätzliche Zweifel an der Vergleichbarkeit von tierischen und menschlichen Verhaltensweisen infolge eventuell unzulässiger Interpretationen und Projektionen menschlicher Charakteristika auf die beobachteten Tiere (vgl. Meulenbeult 1984, S.71). Die kritische Beleuchtung einiger ausgewählter Untersuchungen und ihrer Schlußfolgerungen führt eindringlich vor Augen, "daß der Zusammenhang zwischen männlichem Geschlechtshormon und allgemein höherer Bereitschaft zu destruktivem und gewalttätigem Verhalten in dieser Einfachheit nicht gegeben ist, umgekehrt also der bei Frauen im Verhältnis zum Ostrogen niedrigere Anteil des Testosterons im Hormonspiegel auch keine Erklärung für ein natürlicherweise friedfertigeres Verhalten zu bieten vermag" (Heyne 1993, S.84). Es bestehen grundsätzliche Zweifel an der Vergleichbarkeit von tierischen und menschlichen Verhaltensweisen infolge eventuell unzulässiger Interpretationen und Projektionen menschlicher Charakteristika auf die beobachteten Tiere. märz 1995 43 v °t y qi 'ri/s^ a, f . , :: r r:`' ' 9Ÿ •;^ Cecco, in: Le Monde Sozialisation und Friedfertigkeit Zentrale Annahme der These von der sozialisationsbedingten Friedfertigkeit der Frau ist, daß das Potential an destruktiver Aggression bei Männern und Frauen gleich groß ist, daß jedes Geschlecht jedoch infolge geschlechtsspezifischer Sozialisation und der Verinnerlichung unterschiedlicher Rollenerwartungen eine grundlegend andere A rt des Umgangs mit aggressiven Impulsen erlernt hat. Im allgemeinen wird davon ausgegangen, daß Frauen im Gegensatz zu Männern Aggressionen eher gegen sich selbst als nach außen richten, womit neben der größeren Friedfertigkeit auch häufig das Auftreten weiblicher Depressionen erklärt wird (vgl. Heyne 1993, S.84-88). Stereotype und Geschlecht: Typisch Mann - Typisch Frau!? Der Prozeß der Geschlechtsmllensozialisation basiert auf der Einordnung des Neugeborenen in das dichotome Geschlechtssystem aufgrund der primären Geschlechtsmerkmale. Die Aspekte Alter und Geschlecht bilden "grundlegende Dimensionen, nach denen Menschen in face-to-face Interaktionen einander kategorisieren und an denen sie ihr Verhalten orientieren" (Nunner-Winkler 1994, S.64). Damit verbunden sind Geschlechtsstereotype in Form impliziter oder expliziter Vorstellungen bezüglich des Verhaltens sowie als Zuschreibung von Eigenschaften und Wesensmerkmalen je nach Geschlecht des Interaktionspartners. Sogenannte Baby-X-Untersuchungen belegen bereits für den Umgang mit Säuglingen die Existenz von "Erwartungen, Verbaltensinterpretationenund Interaktionsformen, die mit dem angenommenen Geschlecht des Kindes variieren" (Bilden 1991, S.281). Die stereotype A ttribution der Eigenschaft `Aggressivität` zum männlichen Geschlecht kommt in folgender Studie zum Ausdruck (vgl. Fausto-Sterling 1988, S.218): Einer Gruppe von Studentinnen wurde ein Film vorgeführt, in dem ein Kleinkind Reaktionen auf unterschiedliche Reize zeigt. Einem Teil der Zuschauer wurde das Kind als Mädchen, dem anderen Teil als Junge vorgestellt. In einer Szene reagiert das Kind auf ein Männchen, das ihm aus einer Schachtel entgegenspringt, mit Aufregung und Weinen. Diejenigen Studentinnen, die das Kind für ein Mädchen hielten, gaben als Ursache dieser Reaktionen Ängstlichkeit an; die Gruppe, die von einem Jungen ausging, interp re tie rte sie dagegen als Ausdruck von Zorn. Die hier aufgezeigte Voreingenommenheit und Geschlechtsbezogenheit der Wahrnehmung und Beurteilung von Verhaltensweisen führt zwangsläu fig zu Zweifeln an der Aussagekraft von Beobachtungsstudien zu geschlechtsspezifischer Aggressivität, da stereotype Vorannahmen sich in verzerrten Ergebnissen niederschlagen können. Die Rolle der Eltern Es stellt sich nun die Frage nach dem Zusammenhang zwischen differentieller Sozialisation, womit "jede Form der Andersbehandlung von Jungen und Mädchen ..., jeder Ansatz zu einem geschlechtsgebundenen Muster von Belohnungen und Bestrafungen" (Schenk 1979, S.85) gemeint ist, und dem geschlechtsspezifischen Umgang mit Aggressionspotentialen. Auf der Suche nach Formen und Folgen einer solchen Andersbehandlung lassen sich verschiedene Hinweise finden (vgl. Greenglass 1987, S.60/61). Offensichtlich unterliegen Jungen einem größeren elterlichen Druck, das ste reoty pe Konzept von Männlichkeit und die damit verbundene Rolle zu übernehmen, da bei ihnen jungenhaftes` Verhalten stärker gefördert, `mädchenhaftes` Benehmen gleichzeitig massiver kritisiert wird als maskulines Auftreten bei Mädchen. Dieses Bemühen um die Anpassung von Jungen an die für sie vorgesehene Rolle geht einher mit einem -im Vergleich zur Sozialisation von Mädchen- intensiveren Einsatz von Lob und negativer Verstärkung. In eine ähnliche Richtung weisen Aussagen, "daß Väter sich Sorgen machen, wenn ihre Söhne zu wenig aggressiv erschei- 44 forum nr 158 • - Zentrale Annahme ist, daß das Potential an destruktiver Aggression bei Männern und Frauen gleich groß ist, daß jedes Geschlecht jedoch infolge geschlechtsspezifischer Sozialisation und der Verinnerlichung unterschiedlicher Rollenerwartungen eine grundlegend andere Art des Umgangs mit aggressiven Impulsen erlernt hat. nen und wenig Anstalten machen, sich selber zu wehren" (Greenglass 1987, S.61), was bei Mädchen dagegen kein Anlaß zu Befürchtungen ist. Im Widerspruch hierzu stehen indessen Erkenntnisse, nach denen Jungen insbesondere von väterlicher Seite für aggressives Verhalten härter bestraft werden als Mädchen (vgl. Schenk 1979, S. ) Untersuchungen zur emotionalen Sozialisation zeigen auf, "daß das Gefühls-(Ausdrucks-)Repertoire von Mädchen differenziert und erweitert wird, Angst geduldet, aber unerwünschte Gefühle bzw. Gefühlsäußerungen wie Wut und Aggression unterdrückt werden" (Bilden 1991, S.2815). Die Aggression von Jungenwird dagegen eher toleriert, während sie im Ausdruck ihrer Gefühle ansonsten stärker gehemmt werden als Mädchen. Aus dieser Gefühlsregulierung durch die Eltern ergibt sich offenbar "eine ziemlich .dlinige Entwicklung hin zu deutlichen Unterschieden erwachsener Frauen und Männer im emotionalen Funktionieren" (Bilden 1991, S.286). Doch auch solche Forschungsergebnisse werden unter Verweis auf gegensätzliche Resultate anderer Studien kritisiert und die in ihnen enthaltene emotionale Dichotomie der Geschlechter zurückgewiesen (vgl. Bilden 1991, S.286). Folgende Tatsache, die als eine von wenigen empirisch belegt zu sein scheint, entzieht der These von der sozialisationsbedingten Friedfertigkeit der Frau auf den ersten Blick vollkommen die Grundlage: "Die befragten oder beobachteten Väter neigten vielfa ch dazu, au f Anpassung an die Geschlechterstereotypen zu drängen; bei Müttern ist dies kaum nachweisbar" (Hagema nn-Whi te 1984, S.59). Da Mütter immer noch die Hauptbezugs- bzw. Betreuungspersonen der Kinder sind, sie jedoch offenbar hauptsächlich die individuellen und nicht die geschlechtstypisch erwünschten Charaktermerkmale des Kindes fördern, liegt hier ein deutlicher Widerspruch zur Ausgangsthese vor. Dagegen läßt sich wiederum einwenden, daß die Einstellung und Erziehungshaltung der Väter vielleicht gerade wegen deren häufiger Abwesenheit und der Exklusivität des Kontakts zum Kind besonders zum Tragen kommt. Diese ausgewählten Beispiele spiegeln bereits die Schwierigkeit wider, bei der Analyse der Beziehung zwischen geschlechtsbezogenen Sozialisationsbed ingungen und dem Entstehen bzw. Nicht-Entstehen von Aggressivität zu klaren Aussagen zu gelangen. Der monokausale Zusammenhang zwischen bestimmten geschlechtsspezifischen Praktiken der Sozialisation und der Herausbildung verschiedener Persönlichkeitszüge scheint nicht zu existieren, da "ein dem Rollenstereotyp entsprechendes Verhalten nicht so regelmäßig oder durchgängig vorkommt, daß es in der empirischen Beobachtung in der Form verläßlicher Merkmale von männlichen und weiblichen Individuen erscheint" (Hagernann-White 1984, S.57). Darüber hinaus klammert insbesondere das Konzept des familiären Geschlechtsrollener,verbs zwei Grundgedanken des neueren Sozial isationsbegrif fes aus, und zwar zum einen den Aspekt der Selbstformung und zum anderen den der Lebenslänglichkeit (vgl. Bilden 1991 und Nyssen 1990). Trotz dieser Einschränkungen ist jedoch zu bedenken, daß Mädchen in der Regel durch sehr subtilen Druck (z.B. durch Liebesentzug) einen spezifischen Umgang mit ihren Aggressionen erlernen, denn "selbst wenn Mädchen und Jungen sich gleich verhalten sollten, so wird ihnen doch vermittelt, daß gleiches Verhalten je nach Geschlechtszugehörigkeit eine unterschiedliche Bedeutung hat" (Nyssen 1990, S.35). Sabine Holzer (Tell II wird in "forum" Nr. 159 folgen.) Literaturverzeichnis: Bilden, H.: Geschlechtsspezifische Sozialisation. in: Hurrelmann, K./Ulich, D. (Hg.): Neues Handbuch der Sozial isationsforchung, Weinheim 1991, S.279-301 Fausto-Sterling, Gefangene des Geschechts?, München 1988 Greenglass, E.R.: Geschlechterrolle als Schicksal, Stuttgart 1986 Großmaß, R.: Starke Frauen, zänkische Weiber oder friedliche Urmütter? in: Camenzind,E./Knüsel, K. (1-10: Starke Frauen - zänkische Weiber?, Zürich 1992, S.119-134 Hagemann-White, C.: Sozialisation: Weiblich - männlich?, Opladen 1984 Heyne, C.: Täterinnen, Zürich 1993 Holzkamp, Ch./Rommelspacher, B.: Frauen und Rechtsextremismus, in: päd. extra & demokratische erziehung 1/1991, S.33-39 Mamozai; M.: Komplizinnen, Reinbek 1990 Meulenbelt, A.: Wie Schalen einer Zwiebel, München 1.984 Mitscherlich, M.: Die friedfertige Frau, Frankfurt am Main 1985 Nunner-Winkler, G.: Zur geschlechtsspezifischen Sozialisation. in: Deutsche Forschungsgemeinschaft/Senatskommission für Frauenforschung (Hg.): Sozialwissenschaftliche Frauenforschung in der BundesrepublikDeutschland, Berlin 1994, S.71-80 Nyssen, E.: Aufwachsen im System der Zwiegeschlechtlichkeit. in: Metz-Göckel, S./Nyssen, E.: Frauen leben Widersprüche, Weinheim 1990, S.25-45 Schenk, H.: Geschlechtsrollenwandel und Sexismus, Weinheim 1979 Selg, H.: Aggression. Schnorr, A. (Hg.): llandwörterbuch der angewandten Psychologie, Bonn 1993, S.6-8 158 41 5 Holzer, Sabine Der Mythos vom weiblichen Pazifismus. Ein Beitrag zur Enttabuisierung weiblicher Aggression (Teil 1). Frauen International Beitrag
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