Johannes Großmann, Nicholas Williams
Fremde im eigenen Land
Die Evakuierung von Zivilisten in Deutschland, Frankreich und Luxemburg zu Beginn des Zweiten Weltkriegs
Wie erlebten Zivilisten in der heutigen Großregion Saar-Lor-Lux den Zweiten Weltkrieg?1 Die durch das nationalsozialistische Deutschland begangenen Kriegsverbrechen und das durch Flucht, Vertreibung, Zwangsumsiedlung und Deportation verursachte Elend ließen ein gemeinsames, grenzüberschreitendes Erinnern an diese Epoche lange Zeit unvorstellbar erscheinen. Dabei hatten die Entfesselung des Krie ... Wie erlebten Zivilisten in der heutigen Großregion Saar-Lor-Lux den Zweiten Weltkrieg?1 Die durch das nationalsozialistische Deutschland begangenen Kriegsverbrechen und das durch Flucht, Vertreibung, Zwangsumsiedlung und Deportation verursachte Elend ließen ein gemeinsames, grenzüberschreitendes Erinnern an diese Epoche lange Zeit unvorstellbar erscheinen. Dabei hatten die Entfesselung des Krieges und der Beginn der Kampfhandlungen für die Bewohner der deutschen, französischen und luxemburgischen Grenzgebiete zunächst durchaus vergleichbare Folgen. „Mir sinn evakuiert ’genn“ Gespenstisch ging es zu in Saarbrücken in den letzten Augusttagen des Jahres 1939. Einer Familienchronik zufolge hatten bereits 20000 Menschen die Stadt verlassen, als mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg begann. Uniformierte SS-Leute marschierten durch die Straßen und grölten: „Es stehet im Osten die schwarze Schaar / Die Kämpfer für Freiheit, gegen Judengefahr / Das Hakenkreuz, es weht bei Tag und bei Nacht / Der Kampfruf erschallet: Großdeutschland erwacht!“2 Die Folgen des Kriegsausbruchs ließen nicht lange auf sich warten. Schon in den Tagen zuvor waren ältere und kranke Menschen aus der sogenannten „Roten Zone“ zwischen Landesgrenze und dem „Westwall“ evakuiert worden. In den Morgenstunden des 1. September begann schließlich die komplette „Räumung“ der Grenzgebiete von Zivilisten. Meist hatten die Menschen kaum Zeit, ihre wichtigsten Habseligkeiten und Verpflegung für die kommenden Tage zusammenzupacken, das Haus oder die Wohnung notdürftig zu sichern, Wasser- und Gashähne abzudrehen. Schon kurz darauf zogen sie einem ungewissen Schicksal entgegen, teils mit dem Viehwagen oder dem Fahrrad auf den Landstraßen, wo sich in Gegenrichtung die Kolonnen der Wehrmacht an die Front wälzten, teils zu Fuß mit Koffer, Rucksack und Handkarren zum nächstgelegenen Bahnhof: „Alles, was links der Saar war, musste man rückführen, so hat man es früher genannt. Da dachten wir, naja, das ist ja nicht schlimm, man kann ja auch mal auf die andere Seite, wir kommen ja gleich zurück. Das war eben falsch gedacht. Wir sind von Rehlingen weg, mit Kuhwagen und Handwagen bis Honzrath. Da haben wir die erste Übernachtung gehabt. Dann gingen wir von da weiter, sind weitergewandert zu Fuß nach Wadern. Am nächs- ten Tag weiter, nach Schwarzenbach. Von Kirn aus ging dann ein Sonderzug, der uns nach Thüringen brachte. Nach Thüringen, in einen ganz kleinen Ort, klein und arm.“3 So oder ähnlich erging es über einer halben Million Menschen in Städten und Dörfern an der deutschen Westgrenze. Vielfach erlebten die Evakuierten eine lange und chaotische Reise, ehe sie in ihren Aufnahmegebieten im heutigen Hessen, Niedersachsen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Bayern ankamen. Einmal dort eingetroffen, waren die Erfahrungen der Flüchtlinge jedoch sehr verschieden. Während viele herzlich empfangen wurden und fern der Heimat freundschaftliche Kontakte knüpften, die ein Leben lang erhalten blieben, stießen andere bei ihren oft unfreiwilligen „Gastgebern“ auf Misstrauen oder sogar auf offene Ablehnung. Weit verbreitet war die Verspottung von Evakuierten als „Franzosenköpfe“, „Saarfranzosen“, „Stockfranzosen“ oder „Westwallzigeuner“. Die Gleichsetzung mit dem Kriegsgegner und die Ausgrenzung aus der angeblichen „Volksgemeinschaft“ rührten an das Selbstverständnis der „Grenzabwanderer“, zumal ihnen das Verlassen der Heimat zuvor als ein besonderer Dienst am Vaterland verkauft worden war. Selbst die gleichgeschaltete und um Schönfärberei bemühte nationalsozialistische Presse sah sich daher gezwungen, die Beschimpfung der Evakuierten zu thematisieren und zu verurteilen.4 Hintergrund der Konflikte in den Aufnahmegebieten waren soziale und kulturelle Differenzen. Für viele Evakuierte handelte es sich um den ersten längeren Aufenthalt in der Fremde. Viele der „Gastgeber“ waren zuvor nie mit Landsleuten aus dem Südwes- ten Deutschlands in Berührung gekommen waren, sprachen andere Dialekte und pflegten andere Bräuche. In einer Zeit, in der Klassenschranken und konfessionelle Gegensätze – aller Propaganda zum Trotz – noch vielen als unüberwindbar erschienen, konnten sich katholische Arbeiter aus saarländischen Dörfern in den protestantischen Bürgerhaushalten fränkischer Städte kaum willkommen fühlen. Dennoch waren die „Rückwanderer“ da- rum bemüht, sich – soweit möglich – in den Aufnahmegebieten einzurichten und die Herausforderungen ihres neuen Alltags zu meistern. Einige fanden Arbeit, viele aber blieben auf Unterstützungszahlungen oder zumindest auf Lohnbeihilfen angewiesen. Da die meisten nur die erlaubten 15kg Gepäck mitgenommen hatten und die Evakuierung deutlich länger dauerte als ursprünglich geplant, versuchten viele, auf eigene Faust in das geräumte Gebiet zurückzukehren. Nur wenigen gelang dies, da die Militärbefehlshaber und die vor Ort verbliebenen Sicherheitskräfte immer rigoroser gegen die „wilden Rückkehrer“ vorgingen. Lediglich die Bewohner der badischen Grenzgebiete, darunter die anfänglich ebenfalls evakuierte Bevölkerung der Stadt Karlsruhe, durften bis Weihnachten 1939 größtenteils in ihre Heimatgemeinden zurückkehren. In die nach wie vor geräumten Wohnungen und Häuser im Saarpfalzgebiet wurden schließlich Parteifunktionäre, Polizeikräfte und Feuerwehrleute entsandt, um Schäden durch geplatzte Wasserleitungen einzudämmen und den Evakuierten die dringend benötigte Winterkleidung nachzuschicken. Dabei gab es abermals Chaos: Häufig irrten sich die Kräfte vor Ort, holten nicht die eigentlich angeforderten Gegenstände oder drangen in die falsche Wohnung ein. Es wäre falsch, die Evakuierung von 1939 als reine Defensivmaßnahme zum Schutz der Zivilbevölkerung zu begreifen. Die ers- ten Planungen in Deutschland sahen sogar das genaue Gegenteil vor, nämlich die Rückführung des gesamten kriegswichtigen „Materials“, darunter auch der wehrfähigen Bevölkerung im Alter von 18 bis 35 Jahren. Die verbliebene Bevölkerung des Grenzgebietes, also ältere Männer, Frauen und Jugendliche, sollte in einem „Volkskrieg“ feindliche Truppen aufreiben. Auch die Evakuierungsmaßnahmen von 1939 hatten in erster Linie militärischen Charakter und zielten darauf ab, die Bewegungsfreiheit der Wehrmacht im Aufmarschgebiet an der französischen Grenze sicherzustellen. Der Schutz von Zivilisten war ein Nebeneffekt, nicht aber das eigentliche Ziel der „Freimachung“. Den Bedürfnissen des Militärs hatten sich alle anderen Belange unterzuordnen. So verlor der erst kurz zuvor fertiggestellte Saarbrücker Schlachthof während der Evakuierung seine Kühlanlage, da sie von der Wehrmacht zur Sprengstoffproduktion benötigt wurde. Geräumte Wohnungen, Schulen und Krankenhäuser wurden von der Wehrmacht requiriert, und ein guter Teil der Zerstörungen in den evakuierten Gebieten ging wohl auf das Konto des Militärs und der Sicherheitskräfte. Das Regime versuchte indessen, ganz im Einklang mit der nationalsozialistischen Weltsicht, sogenannte „Asoziale“ durch Sondergerichte als allein für Plünderungen und Vandalismus verantwortliche Sündenböcke aburteilen zu lassen. En route vers l’ouest In Frankreich waren die Überlegungen zu einer Evakuierung der östlichen Grenz- gebiete direkt von der Erfahrung des Ersten Weltkriegs beeinflusst, als deut- sche Truppen große Teile des Landes über Jahre hinweg besetzt hielten und die Zivilbevölkerung zur politischen und militä- rischen Verfügungsmasse wurde. Spätes-tens mit dem Bau der Ligne Maginot, durch die der vorgelagerte Grenzstreifen zwangsläufig Hauptschauplatz einer künftigen militärischen Auseinandersetzung mit dem Deutschen Reich zu werden drohte, wa- ren Evakuierungen fester Bestandteil der französischen Verteidigungsstrategie. Dementsprechend sorgfältig waren die im Evakuierungsfall zu treffenden Maßnahmen von den französischen Behörden im Laufe der dreißiger Jahre vorbereitet worden. Anders als in Deutschland, wo Militär- und Parteiinstanzen kurzfristig, nach eigenem Ermessen und ohne Abstimmung mit den Betroffenen entschieden, wurden in Frankreich die Zivilverwaltungen der zu evakuierenden Regionen und der Aufnahmegebiete in die Vorbereitungen eingebunden. Nach einer Erhebung der jeweiligen Aufnahmekapazitäten wurde jedem Grenzdépartement in enger Abstimmung mit den Präfekten jeweils ein „Département de Correspondance“ zugeteilt. Dabei sollten Gemeinden möglichst unter Wahrung ihrer administrativen Einheit in andere Landesteile verbracht werden. Die Umsetzung dieser Pläne verlief jedoch – wie auch in Deutschland – nicht ohne größere Reibungsverluste. In den Wirren der ersten Kriegstage wurden Züge fehlgeleitet. Viele der ebenfalls etwa eine halbe Million evakuierter Elsässer und Lothringer mussten Nebenstrecken benutzen, da auf den Hauptstrecken die in entgegengesetzter Richtung aufmarschierenden Soldaten Priorität hatten. So wurde manch eine Reise ins Unbekannte zu einer langen und beschwerlichen Fahrt. Einmal in den Zielgebieten angekommen, wurden die Evakuierten unterschiedlich gut aufgenommen. Während die einen freundlich empfangen wurden und ihren Aufenthalt in Südwestfrankreich in guter Erinnerung behielten, trafen andere, vor allem wenn sie des Französischen nicht mächtig waren und sich im alemannischen oder fränkischen Dialekt unterhielten, auf Ablehnung: So wurden die von der Presse als zuverlässige Patrioten und gute Franzosen porträtierten elsässischen und lothringischen „citoyens français“ vielerorts argwöhnisch beäugt, als „sales boches“ bezeichnet oder der Kollaboration mit dem Feind bezichtigt. Auch hier prallten unterschiedliche Welten aufeinander. Die antiklerikal und sozialrevolutionär eingestellte Landbevölkerung des Limousin begegnete den katholischen, protestantischen und jüdischen Stadtbewohnern aus dem Elsass mit Unverständnis. Das Zusammenleben unterschiedlicher Konfessionen war, wie der Leiter des Direk- toriums der Kirche Augsburgischer Konfession von Elsass und Lothringen feststellen musste, in weiten Teilen Frankreichs unbekannt und unvorstellbar: „Ich verhehle nicht, dass die Anwesenheit einer kleinen Gruppe von Protestanten […] in einem durch und durch katholischen Dorf gewisse Geister verstören kann und dass dieser Unruheherd aus Sicht der katholischen Kirche am liebsten verschwinden sollte.“5 Eine schweizerische Sozialarbeiterin wiederum notierte in ihrem Tagebuch: „Die Bewohner des Limousin bieten ihre Topinambur und ihre Esskastanien an, und die Elsässer antworten: ‚Bei uns gibt man das den Schweinen.‘ Die Bewohner des Limousin sind in den Augen der Elsässer schmutzig, benutzen sehr wenig Wasser, sprechen selten vom Waschen, sagen aber zu diesen: ‚Diese Elsässer sind schmutzig! Ihr müsst Euch vorstellen, dass sie ihre Toiletten im Haus haben. Das ist ekelhaft!‘“6 Die Hoffnungen auf ein baldiges Ende dieses unfreiwilligen Zusammenlebens schwanden allerdings, je länger die „drôle de guerre“ andauerte. Die französische Regierung, allen voran der zum Staatssekretär für Flüchtlingsfragen ernannte Robert Schuman, schmiedete indessen Pläne für weitere Evakuierungsmaßnahmen im Falle einer deutschen Offensive. Diese Planungen wurden allerding schnell von der Wirklichkeit eingeholt, als deutsche Truppen am 10. Mai 1940 in den Niederlanden, in Bel- gien, in Luxemburg und wenige Tage später auch in Frankreich einfielen und dadurch jene panikartige Massenflucht auslösten, die sich als „Exode“ in die kollektive Erinnerung der Betroffenen eingebrannt hat. Ein zweigeteiltes Exil In den Strom von mehreren Millionen Zivilisten, der von zahlreichen Zeitgenossen als Symbol für das Versagen der französischen Zivilbehörden und den Zusammenbruch der staatlichen Ordnung gedeutet wurde, reihten sich auch etwa 45000 Luxemburger ein. Sie waren aus den grenznahen Gebieten um Esch und Düdelingen auf eigene Faust geflohen oder von den französischen Truppen evakuiert worden. Viele von ihnen folgten dem Flüchtlingszug bis in den Süden Frankreichs, wo er durch den Waffenstillstand vom 25. Juni gestoppt wurde. Etwa ebenso viele Luxemburger wurden zur gleichen Zeit von den deutschen Truppen aus den südlichen Kampfgebieten in den Norden des Landes evakuiert. Der kulturelle Schock dieser plötzlichen Konfrontation mit einer bis dahin unbekannten Region des eigenen Landes war dabei durchaus mit den Erlebnissen vergleichbar, die den deutschen und französischen Evakuierten widerfahren waren. In seinem Tagebuch schrieb der damals 18-jährige Eugène Weiss, der als Sohn eines Hüttenarbeiters aus Differdingen zusammen mit seiner Familie für mehrere Wochen auf einem Bauernhof im Ösling einquartiert war: „Bei unserer Ankunft sahen die Leute in uns eine Bande versoffener Habenichtse und Liederjane, die durch Gottes Strafe aus dem Sündenbabel Minette vertrieben worden waren und nun hierhin kamen, um sie arm zu essen und es auf ihre Kosten gut zu haben. […] Sie glaubten, wir würden alles stehlen, was uns in die Finger käme. Diese Meinung hatten sie durch die Italiener bekommen, die bei uns waren. […] Unsere Meinung von Ihnen: Wir, oder ich, sahen in ihnen eine weltunerfahrene, geizige, klotzköpfige Bauernrasse, die nur sich kennt und dem Nachbarn keinen Zipfel vergönnt.“7 Die in den Norden des Landes evakuierten Luxemburger konnten ebenso wie die deutschen „Grenzabwanderer“ aus Baden und dem Saarpfalzraum nach dem Ende der Kampfhandlungen die Heimreise antreten. Die Elsässer und Lothringer hingegen standen ebenso wie die nach Südfrankreich geflohenen Luxemburger im Sommer 1940 vor der Entscheidung, ob sie in die faktisch annektierte Heimat zurückkehren oder im unbesetzten Teil Frankreichs bleiben sollten. Für viele von ihnen wog die Sehnsucht nach der Heimat letztlich schwerer als die Furcht vor der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Als sich die alliierten Truppen im Herbst 1944 der deutschen Westgrenze näherten, wurden sie im Elsass, in Lothringen und in Luxemburg als Befreier begrüßt. Viele Saarländer, Pfälzer und Badener sahen sich hingegen zu einer zweiten Evakuierung gezwungen, die in ihrer chaotischen Umsetzung und ihrem existenziellen Charakter durchaus mit dem „Exode“ vergleichbar war. u Für einen Überblick über die bisherige Forschung, cf. Großmann, Johannes; Lemmes, Fabian und Williams, Nicholas: „Les évacuations dans l’espace frontalier franco-allemand pendant la Seconde Guerre mondiale. Vers une histoire comparée“, in: Roth, François (Hg.): La Lorraine et les pays de la rive gauche du Rhin (Sarre, Palatinat, pays de Trèves) du XVIIIe siècle à nos jours, Moyenmoutier (edhisto) 2011, S. 125–139. Trautes, Hans: Erinnerungen an Saarbrücken während des Zweiten Weltkrieges 1939–1945, Saarbrücken (Minerva) 1974, S. 7f. Interview mit Else Backes, damals Rehlingen, 12. Juli 2011. „‚Franzosenköpfe‘. Spitzname ohne Charakter und Humor“, in: NSZ-Rheinfront, Ausgabe Westpfalz, 5. November 1939. Zitiert nach: Dietrich, Claire: „Les protestants d’Alsace du Nord durant l’évacuation en Haute-Vienne (1939–1940)“, in: Bulletin de la Société de l’Histoire du Protestantisme Français 133 (1987) 4, S. 579–601, hier S. 588. Vallotton, Gritou und Vallotton, Annie: C’était au jour le jour. Carnets (1939–1944), Paris (Payot & Rivages) 1995, S. 41. Weiss, Eugène: Meine Evakuierung. Ein Tagebuch, Mai–Juni 1940, hg. von Armand Logelin-Simon, Differdange (Galerie) 1993, S. 79f.




