Fotos als historische Quellen
Überlegungen aus Anlass der Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944“ in Esch/Alzette
Vom 6. Dezember dieses Jahres bis zum 26. Januar 2003 wird die Ausstellung über die Verbrechen der Deutschen Wehrmacht im Centre National de Formation Professionelle Continue (CNFPC) in Esch-sur-Alzette zu sehen sein. Die Initiative, diese Fotoschau nach Luxemburg zu holen, ergriff der Verein "Spektrum 87" unter der Koordination von Marc Zanussi. forum bat den Hostoriker Paul Dostert um seine ... Vom 6. Dezember dieses Jahres bis zum 26. Januar 2003 wird die Ausstellung über die Verbrechen der Deutschen Wehrmacht im Centre National de Formation Professionelle Continue (CNFPC) in Esch-sur-Alzette zu sehen sein. Die Initiative, diese Fotoschau nach Luxemburg zu holen, ergriff der Verein "Spektrum 87" unter der Koordination von Marc Zanussi. forum bat den Hostoriker Paul Dostert um seine Gedanken über die Bedeutung von Fotos als Geschichtsquellen. Als „schocktherapeutische, tendenziöse Quellenschau“ bezeichnete der ungarische Historiker Krisztián Ungváry die erste „Wehrmachtsausstellung“ in einem Artikel in der „Welt“ vom 12. November 1999.1 Entzündet hatte sich die Kritik an der Ausstellung an pauschalisierenden und suggestiven Aussagen, die den Eindruck erweckten, dass die gesamte Wehrmacht, d.h. die knapp 18 Millionen Wehrmachtsangehörige allesamt als Verbrecher anzusehen seien. Dies führte zu Protesten von ehemaligen Soldaten aber auch von Politikern rechter und extrem rechter Parteien. Das Hamburger Institut für Sozialforschung stoppte daraufhin die Ausstellung und eine unabhängige Kommission von acht Historikern wurde beauftragt, sie auf Mängel und Fehler zu überprüfen. Die Kommission stellte in ihrem Gutachten2 fest, dass „die Grundaussagen der Ausstellung über die Wehrmacht und den im ’Osten’ geführten Vernichtungskrieg der Sache nach richtig sind.“ Sie vermerkte jedoch auch, dass „1. sachliche Fehler, 2. Ungenauigkeiten und Flüchtigkeiten (...) und 3. vor allem die Art der Präsentation, allzu pauschale und suggestive Aussagen (...), jedoch keine Fälschungen im Sinne der leitenden Fragestellungen und Thesen“ zu beanstanden seien. Im Zentrum der Kritik stand der Umgang mit den äußerst zahlreichen Fotografien. Um der berechtigten Kritik „an einigen Fotos“ entgegenzuwirken, verlangte die Kommission einen „sorgfältigen Umgang mit den überlieferten Dokumenten, und hier insbesondere mit den Fotos“. Kapitulation vor einer schwierigen Quellengattung Nicht weniger als 1433 Fotos waren vom ersten Ausstellungsteam zusammengetragen worden und stellten eine einmalige Dokumentation zu den „Verbrechen der Wehrmacht“ dar. Weniger als 20 Fotos waren laut Bericht der Kommission zu entfernen. Die neue Ausstellung, die nun in Esch/Alzette zu sehen ist, zeigt nur noch 600 Fotos. Dafür sind doppelt so viele schriftliche Quellen aufgenommen worden, welche die gleichen Thesen belegen. Dadurch wird der Besucher mit einer kaum noch zu verarbeitenden Masse von Texten konfrontiert, die im Endergebnis möglicherweise sogar kontraproduktiv wirken könnte. Aus einer „Fotoschau“ wurde eine „Dokumentenschau“. Fotos als historische Quellen Überlegungen aus Anlass der Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944“ in Esch/Alzette Vom 6. Dezember dieses Jahres bis zum 26. Januar 2003 wird die Ausstellung über die Verbrechen der Deutschen Wehrmacht im Centre National de Formation Professionelle Continue (CNFPC) in Esch-sur-Alzette zu sehen sein. Die Initiative, diese Fotoschau nach Luxemburg zu holen, ergriff der Verein "Spektrum 87" unter der Koordination von Marc Zanussi. forum bat den Hostoriker Paul Dostert um seine Gedanken über die Bedeutung von Fotos als Geschichtsquellen. Geschichte Luxemburger Zwangsrekrutierte in einem Schützengraben an der Ostfront 1943 Dezember 2002 Universität 53 Man hat sich natürlich bemüht, die festgestellten „sachlichen Fehler, Ungenauigkeiten, Flüchtigkeiten und allzu pauschalen Aussagen“ zu korrigieren, hat aber die Grenzen der ersten Ausstellung prinzipiell beibehalten. Dabei musste auch der Umgang mit den Fotos überdacht werden. Doch wie es scheint, hat man vor den Schwierigkeiten der Quellengattung Fotografie kapituliert. Die Fotos illustrieren nun nur noch die schriftlichen Quellen und werden als Quelle den Texten wieder nach- und untergeordnet.3 Keine Geschichte "von unten" mehr Auch werden die Fotos einheitlich im Postkartenformat und weder im Originalformat (Kleinbildaufnahmen) noch (von wenigen Ausnahmen abgesehen) in beeindruckenden Vergrößerungen dargeboten. Die zahlreichen, sehr subjektiven, privaten Kriegsfotos deutscher Soldaten sind fast gänzlich verschwunden, „weil man nicht mehr ermitteln kann, wer der Fotograf war, wo und wann das Bild gemacht wurde, welches Fotostudio es entwickelt hat, wer es besessen hat, wann und wie es in das Archiv gekommen ist.“4 Die Sicht des Krieges „von unten“, aus der Perspektive des „kleinen Mannes“ oder „des einfachen Soldaten“ ist aus der Ausstellung verschwunden. Der sicherlich schwierig zu erfassende spezifische Quellenwert dieser Bilder geht damit verloren. Eine kritische Auseinandersetzung mit diesen Fotos findet (leider) nicht statt. Dadurch steigt aber auch indirekt der Anteil der offiziellen Bilder der „Propagandakompanien“, sicher ein unerwünschter Nebeneffekt. Dennoch sind auch neue, wenn auch nicht unbedingt unbekannte Bilder zusätzlich aufgenommen worden. Besonders positiv ist die häufige Verwendung von Fotosequenzen oder Folgen, die vollständig gezeigt werden. „Erläuterungen und textliche Einordnung der Fotos durch Bildunterschriften und Zuordnung innerhalb der Gesamtdarstellung wie auch hinsichtlich des Nachweises der Provenienz des Bild- und Textmaterials“5 tragen zum besseren Verständnis erheblich bei. Leider ist eine informative Kontextualisierung in den Bildunterschriften nicht immer gelungen, so dass hier erneut Ansatzpunkte der Kritik entstanden sind. Detailanalysen und Erläuterungen fehlen (leider) an mehreren Stellen, so dass der normale Besucher zu Missdeutungen kommen kann. Es bleibt also sowohl für weitere Ausstellungen, aber auch insgesamt bei der Frage des Umgangs mit der Quellengattung Fotografie noch viel zu leisten. Allgemein werden Fotos als „objektive Wiedergabe von Wirklichkeit“6 angesehen. Vielfach scheint es nicht nötig, sie genauer zu analysieren und quellenkritisch zu hinterfragen, doch „historische Fotos“ dürfen keine Ausnahme hierbei sein, zeigen sie doch immer nur einen „Ausschnitt“ von Wirklichkeit. Technisch bedingt (Objektiv z.B.) wird der Raum immer nur im Ausschnitt wiedergegeben. Einen Panoramablick gibt es nicht. Ein Foto ist immer auch ein Zeitausschnitt, eine Momentaufnahme. Das Vorher und Nachher fehlt, außer bei Bildreihen. Der Kontext muss also erst erforscht und dargestellt werden. Fotos sind zweidimensionale Bilder einer dreidimensionalen Wirklichkeit. Die Wahrnehmung wird auf ihren visuellen Aspekt reduziert. Es fehlen Geräusche, Gerüche, Temperaturen. Schließlich sind viele „historische Fotos“ Schwarz-Weiß- Aufnahmen, denen Farbe als wichtige Dimension der Realität fehlt. Vielerlei Fragen Sowohl beim Fotografieren selbst, als auch beim Entwickeln und Bearbeiten gibt es (zu) viele Möglichkeiten, das Aussehen der Fotografie zu beeinflussen. Die heutige digitale Fotografie eröffnet dabei ungeahnte Möglichkeiten und Gefahren für die Echtheit der Bilder. Jede Bearbeitung sollte also entweder unterlassen werden oder doch zumindest vermerkt werden, um die Authentizität zu gewährleisten. Die Analyse von Fotos erweist sich, wie übrigens auch diejenige vieler anderer Geschichtsquellen, als schwieriges Unternehmen. Hier nur eine Auswahl von Fragen, auf die eine Antwort zu geben ist7: Was zeigt die Fotografie und auf welche Art und Weise tut sie es? Welches Vorwissen ist erforderlich, um auf diese Frage zu antworten? Welche Texte oder Kommentare (Bildlegende) sind der Fotografie beigegeben? Wer hat diese verfasst? Wer oder welches Ereignis ist dargestellt? Wer Geschichte Verbrechen der Wehrmacht: Hinrichtungen an der Ostfront Es scheint, man kapitulierte vor den Schwierigkeiten der Quellengattung Fotografie. Die Fotos illustrieren nun nur noch die schriftlichen Quellen und werden als Quelle den Texten wieder nach- und untergeordnet. 54 Universität forum 222 hat das Foto aufgenommen? Wurde es bearbeitet? Wer hat es bearbeitet? Wie wurde es bearbeitet? Wie sieht das Original aus? Wann und wo wurde das Foto aufgenommen? Wurde die ursprüngliche Bildlegende verändert? Lassen sich die abgebildeten Personen identifizieren? Lassen sich die Ereigniszusammenhänge rekonstruieren? Charta zum Umgang mit Fotos Eine Konferenz „Das Photo als historische Quelle“, die im Juni 1999 vom Hamburger Institut für Sozialforschung organisiert worden war, hat eine Art Charta zum archivalischen Umgang mit Bildquellen vorgeschlagen, deren wichtigste Punkte folgende sind: „1. Bei der Übernahme historischer Aufnahmen sind die Herkunft, der Entstehungszusammenhang, der Fotograf, die bisherige Überlieferungsgeschichte und ggf. die Inhaber von Verwertungsrechten zu dokumentieren, soweit dies mit vertretbarem Aufwand zu ermitteln ist. 2. Grundlage der Ordnung historischer Aufnahmen im Archiv ist das Provenienzprinzip, nach dem Bilder ihrer Herkunft folgend zu Beständen formiert werden. Von dieser Ordnung zu trennen ist die inhaltliche Erschließung, die nicht durch Aufteilung von Bildern in bestandsübergreifende sachthematische Serien, sondern durch geeignete Findmittel wie Datenbanksysteme erfolgen soll. 3. Werden historische Aufnahmen aus konservatorischen Gründen umkopiert, ist die früheste überlieferte Fassung eines Bildes, möglichst das erste in der Kamera belichtete Negativ aufzubewahren. (...) 4. Bei der Veröffentlichung von Fotos ist auf die früheste vorliegende Überlieferungsform und Bildbeschriftung zurückzugreifen bzw. zu verweisen. Der Fotograf, die Verwahrstelle, deren Signatur, der Ort, der Zeitpunkt und der Entstehungszusammenhang der Fotografie sind anzugeben, soweit verfügbar oder soweit sie mit vertretbarem Aufwand zu ermitteln sind.“8 Diese Ratschläge würden dem Historiker, aber auch dem Geschichtslehrer und dem Publizisten eine starke Hilfestellung bieten, denn von Ausnahmen abgesehen ist er meistens nicht in der Lage dies selbst zu leisten. Hier sind Archive besonders gefordert. Wenn also Fotos heute bei Ausstellungen, Publikationen oder im Unterricht als Dokumente benutzt werden, so ist dies kein einfaches Vorhaben. Wie andere Dokumente auch, reden Fotos nicht einfach von selbst, und der Betrachter erkennt nicht selbstverständlich den Wert und die Aussage dieser Quelle. Mehr und mehr stellen wir fest, dass auch die „klassischen“ luxemburgischen Fotos aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges nicht mehr ohne weiteres „verstanden“ werden. Nutzen wir die Zeit, solange es noch Zeitzeugen gibt, damit sie uns helfen, diese Fotos so zu archivieren, dass spätere Generationen sie leichter nutzen können. Paul Dostert 1 Krisztián UNGV�RY: Echte Bilder – problematische Aussagen. Eine quantitative und qualitative Analyse des Bildmaterials der Ausstellung „Vernichtungskrieg – Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944“. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht (GWU) 50 (1999), S. 584-95. Vgl. auch: Benoît MAJERUS: L’utilisation de la photographie dans la „Wehrmachtsausstellung“. Rendez-vous manqué entre l’histoire et la photographie. In: Cahiers d’Histoire du Temps Présent, n° 8, 2001, pp. 367-84. 2 Omar BARTOV u.a.: Bericht der Kommission zur Überprüfung der Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-44“, Ms. o.O. Nov. 2001. Die folgenden Zitate ebenda. 3 Klaus HESSE: “Verbrechen der Wehrmacht – Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944 “Anmerkungen zur Neufassung der “Wehrmachtsausstellung“. In: GWU 53 (2002), S. 594-611. „Das ist einerseits angesichts des Missbrauchs und der Defizite der Altfassung die probate und nachvollziehbare Lösung eines für die Glaubwürdigkeit des Projekts zur existenziellen Bedrohung gewordenen Problems, andererseits, aus der Distanz betrachtet, eine zwar ‚sichere’ und einfache, aber kaum uneingeschränkt begrüßenswerte Entwicklung, werden doch Fotos wieder an ihren in der Geschichtswissenschaft leider von jeher angestammten, den schriftlichen Quellen nach- und untergeordneten Ort zurückverwiesen.“ 4 Hannes HEER: Vom Verschwinden der Täter. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 50 (2002), S. 892. 5 HESSE: S. 603. 6 Michael SAUER: Fotografie als historische Quelle. In: GWU 53 (2002), S. 570-93, hier: S. 570. 7 Vgl. hierzu SAUER, S. 577-81. 8 Zitiert nach: SAUER, S.579f., Fußnote 16. Geschichte Russische Frau vor ihrem von der Wehrmacht zerstörten Haus Auch die „klassischen“ luxemburgischen Fotos der Zeit des Zweiten Weltkrieges werden nicht mehr ohne weiteres „verstanden“. Nutzen wir die Zeit, solange es noch Zeitzeugen gibt, damit sie uns helfen, diese so zu archivieren, dass spätere Generationen sie nutzen können. 222 52 3 Dostert, Paul Fotos als historische Quellen Geschichte Beitrag 52 Universität forum 222
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