Doping und Hochleistungssport
Interview mit Prof. Axel Urhausen, Leiter der sportmedizinischen Abteilung des CHL
Der Hochleistungssport steht im Generalverdacht des Dopings. Zu viele Skandale hat es in den letzten Jahren gegeben. Prof. Urhausen, wann spricht man von Doping?
Axel Urhausen: Es ist sehr schwer, Doping in einem Satz zu definieren. Es ist allerdings konkret in einer jährlich überarbeiteten Liste festgelegt, welche Substanzen und Methoden als Doping gelten. Wird eine dieser Substanzen ode ...
Der Hochleistungssport steht im Generalverdacht des Dopings. Zu viele Skandale hat es in den letzten Jahren gegeben. Prof. Urhausen, wann spricht man von Doping?
Axel Urhausen: Es ist sehr schwer, Doping in einem Satz zu definieren. Es ist allerdings konkret in einer jährlich überarbeiteten Liste festgelegt, welche Substanzen und Methoden als Doping gelten. Wird eine dieser Substanzen oder Methoden im Training oder Wettkampf angewendet, spricht man von Doping. Ein Experten-Komitee macht jedes Jahr Vorschläge, welche Substanzen und Methoden in die Liste aufgenommen werden sollen. Allerdings wird die endgültige Entscheidung in einem politisch besetzten Gremium eine Instanz höher getroffen. Das führt leider immer noch dazu, dass sich auf dieser Liste Subs-tanzen wiederfinden, bei denen es wissenschaftlich nicht genau nachzuvollziehen ist, warum gerade sie dort stehen und andere nicht. Hierbei wird eine Substanz nach drei Kriterien bewertet, erfüllt sie zwei davon, spricht man von Doping: 1. nachgewiesene Leistungssteigerung, 2. Gefährdung der Gesundheit, 3. ethische Bedenken bzw. Verstoß gegen den Sportgeist.
Es gibt bereits viele verschiedene Dopingsubs-tanzen und dauernd kommen neue auf den Markt. Welches sind die gängigsten Mittel?
A.U.: In den 1960er Jahren wurden vor allem Aufputschmittel und Amphetamine genommen. Die sind mittlerweile so leicht nachzuweisen, dass sie eigentlich kaum mehr zum Einsatz kommen, es sei denn als ganz neue, sogenannte Designerdrogen. In den 1970/80er Jahren waren anabole Steroide sehr gefragt, die heute aber auch leicht nachzuweisen sind. Diese Mittel werden vor allem im Muskelaufbau eingesetzt, sind jedoch auch regenerationsfördernd, was somit auch für Sportarten ohne deutliche Kraftkomponente interessant sein kann. Ziel ist heute vor allem die Verbesserung der Sauerstoffversorgung des Muskels durch Blutdoping oder
Erythropoetin-Präparate, kurz EPO. Dadurch wird die Ausdauerleistung verbessert. Man befürchtet, dass in Zukunft vermehrt auf genetische Manipulationen zurückgegriffen wird. Die sind sicher mit einem extrem hohen Gesundheitsrisiko verbunden und bereits verboten, ohne dass man aber weiß, ob sie bereits angewendet werden.
Welche Gefahren hängen mit dem Konsum von Dopingmitteln zusammen?
A.U.: Das hängt von der Substanz ab. Steroide und Testosteron greifen z.B. den Herzmuskel an, machen ihn dicker und weniger elastisch: Das kann zu Herzschwächen führen. Bei EPO kann es zu Herz-Kreislaufproblemen durch Thrombosen kommen, außerdem steigt das Krebsrisiko. Auch Wachstumshormone haben viele Nebenwirkungen: Bluthochdruck, Diabetes, Krebs ... Trotzdem kommen sie zum Einsatz, denn sie bauen energiebereichernde Substanzen wie Proteine auf und begünstigen den Fettabbau. Die Wirkungen von Genmanipulationen schließlich sind kaum zu steuern.
EPO, Anabolika oder Wachstumshormone sind außerdem sehr schwer nachzuweisen.
A.U.: Anabolika können leicht nachgewiesen werden. Bei verschiedenen EPO-Präparaten hingegen, die dem natürlichen EPO ähnlich sind, ist es sehr schwierig, und wenn, dann nur für eine sehr kurze Zeitspanne. Der Einsatz von Wachstumshormonen wird erst seit dem letzten Jahr systematischer gemessen, obwohl die Methode schon länger vorliegt. Ich habe das Gefühl, dass man da ab und zu an der falschen Stelle spart und dafür an anderen überflüssigen, aber öffentlichkeitswirksamen Stellen Scheingefechte führt.
Was ist der Unterschied zwischen Urin- und Bluttests?
A.U.: Urin hat den Vorteil einer Verstoffwechslung und Sammelfunktion, daher ist Doping dort meist entgegen der landläufigen Meinung besser und direkter nachweisbar, im Blut gibt es z.B. für EPO indirekte Hinweise. Die Zukunft der Dopingbekämpfung liegt allerdings im sogenannten Blutpass. Der internationale Radverband (UCI) ist hier federführend. Er hat als Ers-ter solche Pässe systematisch eingesetzt. Mit dem Blutpass wird über viele Blutproben ein individuelles „normales“ Profil eines Sportlers erstellt. Dadurch können verdächtige Änderungen im Blutbild festgestellt werden und daraufhin kann der Sportler gezielt kontrolliert werden. Es ist zwar dann nicht möglich direkt zu bestimmen, welche Substanz genommen wurde, aber man kann beweisen, dass eine Manipulation vorliegt. Das ist vor Gericht zulässig und es gibt bereits einige wenige Fälle, in denen Sportler verurteilt wurden durch diese indirekten Beweise.
Wie wird eigentlich gedopt?
A.U.: Meistens handelt es sich heute um eine Kombination aus mehreren Präparaten, die in regelmäßigen Mikro-Dosierungen
eingesetzt werden, daher sind sie auch schwerer nachzuweisen. Bei Floyd Landis, dem sein Tour-de-France-Gewinn von 2006 aberkannt wurde, wurden zunächst geringe Mengen von körperfremdem Testosteron nachgewiesen, später zugegeben wurden dann auch noch Bluttransfusionen, EPO und Wachstumshormone. Aber wir sollten nicht immer nur von den Radfahrern sprechen, auch wenn nun die Tour de France startet: In den meisten anderen Sportarten, bei denen Muskelkraft, Schnelligkeit, Ausdauer und schnelle Regeneration eine Rolle spielen, wird diese Kombination benutzt.
Könnte man dem nicht entgegenwirken, indem man die Kontrollen auf die Tage kurz vor den Wettkämpfen verlegt? Scheinbar ist es doch so, dass manche Sportler bis kurz vor den Wettkämpfen Testosteron-Patchs benutzen, was aber 2-3 Tage später nicht mehr im Urin nachgewiesen werden kann.
A.U.: Sogenannte intelligente Kontrollen sind natürlich die erste Voraussetzung. Erst in den letzten Jahren werden diese verstärkt durchgeführt, beispielsweise in den Wochen vor dem Wettkampf. Trotzdem muss man sagen, dass viele Erfolge in der Dopingbekämpfung durch juristische, polizeiliche, oder Zoll-Kontrollen erfolgt sind. Der Sport kommt meiner Meinung nach bezüglich der Kontrollen und auch der Sanktionen langfristig nicht alleine klar. Er braucht Hilfe von staatlicher Seite. Frankreich oder Italien z.B. haben seit langem die strengsten Antidoping-Gesetze. Nach skandalösen Umständen ist in Spanien 2007 ein Antidoping-Gesetz gegen Händler und Mediziner erlassen worden, wobei ich allerdings noch nicht sicher bin, wie konsequent die Umsetzung ist. Da wurde wohl auch viel unter den Tisch gekehrt. Und das liegt sicherlich nicht unbedingt an den Radrennfahrern. So gehen viele Insider davon aus, dass auch Vertreter anderer Sportarten auf der berühmten Liste des Blutpantschers und Gynäkologen Fuentes stehen, die offenbar dermaßen prominent waren, dass die spanische Justiz sich nicht traut, die Affäre voranzutreiben.
Bezüglich der intelligenten Kontrollen drängt sich natürlich die Frage auf, ob die Radsport-Verbände daran überhaupt ein ehrliches Interesse haben können?
A.U.: Das gilt nicht nur für den Radsportverband. Man muss die Kontrollen ganz klar aus der Verantwortung der Verbände selbst nehmen. Die Kontrollen müssen von einem externen und unabhängigen Kontrollorgan durchgeführt werden. Manche Verbände sind aber auch sehr konsequent – so hat der italienische Radsportverband gerade alle seine bisher des Dopings überführten Fahrer für die von ihm zu nominierenden Rennen, also die nationalen und Weltmeisterschaften, gesperrt. Auf die Tour de France hat der Verband ja keinen Einfluss, da fahren die Sportler für ihre Profi-Teams.
Wie lange dauert es, bis die Resultate einer Kontrolle vorliegen?
A.U.: Das geht meist recht schnell. Bei wichtigen Wettbewerben versucht man, bereits nach wenigen Tagen ein Resultat zu haben, um auch wegen der sportlichen Konsequenzen schnell reagieren zu können. Es ist immer sehr enttäuschend, wenn ein Sportler im Nachhinein als Sieger
deklariert wird, der aber zuvor nicht auf dem Siegerpodest stehen konnte – das wird von vielen gar nicht mehr als Sieg empfunden.
Es wird ja immer eine A- und eine B-Probe entnommen. Die A-Probe wird sofort verwendet, die B-Probe kommt später zum Einsatz, falls die A-Probe positiv getestet wird. Was bringt das konkret? Kann das jemanden entlasten?
A.U.: Tatsächlich gibt es fast nie einen Unterschied zwischen A- und B-Probe, so wie heute in den Laboratorien gearbeitet wird. Sehr selten kann ein solcher Unterschied vorkommen, wenn beispielsweise eine A-Probe knapp über dem Grenzwert liegt und etwas beim Transport schief läuft, hat der Athlet bei der B-Probe eine minimale „Chance“, dass der Wert doch noch knapp unter der Grenze liegt und er demnach nicht verurteilt wird. Es gibt in der Tat aktuell Diskussionen darüber, die B-Probe abzuschaffen, weil es die Prozedur unnötig verlängert und verteuert.
Spätestens seit den Skandalen um die Teams Festina und Telekom wissen wir, dass Mannschaftsärzte in die Beschaffung und Vergabe von Doping involviert sein können. Was verleitet Ärzte zu solchen Methoden?
A.U.: Das ist sehr unterschiedlich. In manchen Fällen wusste der Arzt von nichts, in anderen wiederum war es der Arzt, der die Fäden zog. Bei der Telekom haben die beiden Ärzte systematisch Doping betrieben. Die Nähe zum Athleten war einfach zu groß geworden. Auch wurden die Ärzte von der Telekom finanziert, sie hatten also jedes Interesse daran, dass das Team gute Resultate einfuhr. Eine ärztliche Tätigkeit, besonders in der Sportmedizin, muss immer unabhängig vom Erfolg des Teams sein. Der Arzt muss eine gewisse Distanz wahren. Deshalb achten wir bei unseren Leuten darauf, dass sie, wenn sie einen Verband oder Club betreuen, nicht finanziell abhängig sind. Das ist Voraussetzung.
Bei vielen bekannten Doping-Fällen, hinter denen Mediziner stecken, handelt es sich zudem eigentlich nicht um Sportmediziner. Sie haben es bereits angesprochen, Eufemiano Fuentes beispielsweise ist Gynäkologe ...
A.U.: Stimmt. Es wird immer gesagt, es seien die Sportmediziner, die hinter den Dopingfällen stecken würden, dabei hat das Ganze nichts mit Sportmedizin zu tun. Natürlich sind Sportmediziner mehr in den Sport involviert, aber man braucht keine sportmedizinischen Kenntnisse, um mit Doping zu handeln. Man braucht genügend kriminelle Energie, Apotheken, die falsche Rezepte beliefern usw.
Leidet die Sportmedizin darunter?
A.U.: Natürlich, die Sportmedizin hat mit ihrem Image zu kämpfen. Mehr als andere medizinische Fächer muss sie ganz bewusst darauf achten, sauber und wissenschaftlich zu arbeiten.
Viele Substanzen, die im Doping eingesetzt werden, sind eigentlich nicht illegal, sondern für bestimmte medizinische Zwecke gedacht. Sie werden also nur zweckentfremdet.
A.U.: Sie sind insofern illegal, weil sie mit falscher Indikation eingesetzt werden. Es handelt sich also zumindest um eine Missachtung des Arzneimittelgesetzes. Leider wird dieses Gesetz nicht oft appliziert, daher gibt es nicht viele Fälle, in denen der Missbrauch von Medikamenten konsequent verfolgt wurde. Es gibt z.B. Trainer in Deutschland, die mit großen Mengen Testosteron erwischt wurden und die dann einfach behauptet haben, das Testosteron sei für private Zwecke. Es ist sehr schwer zu beweisen, dass dahinter tatsächlich eine vorsätzliche Dopingabsicht steckt.
Unseren Informationen nach wird auch viel im Amateurbereich gedopt. Handelt es sich dabei um die gleichen Mittel wie im Hochleistungssport?
A.U.: Ja, Doping spielt auch bei den Amateuren eine große Rolle. Im Prinzip sind es die gleichen Mittel, allerdings hinkt die Entwicklung etwas hinterher. Die neuen Substanzen und die Organisation, die dahinter steckt, sind nämlich unheimlich teuer. Im Amateurbereich wird deshalb oft auch eine qualitativ minderwertigere Ware benutzt, was wahrscheinlich eine noch größere Gefahr für die Gesundheit darstellt. Der Antidoping-Fonds ist finanziell limitiert, nicht jeder Bereich kann kontrolliert werden. Davon abgesehen weiß ich nicht, ob es sinnvoll wäre in jedem Fitnessstudio Kontrollen einzuführen ... Im Hochleistungsbereich, wo mit Sport Geld verdient wird und der vor allem auch eine Vorbildfunktion für unsere Kinder und Jugendlichen hat und somit für essentielle und durch keine anderen Bereiche zu vermittelnde Werte in unserer Gesellschaft steht, ist es wichtig Regeln einzuhalten, aber im Fitnessstudio, da geht es eher um ärztliche Aufklärung.
Stimmt es, dass es bei den Amateuren einfacher ist zu dopen, weil weniger kontrolliert wird?
A.U.: Sicher. Das eine hängt mit dem anderen zusammen. Es wird selten kontrolliert, also ist die Wahrscheinlichkeit erwischt zu werden gering. Die Attraktivität ist aber auch weniger hoch: Der Gewinn einer Plastikmedaille oder Urkunde sind meiner Meinung nach etwas anderes als die Möglichkeit, 100000 Euro zu verdienen und vielleicht für sein ganzes Leben ausgesorgt zu haben.
Radsport assoziieren die meisten heute automatisch mit Doping...
A.U.: Es ist wichtig zu verdeutlichen, dass Doping nicht nur ein Problem im Radsport ist. Ich bin überzeugt, dass in fast allen anderen Sportarten ebenfalls viel geschummelt wird. Nehmen wir den 100- oder 400-Meter-Lauf in der Leichtathletik: Wer von den Finalisten der früheren Olympischen Spiele ist noch nicht verurteilt worden? Radrennfahrer müssen regelmäßig zur Blutkontrolle und stehen stärker unter Beobachtung. Es gibt nicht viele Sportarten, wo Kontrollen so systematisch durchgeführt werden. Bei den letzten Europameisterschaften im Schwimmen beispielsweise wurden erst gar keine Blutkontrollen durchgeführt. Das war eine Entscheidung des internationalen Verbandes. Das war kein gutes Signal und kann auch von den meisten Sportlern selber nicht nachvollzogen werden.
Kommen wir zur Tour de France. Ist es wirklich möglich, vorne mitzufahren und Etappen zu gewinnen ohne Konsum irgendwelcher Substanzen?
A.U.: Ich habe persönlich schon mit vielen Topathleten gearbeitet und bin überzeugt, dass es auch heute noch möglich ist, ohne Doping Weltmeister oder Olympiasieger zu werden. Die menschliche Leistung kann unglaublich sein. Gedopte Sportler bringen bestenfalls 10 Prozent mehr Leistung. Diese Spanne kann natürlich entscheidend sein, ob man eine Medaille gewinnt oder nicht. Wenn niemand bei der Tour de France dopen würde, dann würde uns ihre Leistung trotzdem immer noch völlig übermenschlich erscheinen. Meiner Meinung nach gibt es außergewöhnliche Menschen, die ohne Doping zu außergewöhnlichen Leistungen fähig sind. Deshalb bin ich auch davon überzeugt, dass nicht alle Fahrer in der Tour de France gedopt sind, auch die, die vorne mitfahren.
Wie wichtig ist der Körperbau?
A.U.: Alles muss stimmen, um ein Elitesportler zu sein: Talent, Körperbau, Fahrtechnik, eine außergewöhnliche Ausdauer, eine außergewöhnliche Muskelstruktur und auch die Psyche... Leider stehen Sportler, die eine tolle Performance abliefern, immer gleich unter dem Doping-Verdacht, obwohl die meisten sauber sind.
Welche legalen Mittel gibt es, um drei Wochen Tour de France durchzustehen?
A.U.: Es gibt sehr viel. Bloß wird der aktuelle Stand der sportwissenschaftlichen Forschung zumindest im Trainingsbereich von vielen Radprofis noch immer nicht richtig ausgeschöpft. Viele Trainer arbeiten leider meist immer noch so, wie sie es aus ihrer eigenen aktiven Zeit kennen. In puncto Ernährung ist klar, dass man eine Tour de France nicht mit einer normalen Ernährung bestreiten kann. Die Fahrer sind den ganzen Tag unterwegs, verbrennen bis zum 5-fachen der normalen Kalorienzahl pro Tag und müssen also auch auf dem Fahrrad viel zu sich nehmen, sonst reicht es von den Nährstoffen her nicht. Es gibt natürlich auch viel Blödsinn, Produkte, die nichts bringen und sogar kontraproduktiv sein können, selbst wenn sie legal sind. Viele Firmen verdienen Milliarden mit solchen Sportprodukten; sie lassen einen prominenten Sportler dafür werben, indem sie ihm das Produkt kostenlos zur Verfügung stellen und jeder glaubt daraufhin, er bräuchte das auch, um seinen Sport zu betreiben.
Viele Kritiker behaupten, Doping sei beim Radsport systemimmanent, dadurch dass ehemalige Rennfahrer nun als Betreuer, Manager usw. in den Teams tätig sind.
A.U.: Es ist schon auffällig, dass Leute, die des Dopings überführt worden sind, oft den Weg zurück in den Sport finden. Ich persönlich finde das nicht richtig. Diese Leute sollten weder als Sportler, noch als Sportdirektoren oder Trainer in den Radsport zurückkehren. Das System ist in dieser Hinsicht nicht konsequent, auch weil es sich selbst sanktioniert.
Eine andere Frage, die sich aufdrängt, ist, ob die Fahrer sich überhaupt bewusst sind, dass sie betrügen?
A.U.: Viele Fahrer sehen das nicht als Betrug, weil es ja alle machen – glauben sie zumindest. Durch ihren Beruf stehen sie unter einem enormen Druck. Für sie ist es eine Wiederherstellung von Chancengleichheit. Das ist auch ein Problem der Öffentlichkeit: In allen Verträgen und Presseartikeln steht, man dürfe nichts Illegales machen. Aber sobald die Leistung ausbleibt, ist man weg vom Fenster. Wenn man weiß oder glaubt zu wissen, dass die Konkurrenten dopen und man selbst kein außergewöhnliches Talent hat, dann hat man ein enormes Problem. Dann hat man die Wahl, entweder den Beruf zu wechseln oder mitzuspielen.
Wahrscheinlich gibt es aber auch eine Art
Kodex des Stillschweigens...
A.U.: Man sieht ja immer wieder, dass diejenigen, die viel geredet haben, kein Team mehr finden. Es gibt aber auch welche, die behaupten, sie hätten alles gebeichtet, aber im Grunde genommen haben sie nur das zugegeben, was ihnen sowieso bereits nachgewiesen wurde.
Ist die Rolle der UCI gegenüber Dopingsündern konsequent genug?
A.U.: Ich glaube nicht, dass man einem Verband zumuten kann, in Sachen Doping konsequent zu sein. Da muss meiner Meinung nach eine unabhängige Institution eingreifen. Die UCI ist in vielen Entscheidungen sicherlich nicht konsequent. Doch man muss auch sehen, was in der Praxis geschieht, wenn ein Sportler nicht starten darf: Dann hat der Verband eine Klage am Hals. Kann nicht hieb- und stichfest bewiesen werden, dass der Sportler gedopt hat, kann der Anwalt des Betroffenen die UCI auf eine Strafe in Millionenhöhe verklagen. Das ist ein Teufelskreis, von dem die Öffentlichkeit meist keine Kenntnis hat.
Wie zufrieden sind sie mit der unabhängigen Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA)?
A.U.: Das Optimum ist sicherlich noch nicht erreicht. Auch WADA muss sicherlich Kompromisse eingehen, aber die Richtung stimmt. Von der WADA gehen allerdings auch manchmal unrealistische Regelungen aus. So ist es z.B. unmöglich alle Sportler im Schützensport, wo in den hohen Altersklassen große Teilnehmerfelder nationale Meisterschaften schießen, genauso eng zu kontrollieren wie in anderen sicherlich exponierteren Sportarten. Finanziell ist das nicht machbar. Auch ist das Verbot einiger Asthmamedikamente nicht nachvollziehbar und bereitet mehr Papierkrieg, als dass es gegen das Doping hilft.
Gibt es eigentlich Forschung im Doping- bzw. Antidopingbereich?
A.U.: Viele Kollegen, Biochemiker, forschen nach Methoden, um Mittel wie EPO länger und in kleineren Quantitäten nachweisen zu können. Es gibt aber auch die „dunkle“ Forschung, beispielsweise in Richtung Designerdrogen. Ich denke da an die BALCO-Affäre in den USA. Dort wurde erstmalig eine Substanz nur für den Doping-Einsatz im Sportbereich geschaffen. Das ist sicher kein Einzelfall. Solche Substanzen sind nur sehr schwer nachzuweisen, weil man nur das findet, was man sucht, und man sucht nur, was man kennt. Weiß man nicht, dass eine neue Substanz auf dem Markt ist, können die Geräte nicht darauf eingestellt werden. Auch deshalb liegt die Zukunft im indirekten Dopingnachweis. Außerdem kommt es immer mehr zu einer Zusammenarbeit zwischen den Dopingjägern und der Pharmaindus-trie, um noch nicht auf den Markt gekommene Medikamente bereits frühzeitig nachweisen zu können.
Die Fans der Tour de France lassen sich von den Dopingproblemen nicht beirren. Jedes Jahr jubeln die Zuschauer am Streckenrand und sind euphorisch, obwohl sie sich denken können, dass es nicht immer mit rechten Dingen zugeht.
A.U.: Ja, die Fans blenden das total aus. Der Unterschied zwischen Luxemburg und Deutschland beispielsweise könnte im Radsport nicht größer sein: In Deutschland wird in der Presse überwiegend über Doping berichtet, der sportliche Teil findet fast keine Erwähnung. In Luxemburg hingegen herrscht derzeit eine große Euphorie. Ich finde die deutsche Haltung nicht in Ordnung, andererseits darf man nicht vergessen, dass sie große Probleme mit ihren Teams hatten.
Wie stehen Sie persönlich zur Tour?
A.U.: Ich betreibe selber Radsport, deshalb ist er einer meiner favorisierten Sportarten, die man auch noch bis ins hohe Alter betreiben kann. Ich kenne die Anstrengungen der Fahrer und habe großen Respekt davor.
Vielen Dank für das Gespräch. u
(Das Interview fand am 8.6.2011 statt. LH)
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