Klimawandel: 2 Grad
Einleitung ins Dossier
Unter Forschern, Politikern und Umweltaktivisten hat sich die Forderung durchgesetzt, dass eine Begrenzung der Erderwärmung auf maximal 2 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau absolut notwendig ist, um eine ganze Reihe einschneidender und teilweise katastrophaler Umwälzungen für das Leben auf diesem Planeten zu verhindern.
Es war eine große Leistung von Wissenschaft und orga ...
Unter Forschern, Politikern und Umweltaktivisten hat sich die Forderung durchgesetzt, dass eine Begrenzung der Erderwärmung auf maximal 2 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau absolut notwendig ist, um eine ganze Reihe einschneidender und teilweise katastrophaler Umwälzungen für das Leben auf diesem Planeten zu verhindern.
Es war eine große Leistung von Wissenschaft und organisierter Zivilgesellschaft, dieses 2 Grad Ziel weltweit als rote Linie in den Köpfen zu verankern. Die Konzepte dahinter basieren auf Zahlen von vor 1995. Erst 2009 haben sich die in der G20 versammelten Staaten auf dieses Ziel festgelegt, doch man muss schon heute befürchten, dass dieses Ziel überholt und nicht mehr zu realisieren ist.
Mit wachsendem Entsetzen stellen wir fest, dass die Menschheit angesichts der größten Herausforderung, die sich ihr seit dem Zweiten Weltkrieg stellt, keine angemessene Antwort findet. Nimmt man das 2-Grad-Ziel ernst, und man sollte es todernst nehmen, impliziert es innerhalb einer Lebensspanne die Reduktion der menschenbewirkten CO2-
Emissionen praktisch auf 0 und den kompletten Ausstieg aus der fossilen Energiewirtschaft. Es bedeutet, dass wir bis 2020, das heißt innerhalb zweier Legislaturperioden, unsere Emissionen um 20 bis 30 % reduzieren müssten und das prinzipiell ohne das Wachstumsdogma in Frage zu stellen. Wie das gehen soll, bleibt nicht nur im aktuellen Regierungsprogramm der luxemburgischen Regierung eine unbeantwortete Frage.
Immer häufiger findet man Hinweise, dass Wissenschaftler, Planer und verantwortliche Politiker das 2-Grad-Ziel insgeheim längst abgeschrieben haben und die Welt von morgen unter einem anderen Vorzeichen sehen (und mit den damit einhergehenden Umwälzungen). Das dem französischen Umweltministerium zugehörige Observatoire national sur les effets du rechauffement climatique (ONERC) publizierte vor kurzem z.B. eine ganz offizielle Studie zu den Folgen des Klimawandels auf die französische Gesellschaft, Wirtschaft und Geographie. Es ging dabei (ohne dass dies weiter kommentiert wurde) von einem mittleren Temperaturanstieg um 3 bis 4 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts aus (Le Monde 27.9.09).
Deutlich zeichnet sich auch eine Verschiebung der politischen Positionen ab. Die einzelstaatlichen Akteure sind dazu übergegangen, ihre Partikularinteressen auf Kosten des globalen Interesses zu verfolgen. Luxemburg ist dabei nur ein kleines, hässliches Beispiel unter vielen. So ist der Fokus unmerklich von der Abschwächung und Verhinderung weiterer Erwärmung (mitigation), die nur durch gemeinsame Anstrengungen möglich wären, auf Anpassung an und Vorbereitung auf die neuen klimatischen Bedingungen (adaptation) gerückt. Wenn die Niederlande also lieber in Deiche investieren und Italien in die Aufrüstung des Polizei- und Sicherheitsapparates, wenn Deutschland seiner Autoindustrie Vorrang einräumt und die immer noch vom Staat kontrollierte luxemburgische Energiewirtschaft auf Gas und Kohle setzt, wenn die „Verteidigungsminister“ die Rohstoffkriege der Zukunft skizzieren und die einzelnen EU-Staaten sich auf keine Finanzierungsschlüssel für die Hilfsmaßnahmen im Süden einigen, dann sind wir in einem Szenario des „Rette sich wer kann“ bzw. des „Jeder für sich“.
Den politischen Willen oder die praktische Realisierbarkeit des 2-Grad-Zieles in Frage zu stellen, kommt jedoch einem Tabubruch gleich: Zu groß ist die Angst, dass die zaghaften Anstrengungen zum Klimaschutz im Keim erstickt werden könnten, wenn die Menschheit – kaum dass sie die Gefahr realisiert hat – auch schon die Unausweichlichkeit der Entwicklung akzeptieren würde.
Aber die Notwendigkeit entschieden zu handeln, ergibt sich nicht nur aus einer mehr oder weniger optimistischen Einschätzung der Erfolgsaussichten, sondern auch aus dem Bedürfnis nach Selbstachtung. Der Wunsch, in einem Gemeinwesen zu leben, das sich selber achtet, das auch vor dem Urteil der nächsten und übernächsten Generation bestehen kann, ist den meisten Menschen eingegeben. In Luxemburg wollen wir keineswegs – ähnlich wie es während 30 Jahren mit dem Finanzplatz geschehen ist – erneut in eine Situation des Trittbrettfahrers geraten, der unter dem Hinweis, dass er klein und bedeutungslos ist, von den Anstrengungen der anderen profitiert.
Selbstachtung würde erfordern, dass wir unsere Verantwortung im Inland tragen und uns nicht einfach im Ausland auf dubiose Weise freikaufen. Wir müssten auf den steinigen und teuren Weg gehen, mit dem wir innerhalb weniger Jahre die CO2-Emmissionen dramatisch senken. Wir müssten den energetischen Umbau unseres Gemeinwesens diskutieren, finanzieren, planen und durchführen...
Die Welt wird trotzdem in 50 Jahren eine andere sein und es lohnt sich schon heute darüber nachzudenken. Die epochale Umwälzung, die auf uns zukommt, wird nicht nur Zerstörung bringen, sondern auch eine enorme Kreativität freisetzen. Neue Formen des Zusammenlebens, des Wirtschaftens und der Politik werden entstehen. Nachdem die Naturwissenschaften sich in einer weltweit einmaligen Zusammenarbeit des Themas Klimawandel angenommen haben, ist es heute an Kunst und Literatur, den Human- und Sozialwissenschaften, insbesondere aber an Philosophie und Moral Veränderungen zu begleiten, zu diskutieren und Lösungsansätze zu formulieren.
Dieses forum-Dossier versucht den Stand der Klima-Diskussion in Luxemburg am Anfang des 21. Jahrhunderts zusammenzufassen, wenige Wochen vor der Konferenz in Kopenhagen. u
Jürgen Stoldt (stoldt@pt.lu)
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