…und vergib uns unsere Schuld
Zu David Graebers Debt. The First Five Thousand Years
Anfang Februar waren meine Lebensgefährtin und ich in Nordholland unterwegs. In Groningen waren wir recht erstaunt über einen jungen Herrn, der bei den zu der Zeit herrschenden arktischen Temperaturen (um die -10°C) doch tatsächlich barfuß durch die Straßen lief. Nach kurzer Zeit erblickten wir dann sein Ziel: er marschierte schnurstracks auf eine Ansiedlung von fünf Armeezelten zu, über d ... Anfang Februar waren meine Lebensgefährtin und ich in Nordholland unterwegs. In Groningen waren wir recht erstaunt über einen jungen Herrn, der bei den zu der Zeit herrschenden arktischen Temperaturen (um die -10°C) doch tatsächlich barfuß durch die Straßen lief. Nach kurzer Zeit erblickten wir dann sein Ziel: er marschierte schnurstracks auf eine Ansiedlung von fünf Armeezelten zu, über der ein Banner mit der Aufschrift „Occupy Groningen“ gehisst war. Der aus zweiter Hand gewonnene Eindruck wurde hier sozusagen empirisch bestätigt: Occupy als Ansammlung von bohèmiens, Kleinbürgern auf Sinnsuche, Alt- und Jung- hippies, die im umgekehrten Verhältnis zu ihrer numerischen Stärke von den Medien1 gefeiert werden und wohlwollende Zustimmung von den gesellschaftlichen Eliten erhalten2, was andererseits die örtlichen Autoritäten nicht davon abhält, den Hokuspokus bisweilen mit Einsatz der Staatsgewalt zu unterbinden. Kurz, „Occupy Wall Street“ und ihre Nachahmer erscheinen als neuestes Symptom der fortgeschrittenen Dekadenz der antikapitalistischen Linken3. Umso überraschender ist angesichts dieses Eindrucks, dass einer der maßgeblichen Ini- tiatoren der „Occupy Wall Street“-Proteste und – laut der Zeit – ihr „intellektueller Superstar“4, David Graeber, mit Debt. The First Five Thousand Years5 ein Buch vorlegt, das eine erstaunliche Fülle an Material bietet und über weite Strecken durchaus wissenschaftlichen Standards gerecht wird. Allerdings sollte man sich im Kontext der aktuellen Schuldenkrise keine Untersuchung über den Zusammenhang zwischen Staatsschuld und Wirtschaftskrise seit den alten Sumerern erwarten. Wer etwa glaubt, eine linke Antwort auf den Bestseller This Time is Different von Rogoff und Reinhart6 in den Händen zu halten, wird von dem Buch enttäuscht werden. Der Anthropologe Graeber, dessen Lehrstuhl in Yale 2005 wohl aufgrund seines politischen Engagements nicht verlängert wurde, befasst sich nur am Rande mit der Staatsfinanzierung mittels Schulden. Vielmehr bietet er eine umfassende Kulturgeschichte über das gesellschaftliche Phänomen der Schuld – verstanden sowohl im ethisch-religiösen als auch im ökonomischen Sinne. Ähnlich wie Walter Benjamin im Fragment „Kapitalismus als Religion“ geht Graeber von einer religiös-kultischen Funktion der Schuld aus, die im Kapitalismus wesentliches Element der Sicherung von gesellschaftlicher Herrschaft und Zwangsverhältnissen geworden ist. Für Benjamin war der Kapitalismus selbst Religion, selbst Kultus, „vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus“. Im Kapitalismus greife „ein ungeheures Schuldbewusstsein, das sich nicht zu entsühnen weiß, […] zum Kultus, um in ihm diese Schuld nicht zu sühnen, sondern universal zu machen, dem Bewusstsein sie einzuhämmern […]“7. Analog zu Benjamin, den er jedoch nicht zitiert, sieht Graeber im Kapitalismus die Universalisierung des Schuldverhältnisses, die Kodifizierung moralischer Verpflichtungen in Form von Geldbeziehungen. Allerdings ist dies für Graeber zugleich gegenüber den „alten Religionen“ ein Verlust, eine Beschränkung auf das rein ökonomische, in Geldform ausdrückbare (den Religionen kommt in diesem Kontext zunehmend eine reine Kompensationsform zu, in marxschen Worten sind sie nichts als „das Gemüth einer herzlosen Welt“8). Im Unterschied zu Benjamin ist der Kapitalismus hier kein neuer Moment im Verhältnis von Schuld und Sühne, sondern vielmehr die Zuspitzung und das Ende einer 5000 Jahre alten Entwicklung. Wobei es den Leser überraschen wird, dass Graeber davon ausgeht, dass wir mit der endgültigen Beerdigung des Goldstandards durch Nixon im Jahr 1971 und der dadurch gesicherten universellen Dominanz von nur durch Vertrauen (bzw. Gutgläubigkeit) der Geldbesitzer und -nutzer gedeckten (Kredit-)Geldes (fiat money), den Kapitalismus im eigentlichen Sinn hinter uns gelassen haben und am Anfang eines neuen Zeitalters der Weltgeschichte stehen. Die reelle Gegenwart widerspricht einer der grundlegenden Geschichtsthesen Graebers: dass fiat money auf gegenseitigem Vertrauen beruht, dem Metallgeld in Form von Münzen, das nach Graeber unmittelbare Staatsschöpfung ist und ursprünglich zur Bezahlung von Söldnern in Lydien diente (S. 224 ff.), zivilisatorisch überlegen ist. Etwa zeitgleich zu Lydien (6.-5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung) sieht Graeber das Münzwesen in Indien und China durch Privatinitiative entstehen; es sei aber auch dort bereits nach kurzer Zeit vom Staat monopolisiert worden. In direktem Gegensatz dazu beschreibt er die Entstehung von Papiergeld (Banknoten) in China als Instrument zur Vereinfachung von privaten Tauschbeziehungen zwischen buddhistischen Händlern, welches zunächst (im 9. Jahrhundert) vom Staat bekämpft wurde, ehe er selber das Papiergeldsystem übernahm (S. 269-270). Dieses blieb über Jahrhunderte bestehen, bis es im 16. Jahrhundert aufgegeben wurde und – mit dramatischen Konsequenzen für den Rest der Welt9 – durch eine Silberwährung ersetzt wurde. Hier positioniert sich Graeber in erster Linie gegen die österreichische Schule der Nationalökonomie (Menger, Böhm-Bawerk, Wieser, Mises, Hayek…) und ihre heutigen amerikanischen Anhänger, etwa den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Ron Paul, indem er deren Verteidigung des Goldstandards als freies und friedliches „Marktgeld“10 gegenüber dem lediglich auf staatlicher Gewalt beruhendem fiat money geradewegs umkehrt. Etwas zugespitzt und vereinfachend kann man sagen: für Graeber sind Perioden, in denen Kredit- und Papiergeld vorherrschend sind, friedliche Zeiten, Zeiten des technischen wie gesellschaftlichen Fortschritts, während Perioden, in denen Gold und Silber vorherrschen, Geld also auf einer Geldware beruht statt auf gegenseitigem Vertrauen und gegenseitiger Schuld, von Krieg und Ausbeutung geprägt sind. Jedoch, so muss Graeber feststellen, steht mit der neuen Ära keine Rückkehr zu vorkapitalistischen Verhältnissen in Aussicht, in denen Beziehungen auf Vertrauen und Ehre als Bekräftigung der Vertrauenswürdigkeit des Schuldners wie des Gläubigers beruhen: „[…] the advent of the free-floating dollar marks not a break with the alliance of warriors and financiers on which capitalism was originally founded, but its ultimate apotheosis. Neither has the return of virtual money led to a great return to relations of honor and trust: quite the contrary. […] If history holds true, an age of virtual money should mean a movement away from war, empire-building, slavery, and debt peonage (waged or otherwise), and toward the creation of some sort of overarching institutions, global in scale, to protect debtors. What we have seen so far is the opposite. The new global currency is rooted in military power even more firmly than the old was.” (S. 367-368). In letzter Instanz wird die Kriegsfinanzierung als Hauptkatalysator der Staatsschuld das zentrale Element der Ausdehnung des Kapitalismus, der Monetarisierung aller Schuldverhältnisse und der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen im Lohnverhältnis, das selber wiederum als Schuldverhältnis zu verstehen ist, und in Nachfolge der Sklaverei11 in unmittelbarem Zusammenhang zur antiken Schuldknechtschaft steht. Mit anderen Worten: „Alle Wirtschaftsgeschichte ist ein Krieg zwischen Gläubigern und Schuldnern, und die Beschaffenheit des Geldes gibt das Schlachtfeld ab.“12 In der gleichen Logik – und mit derselben Zuspitzung – sieht Graeber den Ursprung des Geldes nicht im freien Tausch von Gütern. Graeber wendet sich gegen die Idyllen der wirtschaftlichen Lehrbücher, gegen die Vorstellung einer Naturaltauschwirtschaft, gegen die Geldentstehungstheorie der Nationalökonomen. Für Carl Menger, der letzteres weiterentwickelt hat, geht Geld „naturgemäß“ aus einer prämonetären Tauschwirtschaft hervor: „Der Ursprung des Geldes […] ist […] ein durchaus naturgemäßer, und er weist demnach auch nur in den seltensten Fällen auf legislative Einflüsse zurück. Das Geld ist keine staatliche Erfindung, nicht das Product eines legislativen Actes und die Sanction desselben seitens der staatlichen Autorität ist demnach dem Begriffe des Geldes überhaupt fremd.“13 Demgegenüber greift Graeber auf die sogenannten „Chartalisten“ zurück, insbesondere auf Friedrich Georg Knapps „staatliche Theorie des Geldes“, die im direkten Gegensatz zu Menger behauptet, dass Geld stets „chartales Zahlungsmittel“14 sei, d.h. durch staat- lichen, legislativen Beschluss geschaffen wird: „Der Staat ist es, der als Pfleger des Rechts aus diesen oder jenen Gründen erklärt, dass die Eigenschaft Zahlungsmittel zu sein, an bestimmten gezeichneten Stücken hafte, und nicht am Stoff der Stücke. Er schafft also diesen Tatbestand, den er kraft seiner Gerichtsherrlichkeit aufrecht erhält, mögen die Leute sagen was sie wollen. […] In allen diesen Fällen wird der Anstoß gegeben durch das politische Handeln des Staates.“15 Kurz, das „leidige Entweder-Oder zwischen Verklärung des Staatsapparats oder Verklärung des Individuums in altliberaler Manier“16 spielt auch bei den Geldentstehungstheorien mit … Dass der erklärte Anarchist Graeber sich ausgerechnet auf die „Verklärung des Staatsapparats“, auf einen Vertreter der jüngeren Historischen Schule, einen „unabhängige[n] Konservative[n] eigener Prägung“17, wie Knapp beruft, mag erstaunen. Graeber kommt es bei Knapp auf die Funktion des Geldes für den Staat an, auf die Erklärung der ursprünglichen Entstehung des Geldes als Schuldschein gegenüber dem Staat. Er geht in diesem Zusammenhang auch auf Keynes’ Behandlung von Knapp im Treatise on Money ein (S. 54); wichtiger sind hier jedoch die Spätschriften von Karl Polanyi (auch wenn dieser namentlich bei Graeber lediglich in drei Fußnoten erwähnt wird), insbesondere diejenigen Aufsätze, in denen die Entstehung des Geldes als Maß- und Verrechnungseinheit im babylonischen Tempelsystem geschildert wird18. Polanyis Arbeiten über Babylonien, dessen Tempelsystem dort als Form einer zentralverwalteten Planwirtschaft avant la lettre erscheint, entsprechen der grundsätzlichen Auffassung des ungarischen Ökonomen, dass nicht nur die Geldform, sondern auch der Markt selbst keineswegs „spontan“ entstehen, sondern ihr Dasein ausschließlich staatlicher Initiative verdanken. Gegenüber den liberalen Vorstellungen einer naturgemäßen Marktwirtschaft vertritt Polanyi die geradezu diametral entgegengesetzte Lehrmeinung, dass die Marktwirtschaft weltgeschichtlich gesehen eine absolute Ausnahme darstelle, und von einer Marktwirtschaft sensu proprio erst seit der Great Transformation der letzten 200 Jahre gesprochen werden könne. Auch Graeber sieht staatliche Maßnahmen als Geburtshelfer der Entstehung von Märkten, ja Märkte eigentlich nur als untergeordnetes „Nebenprodukt“ der Einführung von Geld und Steuerwesen zur Finanzierung militärischer Unternehmungen. Er entwirft folgende „cartoon version“: „Say a king wishes to support a standing army of fifty thousand men. Under ancient or medieval conditions, feeding such a force was an enormous problem – unless they were on the march, one would need to employ almost as many men and animals just to locate, acquire, and transport the necessary provisions. On the other hand, if one simply hands out coins to the soldiers and then demands that every family in the kingdom was obliged to pay one of the coins back to you, one would, in one blow, turn one’s entire national economy into a vast machine for the provisioning of soldiers, since now every family, in order to get their hands on the coins, must find some way to contribute to the general effort to provide soldiers with the things they want. Markets are brought into existence as a side-effect.“ (S. 49-50). Nun ist dieser Entwurf in seiner Reinform historisch wohl ebenso schwer nachweisbar wie das liberale Bild einer spontanen Entstehung des Geldes zur Vereinfachung von Tauschgeschäften im Rahmen eines „selbstregulierenden Marktes“. Gerade Polanyis Vorstellung eines „Handels ohne Markt“, einer quasi naturgemäßen Plan- und Umverteilungswirtschaft, ist nicht erst seit Braudel19 in Frage gestellt worden. Selbst im Nachwort der französischen Ausgabe der polanyischen Essais müssen Alain Caillé und Jean-Louis Laville zugeben, dass die polanyische Beschreibung der babylonischen Wirtschaft mit den jüngsten Erkenntnissen von Forschung und Archäologie nicht konform geht, nach denen es im antiken Babylon neben dem zentralisierten Tempelsystem auch einen „freien Markt“ mit nicht staatlich regulierter Preisfixierung gab, wenngleich dieser über weite Strecken eine untergeordnete Rolle spielte. Übrigens hat sich bereits Max Weber in seinen Untersuchungen zu den Agrarverhältnissen im Altertum mit dieser Frage beschäftigt. Für Weber steht die Preisbildung in Babylonien auch „soweit sie nicht, wie in Babylon zu Hammurabis Zeit, obrigkeitlich direkt reglementiert war, unter dem überragenden Einfluss der königlichen und Tempelmagazine“, jedoch gebe es „eine gesicherte und klare Anschauung vorerst nicht“.20 Joachim Höltz, ein früh verstorbener Mainzer Anthropologe, der in den frühen 1980ern den Versuch unternahm, die verschiedenen Geldentstehungstheorien einer Kritik zu unterziehen – ohne selber die „Formulierung einer allgemeinen Geldentstehungstheorie“ anzustreben, die „sich wohl nur in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern aus anderen Disziplinen entwickeln“21 ließe – lässt kein gutes Haar an der polanyischen Beschreibung einer völligen Abwesenheit von privaten Märkten und privaten Kaufleuten zu Zeiten Hammurabis und wirft Polanyi mit Hechelheim „mangelnde Kenntnis der Quellen“22 vor. Näher an neueren Erkenntnissen sei tatsächlich Weber, der jedoch „von der Bedeutung des Geldes im Handel und Geschäftsleben […] nicht ganz richtige Vorstellungen“23 habe. Mit Polanyi als Grundlage (den er vor allem durch die Vermittlung seines Lehrers Michael Hudson kennt), steht Graebers Argumentation also auf eher wackligen Füßen. Auch kann ihm nicht ganz zugestimmt werden, wenn er behauptet, außer Hawtrey24 (Fn. 24, S.395) sei kein „bürgerlicher“ Ökonom (zu denen er übrigens auch Marx und Engels zählt, Fn. 83, S.448) auf den Zusammenhang zwischen Schuldverhältnis, Steuerwesen und Geldentstehung eingegangen. Tatsächlich geht selbst ein Klassiker des Ordoliberalismus wie Walter Eucken auf die Problematik ein (auch Schumpeter könnte man hier erwähnen). Auch Eucken beschreibt das altbabylonische Tempel- system und sieht in der öffentlichen Emission von Schuldscheinen ein Beispiel für den möglichen Ursprungs eines von mehreren Geldsystemen: „Geld entsteht bei Lieferung einer Ware oder bei Leistung von Arbeit als Gegenleistung […] so im Babylonien des 3. und 2. vorchristlichen Jahrtausends. Tempel oder Königspalast lieferten an einen Privatmann z.B. Getreide, gewährten Kredit, empfingen einen Schuldschein und gaben ihn in Zahlung. Der Schuldschein war auf den Inhaber ausgestellt, zirkulierte als Geld und konnte am Fälligkeitstag vom derzeitigen Gläubiger dem Schuldner zur Zahlung vorgelegt werden.“25 Auch ist es zumindest überraschend, dass Graeber, der erklärtermaßen als anarchis- tischer Anthropologe in die Fußstapfen von Petr Kropotkins Gegenseitiger Hilfe tritt (Fn. 9, S.404: „I am drawing here more on the alternate strain of revolutionary theory, evident most famously perhaps in Peter Kropotkin’s Mutual Aid (1902)“), weitestgehend von den Eigentumsverhältnissen abstrahiert, und dies obwohl das Buch eine spannende Diskussion über die Entstehung des römischen Begriffs des Eigentums im Rahmen einer Sklavenhaltergesellschaft enthält (S.198-207). Die Proudhonsche Kritik am Eigentum als „jus utendi et abutendi“ weiterführend, sieht Graeber in der Tat diesen Eigentumsbegriff zunächst auf die uneingeschränkte Verfügungsgewalt über Menschen bezogen. Der römische Begriff des dominiums und der libertas (also des Faktums kein Sklave zu sein) hätten dabei zunehmend koinzidiert; hieraus entwickelt Graeber wiederum den Freiheitsbegriff der schottischen Aufklärung, insofern diese individuelle Freiheit als Eigentum seiner selbst (self-ownership) definiert. Kurz, der Freiheitsbegriff des klassischen Liberalismus sei derjenige des civis romanus als dominus, als Sklavenherr, dessen uneingeschränktes Eigentum seiner selbst auch das Recht beinhalte, sich selbst als Sklave (bzw. für einen Teil des Tages seine Arbeitskraft als Lohnarbeiter zur Verfügung zu stellen) zu verkaufen oder sich in Schuldknechtschaft zu begeben. Wie gesagt, eine spannende Diskussion, die aber daran hakt, dass der von Proudhon inkriminierte „römische“ Eigentumsbegriff erst im 13. Jahrhundert vom Romanisten Bartolo da Sassoferrato formuliert wurde.26 Trotz dieser impliziten Kritik des uneingeschränkten Eigentumsrechts ist Graeber letztlich das seltsame Beispiel eines Kommunisten, für den die Eigentumsfrage eher nebensächlich ist. „Kommunismus” definiert Graeber in der Tat als „principle of morality rather than just a question of prop- erty ownership“ (S.102). Dieser Kommunismus ist für Graber keine anzustrebende zukünftige Gesellschaftform, keine Utopie, sondern er sieht in ihm die Grundlage alles gesellschaftlichen Zusammenlebens: gegenseitige Unterstützung, Nachbarschaftshilfe, Teilen, Konvivialität, ja „Liebe“, in erster Linie die Liebe von Müttern zu ihren Kindern (S. 99). Dementsprechend sieht der anarchistische Kommunist David Graeber nicht die „Vergesellschaftung der Produktionsmittel“ als revolutionäres Ziel an, sondern „some kind of Biblical-style Jubilee: one that would affect both international debt and consumer debt.“ (S. 390)27. Alle Schulden sollen vergeben werden. Wie dies vor sich gehen soll, lässt Graeber im Unklaren; wer die Schulden vergeben soll, ist im Gegensatz dazu offenkundig: es können letztlich, bei allem „Anarchismus“ Graebers, nur die Staaten selber tun. In dieser Hinsicht bleibt die „revolutionäre Perspektive“ Graebers, d.h.: „To begin to free ourselves, the first thing we need to do is to ourselves again as historical actors, as people who can make a difference in the course of world events.“, (S. 383) letztlich nur Phrase. Nichtsdestotrotz ist Graebers Rundumschlag empfehlenswert, weniger wegen seiner (dürftigen) Antworten, als vielmehr wegen seiner unorthodoxen Fragestellungen, seinem Detailreichtum, seinen zahlreichen Verweisen, die unzählige Anregungen zum Weiterlesen und – diskutieren bieten, und die ich hier nur ansatzweise behandeln konnte.




