70 NGOs in Luxemburg, ein heißes Eisen
aus: Brennpunkt 158, 1996
Aufmerksame BeobachterInnen werden gemerkt haben, daß sich in "forum" eine kleine Diskussion angebahnt hat über Sinn und Zweck der zahlreichen NGOS und der Regierungspolitik ihnen gegenüber.
Zuerst hat sich der Berichterstatter des neuen Gesetzes, René Kollwelter, über die "Orientations futures" der Luxemburger Entwicklungspolitik Fragen gestellt ("forum" Nr.166/S.46). Zitat: "A l'ave ...
Aufmerksame BeobachterInnen werden gemerkt haben, daß sich in "forum" eine kleine Diskussion angebahnt hat über Sinn und Zweck der zahlreichen NGOS und der Regierungspolitik ihnen gegenüber.
Zuerst hat sich der Berichterstatter des neuen Gesetzes, René Kollwelter, über die "Orientations futures" der Luxemburger Entwicklungspolitik Fragen gestellt ("forum" Nr.166/S.46). Zitat: "A l'avenir il faut que l'aide au développement soit davantage axée sur l'enseignement primaire et les soins de santé primaire, l'amélioration de la condition feminine et les programmes en matière de population." "Sans vouloir inettre en doute I'engagenient et le bien-fondi de nombreuses orga nisations non-gouvernementales, nous devrions concentrer nos efforts sur un nombre riduit d'ONG, mais mieux iquiges, mieux gerees, plus professionnelles et mieux pourvues de moyens en personel.et moyens financiers. Des syner- Aufmerksame Beobachterlnnen werden gemerkt haben, daß sich in "forum" eine kleine Diskussion angebahnt hat über Sinn und Zweck der zahlreichen NGOS und der Regierungspolitik ihnen gegenüber. gies et des coopirations doivent Etre favorisies, des fusions doivent 2tres invities." hn "foru~nN" r. 168, S. 29 antwortete Lise Linster von "Hellef fir Rosario" dem Herrn Kollwelter und meinte, daß die "politique de I'arrosoir" der Regierung Früchte zeige, auch wenn kleine Projekte und kleine NGOs uns einer globalen Lösung der Unterentwicklung nicht näherbringen. Großangelegte Projekte täten das auch nicht. Soweit zur Berichterstattung. Die zahlreichen NGOs in Luxemburg und ihre unterschiedlichsten Arten der Entwicklungshilfe sind tatsächlich ein heißes Eisen, und Inan riskiert, ins Fettnäpfchen zu treten, wenn nun sich darüber ausläßt. Trotzdem wollen wir es versuchen. Zuerst zum Artikel von Ren6 Koilwelter. Es ist natürlich ermutigend, wenn sich Politiker mit der Entwicklungshilfe auseinandersetzen und dies sogar öffentlich tun. Leider konunt es viel zu selten vor. Aber nicht jeder ist ein Erhard Eppler. Die verschiedenen Entwicklungsmodelle, die Kollwelter zitiert, sind leider gehörig verballhornt und vernuscht worden. Vor allem aber zieht er daraus nicht die nötigen Schiußfoigerungen, wenn er dann in einetti Rundunischlag die Sektoren aufzählt, die einer verstärkten Zusanmenarbeit würdig wären. Einmal davon abgesehen, daß er hier fast keinen Sektor ausläßt (außer de~riin dustriellen Sektor!!!), geht er nicht auf entwicklungspolitische Ansätze ein, etwa Akteure, Mittel, Strategien und kulturelle Hintergründe. Das tut er weder in der Analyse der Politik der letzten Jahrzehnte, noch in seinen Schlußfolgerungen. Gerade das würde es ihiri aber erlauben, die sinnvollen staatlichen und die sinnvollen nicht-staatlichen Ansätze zu erkennen. Unter den1 Label "Bevölkerungsprogramm" lassen sich viele Schweinereien verkaufen, etwa Drei- oder Fünfmonatsspritzen und ethnisch motivierte Steriiisierungsprogramrne. Frauenprojekte dagegen können genauso gut die dörfliche Eintracht zerstören wie sinnvolle Bevölkerungsprogramme sein. . Die 70 NGOs müssen sich die Frage gefallen lassen, warum sie Neuankömmlinge nicht integrieren können. Vor allem aber sieht Kollwelter in den NGOs nur ein Mittel, um staatliche Entwicklungsarbeit auszuführen (616ments organisateurs). Leider steht er mit dieser Einstellung nicht alleine in der Luxemburger Politikerlandschaft. Daß darüber hinaus die NGOs oft einen vollständig anderen Ansatz verfolgen als die "professionnels", wird nicht gesehen (wird auch nicht gut genug verkauft). Deshalb ist es wohl auch verständlich, wenn Kollwelter diese NGOs rationeller einsetzen will. I Rationalisierung ist ja nicht wertfrei, sondem passiert iirinier nach gewissen Kriterien, jenen Kriterien, die wir a 1s vernünftig ansehen. Frau Linster sieht es als vernünftig an, wenn viele Leute aus unseren1 Ländchen möglichst engen Kontakt zu einer Geirieinschaft in der Dritten Welt halten und diese finanziell und nioralisch unterstützen. Das mag zwar eine "politique de l'arrosoir" sein, aber sie zeigt Früchte, wenigstens bei jenen, die finden und bei jenen, die auf diese Weise helfen. Warum deshalb für jeden Kontakt mit der Dritten Welt in Luxemburg eigens eine NGO gegründet werden muß, ist noch nicht geklärt, besonders da Entwicklungs hilfe keine einfache Angelegenheit ist. Immerhin werfen wir riesige Geldsummen in uns größtenteils fremde Kulturen und sozio-ökonomische Gesellschaften. Nur ein Beispiel: eine europäische NGO finanziert einerafrikanischen Dorfgemeinschaft ein Dutzend Nähmaschinen. Die Frauen des Dorfes wollten ihre ökonomische Grundlage auf stabilere Füsse stellen. Al sie ihr Vorhaben umsetzen wollen, merken sie jedoch, daß nut Näharbeiten kein Geld mehr zu verdienen ist und investieren die ganze Summe in mehrere Dorffeste. Als die europäische NGO nach einiger Zeit vorbeischaut, sucht sie verzweifelt nach Nähinaschinen, kann jedoch keine finden. Danach fragen tut sie nicht, sie hat ja Vertrauen in ihren Partner. Sie verabschiedet sich also höflich und kehrt nie wieder. Die Dorfgemeinschaft ist dankbar, aber enttäuscht. Sie hat ihre wirtschaftiiche Situation wesentlich verbessert, nicht nur über die Einnahmen aus den Dorffesten, sondern vor allem, weil die traditionelle dörfliche Solidarität gestärkt wurde. Ein gelungenes Projekt, iiieinen die M i - kaner, bei der europäischen NGO hat es wesentlich dazu beigetragen, den afrikanischen Kontinent in Verruf zu bringen. Koiripeteiiz ist notwendig, und sie kann nicht bei jeder neuen NGO vorausgesetzt werden. Zusain~rienarbeiti st auch wichtig, und je eher die 70 NGOs dazu finden, je besser werden sie auch gegenüber der Regierung ihr genieinsanies Anliegen vertreten können. Die 70 NGOs niüssen sich die Frage gefallen lassen, warum sie Neuankömmlinge nicht integrieren können. Fast jedes Jahr konurit eine NGO hinzu, die nur ~niKt indern arbeiten will. Warurri kann sie nicht als lokale Gruppe einer größeren, älteren NGO funktionieren? Warum werden nicht wenigstens Erfahrungen ausgetauscht, wenn schon jeder sein eigenes Süppchen kochen will? Es wird wirklich Zeit, daß sich die Aktivitäten der Luxeinburger NGOs auch in etwas mehr Kooperation in Luxeinburg niederschlagen, nicht um der Regierung willen, sondern uin ihrer Arbeit willen. Mike Matiiias aufdiese weise aus: brennpunkt drett welt 1581Juni 1996 Unterstützung 169 9 2 Mathias, Mike 70 NGOs in Luxemburg, ein heisses Eisen. Kooperation Luxemburg Beitrag 70 NGOs in Luxemburg, - ein. heißes Eisen
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