Weltfrauentag – auch in Nepal
Brief aus Kathmandu
Während in den meisten europäischen Ländern dem 8. März ohne größeres Aufsehen als Tag der Frau gedacht wird, scheint sich das Land Nepal dazu entschlossen zu haben, diesem Tag eine weitaus größere Bedeutung zu schenken. Zumindest nach außen hin: Der 8. März ist für alle Frauen, die an Schulen unterrichten bzw. in staatlichen Behörden oder Ministerien arbeiten, ein gesetzlicher ... Während in den meisten europäischen Ländern dem 8. März ohne größeres Aufsehen als Tag der Frau gedacht wird, scheint sich das Land Nepal dazu entschlossen zu haben, diesem Tag eine weitaus größere Bedeutung zu schenken. Zumindest nach außen hin: Der 8. März ist für alle Frauen, die an Schulen unterrichten bzw. in staatlichen Behörden oder Ministerien arbeiten, ein gesetzlicher Feiertag, an welchem sie nicht zur Arbeit zu gehen brauchen. Ein Land gedenkt auf seine Weise des Weltfrauentages! Ein bitterer Nachgeschmack bleibt jedoch angesichts der allgemeinen Stellung der Frau in der nepalesischen Gesellschaft: - Es sind fast ausschließlich Männer (oft über 80 Prozent), die in Ministerien arbeiten und es sind selbstverständlich auch Männer, die dort die höheren Posten besetzen: Frauen, die in wichtigen Institutionen Schlüsselpositionen innehaben und über Entscheidungsgewalt verfügen, sind so selten wie das berühmte vierblättrige Kleeblatt. Die eklatante Dispmportion zwischen Mann und Frau in der Aufteilung der Arbeitsplätze findet sich auch in der Schulorganisation wieder: Lehrerinnen sind unterrepräsentiert, drei Viertel der Arbeitsplätze in den Schulen werden von Männern eingenommen. Von Gleichberechtigung der Frau - und hierfür soll der 8. März ja stehen - kann in Nepal keineswegs die Rede sein. - Wird der 8. März zwar offiziell in den meisten staatlichen Institutionen als Tag der Frau begangen, so sind dennoch die meisten Frauen an diesem Tag gezwungen, ihrer alltäglichen Arbeit nachzugehen. Es sind dies in erster Linie die Frauen, die entweder als Tagelöhner - mit einem Verdienst von umgerechnet ungefähr 30 Luxemburger Franken täglich - versuchen, ihre Familien über die Runden zu bringen oder als Bäuerinnen einen 12- oder 14-Stundentag kennen. Die heuchlerische Perversion der nepalesischen Gesellschaft angesichts des 8. März erreicht jedoch ih ren Höhepunkt, wenn man weiß, daß viele Frauen - besonders in nepalesischen Dörfern - allein die Familie ernähren müssen, während der Ehemann sehr oft die langen sonnigen Nachmittage mit Dösen oder Diskutieren verbringt. Die nepalesische Gesellschaft, die den Weltfrauentag feiert, erscheint als Prototyp einer frauenfeindlichen und diskriminierenden Institution: Die primäre Aufgabe der Frau besteht darin, Kinder auf die Welt zu setzen, wobei einem neugeborenen Sohn stets ein weitaus höherer Wert beigemessen wird als einer Tochter. Die hohe Geburtenrate in Nepal (jede Frau bringt im Durchschnitt sechs Kinder zur Welt) läßt sich auch durch den "Wert" des Kindes erklären: Viele Frauen sind dazu gezwungen, so lange Kinder auf die Welt zu setzen, bis sie endlich einen Sohn geboren haben. Die Frau, die einen oder mehreren Söhnen das Leben geschenkt hat, genießt einen weitaus höheren Ruf als die Frau, die "lediglich" Töchter auf die Welt bringt. Die Diskrimination beginnt - strenggenommen - bereits bei der Geburt: das neugeborene Mädchen wird in der Regel weniger gut ernährt als der Junge; flir die Schulausbildung des Mädchens wird - wenn eine solche überhaupt besteht - ungleich weniger Geld ausgegeben als fir die des Jungen.... Sind die Kinder im beiratsfähigen Alter, muß das Mädchen, das geheiratet hat, das elterliche Haus verlassen, der Sohn hingegen bleibt mit seiner Frau im Haus und darf sich Alleinerbe des väterlichen Besitzes nennen: Der B. März läßt grüßen! Mario Floretti 159 9 2 Fioretti, Mario Weltfrauentag - auch in Nepal. Brief aus Kathmandu. Nepal Beitrag
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