Innenleben eines Hauses
Die Novelle Amateur von Jean Back
Erwin hat das Beobachten als Vierjähriger gelernt, als er von seinem Stiefvater in einen Bretterverschlag gesperrt wurde: „Erwin klebte immer wieder das rechte, dann das linke Auge an die Spalten. Sogar die Mutter bemerkte er nur als eine in helle Scheiben zerschnittene Figur, die vor dem Verschlag auf und ab trippelte und laut schniefte.“ Diese zerlegende Wahrnehmung behält Erwin auch als E ... Erwin hat das Beobachten als Vierjähriger gelernt, als er von seinem Stiefvater in einen Bretterverschlag gesperrt wurde: „Erwin klebte immer wieder das rechte, dann das linke Auge an die Spalten. Sogar die Mutter bemerkte er nur als eine in helle Scheiben zerschnittene Figur, die vor dem Verschlag auf und ab trippelte und laut schniefte.“ Diese zerlegende Wahrnehmung behält Erwin auch als Erwachsener bei, er sieht die Welt seziert, wie damals als Kind: „Die zerteilten Baumkronen, die durchgeschnittenen Hühnerkörper, die längs gerasterten Obstgärten wurden ihm wertvolle Einzelstücke einer Sammlung, die ihn als Ganzes nicht interessierte.“ Mietshäuser sind in der Literatur wie im Film erprobte Objekte eines derartigen sezierenden Blicks; in einem Querschnitt offenbaren sie ihr variationsreiches Innenleben. Auch Jean Backs Novelle Amateur dreht sich um das Eindringen in ein Haus. Erwin ist als Vertreter für Plastik-Weihnachtsbäumchen unterwegs. In einem Mietshaus, das ihm „wie eine in Beton gegossene Müllhalde“ erscheint, sucht er die Bewohner auf. Manche sind geistig skurril, andere fallen durch ihre Körper aus dem Rahmen. Manche sind wütend und werden dem Vertreter gefährlich. Jean Backs Charakterstudien sind voller Leben, und er versteht sich auf luxemburgisches Lokalkolorit. Manche Szenen verschmelzen zu surrealen Collagen. Der Autor entwickelt hier eine faszinierende Bilderfülle: „Die Wände in der Wohnung wichen zurück und öffneten den Raum auf eine weite Fläche: Schilfhalme standen neben ausgenommenen Pferdekadavern, Schachfiguren rutschten wie von Geisterhand bewegt über Karofelder, immer weiter dehnte sich das Feld unter dem wolkenlosen Himmel aus.“ Die Grenzen zwischen Realität und Irrealität verschwimmen ebenso leicht und scheinbar selbstverständlich, wie der Weihnachtsbaumverkäufer zum Mörder einer jungen Frau wird. Jean Back häuft gerne Reizwörter an, dies gelingt ihm durchaus expressiv: „Stars and Stripes Handtücher flatterten über vietnamesischen Reisanbauten, Helikopter flogen ihre Runden und spien Feuer und Rauch und versprühten Agent Orange über dem Dschungel. Weihnachtskrippen leuchteten am helllichten Tag und die Glühbirnen an den Pferdeköpfen verströmten einen Geruch von Öl und Benzin und alte Autoreifen lagen neben Pfählen, an denen Schweine angenagelt waren und hohe Schreie ausstießen.“ Erwins Geschichte ist mit einer Rahmenhandlung verflochten, die in der Schulzeit des Autors Back spielt. Der Ich-Erzähler bewegt sich als Schüler in einem Freundeskreis mit dem gesellschaftskritischen Impetus der frühen 1970er Jahre. Im Gegensatz zu den individuellen Bildern der Kerngeschichte wird die Rahmenhandlung nicht selten mit gesuchter Bildlichkeit erzählt, etwa wenn die Muse Rosa als Ausdruck ihrer sexuellen Befreiung in einem Schlagloch voll rostrotem Regenwasser badet. Derartiges raubt der Figur ihre Lebensnähe, sie verblasst zur erotischen Projektion. Auch das Bordell, das in der gesamten Novelle wie ein Leitmotiv auftaucht, wirkt als Bild abgenutzt neben den reichen anderen Beobachtungen des Autors. Die Rahmenhandlung kommentiert die Kerngeschichte, beschreibt gleichsam einen Prozess der Entstehung. Es ist eine Hausarbeit, der Text eines Schülers, von Freundin Rosa bewertet und abgewertet. Rosa nennt ihren Freund immer wieder „Amateur“. Die ruppige Kritik, vom Autor zum Titel der Novelle erhoben, bildet einen reizvollen Kontrast zu dem lesenswerten Text. Leider wird das schmale Bändchen in seinem Klappentext überaus ungeschickt mit folgendem Satz präsentiert: „Amateur ist die Neufassung einer Hausarbeit, die der Sekunda IIc im Escher Lycée de Garçons 1971 vom Deutschlehrer aufgegeben wurde.“ Das dürfte abschrecken, daran ändert auch der dann folgende knappe Hinweis auf die Rahmenhandlung wenig. Der Novelle sind dennoch Leser zu wünschen. u
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