Ein Pulverfass
Der Kaukasus nach dem Geiseldrama (Interview aus Publik-Forum)
"Obwohl viele Medien berichten, dass sich die Situation im Kaukasus stabilisiert habe und alles ruhig sei: Das entspricht natürlich nicht der Realität. Alle Anschläge der vergangenen Wochen sowohl in Russland als auch im Kaukasus zeugen davon, dass die Situation außer Kontrolle geraten ist." Das sagte am 1. September Achmed Sakajew, in Großbritannien lebender Sprecher des 1997 gewählten und ... "Obwohl viele Medien berichten, dass sich die Situation im Kaukasus stabilisiert habe und alles ruhig sei: Das entspricht natürlich nicht der Realität. Alle Anschläge der vergangenen Wochen sowohl in Russland als auch im Kaukasus zeugen davon, dass die Situation außer Kontrolle geraten ist." Das sagte am 1. September Achmed Sakajew, in Großbritannien lebender Sprecher des 1997 gewählten und untergetauchten tschetschenischen Präsidenten Aslan Maschadow der Deutschen Welle. “Terroristische Anschläge sind für die tschetschenische Regierung nicht akzeptabel und können auf keinen Fall unterstützt werden.� - Bernhard Closen hält seit 1986 Kontakt zu den unabhängigen Friedens-, Ökologie- und Menschenrechtsbewegungen in allen russischsprachigen Ländern. Das folgende Interview über die Situation im Kaukasus erschien zuerst in Publik-Forum 17/2004. Das Geiseldrama in Beslan ist zu Ende. Was heißt das aber für die Konflikte im Kaukasus? Das Gebiet ist ein Pulverfass. Denn neben dem Tschetschenienkonflikt gibt es eine Reihe von Konflikten im Südkaukasus, die kaum bekannt sind. Nach dem Zusammenbruch der Sowjet-union hat es sieben Kriege gegeben, davon waren allein fünf im Kaukasus. Ganz zentral ist der Konflikt, der 1992 zwischen Inguschen und Osseten gewalttätig ausgebrochen ist. In diesem Konflikt gab es ein Pogrom gegen die inguschische Minderheit in Ossetien, was dann zum Exodus von Tausenden und der Ermordung Hunderter geführt hat. Was hat das mit dem Geiseldrama zu tun? In der Bevölkerung in Ossetien, wo Beslan liegt, halten sich Gerüchte, dass das Geiseldrama von inguschischen Terroristen geplant und durchgeführt worden sein soll. Wenn sich diese Information bestätigt oder dieses Gerücht sich festsetzt, bricht natürlich ein neuer Konflikt aus. Wie kann man den verhindern? Vor allem durch Gespräche und Aufklärung. Mit Putins harter Linie wird das Gegenteil erreicht. Die russische Menschenrechtlerin Svetlana Gannuschkina hat das treffend charakterisiert. Inwiefern? Sie verweist darauf, dass der Terror und Putins Staatsterror eins gemeinsam haben: Sie haben keinen Respekt vor der Würde des Einzelnen. Der Einzelne wird höheren Interessen unterworfen. Bei den Terroristen liegen diese in der Forderung nach Gerechtigkeit, und beim Staatsterror wird das Wohl des einheitlichen Staates bemüht. Diesen Interessen muss ein Denken gegenübergestellt werden, das die Würde des Einzelnen höher stellt als so genannte übergeordnete Interessen. Oktober 2004 17 International Die ja letztlich auch wieder bei dem Geiseldrama ausschlaggebend waren. Gannuschkina hat auf einen gewaltigen Unterschied zwischen Beslan und dem Anschlag auf das Theater Nord-Ost hingewiesen. In Beslan sind die Politiker abgetaucht. Es haben einfach Vermittler gefehlt. Die Terroristen sind immer nervöser geworden. Der Einzige, der vor Ort verhandelt hat, war Inguschetiens Ex-Präsident Ruslan Auschew. Wir brauchen überall Glasnost, Durchschaubarkeit. Mit der es ja nicht zum Besten steht. Im Schatten des Geiseldramas sind ungeheuerliche Dinge passiert. Anna Politkowskaja von der Nowaja Gazeta und Andrej Babizkij von Radio Liberty, die kritischsten Berichterstatter über Tschetschenien, haben sich natürlich gleich aufgemacht nach Beslan und wurden mit unglaublichen Methoden abgehalten: Frau Politkowskaja wurde im Flugzeug ein Tee gereicht, der vergiftet war, und sie musste dann mit Vergiftungserscheinungen ins Krankenhaus gebracht werden. Andrej Babitzkij wurde zu fünf Tagen Arrest verurteilt, weil er am Flughafen angeblich einen anderen Passagier angepöbelt haben soll. Eine Bierflasche soll zu Bruch gegangen sein. Die Zeit seiner “Haft� waren exakt die fünf Tage des Geiseldramas. Was ist zu tun? Wir müssen für die Konfliktgebiete Offenheit statt Informationsverhinderung fordern. Es geht nicht an, dass Russland zum einen sagt, dieser Konflikt würde internationalisiert, gleichzeitig die OSZE aus Tschetschenien hinauswirft. Ein anderes Beispiel: Menschen in Tschetschenien haben vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg geklagt. Und werden nun dafür verfolgt. Die Europäische Union muss durchsetzen, dass Personen, die dort klagen, keine Nachteile haben. Je mehr Öffentlichkeit die Probleme erhalten, desto weniger kann Gewalt angewendet werden. Was heißt das für Beslan ? Wir brauchen eine unabhängige Untersuchungskommission, die Zugang zu allen Informationen hat. In Beslan haben die Menschen eine Kommission eingerichtet. Die braucht dringend die internationale Unterstützung. Svetlana Gannuschkina verweist darauf, dass der Terror und Putins Staatsterror eins gemeinsam haben: Sie haben keinen Respekt vor der Würde des Einzelnen. 240 16 2 Closen, Bernhard Ein Pulverfass. 16 forum 240 Dossier International Der Kaukasus noch dem Geiseldrama Ein Pulverfass Interview mit Bernhard Closen
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