- Gesellschaft, Philosophie
Das Ende des Denkens
Negative Dialektik und moderne Mythen
I. Menschliches Denken über eine menschliche Welt
Das Ende des Denkens auszurufen, hat einerseits schon fast apokalyptische Züge. Andererseits scheint es heutzutage oft floskelhaft und abgedroschen – hört und liest man nicht überall, dass eigentlich keiner mehr so richtig denkt?
Was heißt dieses Denken eigentlich? Um mich jetzt nicht im endlosen Dschungel philosophischer und neurowissenschaftlicher Findungen und Kuriositäten zu verlieren, werde ich in diesem Artikel Theodor W. Adornos Auffassung zum Leitstern machen:
„Denken ist, an sich schon, vor allem
besonderen Inhalt negieren,
Resistenz gegen das ihm Aufgedrängte.“
(aus: Negative Dialektik)
Eingestanden hat Adorno, unter anderem, für die Kritische Theorie, die, wie der Name es schon sagt, das Kritisieren, also das Untersuchen zur Methode hat. Für Adorno ist Denken kein starres Finden von Erkenntnissen, sondern ein ständiges Prüfen. Diese Methode lehnt das Erreichen eines konkreten Ziels ab, endgültige Lösungen gibt es keine und wird es nie geben können; es geht immer nur darum, stets neu zu hinterfragen und nach verborgenen Widersprüchen zu suchen – bedingungslos.
Das heißt, ein positives Bejahen von etwas, sei es einer Theorie, einer Geschichte, eines Narrativs, ist hier ausgeschlossen – es bleibt, so wie der düstere Titel von Adornos großem Werk, die „negative Dialektik“ vorgibt, ein ewiges sich Verorten in einer Wirrung von Irrungen.
Man könnte sagen, dass Adorno sich sehr miesepetrig zeigt. Wo bleibt denn da der Glaube an die menschliche Vernunft? An das Potenzial des Menschen, sich zu entwickeln und das Nietzscheanische zu überwinden?
Besinnen wir uns zunächst darauf, was der Mensch eigentlich (grob gefasst) zu sein scheint, da dieses auch auf das menschliche Denken über Dinge des menschlichen Lebens in Analogie gestellt werden kann. Der Mensch hat Körper und Sinne, wie auch Geist und Gedanken. Diese Bivalenz kann er nicht ablegen, sie beschreibt sein Wesen. Was das So-Sein des Menschen aber auch aufzeigt, ist, dass es den steten Widerspruch gibt, sowie den immerwährenden Mangel: Zum einen steht das Körperliche im Gegensatz zum Intellektuellen, zum anderen bewegen wir uns in der Unvollkommenheit. Die Verletzlichkeit unserer biologischen Seite und die Fehlbarkeit unserer Gedanken begleiten uns täglich. Das Leben ist demnach von Widerspruch und Mangel geprägt, nicht nur das menschliche Subjekt betreffend, sondern seine ganze Lebenswelt – oder zumindest, wie es sie wahrnimmt und für wahr hält.

Ein weiteres Merkmal des Menschen, das er sich mit seiner Lebenswelt teilt, vergessen wir oft: die Prozessualität. Die Welt ist prozesshaft, immer im Wandel. Menschen, Situationen, Ideen – alles entwickelt sich weiter, entsteht und vergeht. Diese ständige Veränderung prägt nicht nur unser eigenes Leben, sondern auch die Phänomene, die unseren Alltag ausmachen.
Zu diesem Alltag gehört Menschengemachtes (Materielles und Ideelles, wie etwa Geschichten, Interpretationen, Theorien), Soziales (das gesellschaftliche Leben) und Natürliches (von sich aus Entstehendes). All dies ist nie gleichbleibend, sondern etwas, das sich immer wieder entwickelt, beeinflusst, abschafft und Platz für Neues macht.
Ob es in diesem Prozess noch Freiheit geben kann? Diese Frage kann kaum jemand beantworten; doch vielleicht kann das Annehmen der Prozesshaftigkeit und der bewusste Umgang damit zumindest davor schützen, die Offenheit des Prozesses zu verlieren und sich rigide von ausgewählten Weltbildern bezwingen zu lassen. Rekapitulieren wir: Denken heißt auch, Widersprüche, Mängel, Unvernünftiges und Ungewisses (das Offene) mitzudenken.
II. Sich gegen widerspruchslose Widersprüche wehren
Viel Gewicht liegt beim Adorno-Zitat auf dem Begriff des besonderen Inhalts und des Aufgedrängten. Wem etwas aufgedrängt wird, dem wird etwas als unmittelbar wahr oder vorhanden präsentiert, und zwar ein besonderer Inhalt; etwas, das so sein muss, das unmittelbar vorhanden ist und vehement Anspruch auf Wahrheit erhebt. Da Denken auch meint, Aspekte ausfindig zu machen, die mit dem eigentlichen Denken nicht übereinstimmen, heißt es, solche Daten aufzudecken und sich gegen sie zu wehren: Und hierin realisiert sich die kritische Tätigkeit des Denkens.
Adornos Aufruf ist hier klar: Die Überwindung des Unvernünftigen ist das, was wir deshalb jederzeit leisten müssen – denn das Unvernünftige, und hiermit meint er das widerspruchsfreie Absolute, ist nichts anderes als Blendung und Unterdrückung. Das Alternative, das Diverse, genauso wie das Widersprüchliche, welche sich aus der Offenheit des Lebensprozesses ergeben, sind nämlich nie überwunden – es gilt sie stets mitzudenken.
Ein Widerspruch besteht in einer als ewig wahr präsentierten Idee zumindest einmal darin, dass sie selbst das Widersprüchliche ausklammert. Sie neutralisiert das Abweichende, das, was nicht in ihren Rahmen passt – und was laut ihr nicht sein darf. Werden solche Widersprüche nicht erkannt, und problematische Ideen angenommen statt kritisch hinterfragt, endet das Denken, da es sich von dem Vorgegebenen täuschen lässt und seiner Tätigkeit nicht nachkommt. Denken ist per se kein Hinnehmen, es ist negativ und gleichsam aktiv, weil es absondert und auflehnt gegen die Zumutung jedes Unmittelbaren sich ihm zu beugen, wie Adorno weiter ausführt.
III. Sterile Empörung und die „Künstliche Intelligenz“
Findet man diese Tendenzen konkret und aktualisiert in unserer Zeit? Fangen unsere Gedanken manchmal gar nicht erst an – und ruhen sich auf dem bequemen Aufgedrängten aus?
Denken Sie zum Beispiel an die zahlreichen Aufforderungen in den sozialen Medien, sich für eine „gute Sache“ zu engagieren und möglichst viele Inhalte mit einem einschlägigen Hashtag zu versehen, oder Likes zu sammeln und Seiten zu sharen. „Bitte unterzeichnen Sie die Petition gegen die unmenschlichen Arbeitsbedingungen der Bauarbeiter im Vorfeld der WM bei den Saudis!“ Mehr oder weniger empört wird digital signiert und in der Story geteilt. Wer widerspricht schon, dass diese Ausbeuterei ein absolutes No-Go ist? Die WM – die findet trotzdem statt, die FIFA verdient sich dumm und dämlich und die halbe Welt guckt johlend zu. Das Leid, das von Teilen der Gesellschaft geschaffen wird, wird offenkundig zugegeben (= die WM findet statt).
Im Zuge der #blacklivesmatter-Bewegung war es ganz ähnlich. Millionen Menschen posteten schwarze Bilder auf den sozialen Netzwerken, um Solidarität zu zeigen. Während die Aktion viral ging, wurde kritisiert, dass viele Teilnehmer die Bewegung nur oberflächlich unterstützten, ohne sich tiefer mit ihren Zielen auseinander zu setzen oder tatsächlich aktiv zu werden.
Der Widerspruch daran: Eine Vielzahl von Menschen hat sich zwar digital (also formal) empört, aber das Beschäftigen mit dem eigentlichen Gegenstand kommt zu kurz. Digital haben wir uns zwar eingesetzt, reell bleibt aber alles wie immer. Die Algorithmen belohnen Empörung mit auf den momentanen Gemütszustand spezifisch zugeschnittenen Inhalten: Moralisch vereinfachte Narrative (gut vs. böse) werden in die Timeline geschwemmt – Analysen von tiefergehenden systemischen Problemen passen leider nicht ins kurze Reel.
Digital haben wir uns zwar eingesetzt, reell bleibt aber alles wie immer.
Ein offenkundiges Beispiel beschreibt perfide Orientierungsangebote (die „wahren“ Ideen) und das Ende des Denkens bestens: Die Chimären um die Künstliche Intelligenz.
Natürlich heißt es (fast) nirgends, dass auf KI basierende Technologien den Menschen abschaffen werden oder sollen; jedoch geht mit den Interpretationen um das Potenzial der KI stets das Versprechen einher, dass die Mängel des Menschen und seiner Intelligenz nun durch den KI-Assistenten überwunden werden können. Ein glorreiches System scheint entworfen, in dem die Synergie Mensch-Maschine neue Höhenflüge verspricht. Sagenhaft viele Daten können in einer ungeheuren Zeit fantastische neue Erkenntnisse bringen, Wissen und Vorhersagen schaffen, die das Zeitalter des finiten menschlichen Wissens, der moralisch-dilemmatischen Entscheidungen und der erschreckenden Orientierungslosigkeit im weltlichen Chaos als überkommen verkünden. Eine Utopie entstanden aus nahezu blind gewordenem Funktionalismus und Technikglauben. Dieses Ideal kommt mit dem Druck daher, aktuelle Problemfelder als lösbar zu präsentieren; wie sonst sollte man die Welt von der Notwendigkeit intelligenter Digitalität überzeugen?
Die rettende Idee scheint angenehm – teilweise wird sie als alternativloses Zukunftsszenario gehandelt – und wird so zum intransparenten und doch glorreichen Mythos: Die Widersprüchlichkeit darin kann jedoch nicht verbannt werden.
IV. Wider den Widersprüchen?
Mit nahezu jeder neuen KI-basierten Anwendung bleibt der Widerspruch nämlich aktualisiert: Egal wie viele Anwendungen und Erkenntnisse die KI uns offenbaren wird, es wird nie so sein, dass menschengemachte und -bedingte Mängel wie systemische Ungleichheit, abstruse Ressourcenverschwendung und – ganz einfach – Endlichkeit hinter sich gelassen werden können. Die Hoffnungen und Prophezeiungen der Trans- und Posthumanisten und Fanatiker der KI bleiben in diesem Fall Verblendungen, wie Adorno sagen würde, ihr Unternehmen kann sich niemals vom menschlichen Irrtum und der weltlichen Dysbalance lösen. Ein besseres Leben für den Menschen kann nur mit dem Menschen stattfinden, eine Überwindung von dessen Mängel bleibt ein leeres Versprechen – denn was soll es bedeuten? Wie soll das praktisch gehen? Eine Welt ohne menschliche Menschen? Das wäre nicht einmal mehr posthumanistisch; weil nichts Humanes mehr da ist. Und wer nutzt die KI in dem Fall? Dem Slogan, dass der Mensch mehr Freiheit, mehr Optimization erfahren kann, fehlt jegliche rationale Basis, um Realität zu werden. Wir bewegen uns hier im Vagen, in der Spekulation, in der Illusion.
Gleichsam verhält es sich mit der Utopie, KIs würden das Ressourcen- und Verteilungsproblem lösen können, am besten auch noch den Klimawandel; ja – vielleicht, theoretisch, formal – aber wie soll sich das jetzt, wo Handlung notwendig ist, reell verhalten? Server brauchen Unmengen an Energie, sie beschleunigen die Klimakatastrophe viel eher, als dass sie sie eindämmen. Natürlich, könnte man nun den Skeptikern vorwerfen, braucht auch technologische Entwicklung Zeit – aber, und um diesen Punkt geht es vorwiegend – wird das Widersprüchliche daran totgeschwiegen: Die Narrative ignorieren die menschlichen, sozialen und politischen Rahmenbedingungen, die für diese Probleme verantwortlich sind. Die Erzählung, dass KI menschliche Probleme überwindet, wird vor allem von Technologieunternehmen und Regierungen geprägt, die wirtschaftliche und geopolitische Interessen verfolgen. Diese Akteure schaffen eine Illusion, die ihre Macht und Ressourcen bündelt, während sie die gesellschaftlichen Kosten und Widersprüche verschleiern.
Adorno würde sagen, dass die Verherrlichung der KI als Lösung für alle Probleme eine Form der Verblendung ist. Sie verdeckt, dass technologische Innovationen nicht losgelöst von Machtverhältnissen und wirtschaftlichen Interessen existieren können. Statt kritisches Denken zu fördern, laden diese Narrative zur Passivität ein – der Mensch wird zum Konsumenten von Lösungen, die ihm vorgegeben werden.
V. Das Ende des Denkens
Adorno mahnt, dass absolute Ideen, die die Prozesshaftigkeit und die Offenheit des Lebens ignorieren, uns dazu verleiten, Widersprüche zu verdrängen. Ein ideeller Fixpunkt, als geschlossene Einheit, tilgt jegliche weiteren Handlungs- und Negationsräume, die jedoch menschliche Freiheit und Offenheit ausmachen. Und dazu gehören eben auch Mangel und Widerspruch. Ohne diese scheint es im Leben nicht zu gehen.
Das Denken scheint bei diesem Thema nicht angefangen zu haben, oder zumindest zu pausieren; denn wo wird die systemische und globalisierte Digitalisierung (die nahezu alle demokratischen Prozesse zu betreffen scheint) im Grunde hinterfragt? Wo werden die Widersprüche offengelegt, wo werden Illusionen identifiziert? Oder schafft sich das Denken ab, wenn es an die neue Intelligenz ausgelagert wird, die auch noch das Denken für uns in Worte fassen kann? Auch hierin bleibt der gewaltige Widerspruch bestehen; wem ist gedient, wenn der Mensch seine grundlegendsten Fähigkeiten nicht mehr selbst trainiert? Natürlich wird gesagt, dass der Mensch am Ende das kritische Auge auf alles werfen soll, doch die Bequemlichkeit, die wir stets an den Tag legen, und die Freiwilligkeit, mit der wir in Abhängigkeiten geraten, wird auch dieses Ideal zu einer leeren Kontur verkümmern lassen.
Das Ende des Denkens hat stattgefunden und findet noch immer statt; es wird befeuert von jedem Plan, der verspricht, zu lösen und zu überwinden. Lösungen kann auch Adorno nicht projizieren und es würde seinem Unterfangen auch widersprüchlich gegenüberstehen. Für ihn ist klar: Es ist unsere stete Aufgabe, alles, was sich uns präsentiert, stets in Kritik zu stellen – also zu untersuchen, zu prüfen – und alles Widersprüchliche, das sich immer wieder manifestiert, aufzudecken und neu zu behandeln. Der Fokus liegt darauf, sich nicht von der Fantasie zum Narren machen zu lassen, ganz besonders dann nicht, wenn die „kreativen Köpfe“, die Ideen initiieren, eine eigene Agenda haben, und eher ein passives Zustimmen ansinnen, als ein aktives Analysieren.
Eigentlich stehen die Zeichen recht gut, denn, wenn die aktuelle Weltlage zumindest eines aufzeigen kann, dann, dass die Unabgeschlossenheit unserer Probleme uns immer wieder zum Denken, Korrigieren und wieder Überdenken zwingt.
Um mit Adorno zu schließen: „Wenn das Denken seinen Widerspruch nicht immer mitdenkt, besiegelt es sein eigenes Schicksal.“
Nora Schleich ist in der Philosophievermittlung tätig. Nachdem sie in Mainz zu Immanuel Kant promovierte, arbeitet sie freiberuflich in Luxemburg. Sie beschäftigt sich mit Fragen zu Kultur und Gemeinschaft, Gerechtigkeit und Wissenschaft und interessiert sich für die existenziellen Probleme und Phänomene, die sich aus dem Verhältnis zwischen Mensch und Lebenswelt ergeben. Außerdem ist sie Programmkoordinatorin bei der EwB ASBL.
Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.
Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!