Danièle Weber, Viviane Thill, Michel Pauly
„Dann fangen wir von vorne an“
forum befragte die Filmemacherin Danièle Weber zum Dokumentarfilm über den deutschen Kommunisten Theodor Bergmann
Wer sind die vier Filmemacher? Was hat euch dazu bewegt, diesen Film zu machen?
Danièle Weber: Der Film wurde von einem Team von vier Leuten produziert. Zum Team gehören die Video-Editorin Gabriele Reitermann, die Kamerafrau Julia Preuschel, der Journalist Thorsten Fuchshuber und ich selbst (Journalistin). Wir haben im Team gearbeitet, das heißt, es gab (bis auf den End-Schnitt und die Kam ...
Wer sind die vier Filmemacher? Was hat euch dazu bewegt, diesen Film zu machen?
Danièle Weber: Der Film wurde von einem Team von vier Leuten produziert. Zum Team gehören die Video-Editorin Gabriele Reitermann, die Kamerafrau Julia Preuschel, der Journalist Thorsten Fuchshuber und ich selbst (Journalistin). Wir haben im Team gearbeitet, das heißt, es gab (bis auf den End-Schnitt und die Kamera) keine klassische Aufgabenverteilung. Sei es die Durchführung der Interviews, die Entwicklung des Drehbuches, oder aber die Auswertung der Interviews – die Rollen wurden abwechselnd übernommen, beziehungsweise die Arbeit wurde im Team erledigt. Da wir in derselben Gruppe längere Fernsehreportagen gemacht haben, war eine gewisse Erfahrung im Team bereits vorhanden. Zwei von uns haben Theodor Bergmann durch ein Interview für eine deutsche Wochenzeitung kennengelernt. Als wir uns mit seiner Biografie befasst haben und nach dem anschließenden Gespräch entstand die Idee, diesen Menschen und dieses Leben im Film zu dokumentieren. Vor allem seine Art zu Erzählen und auch sein unheimlich beeindruckendes Erinnerungsvermögen – nicht nur an das, was er selbst erlebt hat, sondern auch an die Zeit, in der er gelebt hat – hat uns überzeugt. Was war für euch das Hauptthema des Films? D.W.: Wir wollten sowohl den Zeitzeugen und den Zeitgenossen Theodor Bergmann darstellen. Und das, wie er sagt, „Jahrhundert der Katastrophen“ aus seiner Sicht erzählen. Aus der Sicht eines kritischen Kommunisten, der sich auch heute noch in die politischen Diskussionen einmischen will. War der Film für dich eher eine andere Form journalis- tischer Arbeit oder kamst du dir eher als Regisseur, als Kunstmacher vor? D.W.: Es war eine Mischung aus Allem. Einerseits war ich in der journalistischen Arbeit – das heißt, der Recherche, der Durchführung der Interviews, usw. durch meine Erfahrung als Redakteurin bereits zu Hause. Andererseits hatte ich noch nie einen Beitrag in dieser Länge konzipiert und produziert. Dazu kam die Auseinandersetzung im Team über das Drehbuch und die engere Beteiligung als bei früheren Reportagen am Schnitt ... Welche Kompromisse muss man machen, wenn man einen Film zu viert unterschreibt? D.W.: Hätten wir vier unabhängig voneinander einen Film zu diesem Thema gemacht, wären möglicherweise vier verschiedene Versionen dabei herausgekommen. Es gab unter uns viele Diskussionen über die Auswahl der Drehorte und der Interview-Ausschnitte. Das erforderte zuweilen von allen Beteiligten viel Geduld. Mit dem Resultat sind jedoch alle zufrieden. Die Tatsache, dass man sich intensiv in der Gruppe über den Inhalt auseinandersetzt, führt auch dazu, dass sowohl der Aufbau wie die Schwerpunkte, die gesetzt werden, wirklich gründlich durch Wir wollten keinen trockenen Geschichts- unterricht, sondern eine leb-hafte Erzählung. Wir wollten, dass [Theodor Bergmann] das 20. Jahrhundert aus seiner Sicht heraus erzählt. dacht und von verschiedenen Seiten beleuchtet wurden. Welche Themen/Momente gingen bei der Endfassung verloren? D.W.: Es ist unmöglich, das gesamte, bisher 90jährige Leben des Theodor Bergmann in einem Film zu erzählen. Obwohl uns das im Vorfeld klar war, haben wir zu viel gedreht. Wir konnten zum Beispiel am Schluss nicht alle Gesprächspartner im Film unterbringen. Zum Teil hätten wir dadurch zu viele Seitenstränge aufgemacht, so dass die Geschichte irgendwann zu komplex geworden wäre. Alleine mit dem Material, das wir in Israel gedreht haben, hätten wir anderthalb Stunden füllen können. Auch aus Bergmanns Familiengeschichte sind viele Episoden rausgefallen. Was hat euch im Laufe der Arbeit überrascht im Vergleich zum Film, den ihr am Anfang im Kopf hattet? D.W.: Viele Dinge kann man nicht vorhersehen. Zum Beispiel die Fülle der Fakten, die dazugehören, wenn man ein solches Leben in den nötigen historischen Kontext setzen will. Welchen Schwierigkeiten seid ihr bei der Arbeit begegnet? D.W.: Es war nicht leicht, aus der Fülle des Materials eine Auswahl zu treffen. Zudem war es zuweilen schwer, die richtigen Interviewpartner einzuplanen. Da wir über ein sehr begrenztes Budget verfügten, konnten wir nicht in allen Fällen, wie es andere Teams tun, Vorgespräche führen und danach entscheiden, ob sich ein Interview lohnt, oder nicht. Etwa, wenn die Gesprächspartner weit weg wohnten, war es nicht möglich, zwei Reisen vorzusehen. Wir mussten uns also im Vorfeld entscheiden. Gab es bei dem Zeitzeugen nicht auch das Problem, Dichtung und Wahheit zu unterscheiden? D.W.: Eigentlich nicht. Theodor Bergmann erinnert sich erstaunlich präzise an das, was er erlebt hat. Es gab kaum Unschlüssigkeiten in seinen Erzählungen. Wenn, dann konnten wir sie ohne Probleme aufklären. Natürlich erzählt er die Ereignisse aus seiner Sicht und macht auch keinen Hehl aus seiner Meinung dazu – aber das war ja auch das, was wir wollten. Wir wollten keinen trockenen Geschichtsunterricht, sondern eine lebhafte Erzählung. Wir wollten, dass er das 20. Jahrhundert aus seiner Sicht heraus erzählt. Habt ihr euch von Anfang an die Frage der Illusstration gestellt? Wie wurde das Problem umgangen, das darin bestand, dass Ihr nur sehr wenige Bilder hattet zu allem was Theodor Bergmann erlebt hat? D.W.: Natürlich haben wir uns am Anfang Gedanken über die Bilder gemacht, mit denen wir Theodor Bergmanns Erzählungen illustrieren können. Da wir nur ein sehr begrenztes Budget hatten, war uns bewusst, dass wir nur sehr bedingt auf teures Archivmaterial aus Dokumentationszentren zurückgreifen können. Glücklicherweise verfügt Theodor Bergmann über ein sehr umfangreiches und interessantes Foto-Archiv, aus dem wir schöpfen konnten. Wir haben dann versucht, so viele Stationen seines Lebens wie möglich aufzusuchen und die Interviews vor Ort zu machen. Etwa sein Elternhaus in Berlin, die Orte in Israel, wo er damals gelebt hat, Konferenzen, die er mit organisiert hat und so weiter. Wie hat Theodor Bergman selbst auf den Film ein- gewirkt? D.W.: Auf den Film selbst hat er nicht eingewirkt – außer natürlich, durch seine Aussagen in den Interviews. Bei den Drehs war er, wie er es selbst ironisch nannte, „uns völlig ausgeliefert“. Er probierte keineswegs uns reinzureden, und machte geduldig alles mit, was wir ihm vorschlugen. Auch die Auswahl der Gesprächspartner haben wir selbst getroffen – natürlich, nachdem wir mit ihm über die Möglichkeiten diesbezüglich diskutiert hatten. Bei der Produktion des Films hat Theodor Bergmann nicht mitdiskutiert. Er hat auf unseren Wunsch Kontakte zu Interviewpartnern hergestellt und auch die Reise nach Israel mit vorbereitet. Was die Auswahl seiner Aussagen betrifft, hat er uns freie Hand gelassen und keineswegs auf eine Autorisierung bestanden. Den Film selbst hat er erst einen Tag vor der Vorpremiere gesehen, die Endfassung am Abend der Premiere. Was war seine Reaktion auf den Film? D.W.: Er hat positiv reagiert. Die Frage einer Zuschauerin, ob er sich in dem Film wiederfindet, hat er bejaht. Obwohl er anfangs skeptisch war, ob ein Film über seine Person sich lohnt, freut er sich inzwischen über die politischen Diskussionen, die etwa im Anschluss an Vorführungen des Films zustande kommen. Wie haben die Zuschauer auf den Film reagiert? D.W.: Ein solcher Dokumentarfilm richtet sich natürlich an ein interessiertes Publikum. Bislang sind die Reaktionen sehr positiv. Die Premiere in Stuttgart war ausverkauft und auch in Luxemburg kam der Film gut an. Vor allem die Art und Weise, wie Theodor Bergmann erzählen kann, überzeugt die meisten. Wie habt ihr den Film finanziert? D.W.: Wir haben das gesamte Projekt inklusive der Reisen und des Dokumentationsmaterials selbst finanziert. Das war unter anderem nur deshalb möglich, weil zwei von uns über die technischen Mittel, einen Film zu produzieren (Kamera und Schnittplatz) verfügen. Anfangs dachten wir daran, zunächst einmal Finanzmittel aufzutreiben. Doch dann zogen wir es vor, so schnell wie möglich mit dem Projekt anzufangen. Da wir alle vier berufstätig sind, hätte die Suche nach Mitteln Zeit in Anspruch genommen, die wir letztendlich für die eigentliche Filmproduktion verloren hätten. Wir haben diese Entscheidung bis heute nicht bereut, auch wenn wir sehr viel Geld und Zeit in das Projekt gesteckt haben. Es hatte natürlich den Vorteil, dass uns niemand reingeredet hat, wie wir das Projekt angehen sollten. Wir hatten völlige Freiheit, sowohl was die Länge des Films als auch was die Wahl der inhaltlichen Schwerpunkte betrifft. Habt ihr auch in Luxemburg eine finanzielle Unterstützung beantragt? Wie seid ihr mit der Antwort zufrieden? D.W.: Auf die Idee, in Luxemburg Unterstützung zu beantragen, kam ich gar nicht. Da der Film außer der Tatsache, dass ich Luxemburgerin bin, keinerlei Luxemburg-Bezug hat, hab ich mir da wenig Chancen auf Erfolg ausgerechnet. Was würdet ihr (vielleicht) heute anders machen? D.W.: Das ist rückblickend sicher schwer zu sagen. Jedes Projekt stellt vollkommen andere Ansprüche und Fragen. Ich kann hier nicht für die anderen sprechen. Persönlich würde ich vielleicht versuchen, noch genauer im Vorfeld zu klären, was man genau mit welchen Drehs oder Interviews bezweckt, um damit die Fülle des Drehmaterials etwas einzugrenzen. Ich fand unsere nicht so starre Aufgabenaufteilung sehr interessant – diese Möglichkeit hat man nur, wenn man quasi sein eigener Auftraggeber ist. Die Grenzen dieser Art zu arbeiten, wurden einem im Zeitdruck natürlich auch bewusst. Würdest Du nochmals bei einem solchen Projekt mitmachen? D.W.: Auf jeden Fall. Die Arbeit hat sehr viel Spaß gemacht. Es war aber auch sehr anstrengend, ein solches Mammutprojekt neben dem Rest der Arbeit zu bewältigen. Allein die Termine unter uns vieren abzustimmen, war eine wirkliche Herausforderung. Ich würde sicher manches anders machen. Ich denke, wir haben alle viel dazu gelernt bei diesem Projekt. (Das Interview von Viviane Thill und Michel Pauly fand über Email statt.) Weitere Informationen zum Film finden Sie auf www.dann-fangen-wir-von-vorne-an.de Ein solcher Dokumentarfilm richtet sich natürlich an ein interessiertes Publikum. [...] Vor allem die Art und Weise, wie Theodor Bergmann erzählen kann, überzeugt die meisten.
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