Von Gott, Tigern und Katzen
Wie beten Basisgemeinden in der Dritten Welt? (aus: Publik-Forum 25/26, 1979)
Ein Gebet wird geboren. Es wächst spontan
aus der jeweiligen Situation, aus
der Not oder Freude der Stunde. Einmal
wird es zum Lied, dann wieder zum Drama
oder zur liturgischen Gebärde. Das ist kaum
je vorausgeplant und wenn, dann von den
Betroffenen selbst — den Mitgliedern einer
Basisgemeinschaft. So erklärt es sich, daß
Gebetstexte kaum je niedergeschrieben sind;
auch Befreiungsl ...
Ein Gebet wird geboren. Es wächst spontan
aus der jeweiligen Situation, aus
der Not oder Freude der Stunde. Einmal
wird es zum Lied, dann wieder zum Drama
oder zur liturgischen Gebärde. Das ist kaum
je vorausgeplant und wenn, dann von den
Betroffenen selbst — den Mitgliedern einer
Basisgemeinschaft. So erklärt es sich, daß
Gebetstexte kaum je niedergeschrieben sind;
auch Befreiungslieder werden weitergegeben
von Mund zu Mund; nur seiten findet sich
ein verknitterter Zettel, auf dem ein paar
Zeilen stehen. Ein mexikanischer Gemeindeleiter,
den ich einmal auf dieses Phänomen
ansprach, erklärte mir: „Die Leute haben
lange genug fromme Formeln gemurmelt,
die sie nicht verstanden ..."
Heute hat sich das geandert. Die Tausende
von Basisgemeinsdiaften etwa, die in Lateinamerika
existieren, haben in die oft verkrusteten
liturgischen Formen der Kirche
ganz erstaunliche neue Elemente hineingebracht.
Elemente des taglithen Lebens, wie
sie wohl die Urkirdie gekannt haben mag.
In Sticlmexiko erlebten wir 24 Mitglieder
einer landlichen Basisgemeinschaft bei ihrem
Wochentreffen. Zuerst wurden Genossenschaftsprobleme
diskutiert. Obergangslos
schla sich der Arbeitssitzung ein „dynamisthes
Spiel" an: sechs Teilnehmer sollten
innerinalb von vier Minuten sechs leere Flaschen
fallen aus einem Eimer, der Wasser
fiir sieben Flaschen enthielt. Da sich alle um
das Wasser drangten, gingen einige leer aus.
Das Ergebnis dieses Spiels wurde gemeinsam
ausgewertet. „Warum gingen einige
leer aus?" — „Weil wir uns unbriiderlich
verhalten haben! Weil wir uns nicht miteinander
verstandigt haben, wie wir vorgehen
wollen!" --
Dann gruff einer der „agentes de , pastoral"
(ungefahr: Katediist) dam Thema „Briiderlichkeit"
auf, formulierte zum Gebet. Auf
das Redinungsbudi der Genossensc:haft
wurde der Hostienbehilter gestellt; auf
einen Zettel schrieb jeder seine Bittintention,
trat vor, las sie und verbrannte dann
den Zettel in einem kleinen „Opferfeuer"
vor dem Altar. Der Gebetsgottesdienst
endete mit einem Lied: „Immer in Gemeinsdiaft,
immer in Gemeinschaft! Zusammen
wollen wir urn Befreiung kampfen; zusammen
den Weg zu Gott suchen ..."
Nods eindrudcsvoller gestaltete sick das
Ende einer Tagung fur Leiter von Basisgemeinsdiaften:
Zuerst eines der „Lehrspiele",
an denen Lateinamerika so reich ist;
diesmal war es die Gesdiichte von den
„Tigern und Katzen" (Unterdriickern und
Unterdriickten), wobei der „Tiger" in der
Maske einer Katze auftrat und von niemand
erkannt wurde, obwohl er sich unbriiderlich
verhielt. Nadi dem Spiel stellten
sich die Teilnehmer im Kreis auf; ein Zweig
ging von Hand zu Hand; jeder brach ein
Stuck davon ab und verbrannte es zum
Zeichen des gemeinsamen Opfers. Nicht der
— zufallig anwesende — Priester teilte die
Kommunion aus; die Gemeindemitglieder
reichten sie sich gegenseitig. Die Lieder, die
wahrend des Gottesdienstes gesungen wurden,
haben bezeic}inende Titel: „Fest der
Befreiung", „Pilgernde Kirche", „lateinamerikanisle
Bergpredigt."
„Befreiung" und „Gemeinschaft" sind
gleichsam die „Codeworte" fast aller lateinamerikanischen
Basisgemeinsdiaften. Aus
dieser) Basisgemeinschaften heraus ist ja bekanntlich
auch die „Theologie der Befreiung"
gewachsen; an ihrem schOpferischen
Beten und Tun artikuliert und modifiziert
sie sich. Immer werden auch Beten und Tun
ineins gesehen, werden die eben noch diskutierten
politisdien oder genossenschaftlichen
Probleme gleidi darauf in Form einer Furbitte
Gott vorgetragen, werden die Ereignisse
des Tages oder der Woche hineingenommen
in den Gottesdienst.
In seinen Gebetcn vermag ein unterdriicktes
Volk oft auszusprechen, was es sonst nicht
sagen darf. Das gibt den Texten und Liedern
eine politische Brisanz, die mir einmal
im Bistum Pagadian (Mindanao/Philippinen)
besonders deutlich geworden ist. Dort
batten Basisgemeinsdiaften zur Erinnerung
an den dritten Jahrestag einer groBen
Springflut den Gottesdienst zu einem bewegenden
Drama vom Leben und Sterben des
Menschen umgestaltet. Das „Schauspiel"
beginnt mit dem Einzug des Bischofs. Blumen
schwenkend begleiten am die Glaubigen,
Bingen einen Lobpreis des Lebens.
WofOr sollen wir danken
err, wofiir sollen wir Dir danken?
Fur das Unredft, die Unterdriickung
und die Ausbeutung, unter denen wir
leben?
Wofiir sollen wir Dich preisen, Herr,
wenn Dein Volk in Angst leben mu
in Armut, in Verlogenheit und
Unfreiheit?
Ich kann nicht danken, Herr,
erbarme Dich meiner.
Erbarme Did, des zerstOrerischen
Egoismus der Menschen
weil sie Wohlstand und ein bequemes
Leben haben wollen,
weil es ihnen an Mut und Uberzeugungskraft
fehlt, einzustehen
fiir Gerechtigkeit und Wahrheit.
Herr, erbarme Dich unseres Volkes,
denn wir wissen nicht, was wir tun.
Wir wissen nicht, was wir tun sollen —
Unsere Augen sind blind,
unsere Ohren sind taub.
Warum sind wir so gleichgultig
gegenuber den Schreien und Todesiingsten
unser Braider?
Warum dauert es so Lange,
bis wir begreifen und Stellung nehmen?
Wo sind Klugheit und Liebe geblieben,
die Du, Herr, dem Menschen gegeben
hast?
Herr, gib alien Menschen Starke
und Mut,
mach seine Augen sehend,
seine Ohren heirend,
gib seiner Zunge Kraft und seinen
zitternden Knien,
auf daft er eines Tages bereft sei,
tapfer den Weg zu gehen, der
zum Frieden fuhrt, zur Wahrheit,
zur Gerechtigkeit.
Gestenreich zeigen sie dann ihre verschiedenen
Tatigkeiten als Bauern, Fischer, Handwerker.
Mitten in diesen friedlidien Alltag
platzt die Springflut, getanzt von schwarzgekleideten
Mannern, die weak Bander
sdiwingen. Und wahrend die Frauen nod.,
in einem ergreifenden Klagegesang ihre
Toten einsammeln, naht schon die nachste
Katastrophe. Regierungsagenten wollen
der neuen Siedlung bemaditigen, die die
Kirdie fur die Uberlebenden gebaut hat.
Eine Volksversammlung wird einberufen;
man beschliegt, sidi gegen die Agenten zu
wehren. Da aber kommt die Polizei und
stulpt Papiertiiten iiber die Kapfe der Spieler.
Geblendet, von Regierungsparolen verstiirzen
sie zu Boden, wahrend das
Kreuz in den Boden gerammt wird. In diesem
Augenblick greift vom Altar her der
Bisdiof in das Spiel ein, bindet es gleichsam
in den liturgisdieri Raum zurfick. Er singt
das Lied vom „Minden", der nicht bereit
ist, das Leiden des Volkes zu sehen. Einer
der Geblendeten erhebt sich, reiBt sich die
Papierkapuze vom Gesidit, sdireitet zum
Altar und tragt von dort das Feuer zu seinen
Leidensgenossen zuriick. Gegenseitig
helf en sich die am Boden Liegenden, sich
aus ihrer Blindheit zu befreien, verbrennen
ihre Ein „Lied der Hoffnung" erklingt
und geht fiber in die Bergpredigt. In
einem Tanz opfern dann die Spider ihre
Kraft und die Arbeit ihrer das einzige,
was sie Gott darzubringen haben. Ein
Baumchen wird zum Altar getragen, weniger
Opfer denn Anklage, die besagen soil:
„Wir bearbeiten die Felder, wir pflanzen
die Baume, aber die anderen sind es, die
ernten."
Nadi der Eucharistiefeier hangen die Spieler
ihre Gewandfetzen iiber ein grofles
Holzkreuz hinter dem Altar: Gottes
soil mit unserer Liebe bekleidet sein!
Dieses mehrstiindige Drama, hier ein integrierender
Bestandteile der Messe, wurde
innerhalb von drei Tagen von den Basisgemeinschaften
verfaat, komponiert und
einstudiert. In mir hat es einen tiefen Eindruck
hinterlassen. Hier wurde spfirbar,
wie ein Volk mit all seinen Ntiten, Hoffnungen
und Glaubenskraften auf dem Weg
war zu Gott. Nichts von bloBer Szene,
nichts von falsdierr. Sdiau-Spiel; jede GebHrde
traf ins Herz der Dinge, sagte etwas
Wesentlidies aus fiber das Gepriiftsein eines
Volkes, das dennoch fahig ist zu Dank und
Freude.
Ebenfalls in Mindanao haben Basisgemeinsdiaften
den „Sonntag der Weltmission"
zum „Sonntag der philippinisdien Stammesminderheiten"
umfunktioniert. Eine Gemeinschaft
hatte Vertreter der verschiedensten
Stamme eingeladen; jeder Stammesangehorige
formulierte sein eigenes Gebet,
meist ein sehr politisdies.
Gewissenserforschung der Gemeinschaftsmitglieder:
• Wie oft sind wir den NOten unserer
Stammesbriider gegenuber taub gewesen?
• Wie oft, Herr, haben wir Deine Stimme
nicht hOren wollen, wenn sie aus dem Mund
der Fischer, der Arbeiter, der Bauern, der
politischen Gefangenen zu uns sprach. Christus
erbarme Dich!
• Wie oft haben wir uns gefurditet, haben
Deine Bitte iiberhOrt, den Armen Gerech
tigkeit zu bringen, Liebe und Erbarmen zu
den Unterdrfickten!
Mit einer Parabel vom philippinischen
Christus endete der Gottesdienst. Hier ein
Auszug: „Christus kam von den Bergen
und er ging hinter nadi Manila, urn etwas
zu essen zu kaufen. Er ging fiber die Hauptstrafle;
dort sah er riesige, wunderschane
Hauser, audi Hospitaler mit vielen leeren
Betten doch als er sidi dem Platz
naherte, wo die Elendsviertel der Stadt beginnen,
sah er die Freunde seiner Kindheit
stumm und erstarrt vor Hunger ... Er sah
Mang Maning auf der Strafle liegen, denn
urn das Krankenhaus zu bezahlen hatte er
nichts als seinen eigenen, sterbenden Leib.
Er traf Old Aling Petra, wie sie unter einem
Bruckenbogen bettelte. Und beinahe mate
er sidi iibergeben als er seinen Freund Mang
Ando aus einem Haufen von Abfallen einen
Fisch ziehen sah, den er versthlang.
Er ging zum Pasidflug. Dort Norte er bettirende
Musik. Durdi die Hintertfir trat er
ein und sah eine Frau, die mit einem Rosenkranz
aus Diamanten betete. Dann kam ein
Mann der aussah wie ein Prinz, fate die
Frau an der Hand und tanzte mit ihr. Und
pliitzlidi waren da iiberall Bisdiofe und
Priester und klapperten mit Geld ... Erschapft
uberquerte Christus den Pasidflui3;
er kehrte zurfick zu den Bergen und
weinte ..."
Auf andere Art phantasiereidi erweisen sich
die — meist unpolitischen — afrikanischen
Basisgemeinsdiaften. Ihnen ist es zu danken,
dag Tanz und afrikanisdie Musik in der
Liturgie vieler afrikanischer Lander wieder
Eingang gefunden haben.
In Burundi erlebte idi einmal eine sogenannte
„Hiigelgemeinschaft", die bei einer
Versammlung besdilossen hatte, einer
Witwe mit vier Kindern eine Hiitte zu
bauen. Wahrend des Baus — viele Stunden
lang — wurde gebetet und gesungen. Man
wollte Gottes Segen „hineinbauen" in das
— I —
neue Haus. Frommer Aberglaube oder uralte,
wiederentdeckte Weisheit?
Die Gebets- und Liturgieformen der Lander
Asiens, Lateinamerikas und Afrikas ItOnnen
von europaischen Gemeinden nicht unbesehen
fibernommen werden, gerade weil sie
aus der jetzigen Situation geboren sind.
∎Dies fiber scheint mir ubertragbar, — besser:
lernbar: Gott wieder hineinzustellen in das
'Alltagsleben, seine groflen, politischen Zusammenhange
und seine kleinen; Leben und
Gebet wieder innniger miteinander zu verflechten
und die europaische Sprodigkeit
von heute wieder anzureidiern mit den
Farben des Geistes und der. Phantasie!
Publik-Forum
Nr. 25/26, 14. Dezember 1979
38 30 2 Marietta Peitz Von Gott, Tigern und Katzen Wie beten Basisgemeinden in der Dritten Welt? Gebet Armut Befreiung Dritte Welt Beitrag
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