„Gladbeck. Das Geiseldrama“ von Volker Heise

Kontrollverlust

Durch die Ereignisse vom 16. bis 18. August 1988 wurde die Stadt Gladbeck im Ruhrgebiet zum Sinnbild für eines der aufsehenerregendsten Verbrechen der bundesdeutschen Kriminalgeschichte, dem sogenannten „Gladbecker Geiseldrama“. Nach einem missglückten Überfall auf eine Filiale der Deutschen Bank in Gladbeck flohen die beiden Haupttäter Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski mit zwei Bankangestellten als Geiseln nach Bremen; unterwegs stieg auch Rösners Partnerin Marion Löblich in das Fluchtauto.

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In Bremen angekommen brachte das Trio zunächst einen mit 30 Personen besetzten Linienbus unter seine Kontrolle, bevor es seine Irrfahrt durch den Nordwesten der Bundesrepublik bis in die Niederlande fortsetzte. In der Nähe von Oldenzaal ließen Rösner, Degowski und Löblich den Großteil der Passagiere frei und fuhren mit zwei verbliebenen Geiseln aus dem Bremer Bus, Silke Bischoff und Ines Voitle, wieder zurück nach Deutschland. Bei einem Zwischenstopp in der Kölner Innenstadt wurde das Fluchtauto, ein von der deutschen Polizei präparierter BMW 735i, stundenlang von Journalisten und Passanten belagert; der Express-Reporter Udo Röbel lotste die Geiselnehmer zurück auf die Autobahn A3.

Bei Bad Honnef ging die Geiselnahme schließlich durch einen forcierten Zugriff durch das Kölner Spezialeinsatzkommando (SEK) nach mehr als 54 Stunden zu Ende. Drei Menschen kamen beim „Gladbecker Geiseldrama“ ums Leben – neben der 18-jährigen Silke Bischoff, die beim Zugriff durch eine Kugel aus Rösners Waffe starb, waren dies ebenfalls der erst 14-jährige italienische Junge Emanuele de Giorgi aus dem Bremer Linienbus, den Degowski auf einer Raststätte kaltblütig hinrichtete als dieser seine jüngere Schwester beschützen wollte, sowie ein 31-jähriger Polizist, der bei der Flucht in einen Verkehrsunfall verwickelt wurde.

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Im kollektiven Gedächtnis steht „Gladbeck“ für staatliches bzw. polizeiliches Totalversagen und medialen Kontrollverlust. Die drei Geiselnehmer, vor allem Rösner, der als Anführer des Trios galt, gaben den völlig außer Rand und Band geratenen Fernseh- und Printjournalisten bereitwillig Interviews in denen sie ihre Fluchtpläne ausbreiteten, sie standen für Porträtaufnahmen zur Verfügung und hielten ihren verängstigten Geiseln vor laufenden Kameras Schusswaffen an den Kopf. Ein Millionenpublikum schaute bei dieser bizarren Eigeninszenierung quasi live zu, gefangen zwischen kollektiver Schockstarre und Faszination.

… das Ergebnis ist eine eindringliche filmische Rekonstruktion der Ereignisse, die in ihrer schieren Intensität auch 34 Jahre später noch fassungslos macht.

Dies alles blieb nicht ohne Konsequenzen für den Medienbetrieb. In den Folgejahrzehnten wurde das fragwürdige, grenzüberschreitende Verhalten der Journalist.innen immer wieder diskutiert und filmisch aufgearbeitet, in Dokumentationen wie in Spielfilmen (zuletzt in dem ARD-Zweiteiler Gladbeck von Kilian Riedhof, 2018).

Auch die neue Netflix-Dokumentation Gladbeck. Das Geiseldrama versucht sich nun an einer filmischen Aufarbeitung der Ereignisse vom August 1988, beschreitet dabei aber formal eigene Wege. Regisseur Volker Heise arbeitete hier ausschließlich mit originalen Bild-, Ton- und Printdokumenten und verzichtete (bis auf gelegentliche Texteinblendungen) vollständig auf eine thematische Einordung oder Kommentierung der Geschehnisse durch Expert.innen, Zeitzeug.innen oder einen allwissenden Off-Kommentar – das Ergebnis ist eine eindringliche filmische Rekonstruktion der Ereignisse, die in ihrer schieren Intensität auch 34 Jahre später noch fassungslos macht.

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Heises Vorhaben, ausschließlich mit ebenjenen Originalaufnahmen zu arbeiten, die, eingebettet in reißerische Nachrichtenbeiträge, die bundesdeutsche Öffentlichkeit damals in ihren Bann zogen, war sicher nicht völlig ungefährlich – die Bilder von „Gladbeck“ entwickeln auch heute noch eine geradezu unheimliche Sogwirkung.

Gladbeck. Das Geiseldrama will jedoch nicht nur eine chronologische Rekonstruktion der Geiselnahme selbst sein, sondern auch der graduellen Annäherung zwischen Geiselnehmern und Medienvertretern. Mehr als die Hälfte des Films sind den Stationen in Gladbeck und Bremen gewidmet –  minutiös zeichnet Heise, insbesondere bei der Kaperung des Linienbusses, nach, wie sich der anfänglich überforderte und unschlüssige Rösner schließlich auf die Pressemeute einlässt und sich zu medienwirksamen Aktionen und Aussagen hinreißen lässt.

Einwenden ließe sich freilich auch, so wie verschiedene Medien das getan haben, dass auch Gladbeck. Das Geiseldrama […] abermals eine mediale Reinszenierung der „Gladbecker“ Ereignisse darstellt.❞

Dadurch, dass Heise offensichtlich Zugang zum Rohmaterial hatte und mehr zeigt als das, was seinerzeit im Fernsehen zu sehen war, rekontexualisiert er die allseits bekannten „Gladbeck“-Bilder und -Momente, um einen erheblich vollständigeren Eindruck der vielfältigen Dynamiken zu geben, die seinerzeit Einfluss auf das Geschehen nahmen. Das Gebaren der Journalist.innen, die in ihrem gemeinschaftlichen Wetteifer um möglichst spektakuläre Nachrichtenbeiträge mit den zunehmend alkoholisierten und gereizten Geiselnehmern fraternisierten, sich als Vermittler und Lotsen andienten, ihnen frischen Kaffee herbeischafften (!) und dabei sämtliche professionelle und deontologische Distanz vermissen ließen, entlarvt Heise endgültig dadurch als das, was es war: Gefährliche Sensationslust ohne erkennbaren moralischen Kompass (die auch nicht durch den Umstand zu entschuldigen ist, dass manche Medienvertreter tatsächlich die Freilassung von einzelnen Geiseln erreichten).

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Mitschuldig am „Gladbeck“-Fiasko waren aber auch die völlig überforderten Polizeibehörden, die sich haarsträubende handwerkliche Fehler erlaubten und die Geiselnahme so in die Länge zogen. Bei einem Stopp an einer Autobahnraststätte entschieden sich Beamte eigenmächtig, Rösners Lebensgefährtin Löblich bei einem Toilettengang zu verhaften – während die beiden anderen Geiselnehmer mit einem Großteil der Geiseln noch im Bus verblieben waren; aus Wut bedrohten diese dann zunächst ein 9-jähriges Mädchen und richteten schließlich ihren Bruder Emanuele hin. Den leblosen Körper des Jungen übergaben Rösner und Degowski an vor dem Bus wartende Journalisten. Auch beim späteren Zugriff leisteten sich die Behörden eklatante Pannen. Die Vorrichtung, die den Motor des präparierten BMW 735i per Funkverbindung lahmlegen sollte, verweigerte den Dienst; der gepanzerte Mercedes des SEK rammte den Wagen an der falschen Stelle; durch einen künstlich provozierten Rückstau, eingerichtet, um den Zugriff zu erleichtern, erreichten Notfallsanitäter den Tatort zu spät, um die schwer verwundete Silke Bischoff noch zu retten.

Ein konzeptbedingter und somit unvermeidbarer Nachteil von Gladbeck. Das Geiseldrama ist allerdings, dass der Film einzelne Ereignisse nicht – oder nur ansatzweise – thematisieren kann: Zeigen können Heise und sein Team eben nur das, wofür auch Kameraaufnahmen existieren. Manche Zusammenhänge und Entwicklungen bleiben dadurch unklar – etwa beim Zwischenaufenthalt in den Niederlanden, wo die dortige Polizei den Bereich um den Bremer Bus weiträumig absperrte und dadurch keine Kamerateams in die Nähe ließ.

Einwenden ließe sich freilich auch, so wie verschiedene Medien das getan haben, dass auch Gladbeck. Das Geiseldrama durch die Wahl der Bilder, ihrer Abfolge im Schnitt und ihrer Untermalung mit einer zwar kühlen, aber dennoch spannungstreibenden Musik abermals eine mediale Reinszenierung der „Gladbecker“ Ereignisse darstellt. Gänzlich von der Hand weisen lässt sich das nicht – letztlich illustriert dieser Umstand jedoch bloß, in welchem Maße dieser außer Kontrolle geratene Kriminalfall Bilder produzierte, die ein wirkmächtiges Eigenleben entwickelten und die bis heute ihre Schatten werfen. Nicht umsonst führte die Geiselnahme im Nachgang zu einem Umdenken hinsichtlich der Verantwortung sowie der ethischen Grenzen der Medien in Gefahrensituationen.

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Die Dokumentation Gladbeck. Das Geiseldrama wirft mehr Fragen auf, als sie beantworten kann. Haben die polizeilichen Behörden die Gefährlichkeit und Unberechenbarkeit der Geiselnehmer schlichtweg völlig falsch eingeschätzt? Gab es überhaupt eine koordinierte Ermittlungsarbeit? Warum verfielen die Medienvertreter kollektiv der Faszination der drei Verbrecher? Sorgte insbesondere das rezente Aufkommen von vorrangig kommerziell ausgerichteten Privatsendern für einen Konkurrenzdruck, der alle Hemmungen fallen ließ?

Volker Heises Film versteht sich also in erster Linie als kritische Reflexion über die Sensationsgier und die ethischen Grenzen des Journalismus. Dadurch, dass der Film die irritierenden Originalaufnahmen in bis dato nicht gesehener Gänze verdichtet und für sich sprechen lässt, vermittelt er mentalitätsgeschichtliche Einblicke, die über das bis dato Bekannte hinausgehen.

Auf Netflix.

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