(Céline Derveaux) Nachdem The Handmaid’s Tale als feministisches Meisterwerk der diesjährigen Serienlandschaft gefeiert wurde, ist die neue Amazon Serie I love Dick von Jill Soloway (bekannt für Transparent) etwas vernachlässigt worden, trotz ihrem anzüglich-zweideutigen Titel.
I love Dick basiert auf dem gleichnamigen Buch von Chris Kraus, das vor 20 Jahren erschienen ist und handelt von einer Künstlerin, die ebenfalls Chris Kraus heißt, deren Karriere brach liegt, ebenso wie die erotische Beziehung zu ihrem Ehemann Sylvère (Griffin Dunne). Chris wird in der Serie von Kathryn Hahn dargestellt, die auch schon bei Transparent als Rabbinerin dabei war. Nach einem missglückten Versuch ihren letzten Film auf den Filmfestspielen in Venedig vorzustellen, folgt sie Sylvère nach Marfa, Texas, wo er eine Autorenresidenz antritt. Dort, in der kargen texanischen Landschaft, die stark an die Malerei von Georgia O’Keefe erinnert, wird Chris auf Dick (Kevin Bacon) aufmerksam. Dick ist Cowboy, Avantgarde Künstler, Macho und Sexsymbol zugleich. Er dominiert durch sein Schaffen, aber auch durch seine zutiefst maskuline Aura die Künstlerkolonie in Marfa.

Kevin Bacon als Dick in „I Love Dick“ – (c) Amazon.com Inc.
Chris ist zu Anfang empört über Dicks abfällige Äußerungen gegenüber weiblichen Künstlerinnen insgesamt und ihrer Kunst insbesondere. Dann folgt ein rapider Sinneswandel – die Antiheldin Chris verfällt dem, wie sie empfindet, göttlichen Dick und fängt an Briefe an ihn zu schreiben, die sie vorerst nicht abschicken will. Die Texte teilt sie fortan mit Sylvère, der dort die Möglichkeit eines einseitig épistolairen Kunstprojekts sieht. Die Briefe verleihen nicht nur Chris‘ Existenz als Künstlerin einen neuen kreativen Schub, auch ihre festgefahrene erotische Beziehung zu Sylvère blüht schlagartig auf. Dick, der nichts von seiner anrüchigen Wirkung ahnt, wird zum Objekt der Begierde und Chris zur Autorin ihrer eigenen Fantasie.
Im Gegensatz zu dem sogenannten male gaze, der 1975 von der feministischen Filmkritikerin Laura Mulvey geprägt wurde, ist es bei I love Dick Chris, die aktiv begehrt und ihre Obsession in Kunst verwandelt. Sie wird nicht nur zum Subjekt ihrer Begierde, sondern verwandelt sich nahezu in eine Voyeurin, die überwältigt wird von ihrem Verlangen nach Dick. Damit kehrt die Serie nicht nur traditionelle Erzählungsformen in Film und Fernsehen um, sie hinterfragt ebenfalls Jahrtausende passiver Weiblichkeit in der Kunstgeschichte.
Neben Chris‘ narrativem Strang gibt es in I love Dick auch Nebenrollen, die sich künstlerisch mit ebendiesem Thema beschäftigen. Der/die gender-queere Devon (Roberta Colindrez) erfährt durch Chris‘ Präsenz in Marfa Inspiration für eine Theater Performance über Männlichkeit, Paula (Lily Mojekwu), eine Kuratorin, wünscht sich gegen den Willen von Dick mehr weibliche Künstlerinnen in ihrem Museum und Toby (India Menuez) beschäftigt sich mit extremen Formen der Pornographie und benutzt schließlich ihren eigenen Körper als artistischen Schauplatz.
In Interviews beteuert Soloway immer wieder, dass sie bei I love Dick einen inklusiven Feminismus zelebrieren möchte, der Ethnie und Klassenzugehörigkeit überwinden soll. Diesem Anspruch wird die Filmemacherin nicht vollkommen gerecht. So besteht wie bei Transparent auch hier ein Mangel an Veranschaulichung vielfältiger sozialer Schichten. Das intellektuelle und wohlhabende Milieu mag zwar zwecks Zuschauergenugtuung eine kluge Wahl sein, aber insbesondere Serien, die sich um eine feministische Botschaft bemühen, täten gut daran ein vielfältigeres Klassenbild anzubieten, vor allem wenn die literarische Originalversion die Protagonistin in ihrer ganzen artistischen Prekarität zeichnet.
Nichtsdestotrotz ist I love Dick ein gelungenes Werk. Besonders Chris funktioniert als dreidimensionale Protagonistin, die samt ihrer Peinlichkeiten, Niederlagen und Neurosen eine zutiefst liebenswerte und nachvollziehbare Person bleibt, nicht unähnlich Hannah Horvath in der HBO Serie Girls.
Wie auch schon bei Transparent gelingt es Jill Soloway die Zuschauer in I love Dick in atmosphärischem Ambiente, durch clever-anspruchsvollen Dialog und mit charismatischen Schauspielern in ihren Bann zu ziehen. Zwischen Hahn und Bacon entsteht eine fast pulsierende Energie, die vergeblich nach einem Ventil zu suchen scheint und in einem überraschenden Crescendo endet.
Die erste und einzige Staffel von I love Dick ist bei Amazon Prime erhältlich.

Kathryn Hahn als Chris in „I Love Dick“ – (c) Amazon.com Inc.