Die Reformation
Im Kanon des krachenden Europa, der diskreten sozialen Umschichtung und der lauten akademischen Kopfgeburten gerät die stete Reform der Schule in den neunten Kreis des bildungspolitischen Infernos. Die Ministerin hat keinen Vergil zur Seite. Dafür mehr Bittsteller als die Mutter Gottes zu den besten Zeiten der Marienoktave.
Der üble Ruf der Bildungsbürokratie beherrscht das Pausengespr ...
Im Kanon des krachenden Europa, der diskreten sozialen Umschichtung und der lauten akademischen Kopfgeburten gerät die stete Reform der Schule in den neunten Kreis des bildungspolitischen Infernos. Die Ministerin hat keinen Vergil zur Seite. Dafür mehr Bittsteller als die Mutter Gottes zu den besten Zeiten der Marienoktave.
Der üble Ruf der Bildungsbürokratie beherrscht das Pausengespräch im Lehrerzimmer wie das Feuilleton der Tagespresse. Die lautstarke Entrüstung ist zu einem Mechanismus geworden, den die Medien großzügig bedienen. Die schulische Klientel will Wandlung und Stillstand zugleich. Bestände wollen ängstlich gewahrt, Zustände definitiv verändert werden. Das verwaltete
Chaospotential organisatorischer Übergänge garantiert als Kons-tante die aufbrausende Empörung.
Die Schule in Luxemburg galt als die beste der Welt, bis Pisa sie schief ausleuchtete. Der angestrahlte und gewiss defizitäre Teilbereich hat eine relative Bedeutung, dessen Gewichtung von außen verordnet wird. Einheimische Lehrpläne kommen inzwischen freilich ohne Diktat aus. Bildungspolitik lässt sich nicht auf dem Reißbrett erzeugen, und die Summe angehäufter „itemisierter“ Fragmente generiert am Ende bestenfalls eine Kompetenzdeponie. Schule muss Sinn machen, und dieser Sinn wird nicht denkensgemäß erzeugt, sondern lebensgemäß aktiviert. Die gegenwärtige Evaluationsneurose läuft Gefahr, zu einem semantischen Verlegenheitsgebilde zu werden, das sich in Expertenkuckucksheimen fernab der Wirklichkeit mit sich selbst beschäftigt oder in den Dienst des Großen Bruders begibt, von dem es inzwischen ja mehrere geben mag.
Der Große Bruder
Die wesentlichen Entscheidungen bildungspolitischer Orientierung kommen in internationalen Gremien über den Nebeln von Avalon zustande. Namen und Organisationen sind hier Schall und Rauch. Diese Konstellation ist gleichermaßen Phantasma und Wirklichkeit. Die Verordnung der Ökonomie bringt die Reaktion in Fahrt. Die im engeren wirtschaftlichen Sinne gewinnmaximierende Auftragslage stürzt die Bildungsanstalten in Verlegenheit. Es ist gewiss die verdammte Pflicht und Schuldigkeit der Schule, den wirtschaftlichen Bedürfnissen der Stunde und der Zeiten mit Effizienz zu entsprechen. Differenzierte ökonomische Performanz fundiert legitimerweise die Lehrpläne und die Profile der Lehramtskandidaten.
Allein, auch wenn es selbstisch hergeht wie nie, steht der Einzelne zentral. Aus dem Kind soll was werden. Da gibt es kaum einen, der sich nicht umstellen wollte und könnte. Bildung und Erziehung ereignen sich nicht in Ställen und Zellen aufgetragener Zucht und Züchtigung. Das Handwerk der Freiheit setzt die Entdeckung des eigenen Willens voraus. Identität ist mehr als der Katalog funktionaler Teilkompetenzen.
Schule weist auch und zunehmend vernehmlich in die Bedingungen des gesellschaftlichen Diskurses ein. Wo komme ich her, was bin ich, und wo geht es hin? fragt auch der, der sich vorerst selbst der Nächste ist. Der hat keine Lust auf Metropolis, und zu den andern muss er noch finden. Er kam weder als Termite noch als Ameise zur Welt. Zukunftsfähigkeit hat als gesellschaftlicher Auftrag Priorität. Sie kommt nicht aus ohne Umgang mit Humaniora, symbolischen Formen von Kulturalität, ohne Wissen um Fiktion und Utopie.
Der Lehrauftrag hat auch auf Zeiten und Situationen vorzubereiten, während denen die Expertisen der diplomierten Abgänger überflüssig oder nur am Rande gefragt sind. Ausschließliche Reduktion auf partielle Fertigkeiten makroindustrieller Anwendbarkeit entfremden nicht nur, sie generieren hyperaktive Monster von frankensteinschem Autismus. Die Belange der Humanwissenschaften fechten sich inzwischen jenseits der etablierten Weideplätze aus. Die schulischen Öffnungen haben ihnen eine neue mediale Öffentlichkeit und andere Formen der Partizipation beschert. So wird ihnen auch in diversen Funktionen und Haltungen ein sofortiger Impakt auf die ökonomische Handlung zuteil.Der Schuster, der von Nietzsche weiß, hat ein anderes Verhältnis zu seinem Hammerschlag.
Die „ungeliebte“ Universität
Die einheimische Intelligenz ist vielfach und auf beachtliche Art an den Sekundarschulen beheimatet. Bei der Universitätsgründung hat man die Gymnasialprofessoren außen vor gelassen. Es war dies keine weise Entscheidung. In gewerkschaftsbestimmtem Karrieregerangel wurde dümmlich auf ein geistiges Potential verzichtet, das sich nicht durch aleatorische Zugänge aus dem nahen und fernen Ausland ersetzen lässt.
Schulentwicklung braucht Forschung auf allen Ebenen. Konkurrenzielle Besserwisserei liegt inzwischen als Hypothek auf einer Zusammenarbeit, die unverzichtbar erscheint. Erwartungen und Reserven stehen sich gleichermaßen im Wege. Der Forscher an der Akademie hat aus der Optik der Gymnasien kein attraktives Profil. Der arbeitet in/neben einem System, von dem er zu glauben hofft, dass es seiner bedarf. Auf sich zurückgeworfen erlangt hier manch sinnloses Dasein seinen absurden Halt. Die schulische Teilnahme könnte aus diesen reziproken und eingemauerten Trostlosigkeiten heraushelfen.
Die Verachtung des Pädagogischen
Diverse Facetten des Lächerlichen und Grundlosen im System der Erziehungswissenschaften sind Gegenstand unterschiedlicher Beschimpfungen, an denen u.a. auch Adorno, Bloch und
Rancière teilhaben. So manche Erweckungsbewegung fußt auf dem unduldsamen Brauchtum teilwissenschaftlicher Vereins-meierei. Dieses Apostolat wird nicht selten von dem unterhaltsamen Schnurren verstaubten Schubladenwissens begleitet. Der Lehrer ist kein ambulantes Archiv. Seine Professionalität setzt sich aus Konzepten und Reflexion zusammen. Entscheidend aber ist sein Aktionswissen und dessen theoretische Absicherung. Die Pertinenz aller drei Teilbereiche bedarf der universitären Kooperation.
Der erzieherische Auftrag hat die Klassenräume längst erreicht. Der Lehrerberuf ist zu dem geworden, was er eigentlich schon immer gewesen ist: eine außergewöhnlich komplexe Profession. Die Klasse ist keine Einrichtung für Schlingel, die keine Zeit zum Arbeiten haben. Die pädagogische Situation zeichnet sich inner- und außerhalb der Schulmauern durch multiple und gleichzeitige Herausforderungen aus, die sich in der Reaktion nicht in allen Fällen optimieren lassen. Lehrer sind teuer im Kleinstaat L. Die hohen Löhne sind allerdings kein Beleg für schlechte Arbeit. Der Berufslangweiler hat kaum eine Überlebenschance im erzieherischen Ambiente. Jugendliche Intelligenz lässt sich auf die Dauer nicht mehr beleidigen.
Die Institutionen
Erfolg braucht Zeit. Die Richtigkeit einer Reform lässt sich nicht im Takt einer Legislaturperiode belegen. Vermeintliche Gewiss-heiten können zu schlimmem Wahn anwachsen. Bei Bildung und Erziehung ist jeder Experte. Gleichwohl wird beides zunehmend und auf selbstverständliche Weise an die Institution delegiert. Das Kreuz, das der Erziehung aufgebürdet wird, besteht aus gesellschaftlichen Katastrophen und österlichen Erwartungen. Die Wege der Erlösung münden im Karfreitagszauber der Schädelstätte.
Die Ministerin hat nun säkular und medienverstärkt den Stier mit einigem Ungestüm an den Hörnern gepackt. Das Vorhaben ist in dieser Dimensionierung mutig, zeitgemäß und etwas eilfertig. Das Gezänk, wem die größere Repräsentativität zusteht, den Für- oder Widersprechern, oder den Gründungsvätern und -schwestern hilft hier nicht weiter. Die massive Vielstimmigkeit der Teil- und Anteilnahme lässt sich immerhin, wenn die Rauchschwaden abgezogen sind, als Forum der Meinungsbildung und -aushandlung installieren. Dabei dürfte sicherlich noch mehr
Demokratie gewagt werden. Dies wäre einzigartig im politischen Diskurs, wenn man denn dazu die nötige Geduld aufbrächte. Kein garstig Lied.
Die Reformation verschreibt dem geistlichen Misswuchs eine
radikale Diät. Ein Unheiliges tritt an die Stelle der korrupten
Kirche: die Schule. Die gotische Tonitruanz hat der gutenbergschen Schrift zu weichen. Der Läuterung wohnt tendenziell und von Anfang an der lustlose Utilitarismus inne. Ein aufblühender Merkantilismus schätzt die Vorschrift und den geschäftigen Profit, der kein Verständnis mehr für Muße aufbringt. Eine freudlose Schule macht inzwischen krank. Erziehungspolitik der Gemeinschaft ist der verzweifelte Beschluss, die Katzen das Bellen zu lehren.
Die Institution hat für die Einbettung der Erziehungspolitik in ein europäisches Gesamtkonzept optiert. An europäischen Horizonten könnte Morgenröte aufleuchten, wenn die spezifischen Belange des Landes, seine Mehrsprachigkeit, seine Identitätsproblematik, seine Szenarien der Interkulturalität in ihrer Einzigartigkeit exemplarischen Charakter erlangten.
Die europäische Idee könnte am „Ende der großen Diskurse“ die schulische Entwicklung wegweisend orientieren, wenn man den Anliegen der Bürger nachhaltiger Beachtung schenkte. Der Name Europa gehört zum erotischen Fundus des griechischen Sagenschatzes. Heute ein irisierendes Gebilde, das Formen und Reformen gebiert. Ein Jahrmarkt nationaler Visionen und ihr kleinster gemeinsamer Nenner.
Die Schulreform passt nicht ins Konfektionsangebot makropolitischer Bedürfnisse. Sie ist eine unendliche Geschichte mit vielstimmiger Teilnahme. Da hält nicht jeder den Ton, auf den es gleichwohl anzukommen hätte.
Keine Regierung kann ihre Wähler wählen. Die Griechen singen ein Lied davon. u
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