Der Geist der Bergpredigt
Jean Huss, Sie haben ein Jahr nach der Gründung der Grünen zu den ersten beiden Parlamentsabgeordneten Ihrer Partei gehört und sind heute noch in der Abgeordnetenkammer. Was ist, abgesehen von Ihnen, übrig geblieben von den Grünen der 80er Jahre?
Jean Huss: Eigentlich noch sehr viel, sowohl was die Personen als auch die politischen Inhalte betrifft. Es gibt an der Basis oder in kommunale ...
Jean Huss, Sie haben ein Jahr nach der Gründung der Grünen zu den ersten beiden Parlamentsabgeordneten Ihrer Partei gehört und sind heute noch in der Abgeordnetenkammer. Was ist, abgesehen von Ihnen, übrig geblieben von den Grünen der 80er Jahre?
Jean Huss: Eigentlich noch sehr viel, sowohl was die Personen als auch die politischen Inhalte betrifft. Es gibt an der Basis oder in kommunalen Ämtern ja noch eine ganze Anzahl von „grünen Urgesteinen“, und was die ursprünglichen Ziele der Grünen anbetrifft, den Kampf für eine ökologische und demokratische Gesellschaft, für Selbstbestimmung, Frauenrechte und gegen gesellschaftliche
Diskriminierung von Minderheiten, für eine friedensorientierte Außenpolitik und gerechtere Welthandelsbeziehungen, da stehen auch die heutigen Grünen in vorderster Reihe. Nach anfänglich etwas „psychodramatischen“ Konflikten und Häutungen in den 80er Jahren kam es später zu einer weniger emotionalen, nüchternen, in meinen Augen schon et-was zu emotionslosen Diskussions- und Streitkultur, was allerdings auch damit zu tun hat, dass sich heute in den meisten
großen grundlegenden Fragen größere Übereinstimmung als damals entwickelt hat.
Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis aus 25 Jahren aktiver politischer Arbeit? Inwieweit kann man die Welt (oder Luxemburg) verändern?
J.H.: Eine wichtige Erkenntnis ist, dass kapitalistisches Denken und die beständige Flucht in immer neue Markt- und Wachstumsillusionen nicht allein das Problem einer kapitalistischen Besitzer- und Managerkaste ist. Auch bis weit hinein in breitere gesellschaftliche Bevölkerungsschichten werden der „Tanz um das goldene Kalb“ und der selbstmörderische „Turmbau von Babel“ fröhlich und rücksichtslos weiterbetrieben, auf Kosten der sozial Schwachen und Abhängigen, auf Kosten der Armen in der Dritten Welt und auf Kosten der eigenen Kinder und Kindeskinder.
Die Welt kann, wenn überhaupt, vielleicht dann verändert werden, wenn sich in vielen Ländern, auf vielen Problem-
ebenen, in immer breiteren Gesellschaftsschichten endlich die Erkenntnis durchsetzt, dass das neoliberal-kapitalistische Welt- und Wirtschaftsmodell uns unweigerlich in ökologische und soziale Sackgassen und Katastrophen hineinführen wird. Und weil religiöse, klerikale oder fundamentalistische Ideologien nichts zur Lösung der heutigen Probleme beitragen, sondern umgekehrt sogar selbst eine wesentliche Teilursache der Proble-me darstellen, könnte nur ein breiteres gesellschaftliches Bündnis gegen den neo-
liberalen Marktdogmatismus und gegen die Überhand nehmenden religiösen Machtansprüche den Weg in eine öko-sozialere Zukunft eröffnen.
Von Luxemburg aus wird eine solche soziale und ökologische Revolution in den kommenden 10 Jahren sicher nicht ausgehen. Realistisch betrachtet wird es hauptsächlich darum gehen können, konsequent und glaubwürdig einige wich-
tige Hausaufgaben in dieser Hinsicht anzugehen.
Wo stehen die Grünen Ihrer Ansicht nach in 10 Jahren?
J.H.: Hoffentlich nicht auf der politischen Intensiv- oder Palliativstation!
Im Ernst: Wenn es gelingt, die politische Glaubwürdigkeit in den wesentlichen Fragen aufrechtzuerhalten, werden die Grünen in 10 Jahren sicher ein gutes Stück stärker dastehen als heute. Noch bleibe ich in dieser Hinsicht ziemlich optimistisch!
Wie die Welt und das kleine Staubkörnchen Luxemburg in 10 Jahren aussehen werden? Vielleicht wird dann ja der Geist der Bergpredigt über die Menschheit wehen und alle politischen und geistlichen Pharisäer aus ihren Tempeln jagen? Schön wär’s auf jeden Fall!
(Die Fragen wurden schriftlich von Sam Tanson und Jean Huss beantwortet./JST)
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