Carel Scheltgen, forum-Redaktion
Bergwandern statt Extremklettern
Gespräch mit Carel Scheltgen
Carel Scheltgen war bis September vergangenen Jahres Chefredakteur der Zeitschrift "Télécran". Heute arbeitet er nur noch ein paar Stunden pro Woche. Die übrige Zeit verbringt er im Haushalt. Er hat kurzerhand mit seiner Frau, die jetzt wieder ganz arbeitet, die Rolle getauscht. Ein Aussteiger?
"forum": Sie haben einen Beruf aufgegeben, um den manch einer Sie beneidet hat. Was bringt j ...
Carel Scheltgen war bis September vergangenen Jahres Chefredakteur der Zeitschrift "Télécran". Heute arbeitet er nur noch ein paar Stunden pro Woche. Die übrige Zeit verbringt er im Haushalt. Er hat kurzerhand mit seiner Frau, die jetzt wieder ganz arbeitet, die Rolle getauscht. Ein Aussteiger?
"forum": Sie haben einen Beruf aufgegeben, um den manch einer Sie beneidet hat. Was bringt jemanden dazu, auf Prestige und Karriere zu verzichten, um Hausmann zu werden?
Carel Scheltgen: Wer auf Prestige und Karriere grossen Wert legt, nimmt für deren Erhalt unter Umständen auch unangenehme Begleiterscheinungen in Kauf. Ich muss zugegeben, dass es auch mir nicht egal ist, ob ich oben oder unten auf der Karriereleiter stehe, aber auf Prestige und Titel wollte ich lieber ver- Prozeßd er eigentlich schon begonnen hatte, bevor sobald sie zur Belastung wurden, Geber er- ich Chefredakteur wurde, und der auch nicht direkt ich einen Dreitausender wo ich mit den1 Joumalistenberuf ZU tun hatte. Ich fand, da Zukunft der Arbeit mir einfach nicht genug Zeit füm eine Familie und fiirmich selbstblieb, denn imGegensatz zu manchen, die nach Feierabend noch bis in diespäte Nachtstunden aktiv sind, bin ich ein Tagmensch, der zudem relativ viel Schlaf braucht. Mir fehlte es also neben dem Beruf an längere Zeitabschnitten, währen denen ich mich ununterbrochen einer privaten Aktivitä hätt widmen können Ich denke dabei an Gartenarbeit, Vereinsleben, Sport, Heimwerken oder sonstige Frcizeitbeschäftigungen Zudem brachte ich immer wieder Schriftstückm it nach Hause, füde ren Lektà ¼rm ir im Bürd ie Ruhe fehlte. Um den privaten Zeitmangel auszugleichen hätt ich ohne weiteres auf ein Viertel meines Gehalts verzichtet, und nur noch 30Stunden in der Woche gearbeitet, aber in meiner Funktion war an einen solchen Arbeitsrhythmus nicht zu denken. Der Zeitmangel war nicht der alleinige Grund fü meine Unzufriedenheit. Es gab da auch einen Konflikt zwischen dem, was ich gerne mache und dem, was mein Posten mit sich brachte. Obwohl ich liebend gern organisiere, bin ich vom Wesen her kein Cheftyp oder Verwaltungsmensch. Das sind aber nun mal Eigenschaften, die ein Redaktionsleiter mitbringen sollte. Selbstverständlic war mir das auch vorher bekannt, doch ich war zumTeil ohne mein Zutun in diese ~unktionh ineingerutscht. Es war nicht einfach, eine Entscheidung zu treffen. Nach 17 Jahren Aktivitäi n einer Zeitung, an deren Erfolg man fast von Anfang an mitgewirkt hat, tut man sich schwer, ganz von der Bddfläch zu verschwinden. "forum" : Wer half Ihnen bei der Entscheidungs&- dung ? Carel Scheltgen: Damit mußt ich allein klarkommen. Ich kannte niemanden, der in einem ähnliche Fall war. Meine Frau wußts elbstverständlichd a mein Beruf mich nicht so erfülltew ie ich es mir wünschteD aà ich ein Sabbatjahr einlegen wollte, sagteich ihr allerdings erst, alsich eine klare Vorstellungvon dem hatte, was ich wollte. Da siesich nicht dagegen sträubew ürdme ir die Hausarbeit zu über lassen, wenn sie dafüw ieder voll in ihren Lehrerjob einsteigen könntew ußitc h, denn sie üdb iesen Beruf mit viel Hingabe und Begeisterung aus. liehe Wertung: Ich weià von Kollegen, die gerade das, was ich am Journalismus und am Management als negativ empfinde, am meisten genießeDn a muà halt jeder seinen eigenen Neigungen und Fähigkeite Rechnung tragen. "forum": Der Ausstieg aus dem Beruf war also beschlossen. Doch wieso gerade ein Sabbatjahr? . Carel Scheltgen: Nachdem mir klar war, da ich besser daran iäted en Berufaufzugeben, standen drei Möglichkeite offen: Nach einem neuen Posten im gleichen Betrieb Ausschau halten, den Beruf und die Firma wechseln, oder ein Sabbatjahr, d.h. ein Jahr ohne berufliche Aktivitäet inlegen. Ich wußtde a bei meinem Arbeitgeber kein Posten frei war oder werden würdveo n dem ich gesagt hät te: ,,Den oder keinen!" Und mit dem Beruf die Firma zu wechseln, hätt wohl auch nichts gebracht, denn zu dem Zeitpunkt war mir keine andere Firma bekannt, deren Arbeitsklima- und Bedingungen einigermaße meinen Vorstellungen und Fähigkeite entsprochen hättenE s blieb also nur die schöpferi sche Pause mit all ihren UngewißheitenW ie würd ich die Aufgabe des sozialen Status verkraften? Wie würde wir ohne mein recht ansehnliches Gehalt iiber die Runden kommen? MüÃicŸh nach der Pause vielleicht stempeln gehen oder eine schlechtbezahlte Stellung annehmen? in: tageszeitung "forum": Hätte Sie Ihre Arbeit nicht umgestalten können statt sie aufzugeben? Carel Scheltgen: Darübde achte ich natürlicn ach. Gelegentlich, wenn mir Zweifel iiber die berufliche Richtung kamen, die ich eingeschlagen hatte, stellte ich Pro-und Kontra-Listen auf, mit allem, was mir an meinem Beruf &fiel, und was ich als positiv empfand. Nachdem ich diese Ãoebun in Absiände von einigen Monaten mehrere Male durchgezogen hatte, stellte ich fest,daÃF ürunW iderjedesmal ganzähn lieh ausfielen. Und stets Ãoeberwoge die negativen Punkte. Selbstverständlicw ar dies eine sehr persön Dennoch sah sie meinem Hausmann-Dasein mit einer gehörige Portion Skepsis entgegen: Würdic h mir genau so viele Gedanken übe gesunde Emäh rung machen, wie sie es getan hatte, und dementsprechende Menü auftischen? Würd ich die Entwicklung der Kinder im Auge behalten und mich nicht zu sehr auf das Auskosten meines freien Jahres konzentrieren? Würdic h - als vergeßlichMe ensch, der ich nun mal bin - all die kleinen Dinge, die im Haushalt anfallen, zumindest soweit erledigen, da kein Chaos entstünde Der Wechsel war füsi e genau so schwer wie fü mich der Abschied von der Zeitung. Nach 19 Ehejahren dem Partner alles zu Ãoeberlassenw as man so lange geplant und gepflegt hat: damit muà man erst einmal forum nr 169 Zukunft der Arbeit fertig werden, auch wenn man kein Hausmütterche ist. ' fomm" : Und wie reagierte Ihr Arbeitgeber? Carel Scheltgen: Ãoeberraschen positiv! Ich muà dazu sagen, da ich meinen Beruf so gewissenhaft wie möglic ausgeühba tte, auch wenn es nicht mein Traumjob war. Die gleiche Loyalitä zeigte mein Chef mir gegenübearl s ich ihmankündigtiec h wür de eine schöpferisch Pause einlegen. Ohne da ich das auch nur erwähnh atte, bot er mir ein Jahr unbezahlten Urlaub an. Zwar würd ich nicht mehr als Chefredakteur zu~ckkehrena,b er das hätti ch ja sowieso nichtgewollt. Damitwar mir eine meiner @§ ten Sorgen genommen: das beruflicheund finanzielle Vakuum, das mir unter Umstände nach dem Jahr gedroht hätte "forum": Und wie war es währen des Sabbatjahres mit dem finanziellen Vakuum? Carel Scheltgen: Um keine Ãoeberraschun zu erleben, nahm ich die Einnahmen und Ausgaben eines ganzen Jahres unter die Lupe. Ich wollte genau festzustellen, was wir als Familie monatlich an Geld in Umlauf hielten. Die Berechnungen ergaben, da wir unseren Lebensstil nicht im geringsten änder mü ten, wenn meine Frau statt eines halben ein volles Gehalt erhielte, und ich einen Mindestlohn beisteuerte. Zwar würdd ies einer Einbußv on rund einem Drittel unseres bisherigen Bruttoeinkommens entsprechen, aber wem hätt es genutzt, das Sparbuch weiterhin zu fütteru nd dafüa uf Lebensqualitäz u verzichten? I' forum" : Also doch kein echter unbezahlter Urlaub? Carel Scheltgen: Das war sowieso nicht vorgesehen. Ich wollte zwar die Haushaltspflichten Ãoebernehme und mir etwas mehr MuRegÖnnen zugleich hatte ich aber eingeplant, währen des Jahres in andere Berufe hineinzuschnuppern". Ins Lehrfach, das eigentlich immer mein Berufsziel gewesen war, konnte ich einsteigen, indem ich acht Schulstunden als Lehrbeauftragter im Enseignement pkparatoire" eines technischen Lyzeums annahm, und als Nebenbeschäfti gung kam jede Woche eine einstündig Radiosendung bei DNR dazu. 'forum": Aber das kam doch mit den Vorbereitungsstunden fast einem Halbtagsjob gleich. Wo blieb denn da die Muße Carel Scheltgen: Das fragte ich mich währen der ersten Zeit auch. Hier war meine Planung voll danebengegangen. Alles, was ich zu tun hatte, war neu: der Haushalt, die Schule, das Radio. Ich brauchte Monate, bis sich die Routineeinstellte. ImSeptember hatte ich meine Rolle als halbtags arbeitender Hausmann übernommeunn d es dauerte gut und gerne bis zu den Fastnachtsferien, bis ich weniger Streà hatte als vorher im Beruf. Danach lief es allerdings viel besser: Ich wu§tj etzt, wo in der Küchd ie Gewürz standen, wie ich eine Grammatikpriifung aufsetzen mußt und wieviel Fragen ich brauchte, um eine Radiostunde mit einem Gesprächspartnez u gestalten. Heute schlage ich die eine oder andere freie Stunde heraus; es würd mich allerdings freuen, wenn es mehr wären " forum" : Wie reagierten die Freunde und Bekann ten, als sie von Ihrer Entscheidung, den Beruf aufzugeben, erfuhren? Carel Scheltgen: Manche waren entsetzt, weil ich eine so prestigeträchtig Stellung aufgab, andere - vor allem Männe - drückte mir ihre Anerkennung aus. Ich weià nicht, wie oft mir einer gesagt hat: Mensch, das wär auch mein Wunsch, den ganzen Bemfsrummel fü eine Weile zu vergessen." Viele könntee s aus finanziellen Gründen icht, füan dere würde s einen zu brutalen sozialen Abstieg bedeuten. Ich habe von beidem noch nichts gespürEt s erfà ¼lml ich sogar mit Genugtuung, da von den Menschen, zu denen ich vorher guten Kontakt hatte, keiner sein Verhalten geänderh at. Ich fühdr as darauf zurückd a ich mich stets darum bemüh abe, nur die Kontakte zu pflegen, die sich von selber ergaben, statt auf Teufel komm raus Beziehungen aufzubauen. Beruflich mhg das falsch gewesen sein, aber heute zahlt es sich aus. 'forum" : Wie sieht die Gesellschaft den Hausmann? Carel Scheltgen: Es gibt immer wieder Bekannte, die auf mich zukommen: Na, Hausmann, wie geht's?', aber daran gewöhn man sich. Nur bei sehr wenigen Männer habe ich das Gefühdl a sie mich insgeheim belächelnD ie Frauen hingegen reagieren in der Regel positiv. Viele sagen ganz offen, da sie meine Frau beneiden. "forum": Und wiejühle Sie selbst sich in der Hausmannsrolle? Carel Scheltgen: Ehrlich gesagt, als Nur-Hausmann könnt ich nicht leben. Da jemand in dieser Funktion aufgeht, kann ich eigentlich nur verstehen, wenn er oder sie kleine Kinder hat. Das ist bei uns jedoch nicht der Fall. Wenn ich nicht stundenweise berufsiä tiw ärem üÃicŸh mir den einen oder anderen Posten als Vorstandsmitglied in einem Verein zulegen, einfach um aus den vier Wände rauszukommen. Eigentlich sehe ich die ganzen Hausarbeiten als Pflichiübuna n. Sie müssee rledigt werden, damit die Familie in einem angenehmen Ambiente und einer gewissen Geborgenheit leben kann, und der Verstand sagt mir auch, da gesunde, abwechslungsreiche Kost ein MUR ist, aber so richtig aufgehen kann ich in dieser Hausmannsrolle nicht. Wollen Sie einen Beweis?: Ich bringe es immer noch nicht fertig, die Haustüzu öffnenw enn ich eine Schürzu mgebunden habe. Ein Psychiater könnted bestimmt so manches hineindeuten. Wäsch drauße aufzuhänge und Teppiche auf der Terrasse auszuschütteml acht mir hingegen nichts aus. Aber ich arbeite an meinem SchürzenkompleWx enn er weg ist, sage ich Ihnen Bescheid. "forum": Mal abgesehen von der. Schürze Hat die Hausarbeit denn gar nichts Positives? Ich bringe es immer noch nicht fertig, die Haustü zu öffnen wenn ich eine Schurze umgebunden habe. Wäsch drauße aufzuhänge und Teppiche auf der Terrasse auszuschutteln macht mir hingegen nichts aus. Aber ich arbeite an meinem Schurzenkomplex. Zukunft der Arbeit Carel Scheltgen: Doch, das hat sie: Man hat keinen Chef, der einem vorschreibt, was zu tun ist, man unterliegt keinen kommerziellen Zwängen muà sich nicht mit ausgefallenen Kundenwünscheh erumplagen, und wenn mal die Luft raus ist, verschiebt man die Arbeit. Wenn ich krank bin, gehe ich zum Arzt - das war währen meiner Zeit als ,,Jeune cadre dynamique" gar nicht so selbstverständlichS obald ich im Bür war, hatte ich soviel um die Ohren, da ich glaubte, nicht weggehen zu können Und noch etwas Schöne hat die Hausarbeit: Wenn die Sonne scheint, arbeitet man draußeunn d wenn's regnet, wischt man Staub oder macht sonst was im Haus. Als ich noch eine 40-Stunden-Woche hatte, konnte ich meine Arbeit nicht dem Wetter anpassen. "forum": Sie bereuen es also nicht, mit Ihrer Frau gelauscht zu haben? Carel Scheltgen: Nein, absolut nicht. Es mag sein, daÂs ich das irgendwann änderatb er nach den Erfahrungen eines Dreivierteljahres sehe ich keinen Grund dazu. Zudem findet meine Frau, da sie viel mehr Freiraumund weniger Sorgen hat als vorher. Das motiviert mich auch, weiterzumachen. DieKinder scheinen's auch ganz gut zu finden, da ich etwas weniger Anforderungen stelle als meine Frau, und ich selber fühml ich eigentlich auch ganz wohl. 'forum": Sie werden also nicht in Ihren alten Beruf zurückkehre oder eine andere 40-Shinden-Beschäf tigung annehmen? Carel Scheltgen: Den Joumalistenberuf werde ich wohl endgültai n den Nagel hängenE s gibt in dem Bereich zu vieles, das mir nichtbehagt. Eine40-Stunden- Woche kommt momentan ebenfalls nicht in Frage. Darübwe erde ich wieder nachdenken, wenn die Kinder aus dem Haus sind. "forum": Dann werden Sie fast FŸnfzi sein. Haben Sie keine Angst, in dem Alter keine Anstellung mehr zu finden ? Carel Scheltgen: Die Gefahr besteht, und deshalb habe ich habe beschlossen, nach meinem Sabbatjahr im Herbst eine Halbtagsstelle anzunehmen, die sich gegebenenfalls in einen Fulltime-Job umwandeln läÃAŸb er es geht mir nicht nur um die finanzielle Absicherung. Ich möcht auch nicht vollsiändi auf die soziale Komponente verzichten, die das Berufsleben darstellt. Das Gefühzlu den Berufsiätigez u gehörenis t mir doch wichtiger, als ich gedacht hatte. Zudem habe ich den Eindruck, da man als Berufsiä tigef üv oller genommen wird. Sie sehen, ich bin schon wieder dabei, nach Prestige und Karriere zu schielen. Doch sofern ich es mir erlauben kann, schaue ich mir jede Sprosse der nächste Karriereleiter ganz genau an, bevor ich einen Fuà drauf setze. 169 35 4 forum-Redaktion Bergwandern statt Extremklettern. Gespräch mit Carel Scheltgen Arbeit Dossier Luxemburg Dossierinterview Bergwandern statt - Extrem klettern
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