Jimmy Carters moralischer Seiltanz
aus: Publik-Forum 8/1978
Unter westlichen Politikern sind Verblüffung und Verunsicherung gross. Allseits ertönt der Ruf, US-Präsident Jimmy Carter, der Unberechenbare, möge doch wieder zu den Prinzipien eindeutiger, verlässlicher Aussenpolitik zurückkehren, sich seiner Verantwortung als Erster Mann der
freien Welt bewusst werden.
Anlass für zum Teil bitterböse Kommentare gibt dabei die Entscheidung Carters, ...
Unter westlichen Politikern sind Verblüffung und Verunsicherung gross. Allseits ertönt der Ruf, US-Präsident Jimmy Carter, der Unberechenbare, möge doch wieder zu den Prinzipien eindeutiger, verlässlicher Aussenpolitik zurückkehren, sich seiner Verantwortung als Erster Mann der
freien Welt bewusst werden.
Anlass für zum Teil bitterböse Kommentare gibt dabei die Entscheidung Carters, die umstrittene Neutronenbombe — vorerst jedenfalls — nicht bauen zu lassen. Carter habe damit der Propaganda des Ostens nachgegeben, heisst es, er habe schlichtweg gekuscht. Diese Feststellungen sind allzu simpel. Sie zeigen nur, dass man die wahren Impulse des Präsidenten entweder noch nicht erkannt hat oder sie nicht
zur Kenntnis nehmen will.
Carter will im Grunde abriisten. Er hat
dies immer wieder erklart. Er milithte die
atomare Aufriistungsspirale herunterschrauben.
Urn dieses Ziel zu erreichen,
schlidt er Vorleistungen nicht aus. Dies gilt
jedoch allgemein als die politische Todsiinde.
Doch so realitatsfern ist Carters Entscheidung
nicht. Die Neutronenbombe ist
militarpolitisch umstritten. Wenn Carter
meint, auf sie verzichten zu kiinnen, dann
findet er sich durchaus in Obereinstimmung
mit fiihrenden Aus ihren Reihen
ist namlich auch die Ansicht zu heren, dal
der Westen den massiven sowjetischen Panzereinheiten
durchaus mit dem derzeit zur
Verfiigung stehenden Waffenarsenal begegnen
kOnne. Aulerdem ist die Gefahr, daB
im kriegerischen Ernstfall der Einsatz der
Neutronenbombe die Schwelle zur atomaren
Auseinandersetzung senkt, nicht von
der Hand zu weisen.
Das bedeutsame an Carters Entscheidung
ist, dal nun erstmals im Ansatz die MOglichkeit
aufscheint, dem Teufelskreis atomarer
Aufrustung Einhalt zu gebieten.
Nun steht die Sowjetunion unter Zugzwang.
Die USA kOnnen bei den Salt-
Verhandlungen fiber eine Begrenzung der
strategischen Riistung Gegenleistungen verlangen.
Den vielen Feiertagsreden ist ein
politischer Schritt gefolgt, — wenn auch ein
Schritt mit Vorbehalten.
„Wie kann ich denn abriisten, solange der
mich zweilfmal teiten kann, ich ihn aber nur
elfmal?"
Carters zogernde Haltung ist eben auch die
Haltung eines Politikers und (religiosen)
Moralisten zwischen genau jenen beiden
Polen: dem der Moral und dem der
(sdimutzigen) Politik, in der Gefiihle angeblidi
nicht zahlen (diirfen). So sind Carters
politische Ubungen auf dem Seil
Schwankungen unterworfen. Anderes lags
die weltpolitische Wirklidikeit derzeit nicht
zu. Aber sie wecken Hoffnung.
Viktor Kunath
t,„; Pub1;14- Forum N, 8/78)
Es ist wirklich nicht vorauszusehen, wie die Entscheidung Jimmy Carters
sich rein machtpolitisch auszahlen wird. MUsste sie jedoch nicht auch in
Luxemburg, auch und gerade in katholischen Kreisen, Hoffnung wecken, da
sie wenigstens ansatzweise moralische Uberlegungen in den Polit–Pragmatismus
hineinbringt und vielleicht – den Teufelskreis der'Aufrilstung
durchbrechen kOnnte. Aber Luxemburgs katholische Tageszeitung kam nicht
Uber machtpolitisch begrUndete Skepsis hinaus. Sollen doch die Sowjets so
dumm sein und den ersten Schritt Wager': Die haben sowieso keine Moral, ihnen
wird man's (vielleicht) abkaufen.
Doch Moral und Spass beiseite. Siehe Karikatur. csst.
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