- Kino
forum_C: „Les hirondelles de Kaboul“ von Zabou Breitman und Eléa Gobbé-Mévelle
★★★☆☆
Das Unsachliche sachlich dargestellt
(Anne Schaaf) Vier Menschen. Vier Wege. Ein Regime, durch das sich diese auf dramatische Art und Weise kreuzen. So könnte man die Handlungsstränge, welche bei der französisch-luxemburgischen Ko-Produktion Les hirondelles de Kaboul miteinander verwoben werden, beschreiben. Der 2019 bei den Filmfestspielen in Cannes (Reihe Un certain regard) präsentierte Animationsfilm basiert auf der Buchvorlage des algerischen Schriftstellers Yasmina Khadra (Pseudonym für Mohammed Moulessehoul) und wurde unter Beteiligung von Mélusine Productions zum Teil in Luxemburg produziert. Regie führten die französischeFilmemacherin Zabou Breitman sowie die Animationskünstlerin Eléa Gobbé-Mévelle.

(c) Mélusine Productions
Hier wird das Leben zweier Paare im von den Taliban regierten Afghanistan der 90er Jahre beleuchtet. Sie verkörpern jeweils unterschiedliche Generationen und Umgangsweisen mit einer Lebenssituation, in der die Diktatur den Takt angibt. Während der Gefängniswärter Atiq (Simon Abkarian) und seine an Krebs erkrankte Frau Mussarat (Hiam Abbass) den Binnenstaat Südasiens wohl noch erlebt haben, als er – zumindest für kurze Zeit – nicht unter fremdem Einfluss stand, aufatmen und sich natürlich entwickeln konnte, ist dies bei Mohsen (Swann Arlaud) und seiner Partnerin Zunaira (Zita Hanrot) nicht der Fall. Das junge Paar wurde in sich anbahnende neue Konflikte hineingeboren und machte somit schon in frühen Jahren Erfahrungen mit Unterdrückung, Unfreiheit und einer Existenz, die nur im Verborgenen jene Züge annehmen kann, nach denen man sich eigentlich sehnt.

(c) Mélusine Productions
Fast alle Dialoge des jungen Paares spielen sich beispielsweise in deren kleiner Wohnung ab, in der Zunaira die von ihr verhasste Burka ablegen und offen sprechen kann. In diesem zumindest anfänglich wie ein Schutzraum wirkenden Kontext benehmen sich beide wie konventionelle junge Erwachsene, diskutieren kritisch und lieben sich. Zunaira eröffnet ihnen beiden zudem eine weitere eigene Welt, indem sie Zeichnungen an der Wand platziert, die sie und Mohsen glücklich und frei abbilden. Atiq bewacht tagtäglich Frauen, welche zum Tode verurteilt sind. Wenn er zu seiner Gattin zurückkehrt, findet er gewissermaßen eine ähnliche Situation vor, nur dass er scheint mit dieser weniger umgehen zu können, da Mussarats Verurteilung zum Tod nicht den Gesetzen der Scharia folgt, sondern physisch bedingt ist. Mussarat ist ihrerseits durch die schwindenden Kräfte eingesperrt ohne dass jemand die Tür verriegelt hätte. Beide scheinen sich ihrem Schicksal zu fügen, es findet kein Aufbäumen statt. Atiq nimmt durch seine Arbeit sogar eine aktive Rolle in der menschenverachtenden Maschinerie ein, die er nicht in Frage stellt.

(c) Mélusine Productions
Demgegenüber hoffen Mohsen wie auch Zunaira auf eine neue Zeit und wollen etwas gegen die aktuellen Zustände unternehmen. Da sie beide eine akademische Laufbahn hinter sich haben, möchten sie die Kräfte bündeln, um im Untergrund zu unterrichten und somit einen alternativen Nährboden für Ideen zu schaffen, die jenen der Taliban widersprechen. Durch unverhoffte, teils niederschmetternde Zufälle kommt es zu mehreren Umkehrungen; die Positionen der vier Protagonist(inn)en verschieben sich und der in derartigen Regimen vorherrschenden Absurdität wird filmisch Tribut gezollt.
Les hirondelles de Kaboul reiht sich in eine lange Reihe von Animationsfilmen für Erwachsene ein, die den Versuch implizieren, das Unfassbare und Grausame an bestimmten politischen Systemen sichtbar zu machen. Durch die aquarellähnlichen Animationen, bei denen das Papier durchzuschimmern scheint, hat das auf der Leinwand Dargebotene rein formell gesehen – zumindest auf den ersten Blick – etwas Unaufdringliches und Weiches. Dies steht jedoch in einem absoluten Kontrast zu den dargestellten Handlungen, die zu keinem Moment beschönigt oder in visuelle Metaphern verpackt werden. Gewaltübergriffe (zuvorderst gegenüber Frauen) werden jenseits bildsprachlicher Euphemismen gezeigt und auch die Dialoge spiegeln eine Wahrnehmung der eigenen Situation wider, die vollends auf Schnörkel und Deko verzichtet.

(c) Mélusine Productions
Einzig und allein die titelgebenden Schwalben, die frei über der unfreien Stadt ihre Bahnen ziehen, schaffen einen kurzen poetisch anmutenden Augenblick für das Publikum. Eventuell ist es eben dieser fast integrale Verzicht auf verstärkende künstlerische Elemente, der es diese Produktion zuweilen verpassen lässt, ähnlich eindringlich zu wirken wie etwa Waltz with Bashir (Ari Folman), Funan (Denis Do) oder auch Persepolis (Vincent Paronnaud, Marjane Satrapi). Benannte Beispiele hatten in ihrer Bildsprache jeweils etwas Unerwartetes, Einzigartiges, ja fast schon Monumentales. Dies vermag wohl den ein oder anderen Zuschauer ins Kino gelockt und auch im Nachhinein dafür gesorgt zu haben, dass bestimmte Szenen sich förmlich in die Netzhaut einbrannten. Jene Sequenz bei „Waltz with Bashir“, in der ein israelischer Soldat auf einer Beiruter Straßenkreuzung beginnt, einen absurden Tanz zu vollführen und quasi Pirouetten dreht mit seinem Gewehr in der Hand während er von allen Seiten her beschossen wird, stellt ein unvergessliches Beispiel dar. Es dient nicht der reinen Ästhetik. Vielmehr reibt es auf, irritiert und markiert somit einen Platz im Gedächtnis. Les hirondelles de Kaboul triggert seinerseits eher mit der nackten Grausamkeit von Handlungen und Worten. Sie werden gewissermaßen sachlich transportiert. Man erwischt sich dabei, sich zu fragen, ob gerade bei diesem Genre pure Sachlichkeit angebracht ist oder sich nicht doch ein Griff „in die Trickkiste“ anbieten würde, der zu einer stärkeren Vereinnahmung des Publikums führt.
Indes gilt es den durchaus spannenden Griff hervorzuheben, den Zuschauer nicht nur in seiner Beobachterrolle verweilen zu lassen. Mehrere Szenen werden aus der Perspektive der Burka tragenden Frau gezeigt, deren Sichtfeld durch das Raster des Netzes vor der Augenpartie behindert wird. Hier wird nicht nur von den Macherinnen Position bezogen, die bei diesem Film einen klaren Fokus auf die Herausforderungen für afghanischen Frauen und deren Mut legen, sondern es findet eine Konfrontation statt, in der das Publikum der Situation direkt ins Auge sehen und sich fragen muss, ob es ähnliche hätte handeln können oder wollen.
Les hirondelles de Kaboul läuft im Kino.
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