Jennifer Pavlik, Daniela Beljan
Hunger nach Schriftlichkeit
Luxemburger Literatur und die Frage der Identität
Das Thema der Tagung „Konzepte der Luxemburgischen Literatur(en): Historiographie, Kultur-politik, Autorpoetik“, die vom 17. bis 19. Mai 2007 unter der Leitung von Prof. Dr. Georg Mein (Universität Luxemburg) und Prof. Dr. Kai Kauffmann (Universität Bielefeld) auf dem Campus Limpertsberg stattgefunden hat, setzte sich das ehrgeizige Ziel, ein modernes Konzept zur Untersuchung und Beschreib ... Das Thema der Tagung „Konzepte der Luxemburgischen Literatur(en): Historiographie, Kultur-politik, Autorpoetik“, die vom 17. bis 19. Mai 2007 unter der Leitung von Prof. Dr. Georg Mein (Universität Luxemburg) und Prof. Dr. Kai Kauffmann (Universität Bielefeld) auf dem Campus Limpertsberg stattgefunden hat, setzte sich das ehrgeizige Ziel, ein modernes Konzept zur Untersuchung und Beschreibung der Luxemburgischen Literatur zu entwickeln. Die Tagungsleiter betonten einführend, dass aufgrund der spezifischen geographischen Lage Luxemburgs und der damit einhergehenden Situierung in einem triglossalen Sprachraum, die klassischen Modelle europäischer Literaturgeschichtsschreibung nicht ohne weiteres auf die Konstellationen hier im Lande übertragen werden könnten. Wie unterrepräsentiert die Beschäftigung mit genuin Luxemburgischer Literatur de facto ist, zeigt sich insbesondere in schulischen Kontexten. Denn dort, dies machten diverse Diskussionsbeiträge deutlich, wird die Auseinandersetzung mit Luxemburger Autoren allenfalls marginal betrieben. Also nahm die Tagung das Feld der Luxemburgischen Literatur detaillierter in den Blick, und zwar unter folgenden Leitfragen: Was ist Literatur in multilingualen, transitorischen und polyglotten Räumen überhaupt noch zu leisten im Stande? Worin besteht bzw. soll ihre zukünftige Aufgabe bestehen? Inwieweit vermag Literatur hier ein identitätsstiftendes Potential zu entfalten? Zu Beginn arbeitete Rolf Parr (Bielefeld) heraus, woran Luxemburgische Literatur überhaupt zu erkennen ist – und zwar jenseits der einfachen Tatsache, dass sie in, über, von oder für Luxemburg geschrieben wurde. Auf der Grundlage der Interdiskursanalyse rückte Parr damit die Spezifik der Luxemburgischen Literatur ins Zentrum seiner Überlegungen. Wenn man bedenkt, dass Interdiskurse nicht universell gültig sind, sondern kulturspezifisch fungieren, dann kann ihre Analyse auch helfen, national-kulturelle Besonderheiten heraus zu filtern. Parr resümierte daher, dass Luxemburgische Literatur auch auf verschiedene Kollektivsymbolstränge sowie mehrere kulturelle Interdiskurse zurückgreift und diese zu etwas Neuem verbindet. Als Spezifika exemplifiziert Parr etwa das Symbol der „Festung“, wie es bei Manderscheid für Luxemburg als Staat, Stadt, Ort in der Stadt und Befindlichkeit ausdifferenziert zu finden ist. Einen ganz anderen Akzent setzte Frank Wilhelm (Luxemburg), der in seinem Vortrag „Littérature luxembourgeoise de langue française ou littérature francophone luxembourgeoise ?“ mit einem historischen Überblick und einer Präsentation zeitgenössischer Werke deren Ambivalenz untersucht hat. Er wies auf einige wesentliche Charakteristika der Luxemburgischen Literatur auf Französisch (bzw. der französischsprachigen Literatur Luxemburgs) hin. Dies machte er u.a. anhand der Abgrenzung zur deutsch- bzw. luxemburgischsprachigen Literatur deutlich, die sich durch divergente sprachliche Ausdrucksmittel, aber auch durch unterschiedliche Themen auszeichnet, die wiederum Aufschluss über soziokulturelle Unterschiede geben. Während nämlich, so Wilhelm, die deutsch- und luxemburgischsprachige Literatur eher das Verhältnis zur konkreten, sozialen Wirklichkeit darstellt, spiegelt die französischsprachige Literatur größtenteils die Sichtweise der Bourgeoisie wider. Ralf Bogner (Saarbrücken) schaffte mit seinem Beitrag eine Anbindung an die österreichische Literatur, indem er nach den ‚literaturnationalen Identitäten‘ luxemburgischer und österreichischer Literatur fragte und die Konstruktionen der beiden divergenten Literaturen in einem Vergleich herausstellte. Oliver Kohns Wie unter-repräsentiert die Beschäftigung mit genuin Luxemburgischer Literatur de facto ist, zeigt sich insbesondere in schulischen Kontexten. Daniela Beljan (Luxemburg) und Jennifer Pavlik (Bielefeld) promovieren bei Prof. Dr. Georg Mein (Universität Luxemburg). (Regensburg) gewährte mit seinem Beitrag „Was war nationale Literatur?“ einen retrospektiven Einblick in die Debatte über den Zusammenhang zwischen Literatur und nationaler Kultur. Irmgard Honnef-Becker (Trier) machte sich dann ‚ans Handwerk‘ für das Großherzogtum, um das Spezifische des Luxemburgischen innerhalb der Texte Roger Manderscheids auszumachen. Sie verglich dessen autobiographische Trilogie im luxemburgischen Original mit der vom Autor selbst vorgelegten deutschen Übersetzung. Honnef-Becker beleuchtete einzelne Wendungen und Wortbildungen sowie deren verschiedentliche Übertragungen. Manderscheid entschied sich dabei offenbar für ein spezifisch luxemburgisch geprägtes Deutsch. Mit der einfühlsamen Analyse gelang Honnef-Becker zu dem Schluss, dass das Luxemburgische für Manderscheid im Gegensatz zum Deutschen eine Sprache der unmittelbaren Gefühlswelt und der Identität darstellt, um „direkt am Duft der Blume“ zu sein. Peter Gilles (Luxemburg) behandelte die Ausbildung der Schriftsprachlichkeit im Land während Achim Geisenhanslüke (Regensburg) nach den methodologischen Schwierigkeiten von Literaturgeschichtsschreibung an sich fragte. Insbesondere der Epochenbegriff geriet hier in die Kritik, der verhindere, in transitorischen Kategorien (wie sie für Luxemburg angebracht wären) zu denken. Abgerundet haben diesen Tag die Luxemburger Autoren Jacques Wirion und Roger Manderscheid mit ihrer öffentlichen Lesung in der wunderschönen Bibliothek auf dem Limpertsberg. Augenzwinkerndes wie Kritisches aus Essayistik, Lyrik und der Kurzgeschichte gaben sie hier zum Besten. Wirion konnte bereits auf der Tagung „als Hirschkäfer unter Hirschen“ (Wirion über Wirion) „höchst subjektive Anmerkungen zur Kleinform der Aphoristik“ feil bieten. Kai Kauffmann schlug tags darauf eine Regionalgeschichte statt einer Nationalgeschichtsschreibung für das Großherzogtum vor. Kauffmann führte die Missachtung luxemburgischer Autoren in der Germanistik auf die mangelnde politische Instrumentalisierbarkeit der Literatur zugunsten einer Identitätszugehörigkeit zurück. Eine Regionalgeschichtsschreibung habe den Vorteil, auch die umliegenden Grenzregionen in die Untersuchung einzubinden. Germaine Goetzinger stellte indes das umfassende Projekt „Luxemburger Autoren-Lexikon“ des Centre national de littérature vor. Die abschließende Podiumsdiskussion verdeutlichte, dass noch enormer Kommunikationsbedarf besteht. Wichtige Fragen waren: Darf man überhaupt von Literaturen (im Plural) sprechen? Zeichnet die Triglossie ‚das‘ Luxemburgische nicht an sich als Merkmal aus? Denn die Debatten um die Luxemburgische(n) Literatur(en) sind durch ein Spannungsfeld von Triglossie, Sprache als Identitätsmoment und Nationalliteratur gekennzeichnet. Besonders der Aspekt der Identität trat mit der Frage in den Vordergrund, ob diese nicht eine nachträgliche Zuschreibung sei und schlechterdings prospektiv behandelt werden könne. Ein innovativer Schritt in das Feld der Luxemburgischen Literatur wurde hier getätigt, dem weitere folgen müssen, denn Gesprächsbedarf gibt es. „Etwas fehlt immer“! echote es nach der Tagung mit ungebrochener, nein, gesteigerter Dringlichkeit.
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