Die bleierne Mitte
Skizzen zum Unbehagen an der geistigen Situation des Landes
«Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn
es anders wird; aber soviel kann ich sagen: Es muß anders
werden, wenn es gut werden soil.»
Georg Christoph Lichtenberg
Luxemburg kennt zwei Systeme, mit deren
Hilfe sich ein umfassender gesellschaftlicher
Konsens herstellen läßt: zum einen das Luxemburger
Modell, zum anderen die Große Koalition
— seit 15 Jahr ...
«Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn
es anders wird; aber soviel kann ich sagen: Es muß anders
werden, wenn es gut werden soil.»
Georg Christoph Lichtenberg
Luxemburg kennt zwei Systeme, mit deren
Hilfe sich ein umfassender gesellschaftlicher
Konsens herstellen läßt: zum einen das Luxemburger
Modell, zum anderen die Große Koalition
— seit 15 Jahren funktionieren sie in geschmeidigem
Einvernehmen. Doch das Unternehmen
birgt deutliche Risiken: Im ersten Fall
werden Entscheidungen von nationaler Tragweite
geflissentlich am Abgeordnetenhaus vorbeigelotst,
im zweiten gerät die parlamentarische
Opposition derart in Unterzahl, daß der
politische Gegendruck das Mindestmaß kaum
je überschreitet. In diesem Sinne ist es nicht
übertrieben, von einem institutionalisierten
Konsens zu sprechen.
Männer ohne Eigenschaften
Ein Gegenpol aus Wissenschaftlern und anderen
Intellektuellen, der Widerspruch anmelden
könnte, besteht allenfalls ansatzweise. Dafür
gibt es eine staatlich geförderte (Partei)presse
und einen privaten Rundfunk, der seinen Werbekunden
stärker verpflichtet ist als seinen
öffentlich-rechtlichen Auflagen. Klar, daß man
angesichts dieser Übermacht Lust hat, in irgendeiner
Weise bei diesem Konsenskartell mitzumachen,
wenn man nicht völlig außen vor bleiben
möchte.
Wer erinnert sich noch an die Kampfansage des
frischgebackenen Premierministers Jean-
Claude Juncker, sein Amtsantritt bedeute das
Ende des oKonsensualismus»? So löblich die
Absicht , so beschämend das Ergebnis. Woraufhin
sich Juncker auf das euopäische Fach verlegte,
um fürderhin in der Rolle des «Helden
von Dublin» zu glänzen.
In Luxemburg setzt sich dagegen die Krise der
Konsenspolitik fort. Wer vermag sich eine
andere Parteienkoalition als die gegenwärtige
vorstellen? Es geht alles seinen christlich-sozialistischen
Weg. Ohne Herausforderung allerdings
sinkt das Parlament weiter ins Mittelmaß
und die Regierung in die Zweitklassigkeit. Insofern
ist ein Wechsel allein des Wechsels wegen
angesagt. Schließlich belebt Konkurrenz das
Geschäft, auch das politische.
Mit Sicherheit ist der gesellschaftliche Stillstand
der Preis für den offensichtlichen Erfolg
der CSV-LSAP-Riege seit 1984: die Ein- und
Anwohner des Großherzogtums können nach
wie vor ein dezentes Leben führen. Und wenn
man einen Vergleich mit dem Ausland zieht,
dann kann man eine bemerkenswerte Beobachtung
machen. Was seit neuestem großspurig als
Neue Mitte ausgegeben bzw. als Dritter Weg
beschrieben wird, dieses nebulöse Gebilde existiert
in Luxemburg bereits seit 15 Jahren.
Soziodemographisch repräsentiert die hiesige
Bevölkerung eindeutig diese breite Mittelschicht,
die überdurchschnittliche Lebensverhältnisse
genießt. Gewiß, ähnliche Zustände
finden sich in anderen europäischen Regionen,
etwa in Hamburg, Mailand oder Barcelona.
Doch diese hochkarätigen Standorte zeichnen
sich im Gegensatz zu Luxemburg dadurch aus,
daß es sich um Wohlstandsinseln handelt. Sie
sind lediglich ein Teil des Ganzen (und eben
nicht das Ganze wie Luxemburg).
Daraus erwächst ihr «Nachteil»: sie müssen mit
weiteren Landesabschnitten einen Ausgleich Was heute
großspurig als
Neue Mitte
ausgegeben
bzw. als Dritter
Weg beschriehon
wird, existiert in
Luxemburg
bereits seit
15 Jahren. finden. Dies setzt einen stabilen ordnungspolitischen
Rahmen voraus, um die Unterschiede und
die daraus erwachsenden Widersprüche zwischen
«reichen» und «armen» Gegenden auszutarieren.
Doch wo andere Staaten Ordnungspolitik
machen, betreibt das Großherzogtum
Nischenpolitik. In Luxemburg kann es sich die
Regierung leisten, jeden Bittsteller angemessen
zu bedienen, selbst über die staatlichen Grenzen
hinaus. Bis jetzt.
Nur, was passiert, wenn der Wohlstand irgendwann
spürbar absinkt, wenn die wirtschaftliche
Krise eintritt? Je stärker die Institutionen und je
klarer die politische Ordnung, desto eher widersteht
das Gemeinwesen den äußeren Einwirkungen.
Sind diese Vorbedingungen in Luxemburg
gegeben? Große Koalition und Tripartite
sind im Grunde genommen Krisenmodelle, also
als Pluspunkt zu verbuchen. Doch es gibt sie
bereits seit anderthalb Jahrzehnten als Zwillingspaar,
obwohl in dieser Zeitspanne keine einschneidende
Krise zu verzeichnen gewesen
wäre.
Wenn aber Dossiers, die keinen nationalen
Schulterschluß erfordern, mit den Mitteln der
Ausnahmesituation angegangen werden, bleibt
eine Abnutzung nicht aus. Die Instrumente werden
stumpf und ihr Einsatz hält der Zerreißprobe
nicht stand. Die Rentenreform im öffentlichen
Dienst ist so ein Beispiel. Die engagierten Parteien
kündigen den bislang gültigen Konsens
unausgesprochen auf, und auf einmal fliegen
Eier. Wie auch anders, es gibt keine eingeübte
Praxis der Auseinandersetzung ohne Versöhnungsabsicht
— außer den beiden erwähnten
Krisenmodellen, die wohl die letzte Rettungsinstanz
bilden könnten, aber eben unter erheblichen
Verschleißerscheinungen leiden.
Die auf Ausgleich bedachte Politik hat den entscheidenden
Haken, daß sie Korporatismen hervorbringt
und kultiviert. Wenn diese erst einmal
miteinander verwoben sind, besteht kaum noch
die Möglichkeit, sie säuberlich auseinanderzufieseln
, ohne bei diesem Versuch das gesamte
Gewächs zu opfern. Ein anschauliches Beispiel
für diese These liefert das einheimische Bildungswesen.
Ein Lehrer leitet das Ministerium
zehn Jahre mit einem Beraterstab aus freigestellten
Lehrern, und die Schule verpaßt den
Wandel der Zeit. Ein neuer Amtsträger soll das
leckgeschlagene Boot wieder flottmachen. Entschlossen
packt er das heiße Eisen an, doch
seine Reformen scheitern. Zunächst an der Trägheit
des Verwaltungsapparats, dann am Widerstand
der weiterhin pädagogisch tätigen Lehrer.
Die Nachfolgerin im Amt setzt das durchlöcherte
Schiff entschlossen in den Sand.
Nun herrscht der Bildungsnotstand, und niemand
weiß, wie er zu lösen ist, denn die Mittel
der Diskussion sind ausgeschöpft. Die Schüler
scheinen die einzigen zu sein, die sich damit
nicht zufrieden geben. Sie sind (neben den
Staatsbeamten) die einzigen, die in letzter Zeit
der Regierungskoalition getrotzt haben. (Doch
während die Beamten es ihrer Pfründe wegen
taten, beklagten sich die Pennäler über die mangelhafte
Leistung der zuständigen Politiker.)
Vielleicht liegt es daran, daß sie diejenigen
sind, die nie etwas anderes kennengelernt haben
als das Konsenskartell der bleiernen Mitte.
Wenn sie sich im Juni zum ersten Mal an die
Urnen begeben werden, können sie die Alternativen
gar nicht abwägen: sie haben sie nie
erlebt.
Und selbst in der Wahlkabine findet der Wahnsinn
der Mitte seinen Ausdruck. Jeder Bürger
darf soviel «panaschieren» wie es ihm gefällt.
Das mag ja durchaus basisdemokratische Züge
haben, es haftet diesem Prinzip allerdings
ebenso ein folkloristischer Hauch an. Denn es
behindert wiederum die nötige Polarisierung,
ohne die Politik nun einmal nicht funktioniert.
Es kommen keine klaren Mehrheiten für ein
Gesellschaftsprojekt zustande, weil der Wähler,
ob Mann oder Frau, der seine Sympathieträger quer durch die Parteien mit Kreuzchen belohnt,
neutralisiert seine Wahlstimme letzten Endes
selbst. Auch in dieser Hinsicht bewegt sich alles
um die Mitte herum.
Die mit Abstand bedeutendste Leistung der
CSV-LSAP-Regierung in den vergangenen 15
Jahren ist die Schaffung des Verwaltungsgerichtshofs.
Er hat Luxemburg, von der Öffentlichkeit
weitgehend unbemerkt, innerhalb kürzester
Frist nachhaltiger verändert als es ein
Reformkolleg je hätte erreichen können. Dies
war gewiß nicht geplant; hätte die Koalition
sonst dem Innenministerium eigens eine Verwaltungsreform
im Titel zugeschlagen? Der
Bürger ist nunmehr in administrativen Fragen
der Willkür der öffentlich Bediensteten wesentlich
entzogen. Die neue juristische Instanz hat
den Vorzug, daß sie eine Gewähr gegen den
schleichenden Korporatismus bietet. (Insofern
ist es eine herbe Enttäuschung, daß der Verfassungsgerichtshof
dem Bürger keine unmittelbare
Möglichkeit bietet, Gesetzestexte auf den
konstitutionellen Prüfstand zu heben.)
Von dieser glorreichen Ausnahme abgesehen,
hat eine seltsame Starre das Land erfaßt. Nun
werden die Koalitionspolitiker aufspringen und
dagegenhalten, in dieser Form lasse sich diese
Aussage nicht aufrechterhalten und dabei auf
die Einführung der Pflegeversicherung verweisen
oder die verschiedenen Steuerreform(en)
anführen. Sie mögen ja vordergründig recht
haben, aber sind das nicht zu guter Letzt allesamt
Dossiers, die weniger eine politische als
eine technokratische Lösung verlangten? Mit
anderen Worten: Dossiers, die sich vornehmlich
um die Frage der Finanzierung drehten?
Über das gute Leben sagen sie jedenfalls nichts
aus. Es mag soziologisch schwer zu untermauern
sein, aber mir will scheinen, es besteht
ein allgemein verbreitetes Unbehagen an der
geistigen Situation des Landes: hie der materielle
Überfluß, da der kulturelle Mangel (wobei
nicht allein die Kunst gemeint ist, sondern das
gesamte Regelwerk des menschlichen Zusammenlebens).
Ein Gefühl gedanklicher Leere,
des permanenten Déjà-vu. Es fehlt die gespannte
Erwartung dessen, was kommen soll
oder könnte.
Es herrscht
ein Gefühl
gedanklicher
Leere, des
permanenten Bonjour Kulturtristesse
Déjà-vu.
Es fehlt die
gespannte
Erwartung
dessen, was
kommen soll
oder könnte. Daß das Sozialwesen neu zu denken und umzubauen
bleibt, ist jedem halbwegs kritischen
Zeitgenossen bewußt. Auch die Frage nach dem
Wie läßt sich nach ausgiebiger Überlegung finden.
Doch darüber hinaus muß es gleichfalls
andere Dinge gegen, die eine Gesellschaft,
zumindest aber deren Öffentlichkeit bewegen:
beispielsweise in Deutschland der Umgang mit
der Vergangenheit oder in Frankreich der
PACS, der die Modalitäten des Zusammenlebens
unverheirateter Paare regeln soll. Themen,
die in irgendeiner Weise mit der Identität
und dem Selbstverständnis der Verfassungsgemeinschaft
zu tun haben. Das ist kein selbstquälerischer,
sondern ein unverzichtbarer Prozeß,
um ein Gesellschaftsprojekt zu definieren
und weiterzubringen.
Vielleicht hat Luxemburg schlicht zuviel Geld,
und so wird eben eine unverfängliche (bürgerliche?)
Gemeinplatzsoße über alles, was Gestalt
annimmt, geschüttet. So entsteht wohl ein
Museum für moderne Kunst (ein Projekt, das zu
Beginn bezeichnenderweise noch Zentrum für
zeitgenössische Kunst hieß), aber über seinen
gesellschaftlichen Auftrag herrscht nach wie
vor Unklarheit. Zwar werden etliche Milliarden
Franken in eine historisierende Cité judiciaire
gesteckt, aber niemand scheint gewillt zu sein,"
eine Auseinandersetzung über das Selbstverständnis
der Justiz in diesem Lande zu führen.
Hauptsache - freuen sich die Richter - es
gibt endlich mehr Räume und günstigere
Arbeitsbedingungen. Ein Glück, daß wir nicht
über ein Holocaust-Mahnmal zu entscheiden
haben!
Warum wird die Geschichtsschreibung als einzige
Sozialwissenschaft in Luxemburg sachgerecht
gefördert? Um so mehr als sie mit dem
Ende des Zweiten Weltkriegs aufhört. Wieso
gibt es weder Politologen noch Soziologen, die
den Wechselstab für die Zeit danach übernommen
hätten? Es gäbe hinreichend Fragen zum
Zustand der Gesellschaft in diesen unübersichtlichen
Zeiten zu beantworten. Aber man müßte
sie zunächst einmal stellen...
Fall eine Fahrt ins Ausland. Es ist ungeheuer
widersprüchlich zu sehen, daß sich das Land im
Grunde alles und alle möglichen Dinge zu leisten
vermag, bloß, will es scheinen, keine überdurchschnittlichen
Kulturveranstaltungen. Fehlt
uns schlicht der gute Geschmack? Oder liegt es
tatsächlich daran, daß uns der Zugang zum
Meer fehlt und damit die über viele Jahre
zwangsläufig eingeübte Auseinandersetzung
mit dem Fremden?
Luxemburg langweilt sich. Es sind immer dieselben
Personen, die handeln, politisch wie kulturell.
Vielfalt wäre ein Ausweg. Oder neue
Gesichter. Mit neuen oder auch nur anderen
Ideen. Man kann nämlich nicht behaupten, die
gegenwärtige Regierung hätte grundsätzlich
versagt. Es ist nur so, daß sie nichts zu sagen
hat. Sie treibt kein Projekt voran, mit dem sie
großartig scheitern könnte. Vielmehr tut sie
ihren Job. Nicht mehr, nicht weniger. Sie ist die
Mitte, in der sich alle wiederfinden. Deshalb
drängen auch die Oppositionsparteien dorthin.
An den Rändern gibt es nicht viel zu holen. Das
ADR beschränkt sich auf Fundamentalopposition
und die Nei Lénk liefert über ihren Sprecher
André Hoffmann kluge Einsichten, die in
der Mitte allerdings niemand so richtig hören
möchte. Daher sind die Grünen dabei, sich zu
Ökoliberalen zu wandeln; oder ist es die DP, die
auf dem Weg zur Liberalökologie ist? Man
weiß es nicht, und der Panzer der bleieren Zeit
wird, darin liegt die Ironie, allenfalls aus ihrer
Mitte gesprengt.
Doch anders als in Großbritannien bzw. Deutschland
wird es keine rundum erneuerte Regierung
nach den Parlamentswahlen im Juni geben.
Eine der beiden Koalitionsparteien wird weiter
dabei bleiben, mit ziemlicher Sicherheit die
CSV. Dennoch: es muß einen Wechsel geben,
allein um des Wechsels willen. Weitere fünf
Jahre dieses kulturellen Dämmerns sind aus
intellektueller Sicht unerträglich. Vertrauen wir
auf Lichtenberg.
Romain Kohn
Man kann nicht
behaupten, die
gegenwärtige
legierung hätte
grundsätzlich
versagt.
Es ist nur so,
daß sie nichts
zu sagen hat.
Sie treibt kein
Projekt voran,
mit dem sie
großartig
scheitern
könnte.
Die staatliche Pressehilfe wird vergeben, um
den Meinungspluralismus zu sichern, doch findet
man oft genug eine gleichlautende und selten
genug eine frech abweichende Berichterstattung
in den einzelnen Organen. — Außerdem:
Warum gibt es so wenige gute (nicht
unbedingt große) Ausstellungen in Luxemburg
zu sehen? Und um eine gelungene Operninszenierung
zu verfolgen, empfiehlt sich auf jeden 191 4 4 Kohn, Romain Die bleierne Mitte. Skizzen zum Unbehagen an der geistigen Situation des Landes. Politik Gesellschaft Wahlen Luxemburg Beitrag
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