Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt, Energie G
Arbeit und Ökologie
Im Auftrag von Bund Umwelt- und Naturschutz Deutschland und Misereor stellte im Herbst 1995 das Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt, Energie GmbH seinen Bericht "Zukunftsfähiges Deutschland" vor, mit dem Untertitel "Ein Beitrag zu einer global nachhaltigen Entwicklung". Aus dieser 350-seitigen Studie entnehmen wir einen Auszug aus dem Kapitel "Soziale Fairneß", wo die Problematik Arbeit von ...
Im Auftrag von Bund Umwelt- und Naturschutz Deutschland und Misereor stellte im Herbst 1995 das Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt, Energie GmbH seinen Bericht "Zukunftsfähiges Deutschland" vor, mit dem Untertitel "Ein Beitrag zu einer global nachhaltigen Entwicklung". Aus dieser 350-seitigen Studie entnehmen wir einen Auszug aus dem Kapitel "Soziale Fairneß", wo die Problematik Arbeit von einem ökologischen Standpunkt aus präsentiert wird. In der letzten " forum'-Nummer wurde bereits die Idee von einer Arbeitsverbilligung bei gleichzeitiger Energieverteuerung diskutiert, in diesem Dossier wird die Zukunft der Arbeit genauer beleuchtet.
Kein wirtschaftliches Wachstum wird Vollbeschäftigung im herkömmlichen Sinne zurückbringen. Wenn es wirtschaftliches Wachstum gibt, wird es in den Industrieländem überwiegend ein "jobloses Wachstum" sein- Auch eine generelle Verkürzung der Gesamtarbeitstum" sein, nicht weil ~ r b e i t ~ ~enldägbt]~tig~ w egra- zeit um einige Stunden schafft nicht in nennenswertionalisiert oder vernichtet werden, sondern weil sie tem Umfang neue Arbeitsplätze, häufig nur mehr Uberstunden. Sie beseitigt auch nicht die Arbeitslosigkeit - zu heterogen sind die Anforderungen an die berufliche Arbeit und zu heterogen sind die Interessen nicht nur der Unternehmen, sondern auch der Arbeitnehmer. Das schließt nicht aus, daß in Einzelfällen - wie das Beispiel VW zeigt - eine deutliche Arbeitszeitverkürzung (ohne vollen Lohnausgleich) Arbeitslosigkeit in nennenswertem Umfang verhindern kann. Die Arbeit verbilligen, den Naturverbrauch verteuern Im bisherigen wirtschaftlichen Regelwerk spielt der Faktor Natur bislang keine nennenswerte Rolle. Der Anstieg der Umweltschäden hat aber viel mit der Art Tomaschoff in: Publik-Forum unserer Arbeit zu tun. Die Erhöhung der Arbeitsproduktivität war mit immer mehr Naturvehrauch ver- 26 forum nr 169 Zukunft der Arbeit bunden. Wer neue bezahlte und bezahlbare Arbeits- ~iiöglichkeitens chaffen will, muß die Arbeit billiger und Energie und andere Ressourcen teurer machen. Erst eine ökologische Steuerreform wird inehr Beschäftigung und gleichzeitig mehr U~iiweltschutz bringen. Mit den Einnahmen aus der Besteuerung der Energie- und eventuell anderer Stoffverbräuche können unter anderem die gesetzlichen Beiträge zur Rentenversicherunggesenkt werden. Sinkende Sozialabgaben bewirken unmittelbar niedrigere Arbeitskosten (Verbilligung der Lohnnebenkosten), wodurch der Rationalisierungsdruck geringer wird und gleichzeitig der Anreiz steigt, Arbeitskräfte zu halten bzw. neue einzustellen. Durch diese Reform wird ein ökologischer Strukturwandel ausgelöst, der zumindest ~nittelfristigm it einer Zunahme von Arbeitsplätzen verbunden ist. So koriunt beispielsweise eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zu dem Schluß, daß selbst bei vorsichtiger Schätzung die Einführung einer Energiesteuer nach zehn Jahren bis zu einer halben Million zusätzlicher Arbeitsplätze führt. (1) Doch langfristig wird das strukturelle Prob- 1e1n der Industriegesellscha ft bestehen bleiben. Vollbeschäftigung wird nur mit einer gegenüber heute deutlich geringeren Gesamtarbeitszeit und auch geringeren Löhnen zu haben sein. Da Arbeit bislang die Grundlage der demokratischen Marktwirtschaft ist, ist eine Neubewertungder Arbeit unumgänglich. Neben der weiterhin notwendigen Arbeitsleistung im Enverbsbereich sind andere und zusätzliche Lebensinhalte zu finden und zu erfinden. Wolf Lepenies hat dazu bedenkenswerte Überlegungen angestellt: "Die Zeit der Utopien ist vergangen - zugleich scheint danut unsere soziale Phantasie erschöpft. Dabei wäre nichts dringender als ein Nachdenken darüber, wie eine Gesellschaft der Zukunft aussehen kann, deren Wertekern nicht die traditionelle Erwerbsarbeit ist. Lebensläufe zeichnen sich ab, in denen Perioden der Beschäftigung mit gleich langen Zeiten der Muße sich abwechseln; vielleicht werden wir in Zukunft den Willen zum Nichtstun ebenso hoch prämieren inüssen wie die Bereitschaft zur Arbeit. Das Arbeitenrnüssen erschien einst als Schreckensbild der Maschinenzivilisation - das Arbeitendürfen wird zur Sehnsucht der postindustriellen Gesellschaft."(2) Es ist also soziale Phantasie gefragt. Modeme Industriegesellschaften dürfen dennoch ein gewisses Niveau an zu erbringenden Arbeitsleistungen nicht unterschreiten. Neben der Erwerbsarbeit braucht es zur Existenzicherung ebenso einen bestimmten Standard der sogenannten Reproduktionsarbeit, also die Versorgung und Qualifikation der nachfolgenden Generationen, Hausarbeit, Gesundheitsvorsorge, alle möglichen Dienstleistungen, informelle Tätigkeiten, Eigenarbeit und Selbsthilfe. Arbeit geht also nicht einfach in der Erwerbsarbeit auf, doch wird diese Organisationsformvomussichtlich für absehbare Zeit die zentrale Arbeitstätigkeit bleiben. Sie wird darum - jedenfalls Wr die große Mehrzahl der Menschen - im Brennpunkt der sozialen Orientierung bleiben. Deshalb gebietet die soziale Fairneß - dies ist wohl das wichtigste sozialpolitische Postulat -, daß jede Frau und jeder Mann mindestens Zugang zu einem bezahlten Teilzeit-Arbeitsplatz hat. Flexible Arbeitszeiten und Arbeitsformen Die wichtigste Voraussetzung für dieses Postulat ist eine flexiblere Ausgestaltung der Enverbsarbeitszeiten. Die Arbeitszeitformen, also die Lage und Dauer der Arbeitszeiten, bilden gleichsam das gestaltgebendeskelett der Lebensweise. Idee und Anspruch flexiblerer Arbeitszeiten und Arbeitsfomien kommen am besten mit dem Wort Zeitsouveränität zum Ausdruck. Deshalb sind gerade auf diesem Feld soziale Innovationen und Experimente so dringend vonnöten. Die Ausweitung der Teilzeitbeschäftigung gehört zu den bedeutsamsten Trends auf den Arbeitsniarkten. Allerdings wird bis heute Teilzeitbeschäftigung überwiegend von Frauen ausgeübt. Dieser Trend zu flexibleren Arbeitszeiten und Arbeitsformen wird sich fortsetzen.(3) Dafür spricht vor allem die Interessenailianz, die es hier zwischen Arbeitgebern und einer wachsenden Gruppe von Arbeitnehmern gibt. Die einen erreichen eine bessere Auslastung der betrieblichen Kapazitäten, die anderen eine Ausweitung individueller Zeitoptionen. AUerdings verhilft die Flexibilisierung der Arbeitszeiten und Arbeitsfonnen dem Prinzip der Zeitsouveränität weder im privaten Leben noch iin Erwerbsbereich automatisch zum Durchbruch. Neue Zeitstrukturen allein bringen auch keine Lockerung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau, wenn nicht beide dazu motiviert sind. Und zu einer Bereicherung des privaten Lebens oder der Arbeit führen sie erst, wenn auch über den Inhalt der freien Zeit und über den Inhalt, die Bedingungen und den Sinn der Arbeit geredet und verhandelt wird. Zweiter Arbeitsmarkt und negative Einkommensteuer Flexiblere Arbeitszeiten und Arbeitsformen sowie die Verbilligung der Arbeit im Rahmen einer ökologischen Steuerreform mögen allein nicht ausreichen, allen Menschen Zugang zu einem bezahlten Teiizeit- Arbeitsplatz zu geben. Um einer wachsenden Spaltung der Gesellschaft i ~ Anr beitsplatz-Inhaber und Arbeitslose entgegenzuwirken, wird seit längerein das Konzept einer negativen Einkommenssteuer diskutiert. (4) Kernpunkt eines solchen Konzeptes ist die Kombination von Sozialleistungen mit Arbeitseinkommen. Wer kein sonstiges Einkommen bezieht, aber arbeitsfähig ist, hat Anspruch auf ein Subsistenzeinkommen. Wer arbeitet und dafür ein niedrigeres Einkommen als das gesellschaftlich vereinbarte Niedrigeinkommen erzielt, erhalt einen staatlichen Zuschuß. Dieser vermindert sich mit steigendemEinkommen und hört ganz auf, wenn das auf Arbeit erzielte Einkommen gleich dem gesellschaftlich vereinbarten Niedrigeinkommen ist. Zu einer Bereicherung des privaten Lebens oder der Arbeit führen die neuen Zeitstru kturen erst, wenn auch über den Inhalt der freien Zeit und über den Inhalt, die Bedingungen und den Sinn der Arbeit geredet und verhandelt wird. ' juii 1996 27 Zukunft der Arbeit Die negative Einkommenssteuer bewirkt, daß sich eine Arbeitsaufnahme im Niedriglohnbereich lohnt. Anders als heute würde der Mehrverdienst vom Sozialamt nicht weggesteuert. Jede Mehrarbeit führt also zu einem zusätzlichen Nettoeinkommen. Viele Unternehmen könnten aufgrund niedrigerer Arbeitskosten nun Arbeitsplätze im Niedriglohnsektor anbieten, sofern die Gewerkschaften damit einverstanden wären, daß auch Arbeitsplätze eingerichtet werden, deren (vor Mißbrauch geschütztes) Lohnniveau unter jenem des weltmarktorientierten Hochlohnsektors liegt. Auf diese Weise könnte ein Niedrigarbeitskostensektor mit akzeptablen Einkommen entstehen, denn Arbeit ist genug da, sofern sie nurbezahlbar ist. Für Millionen Menschen, die sonst keinerlei Chance haben, imHochlohnsektor Arbeit zu finden, täte sichwieder eine realistische Arbeitsperspektive auf. Darüber hinaus würde dieses Konzept den Ubergang in den "erste Arbeitsmarkt" des weltmarktorientierten Sektors erleichtern und umgekehrt: Wer aus dem Hochlohnsektor herausfällt, kann im "zweiten Arbeitsmarkt" wieder eine sinnvolle Beschäftigung finden. Mischung von Erwerbsarbeit und Eigenarbeit Gearbeitet und produziert wird nicht nur in den Betrieben - am Markt, in der formellen Ökonomie - in den Haushalten, in ehrenamtlichen Tatigkeiten usw. Neben der bezahlten Erwerbsarbeit gibt es die unbezahlte Eigenarbeit. „Ist ja schrecklich. Muß der unbedingt so dernonstrativ da rumsitzen!?" Mester in: Publik-Forum Die Zukunft der Arbeit kann nicht mehr länger ausschließlich in der Erwerbsarbeit liegen. Langfristig führen Umweltschonungund ein deutlich geringerer Ressourcenverbrauch zu einer Verringerungdes Volumens an Erwerbsarbeit. Dies bedeutet aber keinesfalls, daß es weniger zu tun gibt. Lebens- und Versorgungsweisen werden sich dahingehend wandeln müssen, daß lokal-regionale Märkte, Eigenarbeitund Selbstversorungusw. - mit durchaus modernen Mitteln - wieder einen höheren Stellenwert erhalten. In diesem Bereich bieten sich Tätigkeitsfelder an wie zum Beispiel der Anbau von Nahrungsmitteln, das Reparieren vieler Produkte, die Herstellung von lebenswichtigen, einfacheren Gebrauchsgegenständen, das Umbauen und Sanieren von Häusern und Wohnungen, Nachbarschaftsmedizin und soziale Hilfe. Voraussetzung für die Entwicklung der lokalen Selbstproduktionssphäre ist der Zugangbzw. die Bereitstellung von Werkstätten, Werkzeugen, Material und Fachwissen. Ihre institutionell-organisatorischen Formen können vom eigenen Haushalt über zeitlich befristete Projekte, Kooperativen, kommunale oder stadtteilbezogenen Werkstätten bis zu kleinen Selbstverwaltungsbetrieben reichen; ihre rechtliche Form wird vorwiegend die von gemeinnützigen Vereinen sein. Mit dem Ausbau der Selbstproduktionssphäre kann die heute fast totale Abhängigkeit der Sicherung des Lebensunterhaltes von Arbeitsplätzen im Industrie- System reduziert werden, und kann die Autonomie lokaler Gemeinschaften in der Stadt wie auf dem Lande wieder vergößert werden. Ziel dieses Ausbaus ist nicht, das Industries ystem in ein Konglomerat von selbstgenügsamen kleinen Produktionseinheiten aufzuspalten. Angesichts der Tatsache, daß die Arbeitsmöglichkeiten möglichkeiten im Industriesyste~nzurückgeheng, eht es umeine gleichzeitig wirksame, sinnvolle und realisierbare Alternative. An die Stelle der dominierenden Erwerbsarbeit tritt eine Lebenarbeitszeifpolitik, bei der es nicht um Erwerbsarbeit oder Eigenarbeit geht, sondern um Erwerbsarbeit und Eigenarbeit für Männer und Frauen, und damit um eine neue Mischung und Bewertung von Geld und Zeit, von Fremdarbeit und Eigenarbeit, von Berufund Familie. EinesolcheLebensarbeitspolitik würde nicht notwendigerweise bedeuten, daß die Wochenarbeitszeit kontinuierlich abnimmt und das Rentenalter gesenkt wird. Sie könnte sogar Hand in Hand gehen mit einer Verlängerung der Lebensarbeitszeit. Anm.: 1) Wirtschaftliche Auswirkungen einer ÖkologischenSteuerreform. DIW-Sonderheft Nr. 153, Berlin 1995 2) Lepenies, W: Notizen zu Emt Jüngers Säkulum, in: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 71, 1995 3) Im Bereich flexibler Arbeitsformen und Arbeitszeiten liegt ein noch wenigausgeschöpftes Potential. Für dieBRDzeigt beispielsweise eine kürzlich von McKinsey veröffentlichte Arbeitsmarktstudie auf, daß sich mit Teiizeit-, Jobsharing und Beurlaubungsmodellen heute1.4 Mio neue Vollzeit- bnu. 1,9 Mio neueTeilzeitstellen schaffen ließen, und dies ohne zusätziiche Kosten für die Unternehmen. Beispiele zeigen, daß sich Teilzeitarbeit lohnt: für die Unternehien durch nachhaltige Ergebnisverbesserung, Vermeidung von Sozialplankosten und die Erhaltung qualifizierter Mitarbeiter, für die Arbeitnehmer durch mehr Zeitsouveränität und eine höherer Arbeitsplatzsicberheit, für den Staat durch eine Entlastung der öffentlichen Haushalte und eine Entspannung der sozialen Lage. 4) Scharpf, F.W. et al.: Nicht Arbeitslosigkeit, sondern Beschäftigung fördern, in: Meyer, H.-W. (Hrsg.): Sozial gerecht teilen - ökologisch umsteuern? Köln 1994. Weher, B: Der neue Sozialstaat, Opladen 1992, Wohlgenannt U. Binckele, H.: Den öko-sozialen Umbau beginnen. Grundeinkommen, Wien 1990. 28 forum nr 169 169 26 3 Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt, Energie GmbH Arbeit und Ökologie. Arbeit Deutschland Dossierbeitrag Arbeit und Ökologie
Diesen Artikel als PDF ansehen.
Größe: 0.13 MB




