De Superjhemp – der Comic des kleinen Luxemburgers
„Poznennö“, da hat das Gespann Roger Leiner (*02.02.1955) und Lucien Czuga (*06.12.1954) es geschafft, bisher 26 Bände des Luxemburger Comics par excellence herauszugeben. Ihre Vorgehensweise ist professionell, was ihre zahlreichen Varianten von Band zu Band zeigen. Seit November 1988 erscheinen 48-seitige DIN-A4-Alben (außer Bd. 1: 46 S.) im Verlag der Wochenzeitschrift Revue, in leider ni ... „Poznennö“, da hat das Gespann Roger Leiner (*02.02.1955) und Lucien Czuga (*06.12.1954) es geschafft, bisher 26 Bände des Luxemburger Comics par excellence herauszugeben. Ihre Vorgehensweise ist professionell, was ihre zahlreichen Varianten von Band zu Band zeigen. Seit November 1988 erscheinen 48-seitige DIN-A4-Alben (außer Bd. 1: 46 S.) im Verlag der Wochenzeitschrift Revue, in leider nicht nummerierter Reihe. Die Revue bietet jedes Mal ab Mai bis Oktober, in 22 Nummern, auf seiner fünf- und sechsletzten Seite Auszüge aus dem vor den Feiertagen erscheinenden neuesten Band. Die Originalseitenzahl entspricht dabei immer der Bandseitenzahl+2, mit Ausnahme der Kurzgeschichten. Der dynamische Stil des Zeichners Roger Leiner kann ziemlich eindeutig zur populären Ecole de Marcinelle gezählt werden, aus der große, unsterblich gewordene Zeichner wie Franquin (Gaston Lagaffe), Morris (Lucky Luke), Peyo (Schlümpfe), Roba (Boule & Bill) usw. hervorgingen. Kein Manga-Stil à la Andy Genen (Bd. 19; S. 32). Zufällig (wirklich?) wurden die ersten beiden Bände ausgerechnet bei Dupuis im belgischen Charleroi (Marcinelle) gedruckt. Immer mit Happy-End-Garantie. Immer? Nein, auch da gibt es eine Ausnahme, allerdings eine auf 500 Stück limitierte Ausgabe (Bd. 20). Leiner & Czuga – oder Czuga&Leiner? – haben viele angenehme Privilegien in Luxemburg: sicherer Absatzmarkt mangels Konkurrenz, überdurchschnittliche Beteiligung am Gewinn (Bestseller) und große künstlerische Freiheit. Dass der Preis eines anfänglichen Bandpreises von 295 Flux (1988) in 21 Jahren auf 10,75 Euro, also 434 Flux (2009) gestiegen ist, eine Preissteigerung von 74%, sollte den Erfolg bisher nicht schmälern können. Der internationale1 Erfolg aber konnte und kann nicht erfolgen. Superjhemp (SJ) richtet sich ganz klar an Insider, an Luxemburger: Sprache und zeitgeschichtliche Anspielungen. Deshalb ist SJ weltweit nur in folgenden bedeutenden Bibliotheken vertreten: Nationalbibliothek Luxemburg (alle Bände2), Deutsche Nationalbibliothek (ab Bd. 8), Internationale Jugendbibliothek in München (einzelne Bände ab Bd. 8) und Comic-Spezialsammlung der Stadtbibliothek Lausanne (Bd. 1-heute3). Geschichtsbewusst haben Leiner&Czuga ein Luxusbuerger Lexikon: de Superjhemp vun A-Z (Ed. Revue, 2008), keineswegs wissenschaftlich und komplett, herausgegeben und so die Arbeit späterer Rezensenten erheblich erleichtert. Eine Frage aber gilt es hier zu beantworten: Wie national, systemkonform4, staatstragend ist SJ, um sich das Prädikat „der 1. nationale Comic“ zu verdienen? Konservativ Wie Superman landet SJ (11;43) in der Nähe eines Bauernhofs, der des Jhempi Kuddel, zu Heihatechnachniedebauchwéi im Ösling. Sein Name wurde von seiner Mutter vorgeschlagen: „Super, Jhemp!“ (11;48). Charel Kuddel könnte auf den ersten Blick ein typischer CSV-Wähler sein: konservativ-patriotisch-monarchistisch-traditionsbewusst. Ein bizarres Erfolgsrezept für einen Comic – aber es funktioniert. Charel Kuddel ist Staatsbeamte, arbeitet – oder schläft – als Sous-chef de bureau, 1er en rang (12;4) im Ministär fir ongeléiste Problemer (M.O.P.), Service vun den hoffnunglose Fäll (1;9), im Archiv (7;21), das dem Klischee der Abteilung Staub & Stille entspricht. Ideal, um als Superheld5 nicht zuviel aufzufallen. Er besitzt ein Eigenheim mit Kamin (1;12) in der Rue de la Patrie, Nr. 150, mit Dicks-, Rodange- und Melusina- Bildern im Haus, eine Frau, Félicie Kuddel-Fleck6, am Herd, erste und einzige Lebensabschnittspartnerin, drei Kinder – Steve, Sandra und Metti – eine Katze und ein Hund. Seine Bettdecke existiert im Landesflaggenlook (1;15). Sein Einsatz für die Luxemburger Küche: Er verzehrt nur National- und Regionalprodukte wie Bouneschlupp, Marque nationale, Kachkéis und Uelzechtbéier. Man mag Schinken (14;40) – oder Steak (16;5) – mit Fritten und Salat – keine Hamburger (11;7). Seine Kinder müssen luxemburgische Musik hören (1;12/6;10). An nationalen Feiertagen nimmt er samt Familie und Flaggen (12;12) teil. Superheld Der luxemburgische Superman besitzt ziemlich menschliche Schwächen. Außer dem Fakt, dass er unter Kochkäsemangel leiden kann, ist er sehr häufig Opfer eines einfachen K.O. durch Schlag auf den Kopf. Die SJ-Ausrüstung besteht aus Kochkäseaufstrichen, Uelzechtbéier, Fléiboy, Seil, Schere, Stift und Flaschenöffner (17;9). 15-mal wurde SJ gerufen, immer mit der Zeit angepassten Mitteln (Spieldose [2;8] bis Bluetooth [25;16]). Sein Hauptkampfmittel besteht aus dem typischen Luxemburger Produkt Kochkäse (Kachkéis). Dieser wird meistens als Klebstoff und Fangnetz eingesetzt, jedoch sind der Phantasie der Autoren keine Grenzen gesetzt: vom Zündschnurlöscher (1;17) bis zum Superbenzin (26;38). Außer Kochkäse kann SJ mit Bohnen solche Darmblähungen erzeugen, dass Kuwaiterdölturmbrände oder Grünewaldfeuer (23;25-26) ausgeblasen werden können (4;4). Seinen gewaltigsten Furz setzte SJ bisher als Sonnenentfernungsbeschleuniger (23;47) ein. Als unüblicher Superheldenvorteil, neben verschärftem Gehörsinn z.B., kann sein Räps - Radar ähnleche Positiouns- sicher (3;22) bewertet werden. Bösewichte Richtig gute Bösewichte machen einen guten Comic aus. Die bedeutendsten seien hier chronologisch nach Ersterscheinung aufgelistet, nach dem Kriterium des Einsatzes in mindestens zwei Bänden: Nummer 1-2 (1;6/5;45/12;31), Poli Sprock (Nr. 7 - 1;6/5;10/20;34/ 24;25), Kommissar Dämps (1;24/3;4), Filip von Filoux (2;5/6;7/8;18/10;10/ 26;26 [als „Schëppen Äss“7]), der Hexe- meeschter (4;18/22;35), Glidia Butsch (5;18/22;38) und Jessica Jaguar (13;12/ 19;44/24;25). Welches Motiv bewegte diese acht Kriminellen: Zerstörung der Luxemburger Identität durch das Fürstentum Mona- stein (Bd. 1&12), Thron-/Dynastie-wechsel (2/6/13-14 [& Geld]), Raub des europäischen Goldesels (3), Luxemburgisch als einzige Sprache der Menschheit (4;30), ein Golfterrain für Mutschebuerg (5), Machtübernahme (8), Entführung der Regierungschefs der 15 EU-Staaten zwecks Präsidentenanerkennung (10) und Erpressung (22). Böse Autoren Es geht auch subversiv im SJ zu, z.B. werden in ziemlich anti-konservativer Weise nationale Monumente veralbert, wie die Nationalhymne (2;8), Maus Ketti (5;14), Féckpillercher (7;10), Landesmotto „Mir wëllen hale, wat mir hunn“ (7;12) und Kanonenhügel (7;26). Premierminister J.-C. Juncker ist– nach Ende der Monarchie – ein Diktator „Jottzéjott, eise Gott“ (8;19). Personenbezogen darf Großinquisitor A. Heischent erstmals in Bd. 2 (S. 30) dran glauben. Der Jomerklub darf mit Juncker-, Frieden- und Santer-Masken Banken ausrauben (17;8 & 10). Es gibt Feierkrop8-ähnliche Namensverballhornungen: Kräizfeld- Jacobs, Haricot-Schëppes und Delveau- Steeres (9;8). Und die Gerechtigkeit darf auch für Flüchtlinge siegen Schnell-justizminister (17;44) Luke Stoneheart landet als Jugoslawe zur Abschiebung in Schrassig (24;28). Politisch korrekt blieb SJ bis auf wenige Ausnahmen9 immer. Die Detailverliebtheit sorgt dafür, dass der Leser in jedem Band bei Mehrfachgebrauch Beschriftungen entdeckt, wo z.B. bestimmte Werbeprodukte und Slogans verulkt werden: „D’Luxusbourgeoise: well zu gudder Lescht, dach geblecht!!“ (20;15). Oder es entstehen neue Slogans für werbungsscheue Institutionen: „Briecht aus aus dem Alldag! Maacht Vakanz zu Schraasseg!!“ (9;9). Nur die Schleichwerbung für die Supermarktkette Cactus nimmt etwas Überhand (mindestens 11-mal in 26 Alben). Fäkalhumor sucht man im SJ glücklicherweise vergebens, jedoch sind pornographische Elemente erstaunlich oft zu finden: Die ersten Frauen oben ohne tauchen bereits in Band 1 (S. 8) auf. Die erste ganz nackte Frau auch (1;34). Und die Autoren sind sich dies auch bewusst (17;24), wenn sie freie Frauenbrüste oder Körper in 26 Bänden 23-mal zeigen. Somit dürfte SJ eigentlich kein „guter“ Comic sein und auch nicht in jeder „guten“ Bibliothek oder Buchhandlung zu finden sein. Tut er aber! Erzählstil Welche Erzählstilelemente sind typisch für SJ, d.h. tauchen regelmäßig auf und sind innovativ im Vergleich zu anderen großen Comic-Serien? Ein typischer Running Gag, mit dem die Autoren auch ihre herrliche Phantasie unter Beweis stellen: durch SJ zerbrochene Fenster.10 Immer wieder, wenn der Leser denkt, dieser „Running Geck“ (14;48) wäre ausgereizt, wird er von neuem überrascht. Dies in 26 Alben bisher ganze 50-mal, im Durchschnitt mindestens zweimal pro Band. Ebenfalls häufig wiederkehrend ist der Einsatz des Tandems Leiner/Czuga selbst: 17-mal versuchen Zeichner und Texter, dem Leser irre Wendungen zu erklären oder Witze unterzubringen. Was in Filmen äußerst nervend ist, bleibt im Comic erträglich. Die Unsterblichkeit eines Comics nutzen die Verfasser auch, um sich als Statisten gemeinsam oder einzeln unterzubringen. Ab Band 14 (S.47) wird eine neue Story-Taktik ausprobiert: Übertönen von Geheimnissen und Plänen durch eine zufällig stattfindende Geräuschkulisse. Verweise auf vorherige Alben (der erste 2;4) sind dagegen in vielen Comics der Welt zu finden. Für den kleinen Mann Einfach genial ist das Gespür der Verfasser für die Sehnsüchte eines Kleinstaatbürgers. Wie wohltuend entdeckt der Luxemburger Leser, was er schon immer dachte, wünschte und träumte, alles in einem Comic abgebildet. Zählen wir zusammen: Nationale Politik11: eine populäre, junge, entstaubte Monarchie (2;10), Chinesen lernen in Abendkursen Kultursprachen, u.a. Luxemburgisch (17;43), Juncker-Kritik: „Du fëmms wéi en Tierk an du drénks ewéi e Buuschtebënner!“ (19;22), Weihnachts- einkäufe von Luc Frieden und Erna Hennicot-Schoepges (24;7), J.-C. Juncker geht nach Europa (25;4), Nachfolgerkämpfe Fräntz Bintje vs. Luc Kriegundfrieden (25;30). Internationale Politik: sabotierte Catteoui-Einweihungszeremonie (1;32), Krieg Luxemburg vs. USA12 – Luxemburg gewinnt (Bd. 18), Finanz-Faschisten der O.Ö.C.D.(26;3). Elitäre Kulturpolitik13: ein Pei- Museum namens C.A.Q. - Centre d’Art Qu’on-comprend-rien (4;24/18;7), abgehobene Kulturstadtkoordinatoren (6;4 & 7;17) und sonstige Kultur- eminenzen (16;6), Soziokultureller Radio (6;18), Philharmonie-Gebäude zertrampelt (14;34) oder eingestürzt (20;20), Lady Rosa (16;6), National- museum (17;3-4), Dräi Kaweechelcher (17;45), Blauer Hirsch (22;3-4), Musée d’art qu’on comprend rien (Casino - 22;24). Beamtenneid: Sprüche (4;6/12,3-6/ 13,11), Juncker-Daleiden-Rededuell (8;11), Daleiden-RTL-Interview (12;7), D.O.S. - Den opblosbare Staatsbeamten (14;15), Experiment „Explo 2000“ (14;15)14. Fußball („Superball“ 2045): Luxem- burg gewinnt gegen Deutschland (8;15-18). Katholische Kirche: Diktatur (8;29- 30), ein Luxemburger als Papst (19;6): Jhemp XXIII. (19;18). Europäische Union: EU-Essensbestel- lung (10;48), Referendum (20;5), Überreglementierung durch europä- ische Direktiven (25;20/25;22/25;24). Umweltpolitik: Grünewald (12;47), Klipo – die Klimapolizei – Gefahr der Ökodiktatur (23;3), Elektrosmog (25;23). Intelligenzzweifel an Ordnungs- kräften: Armeeangehörige15 und Pecherten ohne IQ (18;21), Mobil- Brigade (25;18). Immigration: Portugiesenwitze (19;8 und 25;34-35). Anti-Bänkster (26;6). Fazit Leiner&Czuga haben mittlerweile eine ganze Generation Luxemburger mit Al- ben gefüttert. In der Geschichte des Luxemburger Comics ist dies eine einzigartige Glanzleistung: deshalb der Ehrentitel „1. nationale Comic“. Sie machen sich weiter über alles lustig, inklusive ihres Superhelden, womit die Serie wirklich nicht als systemkonform angesehen werden kann. Auch wenn SJ sich eher an erwachsene, politisch interessierte Luxemburger wendet, gehört er ins Pflichtprogramm der politischen Bildung des Sekundarunterrichts. Es ist auch davon auszugehen, dass manche Ausschnitte16 in späteren Geschichtsbüchern Verwendung finden werden. Dank Text und Bild kann den Luxemburgern in verständlicherer Form der Spiegel17 vorgehalten werden. Hoffen wir, dass eine hohe Lebenserwartung des Tandems Leiner/Czuga – Comiczeichner arbeiten normalerweise bis zu ihrem Tode – unserem Ländle noch viele weitere Bände bescheren wird. Immerhin müssen die beiden ja den Wunsch überhaupt eines jeden Luxemburgers erfüllen: mit einem Eigenbild integriert und verewigt werden! Da erwartet die beiden noch teuflisch viel Arbeit!!! – Uahahaha! Harharhar!! Nänänänänä!!! u 1 Der 1. Band mit ISBN ist Nr. 7, D’Geheimnis vun der Waliss (1994). 2 Dies beweist wieder ihre wichtige Rolle als größte Spezialbibliothek für Luxemburgensia der Welt. 3 Nur dank Sammelbänden, aber allesamt regel-mäßige Geschenke eines Luxemburger Bibliothekars. 4 Nur Bd. 3, D’Affär vum Jorhonnert, wurde vom nationalen Kulturfonds unterstützt (1990). 5 Superman war immerhin Journalist, nicht Archivar. 6 „E Superheld ënnert der Schlapp! Dat gëtt et och nëmmen hei zu Luxusbuerg!!“ (22;25) 7 Ähnlichkeit mit dem Joker im Batman-Comic. 8 Das Verhältnis zum Satireblatt Feierstëppler (25;18) ist zweideutig: „ech huelen dee Wösch hei ’mol mat op d’Toilett!!!“ (17;24) 9 Bsp.: Negermusék (1;12). Schrobiltgen-Kalauer: „Ech fille mëch zwar wéi e Moslem am Fass, pardon, wéi en Tierk an der Tonn.“ (5;13) 10 „... faalt net mat der Fënster an d’Haus!!“ J.-C. Juncker (26;7) 11 „Fleesch vu Luxusbuerger Rëndvéi! Déi hu bestëmmt eis Politiker geschluecht! Ha! Ha!!“ Charel Kuddel (9;4) 12 Siehe auch den Film The mouse that roared (USA 1959), mit Peter Sellers als Großherzogin Gloriana XII ... 13 „Pardon, datt mir dat nët erkannt hunn ...! Mir si richteg Baueren!“ Félicie Kuddel (17;4) 14 Resistenz eines Staatsbeamten in Extremsituationen, z.B. 8 Stunden hinter einem Schreibtisch sitzen. 15 „Eis Arméi hätt jo scho géint d’Pompjeeë vu Mätz keng Chance.“ J.-C. Juncker (18;30) 16 Bsp.: Asselborn => Steinmeier: „Leck mich am Finger! ... Und wenn du dich nicht gibst, dann hol ich den Bengel!!!“ (26;4) – Verweis auf die ZDF-Sendung Lafer, Lichter, Lecker vom 05.04.2008. 17 Bsp.: Ohne Luxonit gibt es keine Luxemburger mehr (12;37): keine Hand in der Tasche, kein Kochkäsekauf, kein Kauf einheimischer Musik, kein Bierkonsum, keine Kärcherarbeitslust, kein Grillen, kein Fernsehen, kein Autofahren, Recyceln statt Wegwerfen.
Diesen Artikel als PDF ansehen.
Größe: 0.36 MB




