Sprachschätze erschließen und bewahren
Projekt LexicoLux – zur sprachwissenschaftlichen Dokumentation von Wissen über das Luxemburgische
Ech haen dech, datt d’Zänn prossesiounsweis den Hals ofmarschéieren an am Aasch Piano spillen. Kennen Sie diesen Ausdruck? Das kraftmeierische Bild drückt aus, was die Sprachforscherin Natalia Filatkina elegant mit „Drohung, Ausdruck äußerster Unzufriedenheit“ umschreibt. Sie hat solche Redewendungen untersucht, die man in der Sprachwissenschaft „Phraseologismen“ nennt. Das sind fes ... Ech haen dech, datt d’Zänn prossesiounsweis den Hals ofmarschéieren an am Aasch Piano spillen. Kennen Sie diesen Ausdruck? Das kraftmeierische Bild drückt aus, was die Sprachforscherin Natalia Filatkina elegant mit „Drohung, Ausdruck äußerster Unzufriedenheit“ umschreibt. Sie hat solche Redewendungen untersucht, die man in der Sprachwissenschaft „Phraseologismen“ nennt. Das sind feste Wortverbindungen, formelhafte Ausdrücke, die oft eine übertragene Bedeutung haben. Die genannte schlagkräftige Drohung kann ein Gespräch würzen. Aber natürlich verwendet man öfter freundliche Routineformeln, zum Beispiel e schéine Bonjour oder Villmools merci! Besonders beliebt sind bildhafte Charakterisierungen. Einen übertriebenen Perfektionisten etwa sieht man de ganzen Dag un engem Ee schielen. Lange Zeit wurde dieser Bereich des Wortschatzes als Sonderfall betrachtet. Heute weiß man, dass er eine Sprache ganz wesentlich prägt. Nicht nur in der Umgangssprache sind Phraseologismen lebendig, auch in öffentlichen Reden, ja sogar in der angeblich nüchternen Wissenschaftssprache. Das Luxemburgische verfügt über sehr viele bildhafte Ausdrücke, die es auch spielerisch kombiniert. Was ist interessant an ihnen? Sprachbilder verraten viel über ein Land, seine Kultur, seine Geschichte und seine Menschen. Unter anderem, weil die Sprecher ihre Bilder aus bestimmten Lebensbereichen wählen. Zum Beispiel stammt die Redensart dorëmmer lafe fir d’Revéier ofzeschnoffelen aus der Jägersprache. Die Formulierung sëtzen do wéi d’Hénger op der Staang verrät, dass die Erfinder dieser Redensart Bauernhöfe kannten. Redewendungen offenbaren auch Mentalitäten: Welche menschlichen Eigenschaften werden besonders häufig geschildert? Welche werden verurteilt, welche bewundert? Zum Beispiel sagt man Eingebildeten nach, sie hätten e Wiirmchen am Kapp und Zungenfertigen, sie hätten eng Maul wéi en Affekot. Angeber hießen früher einmal e preisesche Wandbeidel. Phraseologismen übertreiben gern ironisch, zum Beispiel den Reichtum, wenn man am Geld schwamme kann, Schlässer zu Paräis hat oder einem d’Suen aus den Ouren eraus kommen. Andere Sprachbilder beschönigen, tabuisieren oder spielen mit schwarzem Humor. So lässt sich die Mitteilung „er ist tot“ umschreiben durch: deem don d’Zänn nët méi wéi. Häufig finden sich in bildhaften Ausdrücken auch rhetorische Mittel. Sie arbeiten mit Figuren, die seit der Antike bekannt sind, beispielsweise Übertreibungen, Antithesen und Alliterationen wie in der nachdrücklichen Umschreibung von Dummheit: en dräi gediebelten Dabo sinn. Die reichen Luxemburger Phraseologismen sind noch nicht sprachwissenschaftlich umfassend und benutzerfreundlich gesammelt worden. Es gibt zwar einige ältere gedruckte Sammlungen. Aber diese sind zum Teil sehr schmal oder nicht methodisch geordnet. Heute ist es möglich, elektronisch ganz verschiedene Texte nach festen Wortverbindungen zu durchsuchen und deren Häufigkeit zu zählen. Damit kann man auch Phraseologismen aufspüren, die noch nicht im Wörterbuch auftauchen. Als Untersuchungsmaterial kommen literarische Texte infrage, aber auch Reden, Zeitungstexte, sogar Internetseiten. Das Beispiel der Phraseologismen zeigt: Es gilt, einen Sprachschatz zu bergen und zu bewahren. Dieser Aufgabe stellt sich das im Mai 2007 angelaufene, von Frau Professor Dr. Claudine Moulin und Professor Dr. Peter Gilles geleitete Projekt „LexicoLux: Erschließung und Vernetzung lexikographischen Wissens über das Luxemburgische“. Es wird finanziert vom Fonds national de la recherche und ist an der Universität Luxemburg angesiedelt. Das Projekt nutzt das Medium Internet. Ein grundlegendes Ziel wird verfolgt: Die Wörterbücher des Luxemburgischen aus den Jahren 1847, 1906 und 1950-1977 liegen bereits in elektronischer Form vor. Sie sind allerdings nicht lexikographisch miteinander verknüpft. LexicoLux wird die Luxemburger Wörterbücher mit Methoden der EDV-Philologie verbinden und metasprachlich auswerten. Wenn man in Zukunft auf den vom Projekt erstellten Internetseiten ein Wort sucht, so kann man viel mehr Varianten und Anwendungszusammenhänge aufrufen, als es in einem gedruckten Buch möglich ist. Zum einen sind die drei Wörterbücher untereinander verlinkt, so dass man Artikel parallel aufschlagen kann, zum anderen können sie mit weiteren Wörterbüchern vernetzt werden, zum Beispiel den angrenzenden Wörterbüchern des Elsässischen, Lothringischen oder Rheinischen, aber auch mit anderen Text- oder Tonmaterialien. In diesem wissenschaftlichen Kontext dienen die Luxemburger Wörterbücher auch der sprachgeschichtlichen Dokumentation. Weiterführende Informationen sind durch Links zu erhalten, ohne dass man eine Spezialbibliothek besitzen oder aufsuchen muss. Die Informationsplattform wird Benutzern der luxemburgischen Wörterbücher dieselben Vorteile bieten, wie sie Forscher bei ähnlichen Wörterbuchverbünden schätzen, in denen Sprachstadienwörterbücher, Dialektwörterbücher und Autorenwörterbücher unter einer gemeinsamen Oberfläche im Internet frei zur Verfügung stehen (www.woerterbuchnetz.de). Sie wurden an der Universität Trier im Kompetenzzentrum für elektronische Erschließungs- und Publikationsverfahren in den Geisteswissenschaften verarbeitet. Das digitale Luxemburger Wörterbuch soll an dieses schon vorhandene Wörterbuchnetz der Großregion angeschlossen werden. Die Ergebnisse des Forschungsprojektes werden wissenschaftlich publiziert. Auf der Internetplattform sind sie aber nicht nur der Forschung zugänglich, sondern dienen allen interessierten Benutzern. Im Projekt wird der luxemburgische Wortschatz darüber hinaus in seiner Struktur analysiert. Neben den schon beschriebenen Phraseologismen sind natürlich auch viele andere Facetten des Luxemburgischen interessant, etwa romanische Elemente, regionale Varianten und der bisher noch wenig untersuchte literarische Wortschatz mit seinen stilistischen Besonderheiten. Die Erforschung der luxemburgischen Literatursprache steckt noch in den Anfängen. Sie wirft auch in einem lexikographischen Projekt viele Fragen auf. Wichtige luxemburgische Werke sollen in elektronischen Fassungen greifbar gemacht werden, etwa von Michel Rodange, Michel Lentz und Edmond de la Fontaine. Auch jüngere Literatur und andere Quellen werden in das Korpus der Untersuchung eingeschlossen, zum Beispiel die für das Luxemburgische sehr wichtige Textsorte „Reden“. Man kann stilistische Potentiale der jungen Sprache Luxemburgisch vergleichend herausarbeiten. So wird das Luxemburgische oft als „Nähesprache“ bezeichnet. Welche Facetten vermitteln solche „Nähe“? Dies kann eine Distanz „nach oben“ sein, die scheinbar freimütig und bescheiden demonstriert wird (Dir Dammen an Dir Hären Autoritéiten). Oft fällt eine entwaffnende Deutlichkeit auf, zum Beispiel, wenn Luxemburger Machtverhältnisse benennen: Einflussreiche Leute sind déi Leit mat décke Plazen, wer sie persönlich kennt, hat en Décken un der Hand. Hier bieten sich vielfältige Analysen an, etwa hinsichtlich der Wortwahl, der rhetorischen Figuren, der Bilder und Metaphern. Natürlich gibt es hier auch Überschneidungen zum Feld der Phraseologismen. Nicht zuletzt bietet das Internet eine unvergleichliche Materialfülle aus aktueller Umgangssprache. Früher hätte man Tausende von Gesprächen aufnehmen und aufschreiben müssen, um eine ähnlich breite Materialbasis zu erreichen. Vor allem manche Chats und private Homepages von Jugendlichen dokumentieren die wohl freieste Verschriftlichung ursprünglich mündlicher Sprache. Einige Chat-Texte sind von einer geradezu poetischen, sprachschöpferischen Freiheit. Und eine riesige Anzahl verschiedener Schreiber hinterlässt Dokumente im Netz. Allein die luxembur- gische Fassung des Mitmach-Lexikons Wikipedia umfasst zur Zeit über 14000 Artikel. Das alte Problem einer Lexikographie, die der aktuellen Sprache hinterherhinkt, lässt sich von dieser Quellenlage her ganz neu diskutieren. Das Luxemburgische stellt allerdings die EDV und auch die auswertenden Forscher vor einige technische Herausforderungen. Da ist vor allem das Problem der verschiedenen Schreibweisen dieser überwiegend gesprochenen Sprache. Worüber ein Mensch mehr oder weniger leicht hinweg- sehen kann, das ist für den Computer unbegreiflich. Wie soll er erkennen, dass Pistoul, Paschtoul und Pistoleng dasselbe meinen? Auch hier gibt es Lösungen der EDV. Allerdings müssen nicht-normierte Schreibweisen, die man der Maschine beibringt, kontrolliert werden. Denn wenn eine Suchmaschine allzu tolerant ist, findet sie zu viele Ergebnisse und wird unbrauchbar. In der EDV-Philologie kommt es auf die optimale Verbindung von Sprachwissenschaft und Informatik an. Dann kann es gelingen, einen Sprachschatz zu bewahren: den trésor de la langue luxembourgeoise informatisé. Literatur: Natalia Filatkina/Claudine Moulin: „Phraseology of Luxembourgish“, in: Phraseologie/Phraseology. Herausgegeben von Harald Burger/Dimitrij Dobrovol’skij/Peter Kühn/Neal R. Norrick. Berlin/New York 2007 (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft; 2, 2), S. 654-666. Natalia Filatkina: Phraseologie des Lëtzebuergeschen. Empirische Untersuchungen zu strukturellen, semantisch-pragmatischen und bildlichen Aspekten. Heidelberg 2005 (Germanistische Bibliothek; 22). Hans-Ulrich Dietz: Rhetorik in der Phraseologie. Zur Bedeutung rhetorischer Stilelemente im idiomatischen Wortschatz des Deutschen. Tübingen 1999 (Reihe Germanistische Linguistik; 205). Michel Pauly: „Das Luxemburger Wörterbuch – Streit nicht nur um Wörter“, in: forum 175, 1997, S. 27f. Internetseite des Projekts LexicoLux: http://www.uni.lu/recherche/flshase/forschungslabor_ fuer_luxemburgische_sprache_und_literatur/recherche/lexicolux Projekt LexicoLux – zur sprachwissenschaftlichen Dokumentation von Wissen über das Luxemburgische
Diesen Artikel als PDF ansehen.
Größe: 0.38 MB




