Adieu Vauban!
Zur Bedeutung von Geschichte beim Denkmalschutz
Über 300 Jahre lang standen die Kasernen auf dem Rham-Plateau. Vauban hatte sie nach der Eroberung der Stadt Luxemburg durch die Truppen König Ludwigs XIV. (1684) erbauen lassen. Die französischen Soldaten sollten nicht mehr bei den Einwohnern untergebracht werden, sondern in eigens dazu erbauten Gebäuden. Noch heute erinnert das Ankerkreuz an der Giebelseite an das Baujahr 1686. Fünf Kaserne ... Über 300 Jahre lang standen die Kasernen auf dem Rham-Plateau. Vauban hatte sie nach der Eroberung der Stadt Luxemburg durch die Truppen König Ludwigs XIV. (1684) erbauen lassen. Die französischen Soldaten sollten nicht mehr bei den Einwohnern untergebracht werden, sondern in eigens dazu erbauten Gebäuden. Noch heute erinnert das Ankerkreuz an der Giebelseite an das Baujahr 1686. Fünf Kasernen ließ Vauban errichten: auf dem Rham- Plateau, auf dem Heilig-Geist-Plateau, unweit der Bastion Beck in der Rue Notre-Dame und in Pfaffenthal, für insgesamt 2250 Mann. Charakteristisch für den Baustil seiner Zeit waren die spitzen Dächer, die langen Flure, die breiten, steilen Treppen mit kurzen Absätzen, die die Soldaten problemlos runterlaufen konnten, um die Festung schleunigst zu verlassen. 1954 wurde das Mi- litärhospital in Pfaffenthal abgerissen, 2008 verschwand die letzte Heilig- Geist-Kaserne in der neuen Cité judiciaire. Fast unberührt standen bislang nur noch die Kasernen auf dem Rham-Plateau. 1828 hatte die preußische Garnison eine Militärküche angebaut, 1862 eine weitere Kaserne sowie ein Munitionsdepot errichtet. Außerdem waren im 19. Jahrhundert ein paar zusätzliche Fenster in die Fronten gebrochen sowie ein Treppenturm angefügt worden. Nichtsdestoweniger waren sie in ihrer Substanz gut erhalten, leicht als ehemalige Kasernen zu erkennen, auch wenn seit 1884 die Gebäude zunächst als Waisenheim, dann als Altenheim genutzt wurden und 1934 eine Zentralküche hinzugebaut worden war. Der Wenzel-Pfad führt daran vorbei, die UNESCO hatte sie 1994 in den geschützten Bezirk des Weltkulturerbes aufgenommen. Doch diese Initiativen haben die historische Bausubstanz nicht schützen können. Heute stehen nur noch leere Hülsen auf dem Plateau. Mit der Genehmigung des Hauptstadtbürgermeisters und ohne Einspruch seitens des Kulturministers bzw. der staatlichen Denkmalschutzbehörden ist der Eigentümer, der parastaatliche Seniorenheim-Verwalter Servior, dabei, den gesamten Gebäudekomplex umzugestalten und den heutigen Ansprüchen eines Altenheims anzupassen. Die Bilder auf der Titelseite und in diesem Dossier sagen mehr als Worte, was man in Luxemburg unter Denkmalschutz versteht. Demnächst wird wohl die UNESCO die Stadt Luxemburg wieder von der Liste des Kulturerbes nehmen, wie sie das auch für den Fall des Baus einer Elbbrücke in Dresden angedroht hat. Im unten abgedruckten Interview bedauert der neue Leiter des Denkmalschutzamtes, dass seine Behörde nicht rechtzeitig aktiv geworden ist. Der Fehler ist aber nicht mehr wiedergutzumachen. Natürlich gibt es in der Hauptstadt und über das ganze Land verteilt noch zig andere Beispiele, rezente und fast vergessene, bei denen die Luxemburger Behörden ihre Respektlosigkeit gegenüber der Architektur und der Bauweise unserer Vorfahren zum Ausdruck gebracht haben. Doch statt zu lamentieren, wollen wir uns in dieser forum-Ausgabe vorrangig mit Sinn und Zweck des Denkmalschutzes beschäftigen. Warum Denkmalschutz? „Le non-respect du patrimoine bâti produit les mêmes effets qu’une guerre qui détruit les traces du bâti,“ schreibt Anne Fabeck-Scholtes im zweiten Carnet d’opinions der Fondation de l’architecture et de l’ingénierie. Offenbar hat man in Luxemburg die Folgen der Ardennenoffensive schon vergessen. Oder wie soll man erklären, dass demnächst im Ösling das letzte weißgetünchte Schieferhaus mit dicken Mauern und kleinen Fenstern durch ein Fertighaus oder ein Betonklotz ersetzt sein wird? Als 1975 das Europäische Denkmalschutzjahr ausgerufen wurde, stand es unter dem Motto: „Eine Zukunft für unsere Vergangenheit“. Ich zitiere aus der damaligen Begründung des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz: „Die Erhaltung historischer Bausubstanz und gewachsener Strukturen wird mehr und mehr zu einer Existenzfrage für jede Gemeinschaft. Sie verdeutlicht das historische, politisch-soziale und geistige Selbstverständnis des Menschen und trägt wesentlich zur Individualität von Siedlungsstrukturen bei. Die Unverwechselbarkeit des Bildes von Stadt und Land ist eine der wichtigsten Grundlagen für die Bindung des Bürgers an seine Gemeinde und für ein intaktes kommunales Leben. Auch die Anziehungskraft unserer Städte für den Fremden liegt weitgehend in der Einmaligkeit des Stadtbildes begründet. Es geht darum, den Menschen vor dem Verlust eines seiner wichtigsten Lebenselemente zu schützen, denn das Weiterbestehen überkommener Bauten und städtebaulicher Strukturen gibt oft den Ausschlag dafür, dass das Gefüge einer Gemeinde sozial, wirtschaftlich und kulturell unversehrt bleibt. Wo diese Bauten und Strukturen niedergerissen werden oder durch entstehende Umbauten ihr Gesicht verlieren, gerät deshalb das gemeindliche Leben in Gefahr. Die Aufgabe des Erhaltens gewinnt überragende Bedeutung in der Welt von heute, die gekennzeichnet ist durch tiefgreifende wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen, durch wachsende Mobilität der Bevölkerung, zunehmende Rationalisierung und durch die normierende Wirkung der Technik, die auch die Architektur erfasst hat. Wir leben in einer Gesellschaft, die auf Verbrauch und Neuproduktion eingestellt ist und dadurch vielfach verlernt hat, Werte und Mängel ihrer Umwelt richtig einzuschätzen. Zu keiner Zeit haben sich Projekte und Bauten so rasch als änderungsbedürftig und als volkswirtschaftliche Fehlinvestitionen erwiesen wie heute.“ Nicht nur in einer kleinen Gesellschaft wie der luxemburgischen wird man Gemeinde auch durch Nation ersetzen können. Der Denkmalschutz ist ja auch ein Kind der Nationenbildung im 19. Jahrhundert. In Luxemburg wurde er 1844, knapp fünf Jahre nach der ungewollten staatlichen Unabhängigkeit, in Form der Société pour la recherche des documents historiques et pour la conservation des monuments anciens geboren. Ihre Nachfolgerin, die Section historique de l’Institut grand-ducal, hat sich allerdings leider aus der Denkmalschutzdebatte verabschiedet. Im Vergleich zu1974, als das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz den oben zitierten Text formulierte, haben die gesellschaftlichen Veränderungen noch weiter an Fahrt gewonnen: Immer mehr Menschen verlieren ihren Halt in der Gesellschaft, suchen nach Orientierung. Diese Suche kann sich nicht auf intellektuelle Wege beschränken. Menschen brauchen auch die sinnliche Erfahrung von Orientierungspunkten. Alte Baudenkmäler im Dorf oder in der Stadt, die sie täglich sehen, um die sie täglich herumgehen, in denen sie täglich wohnen oder arbeiten, gehören zu ihrem Umgang mit der Vergangenheit, zu den sicheren Markierungen ihres Lebensweges. Geschichte kann man auch nicht nur in Schulbüchern, Fernsehsendungen oder – was sowieso nur eine geringe Minderheit tut – in Museen kennen lernen, sondern auch in der erlebten Umwelt. Dieses Lernen geschieht zum Teil unbewusst, kann im Bedarfsfall aber durchaus abgerufen werden. Es ist doch wohl kein Zufall, dass Jugendrevolten, wie Frankreich sie immer wieder erlebt, eher in Neubauvierteln, in seelenlosen Wohnsiloanhäufungen der Banlieue ausbrechen oder in England in verwahrlosten, trostlosen alten Arbeitersiedlungen, aber nie in Altstadtzentren, wo die Menschen sich wohlfühlen. Genauso wenig ist es Zufall, dass die beteiligten Jugendlichen in ihrer Mehrzahl aus sozialen Milieus stammen, die entwurzelt sind, weil sie auswandern, ihre vertraute Umgebung verlassen mussten. Denkmalschutz ist ein Beitrag zur so gern beschworenen ‚cohésion sociale‘. Der Mensch braucht historische Verwurzelung. Nur wer seine Geschichte und die seiner sozialen Gruppe (Familie, Schicht, Nation, ...) kennt, kann ein Selbstwertgefühl entwickeln, das ihm ermöglicht, die Zukunft zu bewältigen, sich mit dem Neuen, dem Andern, dem Fremden auseinanderzusetzen. Er wird sich bewusst werden, dass er das Rad nicht neu erfinden muss, dass sein Leben und seine Umwelt eine Vorgeschichte haben, der er nicht ausweichen kann, die er aber auch nicht gutheißen muss, denn er wird gleichzeitig erkennen, dass Geschichte von Menschen gemacht ist und von Menschen verändert werden kann. Die Psychotherapie arbeitet ja auch Psychosen dadurch auf, dass sie mit dem Patienten schwarze Flecken in seiner Vergangenheit wieder ins Bewusstsein hebt und eine Auseinandersetzung damit erlaubt. Ähnlich kann Geschichte zur kollektiven Überwindung von Traumata aus der Vergangenheit beitragen, den Sturz in die nationalistische Falle vermeiden helfen. Und für viele Mitmenschen ist der Umgang mit Baudenkmälern die oft einzige Erfahrung ihrer eigenen Geschichtlichkeit. Daher geht es auch nicht, dass nur nach ästhetischen Kriterien unter Schutz gestellt wird, wie das jahrelang in Luxemburg unter der Ägide des ehemaligen Direktors des Service des sites et monuments nationaux (SSMN) Georges Calteux geschah. Insofern kann ich die Überlegungen des jetzigen Direktors Patrick Sanavia nicht nachvollziehen, der in einem Land-Interview und im vorliegenden forum-Heft behauptet: „Zu den historischen und architektonischen Aspekten kommen wissenschaftliche, ästhetische oder soziale Kriterien hinzu. (...) In der Vergangenheit wurde tatsächlich nur klassifiziert, wenn das Gebäude ein archäologisches oder historisches Interesse widerspiegelte. (...) Wir müssen die Menschen überzeugen können. Wir müssen viel kommunizieren. Es reicht nicht zu sagen, es ist für uns von Interesse; wir müssen auch sagen, warum es für uns von Interesse ist.“ Entweder kennt der neue Chef die Sünden seiner Vorgänger nicht oder er versucht erneut die wahren Absichten seiner Behörde zu verschweigen, denn an Kommunikation nach außen hat es unter Calteux wahrlich nicht gefehlt. Und der Erfolg in Sachen Bauernhäuser gab ihm ja auch recht und ließ ihn zum unanfechtbaren Denkmalschutzpapst aufsteigen, auch wenn er schwerwiegende Fehler machte. Doch Sanavia nennt auch die Kriterien nicht, die sich die Denkmalschutzbehörde angeblich in den letzten Jahren gegeben hat. Was schützen? Statt über Kommunikation müsste über Inhalte nachgedacht werden, eventuell auch über Prozeduren, aber dazu hat der Mouvement écologique eine Broschüre vorgelegt („Kulturelle Identität braucht Demokratie“; siehe www.oeko.lu), in der alles gesagt ist: Denkmalschutz sollte nach den Prozeduren des Naturschutzes funktionnieren. Weniger klar ist, was denn geschützt werden soll. Dazu wird aber Fachkompetenz gebraucht, die z.Z. nicht da ist. Im Denkmalschutzamt ist kein einziger Historiker angestellt! Die Ansichten des Kunsthistorikers und des Architekten, so wichtig sie auch sein mögen etwa für die Datierung oder um den funktionalen Zusammenhang eines Objektes zu bestimmen, müssen durch den Standpunkt des Sozialhistorikers ergänzt werden, um den Kontext einer ‚Denkmal‘-Produktion zu erklären und die Bedeutung des Objektes für die Gesellschaft zur Zeit der Herstellung wie für die nachfolgenden und heutigen Generationen korrekt einzuschätzen. In Deutschland hat dieselbe Vernachlässigung der geschichtlichen Dimension zur Zurschaustellung vieler auf Mittelalter restaurierten, malerisch-romantischen Altstadtvierteln geführt, die mittlerweile völlig austauschbar geworden sind. Ähnliches droht etwa auf der Burg Vianden. In Befort hat sie schon vor Jahrzehnten zur anachronistischen Einrichtung einer angeblichen Folterkammer geführt. Insofern ist zu hoffen, dass das Vorhaben der Forschungseinheit IPSE (Identités. Politiques – Sociétés – Espaces) an der Universität Luxemburg zur Vertiefung der Untersuchungen über Erinnerungskulturen im kommenden Vierjahresplan umgesetzt werden kann. In deren Rahmen ist die Einstellung eines wissenschaftlich ausgebildeten Denkmalschutz-Historikers oder -Geographen vorgesehen. Viel zu häufig wird Denkmalschützern puristischer Wahn vorgeworfen, als ob sie alles Überkommene erhalten möchten. Eine Stadt, ein Dorf muss sich in der Tat weiterentwickeln. Das Problem besteht darin, die richtige Balance zu finden zwischen Erneuerung und Respekt vor der Vergangenheit. Dazu bedarf es eines öffentlichen Diskurses. Der ist auch notwendig, weil Denkmalschutz wie jeder historiographische Text Geschichtsrekonstruktion ist mit den Augen von heute. Unser historisches Wissen und Bewusstsein ist ein Konstrukt, das anders ist als jenes unserer Vorfahren. Die Stadt Luxemburg hat sich entschieden, die letzte Mühle in Stadtgrund schon vor Jahrzehnten, den letzten Bauernhof in Eich vor drei Jahren abreißen zu lassen: Solche Gebäude aus ihrer Vergangenheit gehören offenbar nicht mehr in ihr städtisches Selbstverständnis. Während man im Rahmen des nation building im 19. Jahrhundert Johann dem Blinden eine Grabkapelle im gotischen Stil errichten wollte, sieht unsere Epoche nicht mehr ein, warum sie dem mittelalterlichen Herrscher überhaupt ein Grabmal errichten soll und lässt seine Leiche in einer Ecke der Krypta in der Kathedrale verlottern. Unsere Epoche liebt es hingegen Fassaden zu schützen, der Inhalt der Gebäude darf zerstört werden, sei es bei den Kasernen auf dem Rham-Plateau oder bei den Hochöfen in Belval. Auf den Schein kommt es an, auf die historische Kulisse, auf Geschichte als Touristenmagnet, als Werbemittel für eine Handelsbranche, auf Kultur zur Imageaufbesserung des Finanzplatzes. Das aber ist Missbrauch des Denkmal„schutzes“. Wie gering das Interesse der Luxemburger Gesellschaft ist, an dieser Meinungsbildung über zu schützende Bauten teilzunehmen, habe ich am eigenen Leib erlebt. Nach neun Jahren als Vorsitzender der Vereinigung Jeunes et Patrimoine musste ich mir anhören wie der damalige Bautenminister Robert Goebbels (LSAP) „vum Pauly sengem Veräin“ redete. Wenn Denkmalschutz nur noch als privates Anliegen einer Einzelperson wahrgenommen wird, ist es Zeit zurückzutreten. Der Verein wurde wenige Jahre später mangels Unterstützung in der Öffentlichkeit aufgelöst. Auch die Vereinigung Stoppt de Bagger! stellte völlig entmutigt ihre Aktivitäten ein. Dieses Desinteresse am Denkmalschutz kontrastiert mit dem steigenden Interesse am Natur- und Umweltschutz. Insofern ist zu begrüßen, dass der Mouvement écologique sich in den letzten Jahren verstärkt in den Bereich Denkmalschutz eingearbeitet hat und sich zu Wort meldet. In der Tat ist der Begriff Denkmalschutz denkbar schlecht gewählt und Ursache vieler Missverständnisse. Es geht nicht darum, Denkmäler zu schützen, sondern Zeugen der Bau- und Lebensweise aus vergangenen Zeiten, die auch unser Stadt- und Dorfbild noch prägen. Wie beim Schutz der Natur belassenen Umwelt geht es um den Schutz der vom Menschen umgestalteten Umwelt. Und da auch die Naturschutzgebiete eigentlich vom Menschen konstruierte Kulturlandschaften sind, müsste der sog. Denkmalschutz einfach Teil des Umweltschutzes sein. Die fehlende Debatte Abwesend in der Denkmalschutzdebatte waren lange Zeit die Architekten. In dieser Nummer meldet sich die Fondation de l’architecture et de l’ingénierie zu Wort. Sie hat vor kurzem mit der Herausgabe von Carnets d’opinions begonnen. Das erste Heft war der pseudo-historistischen Architektur der Gebrüder Krier in der neuen Cité judiciaire gewidmet. Das zweite beschäftigt sich allgemein mit Baukultur in Luxemburg. „Comment faire de sorte qu’une sensibilité plus forte naisse auprès de tous les acteurs de l’aménagement de l’espace?“ fragt Anne Stauder am Schluss „pour lancer le débat“. Dieses Ziel verfolgte schon in den 1970er Jahren Jeunes et Patrimoine und vergab jedes Jahr den Goldenen Bagger für besonders verabscheuungswürdige Abrissaktionen. Zur Debatte anregen wollte auch Ina Notrott mit ihren Beiträgen in dieser Zeitschrift über alte und neueste Baukunst. Trotzdem erreichte die Diskussion um Baukultur und Denkmalpflege nie die Breitenwirkung, die die Naturschutzdebatte erreicht hat. Bei der notwendigen öffentlichen Debatte und Konsensbildung wird es notgedrungen zu Konflikten kommen. Am häufigsten dürfte darüber gestritten werden, ob ein historisches Gebäude neuen Funktionen derart angepasst werden darf, dass es seine historische Substanz eigentlich verliert, so geschehen in der Altmünsterabtei im Grund oder derzeit bei den Vauban-Kasernen auf dem Rham-Plateau oder morgen beim Umbau der „Nei Bréck“, um nur hauptstädtische Beispiele zu nehmen. Nicht jedes historische Gebäude eignet sich für jede neue Funktion. Warum aber soll die Geschichte der Funktion weichen? Warum nicht den Autoverkehr vom Pont Adolphe und aus dem Stadtzentrum verbannen und dadurch die Brücke für die Straßenbahn öffnen, ohne sie abzureißen und wiederaufzubauen? Ein Wiederaufbau ist einfach kein historisches Original mehr und entbehrt jeder Authentizität. Wer den NATO- Vertrag durch den Reißwolf geschickt hat – so geschehen im Luxemburger Außenministerium –, braucht ihn auch nicht mehr zusammenzukleben. Er ist und bleibt futsch. Das war aber lange Zeit die Haltung des Denkmalschutzamtes, das Teile der im 14.-15. Jahrhundert erbauten Stadtmauer in Stadtgrund niederlegen ließ, um Lastwagen die Durchfahrt zu erleichtern, mit dem Argument, nach den Arbeiten werde alles wieder „originalgetreu“ aufgebaut. Auch der Erhalt einer Fassade bei völliger Entkernung des Hausinneren stellt eine Geschichtsfälschung dar, so als ob man von einer Urkunde die Siegel abschneiden und konservieren, das Pergament aber vernichten würde. Meinungsverschiedenheiten wird es sicher auch geben, ab wann ein Gebäude schutzwürdig ist. Warum sollen Häuser im Bauhausstil der 1930er Jahre oder die charakteristische Fassade des Europa-Hochhauses auf Kirchberg nicht auch geschützt werden? Für letztere ist es mittlerweile zu spät. Dabei handelt es sich um einen echten ‚lieu de mémoire‘: welcher Luxemburger nennt das Gebäude nicht einfach „d’Héichhaus“, weil es vorher und noch lange danach kein anderes Hochhaus in der Stadt gab? Der neue Leiter des SSMN behauptet, es würden vermehrt auch Häuser aus dem 20. Jahrhundert unter Schutz gestellt. Die Absicht der parlamentarischen Kulturkommission, alle vor 1914 errichteten Gebäude auf das sog. ‚inventaire supplémentaire‘ setzen zu lassen, da die Inventarisierung aller tatsächlichen Denkmäler zu zeitaufwendig sei und durch eine solche Maßnahme der SSMN im Voraus über Umbauabsichten informiert werden müsse, wurde vom Staatsrat als nicht gerechtfertigte Ungleichbehandlung der Eigentümer abgelehnt. Er störte sich auch an der willkürlichen Festlegung des Datums auf 1914. Der Mouvement écologique hatte 1950 als Stichdatum genannt, in Italien sind es mobile 30 Jahre. Wie aus dem Gutachten des Staatsrats zu erkennen ist, sind auch Konflikte mit Privateigentümern zu erwarten, wenn eine Klassifizierungsmaßnahme ins Haus steht. Patrick Sanavia hat recht, wenn er die meisten Retizenzen gegen solche Maßnahmen auf mangelnde Information zurückführt, da die Eigentümer fürchten, Denkmalschutz verbiete jede Änderung. Doch Denkmalschutz kann durchaus mit dem Recht auf Eigentum kollidieren. Unter anderem auch aus diesem Grund wäre es so wichtig, dem Denkmalschutz – ähnlich wie dem Umweltschutz – Verfassungsrang zu geben. Dann kann das Eigentumsrecht nicht mehr höher eingestuft werden als das Recht der Gesellschaft auf Bewahrung der Zeugen ihrer Vergangenheit, ob es sich um den Codex Mariendalensis, Luxemburgs ältestes Automobil oder das Schloss Meysemburg handelt. u Bibliographie Michael Falser, Zwischen Identität und Authentizität. Zur politischen Geschichte der Denkmalpflege in Deutschland, Dresden 2008 Cord Meckseper, „Stadtbild, Denkmal und Geschichte. Zur Funktion des Historischen“, in: Zeitschrift für Stadtgeschichte, Stadtsoziologie und Denkmalpflege 1 (1974), S. 3-22 Michel Pauly, „Quelle politique du passé pour notre avenir?“, in: d’Lëtzebuerger Land, 9.6.1995 „Kulturelle Identität braucht Demokratie. Die Problematik des Denkmalschutzes in Luxemburg. Ein Dossier des Mouvement écologique“, in: De Kéisécker 3-2006 Vgl. Paul Zahlen, Repères bibliographiques concernant l’évolution économique et sociale au Luxembourg à partir du début du XXe siècle, éd. par le Statec, 2e édition, Luxembourg 2008, vol. 2, S. 1342f., 1350-1352
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