Porträt einer streitbaren Engländerin
Das Werk der Elizabeth von Arnim
Von ihrer Nachbarschaft wurde sie als Exzentrikerin eingestuft, und wer will dies dem pommerschen Landadel des fin de siècle verübeln. Wurde man doch mit einer Dame von Stand konfrontiert, die ihre Tage lieber mit einem Buch im Garten verbrachte, und den ihr obliegenden Pflichten als Hausfrau nicht die gebührende Beachtung schenkte. Elizabeth von Arnim resümierend zu diesem Phänomen: "K ... Von ihrer Nachbarschaft wurde sie als Exzentrikerin eingestuft, und wer will dies dem pommerschen Landadel des fin de siècle verübeln. Wurde man doch mit einer Dame von Stand konfrontiert, die ihre Tage lieber mit einem Buch im Garten verbrachte, und den ihr obliegenden Pflichten als Hausfrau nicht die gebührende Beachtung schenkte. Elizabeth von Arnim resümierend zu diesem Phänomen: "Kein Sterblicher" ist in den Genuß gekommen, mich "nähen oder kochen" zu sehen. Und geradezu frivol für die damalige Zeit gesteht sie auch noch:"Aber warum sollte ich kochen, wenn man eine Köchin bekommen kann? Und was das Nähen betrifft, die Mädchen säumen die Bettlaken besser und schneller, als ich es könnte, und alle Stickerei ans Modegründen ist eine Erfindung des Teufels, um die Törichten davon abzuhalten, sich der Weisheit zu widmen." Nach Letzterer strebte sie ihr Leben lang, und so mancher charakterisierte sie 52 fat-urn nr 158 CARLOS BRITO. denn auch als interessant und geistreich. 1897 veröffentlichte sie den Roman mit eben erwähnten Bekenntnissen, betitelt 'Elizabeth and her german garden', sie zog es vor dies anonym zu tun, doch das Buch erreichte bereits im ersten Jahr 21 Auflagen. 1987 ist es in deutscher Übersetzung bei Insel erschienen und in regelmäßigen Abständen eifreut der Verlag eine begeisterte Leserschaft mit der Herausgabe eines ihrer Werke. Schlag auf Schlag verfaßte E,v. Arnim ihre Romane, so daß ihr Gesamtwerk 21 Bücher umfaßt. Zunächst hatte sie diese mit 'By the author of Elizabeth and her german garden' unterzeichnet und spätere Ausgaben nur noch mit 'By Elizabeth'. Neu in diesem Herbst erschienen 'Die Reisegesellschaft'. Auch in diesem Roman macht die "Pippi La ngstru mpf der Literatur" (Annemarie Stoltenberg) ihrem Namen ein erneutes Mal alle Ehre. Mit Bravour wettert sie gegen den deutschen Haustyrannen und Patriarchen. Doch nicht etwa mit suffragettenhafter Verbissenheit, sondern verschmitzt, ironisch und mit einer gehörigen Portion englischem Humor gewürzt. Aber auch der nötige Optimismus hilft ihr den 'mißglückten' Englandurlaub des preußisch gedrillten Baron Otto von Ottringel als regelrechtes Abenteuer zu gestalten. Elizabeth im Garten Ev. Arnim wurde 1866 im australischen Sydney als Ma ry Annette Beauchamp geboren. Kindheit und Jugend verlebte sie in England. Auf einer Italienreise, die ihr Vater 1889 mit ihr unternimmt, lernt sie den Enkel des Prinzen Augustus von Preußen, Graf Henning August von Arnim-Schlagenthin kennen. Ein Jahr darauf heiraten die beiden und als der 'Grimmige' setzt sie ihm in 'Elizabeths Garten' ein liebevolles Denkmal. Das Ehepaar verbrachte fünf Jahre in Berlin und übersiedelte dann auf den von Arnimsehen Familiensitz, ein pommersches Gut in Nassenheide. "Der Garten war die reinste Wildnis" und die bis dato über keine 'Gartenerfahrung' verfügende Elizabeth machte sich ans Werk. Es entsteht ein Garten, der ihr als Ort der Ruhe dient, indem sie ihre innere Freiheit findet. "Manchmal", so berichtet sie, "dringen von weither Besucher in meine Einsamkeit ein, und bei diesen Gelegenheiten wird mir klar, wie mutterseelenallein jeder ist und wie weil entfernt von seinen Mitmenschen, und während sie reden (im allgemeinen über Babys, frühere, derzeitige und erwartete), wundere ich mich über die i .8e, nicht zu überbrückende Distanz, die die eigene Seele von der Seele desjenigen trennt, der direkt neben mir auf dem Stuhl sitzt." E.v. Arnim war keine Rita Sackville- West, keine Virginia Woolf, keine Nancy Milford und auch keine Elizabeth Bowen, aber sic hatte ihre schreibende Hand am Puls der Zeit, und was vielleicht von noch größerer Bedeutung war, daß sie ihren eigenen Empfindungen Ausdruck verleihen konnte. Hinzukommt, daß sie ohne jemals auch nur den Hauch einer Verbitterung spüren zu lassen, die gesellschaftlichen und auch familiären Ketten des Frauscins erfaßt. Natürlich waren nicht nur ihre Besucher, sondern auch sie selbst mit einer gehörigen Anzahl von Kindern gesegnet. Sie selbst hatte vier Töchter und einen Sohn. Für die Kinder sicher ein wahrer Genuß, daß zu den Hauslehrern auf Nassenheide ein E.M. Forster und ein Hugh Walpole zählten. Mag sie auch ihre Mutterpflichten nicht mit dem Trieb zur Selbstaufgabe erfüllt haben, sicherlich haben die Kinder davon profitiert, daß ihre Mutter soviel Weitblick hatte zu wissen, daß, sind die Kinder "noch so klein und gutartig und lieb", ist es schlimm, "daß man sie als Lückenfüller in Gesprächen benutzt und ihre Gesichtszüge nacheinander auseinandernimmt, dieweil sie scheu lächelnd vor dem Anatom stehen, so daß selbst noch ihr Lächeln Kommentare zur Form ihres Mundes entlockt.." Elizabeths Garten ist kein fiktives Tagebuch, indem sie den Leser bei der Hand nimmt und ihn lediglich durch die Jahreszeiten führt. Eher dient es als Rahmenmotiv, das ihr die Möglichkeit bietet eine enorme Fülle anderen Erzählstoffes einzuschließen und in lockerem Gedankenflug Anekdoten, Rückblenden, Gegenwärtiges und Resümierendes aus ihrem Leben zu erzählen, und dadurch den Leser mit ihren Gedankengängen vertraut zu machen. Der 'Grimmige' allerdings war von der Gartenleidenschaft der ihm angetrauten Elizabeth ganz und gar nicht begeistert. "Als ich heute morgen zum Frühstück erschien, lagen die Rechnungen für meine Rasen und Pflanzenknollen und sonstige Gartenschwelgereien vom letzten Jahr alle auf dem Tisch. Ein ziemlicher Schrecken für mich. Gärtnern, scheint mir, ist teuer, wenn man die Ausgaben vom eigenen Taschengeld bezahlen muß. Der Grimmige legte nicht den geringsten Wert auf Rosen oder Ziersträucher oder Schonungen oder neue Wege - warum sollte er, fragte er, dafür zahlen? Also tut er's nicht, sondern ich; und ich muß das wieder ausgleichen, indem ich nicht allzu ungehemmt der Kleiderlust fröne, was zweifellos sehr disziplinierend wirkt." 1908 fand die von Arnirnsche Gartenidylle allerdings ein jähes Ende - wegen Verschuldung mußte das Gut verkauft werden. Für Elizabeth ging es an der Seite ihres Ehemannes zurück nach England, wo dieser zwei Jahre später verstarb. E.v. Arnim ließ sich daraufhin in der Schweiz im Chateau Soleil nieder. Dort. widmete sie sich auch weiterhin dem Schreiben, hatte Freunde zu Gast, unter ihnen ILG.Wells, mit dem. sie his zu dessen Tod ein Verhältnis hatte. Aber auch Mit Bravour wettert sie gegen den deutschen Haustyrannen und Patriarchen. Doch nicht etwa mit suffragettenhafter Verbissenheit, sondern verschmitzt, ironisch und mit einer gehörigen Portion englischem Humor gewürzt. märz 1 995. 53 Feminismusdebatten langweilten Elizabeth v. Arnim, dennoch sind es in ihren Büchern die Frauen, die sich vor Vätern, Tyrannen, Ehemännern und dem Korsett der Konventionen in Sicherheit bringen müssen. ihre Cousine Katherine Mansfield, John Middleton- Muny und Frank Swinnerton zählten zu den Besuchern. Der Kriegsausbruch zwang sie zur Flucht über England, wo sie 1916 ein zweites Mal heiratete. Doch die Ehe mit dem zweiten Earl Russel, einem Bruder Bertrand Russels, war nur von kurzer Dauer. Bereits im ersten Ehejahr trennte sich E. und ging in die Staaten, und 1919 kam es zur endgültigen Trennung. In Amerika verstarb sie dann auch 1941 im Alter von 75 Jahren. Radikal aber keine Feministin Feminismusdebatten langweilten Elizabeth v. Arnim, dennoch sind es in ihren Büchern die Frauen, die sich vor Vätern, Tyrannen, Ehemännern und dem Konen der Konventionen in Sicherheit bringen müssen. Allerdings geschieht dies immer ohne radikale Brüche, denn Elizabeth weiß den sicheren Hafen der Ehe und finanzielle Sicherheit sehr wohl zu schätzen. Zudem war sie eine Frau ihrer Epoche, wohlwissend: "Das Beste, was eine Frau auf dieser Welt tun kann, ist, sich still zu verhalten". Auch in dem kürzlich verfiLmten. Roman 'Verzauberter Frühling' wissen die Frauen um diese Tatsache. Im 'Verzauberten Frühling' bringt eine Anzeige vier ernsthafte englische Ladies zusammen. Die Anzeige hatte sich an jene gerichtet, "die Glyzenen und Sonnenschein zu schätzen wissen. Kleines mittelalterliches Castello an der italienischen Mittelmeerküste für den Monat April möbliert zu vermieten. Notwendiges Personal vorhanden. Z. Postfach, The Times." Keinerlei Gemeinsamkeiten verbinden die vier unterschiedlichen Frauentypen zu Beginn ihrer Reise, gemein ist allen jedoch die Aufbruchstimmung. Eine schrullige ältere Dame, eine verwöhnte junge Lady und zwei Ehefrauen entfliehen spontan - und zwar nicht nur dem englischen Nebel. Schein- und Ranggeplänkel unter den Vieren gestalten die ersten Urlaubstage nicht gerade komplikationslos. Ob es nun der Zauber der italienischen Frühlingslandschaft ist, der die ladies milder stimmt oder die Faszination und Anziehungskraft ihrer u Welsch ied lichen Persönlichkeiten, darüber gibt E. von ArnimAufschluß. Das Miteinander der weiblichen Romanfiguren bedeutet fir jede Einzelne eine persönliche Weiterentwicklung. Spannungen und Sticheleien bekommen durch das männliche Geschlecht, das die Vierergesellschaft letztendlich doch erreicht, und dessen 'Gockelgehabe' eine komödiantische Note. Mag sich die Autorin vielleicht die Sympathien so manches Moralisten verscherzen, so gewinnt sie andererseits mit dieser comedy of manners den Literaturfreund unter den Lesern. Elizabeth und die Preußen Im Frankfurter Inselverlag, der sich des schriftstellerischen Oeuvres der englischen Lady angenommen hat, erschien im Herbst ihr achter Roman 'Die Reisegesellschaft'. Und auch dieser reiht sich nahtlos in ihr bisheriges Werk ein. Fragt man sich, was ihre Romane auszeichnet, daß diese nach fast 90 Jahren auf dem deutschen Buchmarkt eine getreue Leserschaft finden, so ma g vie lleicht eine Kritik in der satirischen Zeitschrift Punch aus dem Jahre 1909 auch heute noch Geltung haben. Vom Punch wurde die 'Reisegesellschaff als "geistinichste und amüsanteste Geschichte des Jahres" gekürt. Eine bornierte, urdeutsche und militärisch gedrillte Mannsperson Ist der darin agierende Baron Otto von Ottringel, gleichzeitig auch erzählerisches Ich des Romans. Nicht verwunderlich für den Leser, daß er pedantisch seine Silberhochzeit mit einer Reise begebt, auch wenn die dazugehörige Jubilarin bereits vor fünf Jahren das Zeitliche gesegnet hat. Bei seiner Einstellung über Frauen "Weiblichkeit, worauf schon der Klang des Wortes hindeutet, ist der Inbegriff alles dessen, was rund und weich und geschmeidig ist." - erscheint es einsehbar, daß diese a ustauscbbar sind. So erfüllt Edelgard, sein gehorsames zweites Eheweib die Rolle der Lückenbüßerin und begibt sich mit Otto auf die Silberhochzeitsreise. Otto von Ottringel in der 'Reisegesellschaft' zeichnen viele Charakterschwächen aus. Unter anderem entpuppt er sich recht schnell als ein Pfennigfuchser par excellence. Demzufolge kommt ihm die Einladung einer jungen, attraktiven Witwe zu einem Urlaub im Wohnwagen gerade recht, denn, "wenn die Frage lautete, in England für wenig Geld oder in der Schweiz fiir viel zu sein, waren wir einnnitig der Meinung, daß es besser sei, nach England zu fahren." Mit dem Wohnwagen geht's nun im August durch Kent und Sussex zusammen mit einigen englischen Reisegefährten. Ebenso wie sich das englische Wetter nicht von seiner besten Seite zeigt, gedenkt auch Otto zu verfahren. Kein Fettnäpfchen ist ihm zu klein, um nicht doch hineinzutreten und sein Chauvinismus treibt sogar den Leser zur Verzweiflung. Ganz allmählich spitzt sich das Klima innerhalb der Reisegesellschaft zu. Wurde der Baron zunächst mit offenen Armen empfangen, weiß er dies mit penetranten Be lehrungen und Wortschikanen zu danken. Ottringel hat ein gefestigtes und unverrückbares Bild von seinem Gastland und wird ganz dern.Bild des 'häßlichen Deutschen' gerecht. "Die englische Gesellschaft ist nach derartig gekünstelten Richtlinien organisiert, daß sobald eine Frau irgendetwas tut, der Mann zumindest den Anschein erwecken muß, auch etwas zu tun". Ganz und gar will ihm nicht einleuchten wieso seine Ehefrau von den englischen Gentlemen als Gleichberechtigte behandelt winf, denn für ihn Ianern darin Gefahren, ist das doch "der Grund, weshalb jenes geschlechtslose Wesen, die Suffragette, aufkommen konnte," So weiß Ottringel auch seine eigene Frau direkt zu "kurieren", daß sic nicht noch einmal in Versuchung gerät, mit ihm über "Politik zu reden". Mag er sich in der heimischen Gesellschaft im Brennpunkt des gesellschaftlichen Interesses sehen, da die "von Ottningels der Innbegriff aller modernster Lebensart" sind, lebt er den Engländern allerdings genau das Entgegengesetzte vor. Borniert, von Dünkeln zerfressen, deutschnational bis ins tiefste Mark, der Demokratie ebenso negativ gesonnen wie den Frauen, besonders der eigenen, schlägt er förmlich um sich. "Was ist schon Schönheit? Ein flüchtiger Augenblick im Leben einer Frau, sonst 54 forum nr 158 nichts. Frauen, die ihre Jugend erst einmal hinter sich haben , können nur noch dadurch Gefallen erregen, daß sie sanftmütig und wortkarg sind, rücksichtsvoll und geschickt - mit einem Wort:reumütig." E. v. Arnim weiß diesen deutschen Ableger männlicher Verschrobenheit mit einem beißend satirischen Unterton in die höchsten Höhen zu jubeln. In diesem Sinn: "Streichölzer, Aschenbecher und die eigene Frau sollten sozusagen immer griffbereit sein!" Wem dies noch nicht die Sprache verschlägt, der wird in Elizabeth von Arnims Roman "Die Reisegesellschaft" noch so manches über die eigentliche Bestimmung der Frau erfahren können. Ina Nottrot Elizabeth von Arnim: Elizabeth und ihr Garten, Insel Verlag 1987 Verzauberter April, ebd. 1992 Die Reisegesellschaft, ebd.1994 158 52 4 Nottrot, Ina Porträt einer streitbaren Engländerin. Das Werk der Elizabeth von Arnim. International Buchbesprechung
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