Popcorn-Trash zerfleischt die 80er Vorstadtidylle

The End of Oak Street von David Robert Mitchell

The End of Oak Street, das ist einer jener Popcorn-Filme, in die man geht, obwohl man schon ausgehend vom Trailer ahnen kann, dass er schlecht sein könnte. Man hofft, dass er trotzdem seinen Daseinszweck als Sommerferien-Science-Fiction-Dino-Spektakel erfüllt: nämlich Unterhaltung, blutrünstige Dinos und Flucht vor der Sommerhitze bieten! Und Überraschung, es ist ein guter schlechter Film, wie man sie aus seiner Jugend zu kennen glaubt. [ACHTUNG, SPOILER!]

© Warner Bros

Regisseur David Robert Mitchell (It Follows) mixt eine Prise trashiger Monsterfilme, die man sich heimlich auf Videokassette reinzog, mit ein bisschen Steven Spielberg-Feeling und Jurassic Parc-Hommage, dazu noch J. J. Abrams-Ästhetik (der den Film produziert hat). Und natürlich spielt der Film mit dieser 80er-Jahre Nostalgie, die – seien wir mal ehrlich – so langsam auf die Nerven geht, mit ihren Jugendcliquen auf Bonanzarädern.

Die Story an sich ist schnell resümiert und wirkt, als hätte sich jemand den Kindheitstraum erfüllt, einmal seinen eigenen Dino-Streifen zu drehen. Im Mittelpunkt der Geschichte steht die Familie Platt, sie lebt 1982 in einer ruhigen, solide anmutenden amerikanischen Vorstadtsiedlung namens Oak Street. Nach einem rätselhaften kosmischen Ereignis, das, anders als z. B. in Spielberg-Filmen, keinerlei großer pseudo-wissenschaftlicher Erklärung bedarf, wird ihre gesamte Nachbarschaft plötzlich in eine fremde Welt versetzt.

Dort müssen die Platts von Episode zu Episode ums Überleben kämpfen, allenthalben lauern gefräßige Dinosaurier, die plötzlich Menschen auf ihrem Speiseplan entdecken. Wie in einer Umkehrung von The Lost World, einem trashigen Fantasie-Film von 1960, thront die Vorstadt auf einem Hochplateau mitten im feindlichen, prähistorischen Dschungel. Und man kann sagen, was man will, aber The End of Oak Street funktioniert; er arbeitet zwar mit Klischees und Plot-Twists, die man schon hundert Mal gesehen hat, aber man fiebert mit.

© Warner Bros

Eine trügerische Vorstadt-Nostalgie

Mitchell gibt seinen Figuren im Vorfeld der kosmischen Anomalie genug Raum und Zeit, damit man sich irgendwie mit ihnen und ihren Problemen identifizieren kann. Und mit Problemen sind nicht die Dinos gemeint. Ja, man hat den Eindruck, die Figurenentwicklung wird, nicht ganz genreüblich, am Anfang des Films ernstgenommen. Schaut man genauer hin, sind diese 80er Jahre gar nicht das Idyll, das es zu sein scheint. Der Familie droht der soziale Abstieg, die Vertreibung aus dem Vorstadt-Paradies. Vater Greg (Ewan McGregor) versucht seine Arbeitslosigkeit vor seiner Frau Denise (Anne Hathaway) zu verbergen. Er wirkt dem entgegen, indem er heimlich als Pizza-Lieferant Geld verdient und seine Scham mit Alkohol zu kurieren versucht. Denise wiederum spielt mit dem Gedanken, sich von Greg scheiden zu lassen und versteckt ebenso erfolglos ihren Versuch, ihren Durchbruch als Autorin eines Romans zu schaffen, der ihren Frust mit dem Familien- und Vorstadtleben literarisiert. Beim Nachbarschaftsfest streiten sie sich und setzen schnell die grinsende Maske der Freundlichkeit und Fröhlichkeit auf, wenn sie gegrüßt werden. All diese Probleme versuchen sie auch noch vor ihren beiden Teenagern zu verstecken, die die Geheimniskrämerei und familiäre Gefühlslage natürlich längst erspürt haben. Sie beginnen ihrerseits ein problematisches Verhalten an den Tag zu legen.

Ohne die blinkenden Lichter, also die Anomalie oder, wie die wissenschaftlich belesene Tochter Audrey mutmaßt, das Wurmloch, wäre diese traditionelle Kernfamilie relativ zeitnah auseinandergebrochen. Die Teleportation in die Urzeit lässt sie all diese Probleme situationsbedingt vergessen, denn nun geht es ums schiere Überleben.

Dieser Überlebenskampf wird dann seltsam einsam geschildert. Bei Horrorfilmen fragt man sich ja immer: Wieso machen die Protagonisten das gerade? Wieso trennt sich die Gruppe? Wieso geht das Mädchen oder der Junge jetzt alleine in diesen düsteren Tunnel rein? Die Protagonisten sind aus irgendeinem Grund immer in einer abgelegenen Gegend auf sich selbst gestellt. In The End of Oak Street ist es aber so, dass die ganze Vorstadt in die Urzeit transportiert wurde. Hier fragt man sich: Wieso helfen die sich denn nicht gegenseitig? Während die Familie Platt sich in ihrem Haus verbarrikadiert, fast ohne Vorräte und mit nur einem Gewehr, das Denise zufällig bei einer Nachbarin gefunden hat, hört man draußen das Kreischen von Menschen und Schüsse. Waffen und Munition scheinen zur Genüge vorhanden zu sein, man ist in den USA.

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Als die Kinder fragen, wie man aus der Situation herauskomme, beantwortet Greg das mit dem Hinweis, dass Gottvertrauen einem schon helfen werde. Denise ist entgeistert angesichts der plötzlichen Religiosität ihres Mannes. Die Tochter Audrey hält dagegen, dass die Menschen, die draußen gefressen werden, auch an Gott glauben würden. Aber der Vater beharrt auf seiner Position und verweigert die naheliegende pragmatische Lösung. Als Denise die Frage stellt, wieso man sich nicht mit den hunderten anderen Familien koordinieren könne, um sich zu verteidigen und Lebensmittel zu sammeln, da wiegelt Greg ab. Konfrontiert mit einer katastrophalen Bedrohung, schottet die Familie sich ab. Und das scheint ganz generell die Tendenz zu sein. Es kommt kein Nachbar fragen, wie es ihnen geht. Die Nachbarschaft ist genauso selbstbezogen und isoliert und darum letztlich verloren. Der Zusammenhalt, den die Vorstadt bieten soll, den gibt es plötzlich nicht mehr. Die Gemeinschaft ist auf die Kernfamilie reduziert, die folglich auf sich selbst gestellt ist. Ähnlich wie in seinem Debütfilm The Myth of the American Sleepover, der ebenfalls in den 80ern oder 90ern spielen könnte, dekonstruiert Regisseur Richard David Mitchell ein in Hollywood-Filmen idealisiertes, nostalgisches Bild der amerikanischen Vorstadtidylle.

Wenn die Familie Platt später das Haus verlässt, um zu überleben und vielleicht sogar einen Weg zurück in ihre Zeit zu finden, dann zieht sie durch eine apokalyptisch einsame Szenerie. Sie begegnet zwar ab und an anderen Familien, die vor den Dinos fliehen, aber sie helfen ihnen nicht. Stattdessen nutzen sie die Not der anderen, um ganz egoistisch selbst zu ihrem Ziel zu kommen. Dieses Thema zieht sich durch den ganzen Film, und ich bin mir nicht ganz sicher, ob das bewusst oder unbewusst zustande gekommen ist. Also will der Film etwas über den moralischen Zustand der Vorstädte und unserer Gesellschaft sagen oder ist er einfach nur trashig, teilweise schlecht geschrieben und zynisch? Die einzigen, die der Empathielosigkeit der Erwachsenen etwas entgegensetzen und in dieser Hinsicht Hoffnung bieten, sind die Kinder, die das Nachbarskind Jeanette retten. Und vielleicht noch die Nebenrolle der Stadtbibliothekarin, die sich selbst in einer ausweglosen Situation für die Familie Platt opfert.

Interessant ist in dieser Hinsicht der Schluss des Films. Denise gelingt es nämlich mit ihren Kindern durch ein Wurmloch zu springen und kurz vor dem ursprünglichen Ereignis in der Vergangenheit zu landen. Als Denise sich dessen bewusst wird, nutzt sie ihr Wissen und eine öffentliche Telefonkabine, um Greg per Pizza-Bestellung aus dem Vorort wegzulotsen, bevor er mit in die Kreidezeit verpflanzt wird. Indem sie das tut, vereint sie die Kernfamilie wieder. Sie ruft sogar einige andere Nachbarn an und rettet diese. In der Schlusssequenz wird Denise von den Medien als Heldin gefeiert, mutiert zur Bestseller-Autorin und auch die familiären Probleme scheinen gelöst. Das alles sind typische Happy End-Bilder. Der Zuschauer atmet auf, die Weltunordnung ist besiegt. Alles ist, wie es einmal war, nur viel besser. Auch die Musik verkündet die schließliche Auflösung in Wohlgefallen.

Ende gut, alles gut?

© Warner Bros

Dabei hat der Schluss das Zeug, der wirklich gruselige Teil des Films zu sein. Wenn Denise, ihre Kinder und Jeanette in die Vergangenheit zurückspringen, bedeutet das nicht, dass die anderen Versionen von ihnen, die den ganzen Horrortrip noch nicht erlebt haben, einfach verschwinden oder gerettet werden. Fans von Star Trek und Zeitreisegeschichten wissen das: Es wird eine zweite Zeitlinie geschaffen und in dieser Zeitlinie existieren sie auch. Bezeichnenderweise fragt Audrey ihre Mutter, als sie auf die Stadt hinunterblicken, ob alternative Versionen von ihnen selbst dort leben. Denise sagt zwar, sie wisse das nicht, aber sie rettet Greg aus der Gefahrenzone. Dann taucht die Anomalie auf und der Vorort verschwindet wieder, nur eben ohne die paar Menschen, die vorher von Denise gewarnt wurden, darunter überraschenderweise sogar ein überaus unsympathischer Nachbar. Aber: Eine andere Zeitlinien-Version von allem, inklusive einer anderen Version von Denise selbst und ihren Kindern, wird den Dinosauriern und einem sicheren Tod überlassen, ohne dass der Film das explizit anspricht. Wer bei den letzten Szenen, in denen die „gerettete“ Familie gezeigt wird, aufpasst und sich nicht dem Aufatmen und Zelebrieren angesichts des vermeintlich guten Endes hingibt, bemerkt allerdings, dass etwas nicht stimmt. Das gerettete Nachbarskind Jeanette taucht zweimal im Bild auf. Die Version, die die Dions überlebt hat, und die Originalversion aus der zweiten Zeitlinie treffen also aufeinander. Die Begegnung mit sich selbst und alle Konsequenzen, die sich daraus ergeben, sind ein beliebtes Thema in Zeitreisefilmen. Sie wirft in diesem Fall aber Fragen auf: Warum hat Denise nicht mehr Menschen gerettet? Was war das Kriterium? Und vor allem, wieso hat sie ihre eigenen Kinder dieser zweiten Zeitlinie nicht gewarnt?

Vielleicht war dieser Schluss nur eine Möglichkeit, um aus den Paradoxien von Zeitreisegeschichten herauszukommen. Man kann ihn aber ebenfalls als Metapher dafür lesen, wie leicht wir ein Happy End auf Kosten anderer in Kauf nehmen. Das eigentlich Gruselige am Film wäre dann weniger die Gefräßigkeit der Dinos, als vielmehr die Fähigkeit der Menschen mit Scheuklappenmentalität auf Krisen zu reagieren und durch unsolidarisches Handeln das eigene vermeintliche Glück rücksichtslos durchsetzen wollen. Denise kommt am Ende im American Dream an (vor dem sie anfangs fliehen wollte!), mit Karriere, Vorstadtglück und Vorzeigefamilie. Aber zu welchem Preis?

In dem Sinn ist The End of Oak Street ein gelungener bad movie, Popcorn-Trash mit Dinos, der sich von den immer gleichen, vergessenswerten Jurassic-Park-Nachfolgern absetzt und Stoff für Diskussionen nach dem Kinobesuch bieten kann.

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